Zitat:
Zitat von Angie
Jetzt interessiert mich das mit dem 3. ... cxd4 (im Sizillianer) auch.... 
- davon abgesehen, dass es sonst kein offener Sizillianer wird, ist das Nicht nehmen irgendwie nachteilig? (sagen wir nach 1. e4 c5 2. Sf3 e6 3.d4)
- kann man:
3. .... Sf6 oder
3. .... b6 oder 3. ... a6
3. .... d5 spielen?
und gibt das mehr her, als den Switch in eine andere Eröffnung?
an 4. dxc5 wirds wohl nicht scheitern (dann haben wir dieselbe Struktur, nur steht der S noch auf f3 - und der s L schon auf c5)
4. e5 (i.d. Sf6 Variante) sieht nach Aljechin aus
und d5 exd 5. exd ist wie ein harmloser Benoni (kein e4-e5 mehr)
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deep-stefan hat mir ja schon einen kleinen Teil meiner Antwort vorweg genommen: Der harmlose Benoni ist gar nicht harmlos. Auf diesen Punkt werde ich noch weiter eingehen. Später mehr dazu.
Zuerst einmal kurz und bündig: Wenn nach
1.e4 c5 2.Sf3 --- 3.d4 die Antwort
3...cxd4 schlecht sein sollte, dann kann man Sizilianisch getrost an den Nagel hängen - denn in diesem Falle wäre die Eröffnung von Grund auf inkorrekt!
Natürlich hat der offene Sizilianer seine Macken - Schwarz zahlt für die 2-1-Zentralbauernmehrheit in Form von leichtem Raumnachteil (verbunden mit teilweise passiver Figurenstellung) und einem Rückstand in der Entwicklung - bei halboffenem Zentrum. Genau dieser Umstand macht Sizilianisch zu einer anspruchsvollen und spannenden Eröffnung. Welche Seite besser fährt, ist aber nach wie vor unklar. Ich gebe mal zu bedenken, daß Kasparov bis zum Schluß seiner aktiven Turnierkarriere bei Sizilianisch (Najdorf) geblieben ist - im Gegensatz zu Königsindisch. Daraus lässt sich schliessen, daß Sizilianisch weit von einer Widerlegung entfernt ist.
Nun möchte ich mal auf deine drei Alternativvorschläge zu
3...cxd4 nach
1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 eingehen:
1)
3...Sf6
Also den Switch in die Aljechinverteidigung sehe ich hier nicht. Warum? Nach dem plausiblen Verlauf
4.e5 Sd5 5.c4 Sb6 6.d5 steht Schwarz sehr schwierig (also klar schlechter), wenn auch nicht völlig hoffnungslos. Er erleidet großen Raumnachteil bei schlechterer Entwicklung. Definitiv nicht empfehlenswert.
Nützlich ist hier ein Vergleich mit dem originalen Aljechin nach
1.e4 Sf6 2.e5 Sd5. Hier möchte ich einmal kurz innehalten und dazu einladen, die Situation hier mit der nach
3...Sf6 4.e5 Sd5 zu vergleichen. Die Unterschiede sind doch ziemlich augenfällig. In der Aljechin-Verteidigung ist es Schwarz, der (um den Preis der Zentrumskontrolle) einen leichten Entwicklungsvorsprung aufzuweisen hat (im Gegensatz zu
3...Sf6). Außerdem hat Weiß hier (also im "Aljechin") noch nicht beide Bauern im Zentrum stehen und Schwarz hat sich noch nicht mit
...e7-e6 den eigenen Lc8 eingemauert, wovon das schwarze Gegenspiel z.B. nach
3.d4 d6 4.c4 Sb6 erheblich profitiert, da auf frühes
Sg1-f3 mit
...Lc8-g4 reagiert werden kann.
2)
3...b6/a6
Ich werde beide Züge in einem Aufwasch behandeln, da sie beide nach dem logischen
4.d5 in den von dir bezeichneten "harmlosen" Benoni führen. Nun gut, der nach dem weiteren
4...exd5 5.cxd5 ist tatsächlich insofern harmlos, als daß Weiß im Vergleich zum normalen Benoni keine Bauernmehrheit im Zentrum besitzt, also außerstande ist mit Hilfe des Vorstosses
e4-e5 einen Freibauern zu bilden. Allerdings ist dieser Vorteil nicht kostenlos, denn auch Schwarz hat keine Bauernmehrheit aufzuweisen - im normalen Benoni hat er eine am Damenflügel, woraus sich ein nicht ungefährliches Gegenspielpotential entwickelt.
Damit sind wir beim Knackpunkt: Weiß hat einen soliden Raumvorteil im Zentrum und Schwarz fehlt es an aggressiven Gegenspielmöglichkeiten. Dies äußert sich u.a. darin, daß Weiß seinen Damenflügelspringer aktiver entwickeln kann, ebenso wie seinen Lc1. Denn Schwarz kann es sich nur schlecht leisten, selber seinen Lf8 zu fianchettieren - denn dann kann Weiß mittels
Lc1-f4 und
Sf3-d2-c4 (ggf. vorher noch
a2-a4 einstreuen) starken Druck auf den Bauern d6 ausüben.
3)
3...d5
Die beste der drei Alternativen, da hier unter aktivem Einsatz der eigenen Zentrumsbauern um Raum im Zentrum gekämpft wird. So ganz unproblematisch ist die Sache aber auch hier nicht. Zur Erklärung möchte ich einmal mehr mit einer Analogie arbeiten:
Und zwar mit der Tarraschvariante des Franzosen, speziell mit
1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sd2 c5. Auch hier stechen einmal mehr wesentliche Unterschiede hervor. So hat Weiß in dieser Französischvariante seinen Lc1 (vorübergehend) eingesperrt, seinen Damenspringer auf eine weniger aktive Position auf d2 gestellt (aktiver wäre c3) und nicht zuletzt die Deckung des weißen d-Bauern durch Dd1 unterbrochen, so daß d4 momentan ungedeckt ist. Die Situation ist hier eine ungleich komfortablere für Schwarz.
Ganz anders in der jetzt besprochenen Variante. Hier kann Weiß z.B. mit
4.exd5 exd5 (
4...Dxd5 5.Sc3 würde Weiß in einer halboffenen Stellung großen Entwicklungsvorsprung verschaffen)
5.Lb5+ Ld7 (
5...Sc6 6.Sc3 ist ebenfalls wenig prickelnd, da Schwarz nur schwer und unter Zugeständnissen gleichzeitig mit dem Druck gegen Sc6 und d5 fertig werden kann)
6.De2+ Le7 7.dxc5 spürbaren Vorteil erlangen. Zugegeben, ich bin jetzt nicht auf alle schwarzen Möglichkeiten eingegangen, aber festzuhalten ist dennoch: daß Weiß erstens seinen Damenspringer nach c3 setzen kann, womit er Druck auf den (potentiellen Isolani) d5 ausüben kann, zweitens der Lc1 frei beweglich ist, was eine bequeme Deckung durch
Sg8-f6 unbequem werden lässt, drittens der eigene Bauer d4 zweimal gedeckt ist (durch Dd1
und Sf3). Dies sind eine Menge Vorteile im Vergleich zur Tarraschvariante im Franzosen, welche immerhin auch nicht völlig unproblematisch für Schwarz ist.