Hallo Maggey9!
Spezial-Literatur zum Alassio-Gambit kann ich Dir leider nicht anbieten, aber vielleicht interessieren Dich ja meine folgenden Bemerkungen dazu:
Ich habe in meinen Eröffnungsbüchern überhaupt keinen Verweis darauf gefunden, in den Datenbanken noch nichtmal irgendeinen Hinweis auf ein Turnier mit "Alassio" im Namen. Zur Zugfolge 5.Sd5 Sxe4 6.d4 gibt es ein paar Partien und Fernpartien, allerdings in der Regel nur durch zahlreiche taktische Fehler entstellte Begegnungen relativ unbekannter (und schwacher) Amateure. Nichts, was für eine moderne eröffnungstheoretische Beurteilung von Belang wäre.
Folglich habe ich mir die Stellung nach
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lc4 Lc5 (Zugumstellung gegenüber Deiner Angabe, aber das Italienische Vierspringerspiel ist wohl mehr Vierspringerspiel als Italienisch; meine Meinung, aber egal) mal bißchen angeguckt (aber wirklich nur ein bißchen: erst am Brett, ergänzend den PC angeschmissen):
a)
5.Sd5 ist wirklich ein interessanter Zug, zumindest unternehmungslustiger als das normale 5.d3
b) Komischerweise gibt es die Stellung nach 5.Sd5 in den Datenbanken häufiger mit Weiß am Zug als mit Schwarz am Zug! Nämlich etwa nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Lb4 4.Lc4 Sc6 5.Sd5 Lc5. Mit Weiß am Zug hat Weiß wohl einen kleinen Vorteil (+=), Schwarz ist jedoch nicht sonderlich gefährdet.
c) Mit Schwarz am Zug müßte also zumindest so was harmloses wie 5...h6 oder 5...d6 gut möglich sein, ohne gleich auf Verlust zu stehen, obwohl das für vollständigen Ausgleich wohl ebensowenig ausreicht wie das abtauschende 5...Sxd5
d) 5.Sd5
Sxe4 ist schon die prinzipiellste und wahrscheinlich auch beste Fortsetzung, zumindest die, die es erstmal zu untersuchen gilt! Danach wurde in den meisten Amateurpartien das vorsichtige 6.De2 gespielt, wonach Schwarz aber ganz ordentlich gepunktet hat.
e)
6.d4!? (womit wir beim Alassio-Gambit wären) ist natürlich sehr interessant und vielleicht das Beste für Weiß (womit damit natürlich nicht gesagt ist, daß es gut ist). Dieses Motiv ist zum Beispiel aus dem Belgrader Gambit (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sd5?!) oder aus Italienisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Lc5 4.d4?!) bekannt.
f) Als ernsthafte Erwiderungen auf 6.d4!? kommen eigentlich nur 6...exd4 , 6...Sxd4 und 6...Lxd4 infrage. Wobei die ersteren beiden wohl nicht kritisch sind (vielleicht ausgeglichen, vielleicht steht Schwarz minimal besser, vielleicht aber auch Weiß). Nur
6...Lxd4(!) kommt wohl als eventuelle Widerlegung des weißen Gambits infrage, obwohl ich keineswegs behaupten möchte, daß dem so ist.
g) Es ist sehr schwer, ohne irgendwelches Material (paar Dutzend Meisterpartin) so eine scharfe Stellung einfach so ins Blaue hinein zu analysieren, dazu gibt es zuviele scharfe Möglichkeiten, wo sich manche Pointen erst sehr spät offenbaren. Die Engines (Fritz11,Rybka3) sehen nach etlichen Stunden auf einer Brut-Force-Rechentiefe von ~25 Halbzügen überall leichten Vorteil für Schwarz (=+, etwa -0,40 bis -0,60). Aber da sind häufig Stellungen darunter, die Computer aufgrund ihres Horizonteffektes schlecht einschätzen können (etwa daß Schwarz mit Sd4xc2xa1 noch eine Qualle gewinnt, der Sa1 kann dann aber erstmal weder von Weiß gefangen noch von Schwarz befreit werden)
h) Insofern würde ich meine Einschätzung erstmal als "unklar" abbrechen: Weiß hat ordentliche Kompensation und durchaus gute praktische Chancen, aber ob das ausreicht?! Ich selbst würde bei langen Bedenkzeiten lieber die schwarzen Steine führen (solange auf der weißen Seite nicht gerade Schirow sitzt).
Ein wesentlicher Punkt dafür, daß ich die Analyse mangels Material abbreche, und vielleicht auch dafür, daß man so wenig Material findet, liegt darin, daß die Ausgangsstellung des Alassio-Gambit eröffnungstheoretisch eher uninteressant sein dürfte! 5.Sd5 Sxe4 6.d4 mag ja vielleicht eine sinnvolle Zugfolge ab dem 5.Zug sein (wie gesagt ist alles sehr unklar), aber kommt man überhaupt soweit? Meines Erachtens nur, wenn eine oder beide Seiten vorher suboptimal gespielt haben!
(i) Nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lc4 (oder 3.Lc4 Sf6 4.Sc3) gilt 4...Sxe4! m.W. als stärkste Fortsetzung, die Schwarz sofort vollständigen Ausgleich garantiert. Manche Autoren/Theoretiker meinen sogar, daß Schwarz dann schon minimal besser steht!!
(ii) Nach 1.e4 e5 2.Sc3 Sc6 3.Lc4 vermeidet Schwarz i.d.R. 3...Lc5?! wegen 4.Dg4! was allgemein als vorteilhaft für Weiß gilt, auch wenn das neuentdeckte Gambit 4...Sd4?! noch einige Fragen aufwirft. - Falls allerdings 3...Sf6, so führt 4.Sf3 Sxe4 wieder zu (i), besser 4.d3 Lb4=.
(iii) Nach 1.e4 e5 2.Sc3 Sf6 3.Lc4 kommt 3...Lc5 nur selten vor (3...Lb4 oder 3...Sc6 sind aktiver); da Weiß noch f2-f4-Optionen hat, Schwarz müßte befürchten, in etwas passive Varianten des Abgelehnten Königsgamits (2...Lc5) abgedrängt zu werden.
Eventuell gibt es noch paar andere relevante Varianten, ich will auch nicht zu tief in Zugumstellungsprobleme der Offenen Spiele eintauchen. Der Kernpunkt ist, daß das Italienische Vierspringerspiel m.E. absolut irrelevant geworden ist! Wenn es trotzdem noch mal vorkommt, dann entweder nur nach beidseitigen Ungenauigkeiten, oder durch Zugumstellung nach frühem d2-d3, etwa 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d3 Lc5 5.Sc3. Dann ist "5.d3" allerdings schon geschehen und 5.Sd5 mit eventuellem Alassio-Gambit gar nicht mehr möglich...
Entsprechend würde ich auch bei sorgfältiger Recherche keine große Alassio-Theorie in modernen Eröffnungswerken erwarten, man müßte wohl mindestens paar Jahrzehnte zurückgehen (Pachman, Keres, Euwe), vielleicht noch weiter (alte Schachzeitungen 1850-1930 oder den Bilguer durchstöbern).
Meine Meinung, aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren.
tracke
PS: Noch was anderes, off-topic. Warum setzt Du im Forum "Literatur gesucht" einen Thread namens "Suche ein Buch über Alassio-Gambit", warum nicht kürzer "Alassio-Gambit" oder "Italienisch: Alassio-Gambit"?! Der lange Namen wird hinter nur abgeschnitten und die ersten Worte "Suche eine Buch über..." liefern keine neue Information. - Vieles in so einem Forum wäre viel einfacher und übersichtlicher, wenn die Überschriften häufiger KURZ UND PRÄGNANT gewählt würden. Und wenn Thread-Starter erstmal einen Blick ins Archiv bzw. auf die hinteren Seiten werfen würden, bevor sie etwas fragen, was vor einiger Zeit schon besprochen wurde. Das funktioniert natürlich nur, wenn die Thread-Überschriften geeignet gewählt werden.