Die
theoretischen" Endspiele (oder "technischen" oder "exakten" Endspiele ; dies alles meint in etwa das Gleiche) sind im Prinzip geklärt, d.h. es ist bekannt, ob die Stellung bei beidseitig bestem Spiel für ein Seite gewonnen oder remis ist. Mit perfekter Technik sollte das optimale Ergebnis (Gewinn bzw. Remis) immer erreichbar sein.
Dazu zählen etwa die elementaren Mattsetzungen (mit D, T, 2L, S+L) sowie die Stellungen mit wenig Steinen, vor allem die mit 1 oder 2 (Mehr-)Bauern. Also z.B. Figur+Bauer-gegen-Figur (das sind wohl die wichtigsten th.E.), bauernlose Endspiele wie Dame-gegen-2Springer usw., L+2B-gegen-ungleichenL, heutzutage wohl auch alle Bauernendspiele, usw. Ein theoretisches Endspiel mit sehr vielen Steinen wäre T+4B-gegen-T+3B mit jeweils drei Bauern an einem Flügel und dem Mehr-Freibauern am anderen Flügel. Da weiß man (zumindest seit Dworetzkis 3. Auflage) trotz der 11 Steine auf dem Brett wohl ziemlich exakt, wie man zu spielen hat
Dagegen ist bei
strategischen Endspielen das Ergebnis noch nicht klar (bzw. es gibt kein klares theoretisches Urteil dazu), so jedenfalls nach L.B.Hansen. Die Stellung mag ausgeglichen sein oder (stark) vorteilhaft für eine Seite, aber der Partieausgang ist noch offen. Da das Stellungsproblem noch zu komplex ist, um es theoretisch exakt zu lösen und dies dann "nur noch" technisch umzusetzen, kann man stattdessen nur allgemeine Strategien entwickeln/angeben und ggf. auch noch eigenen Stil einbringen (da es u.U. eben auch mehrere praktische Lösungen gibt). Dworetzki nennt solche Stellungen zwischen Mittelspiel und theoretischen Endspielen auch "
einfache Stellungen".
Strategische Endspiele beinhalten mehr Steine und sind komplexer als theoretische Endspiele. Aus der Existenz der 6-Steiner-Tablebases folgt zwingend, daß Strategische E. mindestens 7 Steine aufweisen, davon mindestens eine Figur. Sehr viele Str.E. sind von der Form, daß beide Seiten zwei Figuren und mehrere Bauern haben.
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Die Endspielbezeichnung als theoretisch/technisch/exakt versus strategisch/komplex/(einfache St.) ist in der Literatur (z.B. LBHansen, Dworetzki, Nunn, Schereschewski, Awerbach, de laVilla, Müller) nicht hundertprozentig eindeutig oder einheitlich, meist ist aber klar, was gemeint ist.
Innerhalb der theoretischen Endspiele sind aber einige auch "eher strategisch" (d.h. es kommt auf die theoretisch eindeutig bekannte Gewinnidee an: in L-Endsp. kommt es z.B. oft darauf an, OB eine Diagonale besetzt/gehalten werden kann, und weniger, wann und wo), andere eher konkret und taktisch (Bauernendspiele, Springer, D-gegen-T). Innerhalb der strategischen Endspiele sind auch einige sehr konkret/taktisch (Damen- oder Doppelturm-endspiele mit vielen Bauern) und trotzdem aufgrund ihrer Kompliziertheit nicht endgültig ausanalysierbar!
Es versteht sich von selbst, daß man erst gewisse Grundkenntnisse in den theoretischen Endspielen haben sollte (z.B. Mattsetzen-mit-D/T, K+B-gegen-K, T-gegen-B, T+B-gegen-T) bevor man sich mit Grundsätzen der Endspielstrategie (z.B. Figurenaktivität, Prinzip der 2 Schwächen) in Doppelturmendspielen mit vielen Bauern beschäftigt.
Eine sehr wichtige Gruppe der strategischen Endspiele ist Turm+Leichtfigur+Bauern-gegen-Turm+Leichtfigur+Bauern mit gleichem Material oder einem Mehrbauern auf einer Seite. Dort ist es "von Vorteil", wenn man weiß, wie man in einem Bauern-, Turm-, Läufer-, Springer- oder gemischtem Leichtfiguren-Endspiel den Mehrbauern verwertet!
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Es gibt eigentlich fast nur gute Endspielliteratur!
Unter 1600 reicht eigentlich irgendeine dünne (und meinetwegen auch alte) Einführung (z.B. von
Awerbach) - Hauptsache, man guckt sich das auch mal irgendwann gründlich an (Turmendspiele: Philidor- und Lucena-Stellung!).
Wenn man etwas ambitionierter (im Verein) spielt, sollte eine halbwegs komplette und moderne Abhandlung der theoretischen Endspiele (
Dworetzki:Endspiel-Universität;
Müller/Lamprecht: Grundlagen der Schachendspiele) im Regal stehen. Richtig durcharbeiten tut das sowieso fast niemand, aber hin und wieder mal interessante/interessierende Dinge nachschlagen sollte drin sein.
Der Klassiker zur Strategie ist zweifellos
Schereschewski (Strategie der Schachendspiele); ähnlich, anspruchsvoller und moderner sind
LBHansen (Secrets of Chess Endgame Strategy) oder
Müller/Pajeken (Schachendspiele in der Praxis).
Das Buch von
Silman ist wohl der interessante Versuch, beide Endspielgattungen zu mischen (so wie es auch in der Praxis vorkommt). Durchaus interessant, ich habe aber auch etliche kritische Rezensionen gelesen: zum einen sei alles irgendwie durcheinander und das Buch entsprechend ein Lehrbuch aber weniger ein Nachschlagewerk; zum anderen sei Silman zu selektiv und hätte einiges für den Fortgeschrittenen Wichtige weggelassen. Es muß sich ja niemand unbedingt den kompletten Cheron, den kompletten "großen" Awerbach und die komplette Endspiel-Enzy zulegen (habe ich auch nicht), aber im Vergleich zum üblichen Pensum für den starken Amateur (etwa bei Dworetzki, Müller/Lamprecht, Keres, Fine, Speelman usw) fehlt bei Silman wohl einfach 10-20% ... (obwohl er das Vorhandene vielleicht sehr gut rüberbringt).
Mir persönlich gefällt der neue
Nunn (Understanding Chess Endgames, 2009) sehr gut. Vor allem ist er sehr lesbar! Der Stoff ist in 100 Themen gegliedert: jedes Thema eine Doppelseite und jede Seite doppelspaltig, (fast) jede Spalte hat genau ein Beispiel mit Diagramm oben. Psychlogisch sehr angenehm für "Wenigzeitinhaber": man wird nicht durch die Kapitellänge abgeschreckt, sondern sieht immer das Ende der (durchaus gehaltvollen!) Abhandlung. Am Ende jeder Spalte kann man ´ne Pause einlegen, am Ende einer Doppelseite (nach 4 Beispielen) erst recht!
tracke