Ferdinand Schmidt: Saragossa 1.c3 - Die verkannte Schacheröffnung (Mädler 1999)
Dieses Buch ist wirklich einzigartig. Aber es ist schwer zu sagen auf welche Weise. Ist es das schlechteste Eröffnungsbuch aller Zeiten? Ist es überhaupt ein Eröffnungsbuch? Wer ist Ferdinand Schmidt? Und was sagt der behandelnde Arzt dazu?
Man kann es schwer beschreiben, ohne das Buch vor Augen zu haben. Und wenn man das Buch vor Augen hält, weiß man wirklich nicht, was man da sieht! Nur eins ist klar: dieses Buch ist anders als alle anderen Eröffnungsbücher, die man sonst so gesehen hat!
Das Buch enthält etwa 80% Text. Ich spreche nicht von erläuternden Kommentaren zu Zügen oder allgemein-strategischen Ausführungen, nein, ich rede von Text! Und zwar irgendwie vorzugsweise zu Namensbezeichnungen von obskuren Varianten. Offenbar hat der Autor (der vor langer Zeit mal oberfränkischer Fernschachmeister oder sowas war) vor dem Verfassen des Buches intensiv die spanische Geographie studiert. Und so überlegt er vor sich hin, ob 1.c3 d5 2.Sf3 e6 in einem tieferen Zusammenhang zu 1.c3 d5 2.Sf3 Sf6 steht als zu 1.c3 Sf6 2.Sf3 e6. Und ob sich das in einer entsprechenden Benennung dieser hochwichtigen Varianten ausdrücken sollte (ja natürlich, man lernt etliche spanische Ortsnamen kennen!). Die Analyse, wenn man das so nennen will, bricht immer irgendwo zwischen Zug 2 und 5 ab. Wenn man Glück hat,folgt dann noch ein Partiefragment mittelmäßiger Qualität. Natürlich werden auch wichtige Varianten wie 1.c3 f5 2.Db3!? behandelt, aber meistens folgt solide 2.d4, was ich selbst eher als "Damenbauern*******" titulieren würde. Selbst elementare eröffnungsstrategische Fragen, etwa ob man das schwarzfeldrige c3/d4 mit dem weißfeldrigen b6/e6/f5 bekämpfen sollte, werden vernachlässigt. Am interessantesten (!!) fand ich noch die Abtauschvariante des Slawen via 1.c3 c5 2.d4 cxd4 3.cxd4 d5 4.Sc3 Sf6, und nun hält Schmidt (im Gegensatz zu allen sonst bekannten Quellen und Spielern) 5.f3 für gewinnträchtig. Na dann Prost Mahlzeit! - Wahrscheinlich wäre es im Zweifelsfalle besser, einfach 1.d4 samt 2.c3 zu ziehen und unbelastet von diesem Buch (und den Problemen der spanischen Geographie!) einfach Schach zu spielen. Selbst jemand,der etwa den Torre-Angriff mit der Feinheit 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6/g6 3.c3!? (und erst im nächsten Zug 4.Lg5) spielt, wird absolut nichts aus diesem Buch lernen! Ebensowenig jemand, der etwa an 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.c3 c5!? 4.dxc5!? interessiert ist.
Ich habe das Buch damals gleich nach Erscheinen auf Verdacht gekauft, zum Preis von etwa 20,-DM. Und es am nächsten Tag gleich für 2,-DM weiterverkauft, wobei ich mich noch schämte, den Käufer übervorteilt zu haben. Heute bereue ich den Weiterverkauf, denn vielen Schachfreunden, die mich seitdem besucht haben, hätte ich es gerne vorgezeigt, damit sie sich mal herrlich ablachen können!
Ich kann dieses Buch jedem empfehlen, der statt Eröffnungsbüchern gerne Satiren liest.
tracke

EDIT: Um die Frage in meiner ersten Zeile zu beantworten: FALLS dieses Buch ein Eröffnungsbuch ist, so ist es definitiv das schlechteste aller Zeiten!