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Wie kommentiert und analysiert man die eigenen Turnierpartien?
Hallo Leute,
Eine interessante und sehr wichtige Frage!
Es gibt einige unterschiedliche Ansätze die eigenen Partien zu kommentieren.
Ich möchte hier einmal ein paar Anregungen geben.
Wie lange sollte man eine Partie analysieren? Das hängt von der Bedeutung der Partie ab und natürlich von der eigenen Spielstärke.
Es hängt auch davon ab ob man Schachwissenschaftler oder eher ein reiner Praktiker ist.
Auch ist es vom Ziel abhängig ob man an schnellem Spielstärkezuwachs interessiert ist, oder an der Freude am Schach.
Es gibt Partien auf die man immer wieder zurückkommt.
Die meisten Menschen haben nicht genug Zeit um Schachpartien gebührend zu analysieren.
Für mich ist in der Regel die 4 fache Zeit der Partiedauer ein guter Maßstab.
Wie GM A. Yermolinsky in "Road to chessimprovement" ausführt, ist die Partieanalyse das wichtigste Mittel zur Herausbildung einer hohen Spielstärke und zur Vervollkommnung im Schach.
Schritt 1: Post Mortem
Nachdem man die Turnierpartie gespielt hat, sollte man direkt mit dem Gegner, der ja auch einige Zeit über die Stellung nachdachte, sprechen, wie er den Kampfverlauf gesehen hat. Mit dem Gegner im Anschluss die Partie wirklich zu analysieren schaffen nur sehr wenige Spieler, zum einen, weil die meisten Leute (selbst einige GM´s) nicht analysieren können, aber vor allem auch, weil die Emotionen nach der Partie noch sehr stark sind. Ein Gedankenaustausch mit dem Gegner ist sehr gut und förderlich für das Schachverständnis.
Schritt 2: Gedankensicherung/Informationsgewinnung
Wenn man dann zuhause ist, sollte man zunächst einmal alle Varianten die man in der Partie selbst gesehen hat in einer neuen Partie unter ChessBase notieren (ohne Engineunterstützung!). Ebenso fügt man die Gedankengänge und Varianten des Gegners in die Aufzeichnung ein. Man schreibt ebenso alles auf, was wichtig ist. Das kann damit anfangen wie man sich körperlich fühlte, ob man leistungsbereit war, ob man sich sportlich, oder ernährungstechnisch falsch oder besonders gut auf die Partie eingestellt hat.
War die Vorbereitung zu kurz, zu anstrengend, wie lange hat man vor der Partie geschlafen.
Wie sah die Wettkampfsituation aus, in wie fern war die Partie von Bedeutung?
Einige Spieler führen ihre Partienotizen wie ein Tagebuch (Ich gehöre nur eingeschränkt dazu, aber ich kenne einige Leute recht gut, die schreiben wirklich jede kleine Begebenheit in ihre Partiensammlung - sie leben Schach und das ist gut so solange es ihnen Spaß macht!).
Nun folgt die Informationsgewinnung:
Ebenso fügt man der Partie mit der Tastenkombination Shift+f6 die ähnlichsten Partien hinzu. Die obersten Partien der Liste sind die ähnlichsten. Bevorzugt sind Partien von Spielern Elo größer 2500 in die Partie einzubetten. Es sollte aber übersichtlich bleiben. Eigentlich kann man diesen Schritt auch noch hinauszögern und ihn erst nach der eigenen Analyse durchführen, aber meistens will ich so bald wie möglich wissen wie weit das ganze schon mal auf dem Brett war und was andere in dieser Situation gemacht haben. Meistens spiele ich dann die hochrangigen Partien des Eröffnungsschlüssels nach.
Ebenso halte ich es kaum aus, die Partie nicht wenigstens einmal kurz mit einer Engine durchzuspielen und auf grobe Fehler zu kontrollieren, aber diesen Schritt sollte man sich wenn man die Spielstärke verbessern und nicht einfach nur Schach genießen möchte, noch aufsparen.
Dann kommt der nächste und wichtigste Schritt:
Schritt 3: Analyse am Brett
Man fängt an, die Partie neu zu durchdenken. Das sollte an einem anderen Tag mit frischem Kopf geschehen. Alle Varianten werden überprüft und ergänzt (ohne Engineunterstützung!). Das sollte etwa genau so lange dauern wie die Partie selbst.
Man erzeugt also einen großen logischen Variantenwust der dem eigenen Schachverständnis entspringt und eine gute Möglichkeit für einen Trainer bietet, Schwächen zu erkennen und Tipps zu geben.
Robert Hübners "25 annotated Games" sind ein gutes Beispiel für so eine gedankliche Durchdringung einer Partie ohne Engine, die meisten Spieler sind allerdings schon mit ein paar Varianten weniger befriedigt.
Man analysiert also so lange wie es Spaß macht.
Die eigene Analyse am Brett muss man stets verbessern und trainieren. Sehr starke Spieler können auch sehr gut analysieren.
Sehr gut ist es wenn man erst zwei Stunden am Schachbrett analysiert und dann das Ganze aus dem Gedächtnis heraus am PC eingibt. Ein gutes Training des Arbeitsgedächtnisses, außerdem ist die dreidimensionale Ansicht des Brettes ein Unterschied zur zweidimensionalen Ansicht am Bildschirm. Einige Menschen, besonders Frauen, haben Probleme mit der zweidimensionalen Ansicht des Schachbrettes und weisen unter diesen Bedingungen eine geringere Spielstärke auf. Ich habe dieses Phänomen aber auch schon bei Männern festgestellt.
Danach schreibt man Kommentare zu den Varianten auf. Auch Anekdoten die sich während der Partie ereigneten, oder die einem während der Partie einfielen (M.Tal: Nilpferd aus dem Sumpf ziehen), kann man notieren.
Die kritischen Stellungen der Partie sind mit Diagrammen zu versehen und zu kommentieren.
Ich orientiere mich dabei an Dorfman´s Schachmethode.
Man kann wichtige Texte aus anderen kommentierten Partien (Bücher/Datenbank) übernehmen, oder verändert in die Partie einfügen wenn sie interessant und lehrreich erscheinen.
Das Eigene ist sehr wichtig!
Schritt 4: Korrektur
Noch immer hat man keine Engine benutzt wenn man es so machen möchte, dass die Spielstärke maximal profitiert.
Nun überprüft man die Varianten mit der Engine. Jeder Zug der Untervarianten wird überprüft. Neue verbesserte Varianten werden eingegeben.
Natürlich wird dabei versucht der Enginevariante mit den eigenen Ideen entgegenzuhalten. Auch ist das Benutzen von mehreren Engines sehr wichtig um sich der Wahrheit anzunähern. Ich habe Stellungen entdeckt (nach einem Turmopfer in der Aljechin Chatard Variante (Französisch), die Shredder mit +2,5 und Junior auch nach einigen Minuten noch mit -2,5 bewerten). Man muss Varianten daher unbedingt durchspielen. Die Zugvorschläge darf man in folge dessen nur als Kandidatenzüge auffassen die man untersuchen sollte. Meistens lasse ich mir von jeder Engine 3 Kandidatenzüge anzeigen. Zurzeit benutze ich Fritz 9 und Rybka.
In einigen scharfen Stellungen in denen es nicht viele gute Kandidaten gibt kann man alle sinnvollen Züge untersuchen. Wenn man viele Stellungen wirklich verstanden hat setzt sich das gewaltig auf die Spielstärke um.
Mit der Suche nach prophylaktischen Zügen (Dworetzki Frage) kann man oft
den Ideen und Varianten eine neue Qualität geben.
Der Trend und die Wendepunkte der Partie, so wie die eigentlichen objektiven Fehler werden in diesem Schritt immer recht deutlich.
Schritt 5: Auswertung
Die erste Arbeit ist nun getan. Es folgt das weitere Lernen und die Auswertung der Analyse.
Typische Stellungen kann man der Partie entnehmen und als Stellung zum Ausspielen mit Freunden oder dem Computer nutzen.
Besonders eignen sich hierfür Stellungen von der Eröffnung zum Mittelspiel, oder komplexe Endspielstellungen und insbesondere gewonnene Endspielstellungen in denen man noch Technik zeigen muss.
Thomas Henrichs sammelte ebenso wie ich sehr gute Erfahrungen damit, Stellungen unter Schnell- oder Blitzschachbedingungen gegen eine Engine zu spielen. Hiermit kann man besonders die technischen Fertigkeiten trainieren, oder aber den Vertrautheitsgrad mit dem Stellungstyp verbessern.
Nachdem man die eigenen Analysen die dem Kopf entsprangen intensiv mit den Engineprogrammen auf Genauigkeit und Stichhaltigkeit überprüft hat sollte man die Quintessenz in Worten formulieren. Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Ein guter Spieler macht keinen Fehler zwei Mal.
Die kommentierten und korrigierten kritischen Stellungen eignen sich oft als Lehrmaterial für Schüler.
Nach dem letzten Zug der Partie vermerkt man noch folgende Dinge:
Welche strategischen Erkenntnisse waren aus der Partie zu ziehen?
Wie genau war die Variantenberechnung?
War ich immer über dem tatsächlichen Trend der Partie im Bilde?
Habe ich alle kritischen Stellungen während der Partie erkannt?
In diesen sollte man die Bedenkzeit investieren!
Wie verhindere ich beim nächsten Mal die Fehler in dieser Partie?
War die Vorbereitung im Nachhinein betrachtet in Ordnung?
Die Bronstein Frage: Was war die schlechteste Figur? Welches die beste?
Bei mir und bei dem Gegner.
Nun werden die fertigen Kommentare an Freunde und Trainer verschickt und um Feedback gebeten. Einige Leute schicken auch unmittelbar die unkommentierten Partien als e-Mail herum und bitten um ein paar Hinweise.
Es ist auch empfehlenswert nach Schritt 3 die Daten dem Trainer zu schicken.
Diese aber erst in Schritt 6 mit ihm durchzugehen.
Die Partie wird nun eröffnungstheoretisch ausgewertet und die Essenz in Eröffnungsübersichten für Weiß- oder Schwarzrepertoire gespeichert.
Statistische Infos aus den Powerbooks kann man in die Kommentierung übernehmen. Es müssen signifikante Verbesserungen des Eröffnungsverlaufs gefunden werde. Unter Umständen ist eine neue oder veränderte Spielweise zu erlernen. Was ist zu tun, damit die Eröffnung beim nächsten Mal ein noch größerer Erfolg wird?
Schritt 6: Reflexion
Die Partieanalyse ist niemals wirklich abgeschlossen. Man denkt später immer wieder über die eigenen Partien nach, vergleicht sie mit anderen Partien, versucht die gewonnen Erkenntnisse anzuwenden. Analogien werden im Nachhinein notiert und Querverweise unter den Partien eingefügt.
Nach Schritt 5 ist es sehr förderlich alles mit starken Spielern, oder besser einem Schachtrainer durchzusprechen. Diese Leute geben Tipps und können erhebliche Impulse für die weitere eigene Arbeit geben.
Diese neuen Erkenntnisse werden natürlich notiert.
In den Tagen und Wochen nach der Partie, manchmal noch Jahre danach,
zeige ich meine Partien meinen Schülern und Freunden und diskutiere und analysiere den Spielverlauf dann erneut mit ihnen. Oft kommt es dabei zu sehr erstaunlichen Erkenntnissen die mir vorher nie in den Sinn kamen.
Manchmal findet man den richtigen Ansatz nach 12 h Analyse nicht und ein anderer dem die Stellung liegt findet ihn in 5 Sekunden.
Das eigene Schachverständnis reift immer weiter heran, man ist ständiger schachlicher Wandlung unterworfen, je nachdem womit man sich gerade beschäftigt hat wird man plötzlich zu einem Gebiet auf einem bestimmten Gebiet. Nachdem man beispielsweise Baburins Buch "winning pawn structures" gelesen hat sollte man noch einmal alle eigenen Partien mit Isolani unter den neu gewonnenen Erkenntnissen betrachten und Kommentare so wie Varianten ergänzen.
Garry Kasparov hat in dem Buch "Von der Zeit geprüft" sehr schön vorgemacht wie er die Partiekommentierung handhabt. Seine neue "Predecessor"-Reihe ist ein weiterer Schritt in die Richtung wie gut kommentierte Partien aussehen sollten. In "Von der Zeit geprüft" ergänzt Garry Kasparov die älteren Analysen durch Kommentare in kursiver Schrift um die Unterschiede zu verdeutlichen und Fortschritte oder Änderungen in der Einschätzung offensichtlich zu machen. Ich selbst setze meinen Namen mit Jahresangabe hinter die Texte, z.B. blabla [Michalczak 1991]. blabla [Michalczak 2006] um klar zu machen, dass die Kommentierungen aus unterschiedlicher Zeit stammen.
Technische Tipps:
Kommen wir zum formellen. Als Email verschickt man ChessBase Partien am besten nachdem man sie mit Strg+Z archiviert hat, da es dann nur noch eine Datei ist.
Mit Doppelklick in die Notation öffnet man die Texteingabe. Die Kommentierungspalette ist oft sehr nützlich und zeitsparend, man sollte sich an sie gewöhnen.
Manche Leute finden es schön farbige Pfeile und Feldermarkierungen bei der Kommentierung zu nutzen.
grün = Alt
gelb = Alt + Strg
rot = Alt + Shift
dabei auf ein Feld, oder einen Pfeil von einem Feld zum anderen ziehen.
Ganz wichtig: Immer wieder Zwischenspeichern und Backups der eigenen Analysen erstellen. Man sollte alle eigenen Turnierpartien in einer Datei abspeichern und verwalten.
Es gibt sicherlich noch unzählige weitere Ideen, aber einige der hier genannten könnt ihr ja mal ausprobieren. Wenn mir noch was einfällt füge ich es bei Gelegenheit hinzu. Es wäre toll wenn ihr Anmerkungen zu meinen Vorschlägen habt.
Viel Spaß beim Kommentieren!
Viele Grüße,
Tom
Geändert von Michalczak (02.05.2006 um 19:10 Uhr)
Grund: Rechtschreibprüfung
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