Hallo, ich poste hier ein kürzlich von Derdrio gespielte Schnellpartie, die er mir via PN zur Analyse geschickt hatte. Da ich mir einige Arbeit damit gemacht habe, hielt ich es für eine gute Idee, das Ergebnis hier öffentlich zu posten (natürlich hatte Derdrio vorher sein Einverständnis dazu erteilt!).
Keine berauschende, aber doch ganz interessante Partie. In Anbetracht der Bedenkzeit sollte man sich nicht an den taktischen Fehlern festbeißen, die z.T. in komplizierter Stellung entstanden, sondern eher meine Anmerkungen zur Strategie beachten.
[Date "2009.??.??"]
[White "<Weiß>"]
[Black "Derdrio"]
[Result "0-1"]
[ECO "E12"] Nimzoindisch: Leningrader System, übergehend in Damengambit: Tartakower
[Annotator "tracke"]
[PlyCount "84"]
[SourceDate "2009.10.11"]
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. Lg5 b6?!
{spielbar aber ein wenig gekünstelt und riskant} (4... c5!) (4... h6! 5. Lh4 c5!)
5. Sf3
(5. e4 !?) (5. f3!?)
5... Lb7 6. e3 d5?
{Dies ist nicht nur positionell grundlegend falsch (weil Weiß mit cxd5 eine für Schwarz leicht ungünstige Bauernstruktur festlegen kann), es sollte aufgrund der Anfälligkeit der Diagonale a4-e8 auch taktisch scheitern! Wozu um Himmels Willen denn ausgerechnet einen Zug vor der Rochade dem Gegner eine wichtige Diagonale zum Schachgeben öffnen??} (6... O-O!) (6... h6!) (6... c5!)
7. Le2?
(7. cxd5! Dxd5 (7... exd5? 8. Da4+ Sc6 9. Lb5! +-) 8.Da4+ Sc6 9. Lb5 Lxc3+ 10. bxc3 +=) (7. Da4+! Sc6 8.Se5 Dd6 9. c5! bxc5 10. Lb5 +/-)
7... O-O 8. O-O Le7?!
{Jetzt ist eine Standard-Stellung aus Damengambit-Tartakower entstanden (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3
Sf6 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 b6 7.Le2 Lb7 8.0-0 --- ), aufgrund des schwarzen Zeitverlustes Lf8-b4-e7 allerdings mit Mehrtempo für Weiß, was diesem leichten Vorteil geben sollte. Schwarz am Zug könnte mit 8...Sbd7 oder 8...dxc4 annähernd ausgleichen} (8... dxc4 9. Lxc4 h6 {trotz leichten weißen
Raumvorteiles besitzt Schwarz keine Schwächen und ist gut entwickelt})
9. cxd5
(9. Lxf6! Lxf6 10. cxd5 += {wäre der stellungsgemäße Plan, um dann mit Tac1, Da4, Tfd1 usw gegen die schwarzen c/d-Bauern zu spielen!})
9... Sxd5! 10.Lxe7
{In den nächsten Zügen spielen beide Seiten einfach ohne jede tiefere Strategie! Dabei ist es relativ einfach: Schwarz versucht c7-c5 durchzusetzen und den weißen d-Bauern abzutauschen. Egal ob diese beiden Bauern verschwinden oder ob Weiß mit e3xd4 zurücknimmt: danach werden sich die Türme auf der c-Linie abtauschen, die Leichtfiguren und Damen vermutlich auch irgendwie, jedenfalls wird's ziemlich remisig! - Weiß versucht deshalb: entweder c7-c5 zu verhindern, oder mit d4xc5 b6xc5 die schwarze Bauern zu vereinzeln (was die Türme später ausnützen können), oder aber schnell zu e3-e4 zu kommen, um c7-c5 mit d4-d5 e6xd5 e4xd5 zu beantworten (Freibauer, Raumvorteil, Königsangriff?)}
10... Sxe7?
(10... Dxe7! {entwickelt die Dame, bereitet die Verbindung der Türme sowie (eventuell nach Tfc8) den ausgleichenden Zentrumsgegenstoß c7-c5 vor.})
11. Se5?
{Dies ermöglicht es dem Nachziehenden nur, sich unter Abtäuschen zu entwickeln, und verschenkt den leichten weißen Vorteil} (11. e4! += {Geht es nicht in Damengambit/Nimzo die ganze Zeit nur darum für Weiß, um diese Besetzung des Zentrums (ohne anderweitige Nachteile) zu kämpfen??}) (11. Tc1! += {wäre ein anderer Standardzug, um (insbesondere jetzt nach Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer!) gegen den rückständigen c-Bauern zu spielen!})
11...Sbc6?
{Verstellt den c-Bauern und läuft in Fesselungen auf der Diagonale Lf3-Lb7 hinein!} (11... Sd7!)
12. Sg4?
({Also sowas wie} 12. Lf3 Sd5 13.Sxd5 exd5 14. Sxc6 Lxc6 15. Db3 Dd6 16. Tfc1 Lb7 {wäre ungefähr genau das, was sich Weiß im Abgelehnten Damengambit ständig wünscht: besserer Läufer, rückständiger schwarzer Bauer, Minoritätsangriff! Weiß sollte wissen, wie man sowas regelmäßig gewinnt (sonst sollte er nicht 1.d4 spielen!), und Schwarz sollte wissen, wie man sowas vielleicht noch geradeso hartnäckig verteidigen kann. Und wie man sowas mit Schwarz von vornherein vermeidet!!}) ({Auch das einfachere} 12. Sxc6 Lxc6 13. Tc1 += {gibt Weiß leichtes Spiel gegen den schwarzen c-Bauern})
12... Sg6?
(12... f5!! {eigentlich meistens falsch im DG, aber hier erzwingt es konkret weitere Abtäusche mit klarer Remistendenz!} 13. Se5 Sxe5 14. dxe5 Sd5 = {Schwarz hat schon die bessere Bauernstruktur, muß aber (wenn der c7-irgendwann zieht) auf die Schwäche des Feldes d6 achten!})
13. Lf3
(13. f4!?) 13... a6 (13... f5? 14. Da4! +=)
14. d5?
(14. Tc1!?)
14... exd5 15. Sxd5?
(15. Dxd5 Dxd5 16. Sxd5 h5 17. Sgf6+ gxf6 18. Sxf6+ Kg7 19. Sxh5+ Kh6 20. Sg3 Sh4 -+)
15... Sce5?
(15... f5!! -/+ {gewinnt Material}) (15... h5?! {ist nicht ganz so klar:} 16. Sdf6+ gxf6 17. Lxc6 Dxd1 (17... Lxc6? {ergibt nur Remis} 18. Sh6+! Kh7 19. Dxh5 Dd5 20. Sf5+ Kg8 21.
Sh6+) 18. Tfxd1 Lxc6 19. Sxf6+ Kg7 20. Sxh5+ Kh6 21. Sg3 Se7 -/+)
16. Sxe5?
(16. Sdf6+! gxf6 17. Lxb7)
16... Sxe5 17. Sf6+ Dxf6 18. Lxb7 Tad8 19.Db3?!
({Warum denn nicht} 19. Dc2! {wo die Dame c7 angreift und selbst nicht durch ...Td3 belästigt werden kann?})
19... a5
(19... Sd3!?)
20. Tac1 c5 21. Tcd1
{Interessante Stellung im dynamischen Gleichgewicht: Schwarz steht sicher etwas aktiver, dafür verfügt Weiß über die flexiblere Bauernstruktur, im Endspiel dürfte der Läufer dem Springer etwas überlegen sein! Tendenziell würde ich Weiß bevorzugen, allerdings auch mit Schwarz keine Angst haben.}
21...g6 22. Td5
(22. Dc3!?)
22... Txd5 23. Lxd5 Td8 24. Td1
(24. a4!?)
24... c4 25. Db5 Kg7
(25... Sd3!? 26. Tf1 (26. Td2? Sxb2 27. Txb2 Txd5 28. Dxd5 Dxb2 -/+)
(26. Lf3 Kg7 =+) 26... Sxb2 27. Lxc4 Sxc4 28. Dxc4 Db2 -/+)
26. e4 Sd3 27. Tf1
(27. Td2 Tc8 28. h3 Tc5 29. Dd7 Se5 30. De8 c3 31. bxc3 Txc3 -/+)
27... Sxb2 28. f4??
{Danach bricht die weiße Stellung zusammen} (28. Lxf7!? c3 (28...Dxf7 29. Dxb2+ Df6 30. e5 Dc6 -/+) (28... Kxf7 29. e5 De7 30. Dxb2 Dc5 -/+) 29. Ld5 =+)
28... Dd4+ 29. Kh1 Sd3 30. h3 c3!
{Schwarz steht auf Gewinn}
31. Dc6 Db4
(31... Dc5! 32. Dxc5 bxc5 33. Lb3 c4! 34. Ld1 Sxf4 -/+)
32. Dc7
(32. e5!?)
32... Tf8 33. e5 Sc5 34. e6 Dd4?!
{Macht die Partie noch unnötig spannend} ({Klarer war} 34... c2!)
35. e7 Dxd5??
{Damit verschenkt Schwarz seinen gesamten Vorteil}
36. exf8=D+ Kxf8 37. Dxb6 Se4
{Nun steht fast schon Weiß besser, der starke Freibauer c3 sollte Schwarz aber problemlos das Remis
sichern}
38. Db3??
(38. Kh2!)
38... Dxb3 39. axb3 Sg3+ 40. Kg1 Sxf1 41. Kxf1 c2 42. Ke1 c1=D+
0-1
tracke