Also Scipio, so richtig kann ich Deinen Ärger nicht verstehen. Vom Standpunkt der Theorie aus gesehen (also auf GM-Niveau) ist doch wohl eher Aljechin ein Schrott-Eröffnung, die aber in Anbetracht ihrer Beliebtheit bei Amateuren relativ viel Literatur bietet!
Das Cox-Buch besitze ich selber nicht (habe nur mal kurz hineingucken können), in der Starting-Out-Reihe wurden bisher aber eigentlich nur gute bis sehr gute Bücher produziert (zu eingestandenermaßen leicht überhöhtem Preis; so sind halt die Engländer; oder ist es der starke Euro?). Abgesehen von Preis/Papierqualität habe ich zum Cox bislang auch nur positive Reaktionen/Rezensionen gesehen.
Deine Meinung zu Krisany/Videki überrascht mich, ich habe selbst die deutsche Ausgabe und halte es nach wie vor für das beste Komplettwerk zu Aljechin. Natürlich darf man nicht jede Variante glauben, dazu ist die Eröffnung einfach zu scharf, aber Krisany/Videki behandeln die gesamte Aljechin-Verteidigung relativ ausführlich und bieten viele eigene Vorschläge.
Das Buch von Davies ist in der Tat mehr ein Appetizer, durch die ganz ordentlich kommentierten Musterpartien bekommt man aber ein Feeling für Aljechin. Auf die harte Theorie hat Davies (wie auch Cox) verzichtet, eher generelle Varianteneinschätzungen gut vermittelt. Vom potentiellen Leserkreis trotzdem etwas höher (1800-2300) anzusiedeln als das Cox-Buch (1600-2000). Cox ist jetzt natürlich aktueller, was sich aber "nur" im Voronezh-Angriff sowie im Miles-System niedergeschlagen haben dürfte.
Die berechtigte Kritik von Keilhack an Davies´ Schlußkapitel sollte man nicht überschätzen. Es geht dort um das Skandinavische System 1.e4 Sf6 2.Sc3 d5?! . Die wenigen Aljechin-Anwender auf GM-Niveau (Short, Ivanchuk) können prinzipiell sowieso alles spielen (insbesondere 1.e4 e5!), haben Aljechin ja nur als Überraschungspfeil im Köcher und spielen nach 2.Sc3 geschlossen 2...e5!, was in die Wiener Partie einlenkt, wo Schwarz theoretisch leichten Ausgleich hat. Nur die Hardcore-Aljechinados, die nicht allein deswegen Wiener Partie und Vierspringerspiel vorbereiten wollen, spielen das prinzipielle 2...d5!?, worauf 3.e5! kritisch ist (3.exd5 Sxd5 4.Lc4 Sb6 5.Lb3 Sc6 6.Sf3 ist sehr angenehm für Schwarz nach 6...Lf5 oder 6...g6). Nach 3.e5! hingegen können sowohl nach 3...Sfd7 als auch nach 3...d4 oder 3...Se4?! haarsträubende Komplikationen entstehen, die nach wie vor ziemlich ungeklärt sind. Liegt auch daran, daß es wenig Partien mit beiderseitig starken Spielern (IM/GM) gibt. Die meisten Theoretiker beschäftigen sich mit diesen hochtaktischen Kraut-und-Rüben-Varianten überhaupt nicht oder schreiben einfach fleißig voneinander ab, daß alles ziemlich wirr ist und daß Weiß vielleicht großen Vorteil hat. So auch Davies, wofür Keilhack ihn zurecht kritisiert. Keilhacks eigene Darstellung dazu im "Linksspringer" (man beachte die Zugfolgen 1.Sc3 Sf6 2.e4 d5 oder 1.e4 d5 2.Sc3 Sf6) ist zwar wesentlich ausführlicher, aber letztlich auch nur ´ne ordentliche Quelle und keine Offenbarung. Nach meiner Erfahrung (ich kenne nur das was ich kenne) wird die Theorie zu 2...d5!? 3.e5! hauptsächlich auf einem 2100-2500er Level geschrieben, wo taktikwütige Amateure ihre Spezialvarianten häuslich tief vorbereiten. Eine ganz gute, kostenpflichtige Abhandlung aus weißer Sicht (3.e5 und gewinnt!) hat Wischi geschrieben (jetzt mache ich mal Werbung für ihn, damit er es nicht selber machen muß), ich hatte dutzende Stunden PC-Analyse zu tun, um wenigstens paar Varianten für Schwarz einigermaßen zu retten. Wer selbst analysieren möchte, sollte anfangen mit der Stellung nach 3.e5 Se4 4.Sce2 d4 5.Sf3 Sc6 6.c3 dxc3 7.bxc3 Lg4 8.d4 e6 : Weiß hat das Bauernzentrum und Schwarz einen sehr wackligen Springer auf e4, trotzdem höchst unklar. (Das Ganze erinnert mich oft an das Botwinnik-System im Halbslawen, wo auch die schwarze Stellung jenseits von Gut und Böse ist und jeder Theoretiker "+-" schreibt; wenn allerdings Shirov oder Ivanov auf der schwarzen Seite sitzen, traut sich kein GM, die Weiß-gewinnt-Varianten mal auszuspielen!).
Wie gesagt, in Anbetracht der Möglichkeit 2.Sc3 e5! (2...e6/d6/c6/Sc6) ist das schwache Schlußkapitel von Davies nicht kritisch.
Die Ankündigung der Chessbase-DVD von Thomas Luther habe ich auch gesehen, ist bestimmt sehr gut. Bin aber gespannt, ob neben den Videos auch Datenbanken enthalten sind (wie bei den Kasparow-DVDs). Luther ist einer der führenden Anwender des modernen Miles-Systems 4.Sf3 dxe5 5.Sxe5 c6!?. Und hat gegen den 4-Bauern-Angriff auch die superscharfe Argunow-Variante 5...dxe5 6.fxe5 c5?! herausgeholt, die eigentlich schon seit längerem als unspielbar galt.
Ein Problem dieser Quellen (Davies, Cox, vermutlich auch Luther) liegt darin, daß es sich durchweg um Repertoire-Werke für Schwarz handelt, die Aljechin-Verteidigung also nicht komplett dargestellt wird. In dieser Hinsicht ist Krisany/Videki wohl noch das Beste, es lohnt auch immer ein Blick in die zweibändige/tausendseitige Aljechin-"Bibel" von Siebenhaar von ~1990 (eröffnungstheoretisch ein Vor-Computer-Zeitalter, man kann scharfen Analysen nicht immer trauen) .
Das Problem betrifft vor allem zwei Systeme. Zum einen den normalen 4-Bauern-Angriff mit 5...dxe5 6.fxe5 Sc6 7.Le3 Lf5 8.Sc3 e6 9.Sf3 und nun 9...Le7/Lb4/Lg4/Sb4. Siebenhaar brauchte schon damals 200 Seiten dafür(!), die neueren Werke bringen meist nur 2-3 Beispiele auf wenigen Seiten und die generelle Einschätzung "ausgeglichen/unklar". Und dafür einiges zum "tricky" 5...g5?! für praktisches Zocken auf Vereinsspielerebene. Eine gründliche, umfassende und computergestützte Abhandlung über die eigentliche Hauptvarianten findet man aber nicht mehr.
Zum anderen geht es um das "klassische" 4.Sf3 Lg4 5.Le2 e6. Seitdem man erkannt hat, daß 6.0-0 Le7 7.c4 Sb6 8.Sc3 0-0 9.Le3 d5 10.c5 Lxf3 11.gxf3! (Geller) mindestens leichten Vorteil für Weiß ergibt (bei nach wie vor komplizierten Stellungsbildern!), hat Schwarz nacheinander 4...Lg4 5.Le2 c6 (Flohr) oder 4...dxe5 5.Sxe5 Sd7 (Larsen) oder 4...g6 (Alburt) oder 4...dxe5 5.Sxe5 g6 (Kengis) oder 4...Sb6 (Schmid) oder 4...Sc6?! (Haakert) oder zuletzt eben 4...dxe5 5.Sxe5 c6 (Miles) ausprobiert. Wobei die schwarze Stellung immer verteidigungsfähig bleibt, bei weißer Theoriekenntnis aber beileibe kein Zuckerschlecken ist - weswegen viele Autoren auch Schwarz empfehlen, zwei dieser Systeme abwechselnd zu spielen, um potentiellen Weißspielern eine exakte Vorbereitung zu erschweren. Bei all diesen praktischen Erwägungen ist im Laufe der Zeit immer mehr unter den Tisch gefallen, wie groß der weiße Vorteil bei 4...Lg4 5.Le2 e6 denn nun wirklich ist und ob er wirklich größer ist als beispielsweise nach 4...dxe5 5.Sxe5 c6 . Zumal GM Baburin weiterhin Lg4/e6 mit akzeptablen Ergebnissen anwendet. Eine moderne, umfassende und gründliche Untersuchung gibt´s aber nach wie vor nicht. (In seinem ausgezeichneten "An Attacking Repertoire for White" mit 1.e4 bietet Sam Collins einen guten Überblick über 4.Sf3! aus weißer Sicht, natürlich etwas parteisch und gerafft. Und ansonsten kann man auf den entsprechenden Band aus "Opening for White according to Anand" warten, wo sicherlich 4.Sf3! sehr niveauvoll untersucht wird, natürlich dann wieder aus weißer Sicht).
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