Ich denke, das Problem der Bücher über Russisch ist eher ein Problem der Russischen Verteidigung selbst, welches sich dann auf die Bücher überträgt!
Ob Russisch besonders ausgeglichen-remisig ist?
Zunächst einmal ist es
sehr solide, vor allem aber sehr gut
ausanalysierbar! Das macht die Probleme für den vorbereiteten Verteidiger einigermaßen vorhersehbar und damit "
vorbereitbar", was die Erklärung für die Beliebtheit in höheren Sphären sein dürfte.
Es ist
nicht unbedingt remisträchtiger als manche superscharfe Sizilianer oder Spanier, man gucke sich mal Sozin, Sweschnikow, Marshall oder Jänisch(!) genauer an, die "zwischendurch" anscheinend?/scheinbar? viel interessanter sind.
Im Russen findet man auch tolle und wilde Partien, man schaue sich Naiditsch-Kramnik aus Dortmund 2009 nochmal an! - Vielleicht ist auch das Kausalitätsgefüge verkehrtherum (wie im Abtausch-Slawen): Die Variante ist nicht außergewöhnlich remisig, aber wenn beide Spieler einem Remis nicht abgeneigt sind (oder es sogar vorher vereinbart haben, pfui teufel), wird die Variante häufiger gewählt?!
Dies alles nur vorweg, der zentrale Punkt scheint mir ein anderer zu sein:
In den Hauptvarianten der Russischen Verteidigung gibt es keine das (frühe) Mittelspiel prägende Bauernstruktur! Und keine prägenden Bauernhebel!
Mag sein, daß sich nach dem Abtausch der e-Bauern oft die d-Bauern (Widder) gegenüber stehen; dazu vielleicht noch c4-versus-c6, eventuell diese aber auch getauscht, eventuell kam Se4/d5xSc3 und bxc3, vielleicht hat aber auch Schwarz f7-f5 zur stützung des Se4 eingestreut. Für Russisch ist m.E. Figurenspiel viel wichtiger, die Kunst der Bauernführung tritt meist erstmal in den Hintergrund.
Man vergleiche das mal mit Französisch, DG-Abtausch, Wolga-Gambit, Stonewall, Dd5-Skandi(mitSchwarz), Königsindisch, Drachen etc. Dort sieht doch jeder auch nur etwas erfahrene Spieler jeweils sofort, "wo die Figuren hingehören", und kann entsprechend einen halbwegs bis ziemlich sinnvollen Plan entwerfen (der je nach konkreten Details oft nur geringfügig verändert wird), sobald er nur mal 3 Musterpartien nachgespielt hat.
In Russisch gibt es solche typischen Pläne oder typischen Bauernvorstöße/-hebel eben in einem deutlich geringerem Ausmaß: obwohl es meist gar nicht so scharf aussieht, sind durch die konkrete Aufstellung der Figuren die Manöver eng begrenzt - aus kleinen Unterschieden in der Figurenaufstellung folgen oft große Unterschiede in den durchführbaren Operationen.
Im Prinzip gibt es vielleicht nur einen großen groben Plan in Russisch (Kazimdshanow erläutert das auf seiner DVD sehr gut): Nach 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d4 d5 6.Ld3 möchte Weiß den Se4 vertreiben oder abtauschen, Schwarz möchte ihn halten oder höchstens derart (auf c3) tauschen, daß Weiß keinen großen Raumvorteil oder Entwicklungsvorsprung erlangt. Würde Schwarz einfach mit (6.)...Sf6 zurückgehen und Symmetrie herstellen, so hätte Weiß zwei Mehrtempi: das eine sowieso, weil er anfangen durfte, und das andere wegen des schwarzen Zeitverlustes d7-d6-d5 im Vergleich zu d2-d4. Okay, ein Abtauschfranzose mit Mehrtempo wäre immer noch nicht viel, aber vielleicht immerhin schon etwas. - Mehr übergreifende Pläne als diesen doch etwas schwammigen gibt es eigentlich nicht im Russen! Übrigens eine Tatsache, die viele e4-Spieler noch viel mehr stört als die paar potentiellen und tatsächlichen Russisch-Spieler!
Damit wären wir schon bei der Anwendbarkeit der Russischen Verteidigung für die meisten Hobby-/Vereinsspieler angelangt: Russisch ist merkwürdig und ziemlich unbrauchbar für viele auf dem Niveau ~1400-2100, weil auf diesem Niveau hauptsächlich das Spielen entlang von Bauernstrukturen erlernt und praktiziert wird.
Darunter, bei den leicht fortgeschrittenen Anfängern 1000-1300, ist Russisch mit seinem munteren Figurenspiel in offenen Stellungen vielleicht gar nicht so schlecht (sobald einmal verstanden wurde, daß nach 3.Sxe5 vor ...Sxe4 erstmal 3...d6 eingeschaltet werden sollte). Diese Schachfreunde (so war´n wir alle mal!) sind noch unbelastet von Hebeln, Inseln, Isolanis usw. und holzen mit 2-3-zügiger Taktik einfach drauf los!
Dann kommt wie gesagt die breite Masse der Hobby-, Vereins- und Turnierspieler, die den tieferen Sinn von Russisch nicht verstehen - eben weil es da nicht viel zu verstehen gibt!
Erst wenn man stark genug ist, sich in taktisch reichen Stellungen auch ohne prägende Bauernstruktur etliche Züge tief orientieren zu können, wird Russisch zu einer interessanten Option. Aber natürlich kommt man auch ohne Russisch gut durch sein Schachleben. Viel strategisches Verständnis, das man auch in anderen Eröffnungen anwenden könnte, lernt man eben nicht.
* * *
Meine Beurteilung der Russisch-Bücher und -DVDs dürfte damit klar sein (ich habe sie alle mal in der Hand gehabt wenn auch nicht gründlich studiert): relativ zur Eröffnung sind sie alle ordentlich bis sehr gut! Wenn ein Rezensent verständliche Erläuterungen zur Strategie vermisst, so liegt das Problem m.E. beim Rezensenten: man kann ein Russisch-Buch nicht so schreiben wie man ein gutes Französisch- oder Wolga-Buch schreibt (bzw. wie es sie haufenweise gibt)
Mangels reißenden Absatzes werden die Schachverlage auch künftig nicht allzuviel zu Russisch publizieren - mir ist bis Sommer 2011 jedenfalls keine Ankündigung bekannt. Ist m.E. auch unnötig: das
Raetsky-Buch ist das aktuellste und nach wie vor sehr gut! Die anderen sind natürlich auch i.O. (der Jussupow für Spezialisten ein Muß), allerdings etwas veraltet. Jussupow hat den den 1990ern auch zwei symbolisch-enzyklopädische Informator-Monographien geschrieben. Die Chessbase-DVDs von Kazimdshanow und Shirow sind als Einstieg okay, bieten aber in der Breite wenig Theorie.
Ansonsten bietet es sich an, in Datenbanken nach hochwertigen Partien von Kramnik und Gelfand zu suchen: wenn man da mal paar Dutzend durchgespielt und bißchen analysiert hat, ist man auch in den theoretischen Entwicklungen seit Raetsky drinne.
Und es gibt natürlich auch sehr gute Partiesammlungen, die z.T. gutkommentierte Russen enthalten: etwa Barejews "From London to Elista" (sowieso toll!) oder Kasparows Bände über Karpow bzw. über Kasparow-Karpow.
Soweit erstma ...
tracke

PS:
Noch etwas off-topic (verdient eventuell einen eigenen Thread unter "Intern"). Eine Möglichkeit, das Forum zu verbessern und zu beleben, wäre es, wenn kürzere/treffendere/signifikantere/bessere Thread-Titel gewählt würden!! Dann würde jeder auch die ihn interessierenden Themen schneller finden und würde weniger Zeit mit Hin-und-her-klicken verschwenden. Dann würden auch die hinteren Seiten und die Archive mehr genutzt. Dann würden auch nicht 90% aller Fragen alle anderthalb Jahre wieder hochkommen ... - Aus
"Keine (guten) Bücher über die russische Verteidigung" wird in der Übersicht (zumindest bei mir) nämlich
"Keine (guten) Bücher über die ..." Prima, sehr informativ! Oder war das psychologisch geschickt, um Neugier zu wecken? - Wie wäre es denn einfach mit
"Russisch-Bücher" o.ä.? In einem Schachforum wäre wohl klar, daß keine Sprachlehrgänge gesucht werden ...
PPS:
Im bald erscheinenden
Mastering the Chess Openings Volume 4 von
John Watson werden auch Symmetrie-Probleme in der Eröffnung angesprochen: neben Vierspringerspiel, Symmetrie-Englisch und Doppelfianchetto (meint er 3- oder 4-fach-Fianchetto?!) soll auch Russisch auf 7 Seiten angesprochen werden. Nicht viel Platz für Theorie, aber Watson bringt die Dinge ja oft auf den Punkt - könnte lehrreich werden!