Gibt es wirklich Schachfreunde, die all diese tollen Bücher von Nimzowitsch, Pachman, Vukovic, Richter, Colditz, Koblenz, Suetin, Kotow, Nunn wirklich "durchgearbeitet" haben? So richtig mit einem Finger im Buch und mit der anderen Hand am Brett? - Kann ich mir nicht vorstellen, ich selbst habe es nie gemacht und trotzdem irgendwie 2200 erreicht (vielleicht wäre ich sonst noch besser?). Und von anderen höre ich auch nur immer wieder, wie sie die neugekauften Mittelspielbücher nach kürzester Zeit wieder ins Regal stellen und praktisch ungelesen verstauben lassen.
Ich weiß bestimmt keinen Königsweg für "fortgeschrittene Anfänger", möchte im folgenden trotzdem paar Empfehlungen loswerden:
1.) Wer sich bißchen ernsthaft mit Schach beschäftigen möchte, sollte erstmal für ordentliches
Spielmaterial sorgen. Also bitte ein ordentliches Holzbrett in ausreichender Größe samt an- und entsprechenden Holzfiguren (nach Möglichkeit beschwert und befilzt) in einem Kasten. Idealerweise noch eine (mechanische) Uhr dazu. Macht zusammen mindestens €70, auch €120 ist noch kein Luxus, nach oben sind die Preise offen. Es ist ´ne Anschaffung für´s Leben, das häusliche Training bringt gleich doppelt soviel Spaß.
2.) Wer jemals über die verschiedenen Stadien des Herumdaddelns hinauskommen möchte, sollte von vornherein
Endspiele studieren. Auf jeden Fall bißchen mehr als Mattsetzen mit Turm und Dame, Bauernquadrat und Opposition. Es gibt dutzende gute Bücher, das Problem besteht aber eher darin, eines mit wenig Inhalt zu finden, denn alles mit mehr als 150 Seiten wirkt äußerst abschreckend, falls man nicht gerade für etliche Monate ans Krankenbett gefesselt (oder in der Gefängniszelle eingesperrt) ist.
Meine Empfehlung ist Juri Awerbachs Klassiker "Was man über das Endspiel wissen sollte" (~100S.), aber bitte nicht die elektronische Ausgabe (pfui deibel), dann lieber die englische Ausgabe "Chess Endgames - Essential Knowledge". Sehr gut und kurz ist auch Ian Snapes "Chess Endings made simple" (80S.Lehrtext+50S.Tests), dazu noch bißchen moderner. Wenn man sich eins dieser Büchlein mal in einer Ferienwoche oder an 3-4 Wochenenden mal richtig und komplett reingezogen hat, dann hat man genug theoretisches Rüstzeug, um DWZ 2000 zu erreichen. Hauptsache, man hat die Turmendspiel-Standardstellungen (Philidor, Lucena, Vancura?) verstanden.
Diese einfachen Endspiele zu studieren heißt nicht sie auswendig zu lernen; man muß vielmehr mit den Figuren spielen. Sich immer fragen, ob die Stellungseinschätzung gleichbleibt, wenn man eine Reihe nach unten/oben/links/rechts verschiebt. Mattsetzen mit 2L oder L+S oder 3S muß sein. Auch mal sich praxisfern fragen, ob man mit K+T gegen K das Matt auf jedem gewünschten Randfeld erzwingen kann. Bzw. mit K+2T gegen K auf jedem beliebigen Feld. So lernt man die Figuren kennen.
[Sobald man später eines der obigen Heftchen wirklich zu 100% verstanden hat (und das ist mehr wert, als einen 400S.-Schinken mal anzulesen), kauft man sich einen umfassenden Endspiel-Einbänder: Dworetzkis "Universität" oder Müller/Lamprechts "Grundlagen". Nicht zum Durcharbeiten, das wäre nur was für Meisteranwärter, Masochisten oder Autisten. Sondern zum Nachschlagen. Wenn einen was interessiert (z.B. bei der Nachbearbeitung eigener Partien), dann guckt man sich mal 3 Seiten an; ansonsten darf man sich mit der Zeit ganz langsam in die Turmendspiele vertiefen. - Für die allgemeine Endspieltechnik kann man sich mit der Zeit mal Smyslovs "Die Kunst des Endspiels" oder Mednis´"Endspieltraining - nicht nur für Anfänger" zulegen. - Es reicht sonst bis auf gehobenes Vereinsspielerniveau wirklich aus, wenn man den Awerbach oder den Snape beherrscht sowie seine eigenen Endspielen ernsthaft nacharbeitet!]
3.) Taktiktraining? Habe ich nie gemacht. Wenn man regelmäßig blitzt, was man heutzutage in den Vereinen kaum vermeiden kann, wird man schon schnell genug merken, warum man was weggestellt hat. Und die tiefe Angriffsführung kommt von tiefem Nachdenken in langen Partien. Ansonsten gibt´s genug Aufgaben in Schachzeitungen, deren Lösung man am Brett nachspielen sollte. Bücher mit tausend Aufgaben können kaum schaden.
4.) Wichtiger ist die
allgemeine Partieanlage in strategischer Ausrichtung. Hier halte ich Euwes Triologie "Amateur gegen Meister", "Amateur wird Meister", "Meister gegen Meister" für unübertreffbar (die gibt´s auch in vielen Bibilotheken). Wenn der erste Band zu leicht ist, gleich den zweiten hernehmen.
[Wenn man wirklich arbeitswütig ist, kann man später (nach den Euwes) dann Pachmans "Moderne Schachstrategie" in 3 Bänden anfangen. Ich selbst habe die nur ohne Brett quergelesen, bißchen was ist hängengeblieben. - Unterhaltsamer ist es, irgendeine Partiesammlung/Turnierbuch von Aljechin (Beste Partien 1908-23, NewYork1924/27, Auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 24-27, Nottingham 1936) herzunehmen und einzelne Partien langsam (>2h/Partie) nachzuspielen. Besonders instruktiv sind Aljechins Partien gegen zweit- und drittklassige Spieler]
5.) Bezüglich
Eröffnungen macht sowieso jeder was er will, also spare ich mir lange Kommentare. Im Zweifelsfalle kauft man sich ´ne allgemeine Übersicht (Kallai) oder auch erstmal nur was über offene Spiele (Suetin:"Russisch bis Königsgambit", Keres:"Dreispringerspiel bis ...", Orban:"Schacheröffnungsspiele"). Und immer noch die Lektüre wert ist Fines "The Ideas behind the Chess Openings".
6.) Bis jetzt habe ich nur über Bücher gesprochen, es gibt aber noch mehr Ratschläge von mir!
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Ernsthaft spielen! Sich mit Schachregeln vertraut machen, Gegner respektieren, pünktlich sein, Züge sauber setzen, Uhr nicht mißhandeln, saubere Notation,...
- Regelmäßig spielen! 30 Turnierpartien pro Jahr sollten es schon sein. Dazu viel freies Spiel, möglichst wöchentlich 2-6h auf dem Vereinsabend.
- Nicht zuviel blitzen, ein Drittel der gesamten Schachzeit reicht aus. Natürlich auch nicht ganz darauf verzichten, Blitz /Tandem/ Räuberschach schult das taktische Auge.
- Viel Schnellpartien spielen, so mit Bedenkzeiten 20-60min pro Spieler&Partie. Bedenkzeit auch ausnutzen. Wenn auf dem Vereinsabend immer nur geblitzt wird, dann muß man sich dem auch mal verweigern und nach einem Partner für freie Schnellpartien suchen.
- Partien immer nacharbeiten! Am besten unmittelbar nach der Turnierpartie kurz mit dem Gegner, dann alleine zuhause (>4h), dann im Verein vorführen/mit Schachfreunden diskutieren. Eröffnungsvariante mit Literatur vergleichen, alternative Mittelspielideen analysieren, kritische Endspielstellungen ausarbeiten. - Auch nach einer Blitzpartie/Schnellpartie mit interessanter/unklarer Stellung eine Minute vor Blättchenfall ruhig den Gegner hinterher mal fragen, ob man das mal 30min analysieren möchte. Ansonsten Stellung aufschreiben und alleine zuhause analysieren. - Ich analysiere auch meine Internet-Blitzpartien. Nicht alle, aber von Zeit zu Zeit schaue ich noch mal kurz die letzten 50 Partien durch, bemerke 3-5 interessante Stellungen und analysiere die dann einen Nachmittag lang gründlich aus.
- Dabei kommen insbesondere im Laufe der Zeit auch alle spezielleren Endspielthemen mal vor: D-T, D-2L, D-T+B, T+L-T, T+RandB-L, T+DoppelB-T,usw. Ich bin viel zu faul, um all diese Themen wochenlang systematisch durchzuarbeiten, das schafft eh keiner. Aber wenn sowas mal über den Weg gelaufen kommt, dann schnappe ich mir das Brett und den Dworetzki und arbeite die 4 Seiten mal 3h durch.
Zusammengefaßt nochmal in Kürze:
- ein kleines Endspielbüchlein (Awerbach/Snape) gründlich durcharbeiten!
- Euwes Meister-Reihe studieren, danach Partien von Aljechin
- Klassische Eröffnungen spielen: 1.e4 bzw. 1.e4 e5 und 1.d4 d5
- Viel und ernsthaft spielen. Und vorwiegend langsam spielen, Schach ist ein Strategiespiel.
- Eine Eröffnungsübersicht und eine gute Endspielreferenz kaufen. Nicht durcharbeiten wollen, sondern kritische Varianten/Stellungen nachträglich gründlich ausarbeiten.
tracke

PS:
Wenn man mal autobiographische Bemerkungen sowjetischer Großmeister zusammenaddiert, dann hat man den Eindruck, die hätten in ihrer Entwicklung bis zur Meisterebene nur 3-4 Bücher gesehen: irgendeine einführende Endspielfibel, eine Partiesammlung von Aljechin, eine andere von Botwinnik. Vielleicht noch ein Buch über Endspielstudien von Grigoriev. Ansonsten haben die nur im Pionierpalast die Monatszeitschriften mit aktuellen Partien der sowjetischen Mannschaftsmeisterschaft studiert. Und am Brett gearbeitet: eigene Partien gespielt und anschließend analysiert.