Natürlich ist die statistische Analyse gespielter Partien als Teil der Eröffnungsarbeit ziemlich sinnvoll, ab einem gewissen Niveau vielleicht sogar notwendig.
Botwinnik war wohl der erste, der das in seinen Lehrschriften ausdrücklich empfohlen hat; andere Meister vor ihm dürften aber auch so vorgegangen sein.
Die sowjetische Schachschule ging natürlich davon aus, daß "ein Meisteranwärter" nach einem 2jährigen Trainingsabschnitt mit Papier, Bleistift, Karteikarten und Rechenschieber die etwa 200 gespielten Turnier- und Trainingspartien auswertet. Heutzutage gibt es für jeden Hobby-Blitz-Freak natürlich Chessbase mit eingebauten Statistikfunktionen, um die automatisch gespeicherten Serverpartien zu verarbeiten. Daraus resultieren natürlich Unterschiede, die es zu beachten gilt:
1) Um auch nur halbwegs sichere Ergebnisse zu erhalten, braucht man wie bei jeder Statistik erstmal eine breite Datenbasis, sprich: möglichst viele Partien. Für die meisten Schachfreunde, die weder so viel spielen noch so langfristig denken, daß sie ihre letzten 200 Turnierpartien auswerten wollen/können, bedeutet dies dann meist eben, Blitzpartien auszuwerten. Für die Verbesserung des Blitzrepertoires bzw. der Blitz-Performance mag das praktikabel sein, falls einem das so wichtig ist. Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit die aus paar tausend Blitzpartien gezogenen statistischen Schlüsse für die Weiterentwicklung des Turnier-Repertoires wichtig sein können. Dazu weiter unten mehr.
2) Sobald man bei einer breiten Datenbasis ggf. sieht, daß man mit einer Variante schlecht scort, so hat man natürlich ein Problem erkannt. Allerdings gibt es auch andere Möglichkeiten, dieses Problem zu beheben, als die betreffende Variante einfach rauszuschmeißen. Man kann sich z.B. die Variante auch mal gründlich angucken!
Manchmal bringt es einen weiter, wenn man sich auf seine Stärken konzentriert und eigene schwache Felder vermeidet; manchmal muß man aber auch einfach mal an seinen Schwächen arbeiten!
3) Es gibt Eröffnungen, die (zumindest für eine Seite) strategisch einfach gestrickt sind und immer wieder die gleichen taktischen Motive beinhalten; und es gibt andere (bzw. diegleichen EÖ von der anderen Seite!), die strategisch komplexer sind (und tendenziell sind letztere "besser" als erstere!). Und natürlich einen fließenden Übergang dazwischen.. - Wenn die statistische Analyse ergibt, daß man in 3-Min-Blitzpartien häufig gegen Kontereröffnungen (Aljechin, Skandi, Wolga ...) was einstellt, dann folgt daraus noch lange nicht, daß man das bei ausreichender Bedenkzeit auch tun würde; und schon gar nicht, daß man es mit Weiß vermeiden sollte, in langen Partien gegen solche Eröffnungen zu spielen!
Holländisch-Stonewall ist auch so ähnlich: ...Se4, ...De8-h5, ...Tf8-f6-h6, ...g7-g5-g4 und Schwarz gewinnt! Die weiße Strategie (um den Se4 "herumspielen", ihn langfristig vertreiben und selbst e2-e3-e4 durchsetzen, ohne die Kontrolle über e5 zu verlieren oder den schwarzen Angriff zu stark werden zu lassen) ist da schon wesentlich komplizierter. Beim Blitz möchte ich nicht unbedingt die weiße Seite gegen einen geübten Stonewaller vertreten, in einer langen Partie (bei der ich im 12., 18. und 24.Zug mal 20min Bedenkzeit investieren kann), kann ich mir kaum was Schöneres vorstellen!
Holländisch-Leningrader aus schwarzer Sicht ist m.E. dagegen viel komplizierter als Stonewall: Häufig ist der Qualitätsunterschied zwischen dem besten und dem zweitbesten Zug relativ groß: bei bestem Spiel hat Schwarz (vielleicht) gute Chancen in einer unklaren Stellung, aber wenn Schwarz innerhalb von 5 Zügen zweimal nur den zweitbesten Zug macht, hat er oft kein Gegenspiel mehr sondern nur noch eine positionelle Ruine! (Für Larsen war sowas ein Argument
dafür, schwierige Systeme zu spielen, denn diese zwangen ihn zu genauem Spiel in unklaren Stellungen, wenn der zweitbeste Zug, der zunächst genauso "natürlich" & "stellungsgerecht" erschien wie der beste, oft schon glatt verlor).
4) Komplexere Strategien/Eröffnungen sind nicht nur beim Blitzen schwieriger anzuwenden, es dauert auch grundsätzlich länger, bis man sie verinnerlicht und verstanden hat. Nachspielen von Musterpartien ist gut, aber erst wenn man eine gewisse Durststrecke von Turnierpartien durchstanden hat (und dabei im Turnierstress sich mit den Stellungsproblemen beschäftigt hat), kommt irgendwann das Aha-Erlebnis.
5) Es gibt auch Aspekte des Eröffnungsspiels, bei denen man die eigenen Stärken und Schwächen nicht durch das automatische Generieren eines Buches samt Ablesen der Varianten-Scores herausfindet. - Ist man stark bei frühen Damentäuschen, liegen einem Stellungen mit vielen oder wenigen Leichtfiguren?
Ich gucke mir meine Blitzstatistiken auch mal spaßeshalber an, ziehe aber fast keine Schlüsse für mein "normales" Repertoire daraus. Als ich vor paar Jahren ernsthaft an meinem jetzigen Turnierrepertoire gearbeitet habe, spielte ich bewußt wenig Blitz aber viel Schnellschach. Und habe etwa 2 Jahre lang alle Schnellpartien (15-60min) gespeichert (unmittelbar nach Partie aufgeschrieben und abends eingegeben). Dann hatte ich ~400 Schnell-P zusammen, aus deren Auswertung ich schon einige brauchbare Schlüsse ziehen konnte.
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