Komisch, genau das sehe ich ein wenig anders. Vielleicht sogar ganz entgegengesetzt.
Natürlich sehen alle Spieler mit einer gewissen Erfahrung (sobald sie überhaupt erstmal die Stufe der kompletten "Brettsicht" erreicht haben, die ein Anfänger nicht hat) prinzipiell erstmal diegleichen legalen Züge (20-40 ist sicher eine gute Näherung).
Ich würde aber sagen, daß ein schwächerer Spieler sich eher zu schnell auf die 2-5 natürlichsten und taktisch vordergründigsten Ideen bzw. Kandidatenzüge beschränkt und diese Fortsetzungen dann annehmbar gut berechnet. Ein stärkerer Spieler erkennt vielleicht meistens dieselben 2-5 Züge als verlockend und berechnet sie ebenfalls. Der Vorteil des stärkeren Spielers besteht aber meiner Meinung nach nicht wesentlich darin, daß er diese Fortsetzungen 10% schneller und korrekter berechnet, und auch nicht darin, daß er vielleicht 1-2 dieser 2-5 Möglichkeiten schneller als aussichtslos verwirft; sondern vielmehr darin, daß er bald noch eine sechste und siebte Möglichkeit entdeckt (vielleicht aufgrund von Nuancen, die ihm beim ersten Abchecken von 1-5 aufgefallen sind) , die ebenfalls eine Untersuchung verdienen und manchmal eben schlußendlich die beste Möglichkeit darstellen!
Für diese dem ersten Blick verborgenen Möglichkeiten gibt es vielleicht gewisse Typen:
1)
"Schwer zu sehende Züge": Lange Damenzüge, insbesondere lange Damenrückzüge; kollineare (Rück-)Züge, "ungeometrische Züge" (->Reti-Manöver), "Switchbacks"
- strukturverändernde Bauernzüge (/-opfer!), obwohl Figurenzüge in der alten Struktur möglich und auch nicht schlecht waren
2) Züge, die ein
ungleiches Materialverhältnis herstellen, wie z.B. positionelle Qualitätsopfer (die taktischen kennt ja jeder dracheninfizierte Anfänger). Stellungen mit ungewöhnlichen Materialverhältnisse (entweder von der Art D <->2T<->3LF, T+4B<->3LF usw oder von der Art Figuren-/ Turm-/ Damen-Opfer mit positioneller Kompensation) werden von schwächeren Spielern eben schlechter oder völlig falsch eingeschätzt und deshalb auch als Möglichkeit (unbewußt) ausgeblendet. Ein besonders häufiger und nicht so drastischer Fall liegt vor, wenn der Verteidiger sich am Material festklammert und übersieht, daß eine Verteidigung mit Minusbauer aber höherer Aktivität viel bessere Chancen bietet.
3)
Nicht ums Remis kämpfen können. - Das (unbewußte) Dogma, auch mit schlechterer Stellung unbedingt auf Gewinn zu spielen bzw. sich noch irgendwelche unrealistischen Gewinnchancen zu bewahren, verhindert es häufig, gangbare Wege zum Remis zu finden. Manche Stellungen sind eben deutlich schlechter, und wenn der Gegner ein gewisse Technik hat, muß man eben ums Remis und um sonst nichts kämpfen. Schwächere Spieler überschätzen da oft den Einfluß des Siegeswillens auf den Partieverlauf und spielen zu optimistisch.
Dies ist jedenfalls meine eigene langjährige Erfahrung auf 2100-2200-Level, wenn ich zum Beispiel mit schwächeren Schachfreunden 1700-2050 analysiere. Taktisch bin ich kaum stärker, positionell wissen die auch schon ganz schön viel - aber ich sehe meist ganz andere Kandidatenzüge und Pläne ...
Wie man Abhilfe schafft? 1) und 2) kann man trainieren: da gibt es z.T. spezielle Trainingsbücher, aber wenn man sowieso viele Meisterpartien studiert, läuft einem im Laufe der Zeit alles irgendwie mal über den Weg. - Was 3) angeht, so muß man seine innere Einstellung ändern oder aus Erfahrung klug werden. Bzw. trotz Erfahrung dumm bleiben ...
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