Hallo Wolfgang01!
Eins vorweg: obwohl ich gestern mal bißchen in Datenbanken und Büchern recherchiert habe, kann ich auch keine befriedigende Erklärung anbieten ...

Trotzdem ein paar vielleicht weiterhelfende oder auch nur interessante Bemerkungen:
Schachbenennungen sind nicht immer logisch oder historisch nachvollziehbar. Manche Autoren wie Stefan Bücker (Kaissiber) versuchen zwar, den eigentlichen Entdeckern/Schöpfern gerecht zu werden, andererseits scheint es sich bei den (marktbeherrschenden) englischen Verlagen (v.a. bei Everyman) immer mehr einzubürgern, Eröffnungsvarianten nach aktuellen Vertretern zu benennen (nach dem Motto: um den Verkauf an 15jährige Schachfreaks zu fördern, eigenen sich Namen wie Carlsen/Topalov/Giri/Nakamura eben besser als Stahlberg/Panno/Tukmakow, auch wenn letztere irgendwelche Varianten häufiger und 20-80 Jahre früher gespielt haben1)
Schachbenennungen (nach Spielern) gehen auch in den besseren Fällen nicht immer danach, ob jemand etwas als erster oder am häufigsten gespielt hat. Auch eine einzelne Partie oder gar nur ein Kommentar in einer Schachzeitung kann ausschlaggebend sein.
[Die Aljechin-Verteidigung wurde ja auch lange vor A. schon von starken Amateuren angewandt und es gab auch in den 1920/30ern andere (Groß-)Meister, die die A-V häufiger und erfolgreicher als A anwandten; aber A führte die A-V eben angeblich als erster in die Meisterpraxis ein!?]
Maroczy-System, Maroczy-Struktur, Maroczy-Aufbau, Maroczy-Zentrum, Maroczy-Wall, Maroczy-Klammer, Maroczy bind ... - alles etwas schwammig und nicht ganz dasselbe aber alles offenbar nach dem ungarischen Meister
Geza Maroczy (1870-1951) benannt.
Gemeinsam ist diesen Begriffen, daß nach einem Abtausch des weißen d-Bauern gegen den schwarzen c-Bauern dann weiße Bauern auf c4+e4 gegen schwarze Bauern auf d6+e7/e6 stehen und den schwarzen Zentrumsgegenschlag d6-d5 nachhaltig ver- oder behindern. Zum einen ist wohl eher die (rein geometrische)
Bauernstellung gemeint, zu anderen die zugrundeliegende oder dahinterstehende
Zentrumsstrategie, oft aber auch einfach die
konkrete Eröffnungsvariante, in der diese Stellung/Strategie am häufigsten/klarsten/reinsten hervortritt, nämlich in der Sizilianischen Verteidigung gegen den Beschleunigten Drachen (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 g6 5.c4). Zahllose Zugumstellungen sind möglich, besonders wichtig sind die über Reti/Englisch (etwa 1.Sf3 Sf6 2.c4 c5 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sc3 g6 6.e4) sowie über den klassischen Königsinder (1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.Sf3 0-0 6.Le2 c5 7.0-0 cxd4 8.Sxd4)
Zunächst vielleicht
paar Beispiele, wo "Maroczy" sonst noch vorkommt:
- Lb5-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Ld7 4.Lxd7+ Dxd7 5.c4)
- Lb5-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.Lb5+ Sd7 4.d4 cxd4 5.Dxd4 a6 6.Lxd7+ Lxd7 7.c4)
- Dd4-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Dxd4 a6 5.c4)
- f3-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.f3 mit der Absicht c4)
- Damenindisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.a3 Lb7 5.Dc2 c5 6.e4 cxd4 7.Sxd4)
Dazu farbvertauscht das Rubinstein-System in der Englischen Eröffnung (1.c4 c5 2. Sc3 Sf6 3.g3 d5 4.cxd5 Sxd5 5.Lg2 Sc7 6.Sf3 Sc6 7.0-0 e5 o.ä.)
Im weiteren Sinne fallen wohl auch alle
Igelstellungen aus den e6-Sizilianern (Scheveningen, Taimanow, Paulsen, O´Kelly) unter "Maroczy" im weiteren Sinne, obwohl damit die Perspektive gewechselt wird: "Maroczy" als Hemmung aus weißer Sicht, "Igel" als Kontervorbereitung aus schwarzer Sicht. Den "Igel" könnte man geradezu definieren als den schwarzen Versuch, nach e7-e6 den weißen "Maroczy-Würgegriff" längerfristig auzuhalten (längerfristig im Vergleich etwa zu Kasparows "Straßenbahn-Gambit" 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sc6 5.Sb5 d6 6.c4 Sf6 7.S1c3 a6 8.Sa3 d5?!). Strategisch gesehen ist der "Igel" also wohl ein Teil von (oder eine Teilantwort auf) "Maroczy", in eröffnungstheoretischer Hinsicht spricht man aber da wohl nicht mehr von "Maroczy". Und wohl erst recht nicht bei frühem e7-e5 wie im
Kalaschnikow-Sizilianer (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e5 5.Sb5 d6 6.c4), obwohl das eigentlich auch "Maroczy" ist (wenn auch eine sehr konkrete und eigenwillige Form). Und wohl auch nicht, wenn der schwarze d-Bauer noch auf d7 steht, also c4+e4 gegen d7+e6, mit der Möglichkeit Lf8-b4 entfernt man sich wohl immer mehr vom "eigentlichen Maroczy" ...
Diese Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit macht es natürlich auch nicht leichter, nach "der Original-Partie" von Maroczy himself zu suchen ... - ich vermute mal, daß es so ein Original (oder mehrere) tatsächlich gibt. Aber eventuell nicht unter ECO-Code B36-39 im Beschleunigten Drachen?!
Möglich ist auch, daß Maroczy dadurch hervorgetreten ist, daß er über strategische Probleme in der Sizilianischen Verteidigung publiziert hat, etwa in einer Schachzeitung oder einem Turnierbuch. Entweder anläßlich einer sonst unbedeutender Partie oder ganz frei davon. Im
Wikipedia-Artikel über Geza Maroczy findet sich ein Hinweis auf eine Veröffentlichung im Jahre 1905, allerdings ohne genauere Quellenangabe als eine Gesamt-Biographie.
Letzten Endes muß man sich auch klarmachen, daß
Chessbase-Datenbanken zwar sehr gut aber keinesfalls perfekt oder vollständig sind. Knaak&Co bemühen sich zwar, mit jeder Megabase-Edition nicht nur 300.000 aktuelle Partien sondern auch 2.000 "alte" Partien hinzuzufügen. Gemessen daran, daß in den letzten Jahren jede regionale U10w-Meisterschaft eingetippt wurde, dürften aus Maroczsy Zeiten noch hunderttausende Partien fehlen ...
Das beste halbwegs komplette Theoriebuch zur Maroczy-Variante im Beschleunigten Drachen ist definitiv
Andrew Greets Starting Out: The Accelerated Dragon (Everyman London 2008), obwohl es mE ein ganz klein bißchen aus schwarzer Sicht geschönt ist.
Geringfügig älter aber dafür aus weißer Sicht ist
Khalifmans Opening for White according to Kramnik Volume 3 (ChessStars , 1.Auflage 2001?) Etwa ein Drittel dieses dritten Bandes beschäftigt sich ausgehend von einem 1.Sf3-Repertoire mit Maroczy im Siz.Drachen. Achtung, in der neuen zweiten Auflage befindet sich kein Maroczy, das Repertoire wurde umgestellt!!)
Chessbase hat natürlich auch was für Multimediakids im Programm:
Maroczy-DVD von Tiwjakow (2007) oder
BeschlDrachen-DVD von Davies (2007) oder
BeschlDrachen-CD von Minzer/Alberran (2001)
Erstmal, tracke