Moin,
ich bin da einst mal auf eine (Kurz-)Partie von David Bronstein gestoßen, die ich einfach nur gut finde und die ich euch nicht vorenthalten will! Sie kommt ein bisschen unscheinbar daher, hat keine spektakulären Opfer und sie war für den Ausgang des Turniers, in dem sie gespielt wurde, auch nicht unbedingt weltbewegend. Aber wie die Figuren Bronsteins nach einem einzigen Fehler im 9. Zug die gegnerischen Figuren plötzlich dominieren, finde ich irgendwie sehr instruktiv! Hier ist sie:
Smyslow - Bronstein
Teesside 1975
Benoni
1. d4 Sf6 2. Sf3 g6 3. c4 Lg7 4. Sc3 0-0 5. Lg5 d6 6. e3
Smyslow spielt diese Partie sehr zurückhaltend. Offenbar hatte er keine Lust auf einen offenen Schlagabtausch mit einem so findigen Gegner wie Bronstein und wollte lieber eine ruhige, positionelle Partie...
6. ... c5 7. Le2 Sc6 8. 0-0 Lf5 9. dxc5?
Dieser Tausch scheint in der Hoffnung gespielt worden zu sein, durch weiteren Abtausch die Stellung möglichst schnell zu vereinfachen und die Partie in den Remishafen zu bringen. Aber Bronstein zeigt nun, dass man nicht unbedingt die Damen braucht, um eine Initiative zu entfalten. Vorzuzuiehen war jedenfalls 9. d5. Es ist kaum zu glauben, aber nach dem Textzug verliert Weiß wohl mindestens einen Bauern oder steht positionell breit...
9. ... dxc5 10. Dxd8 Tfxd8 11. Tad1?
Das entpuppt sich als weiterer Fehler, wie sich gleich zeigen wird. Man könnte allerdings auch sarkastisch formulieren, dass sich Weiß zur Hergabe von Material "entschlossen" hatte, anstatt sich in einer positionell minderwertigen Stellung stundenlang quälen zu müssen. Wenn er den Verlust von Bauern am Damenflügel vermeiden wollte, hätte Smyslow erst auf f6 zu tauschen und dann mit dem anderen Turm nach d1 zu gehen müssen. Aber das hätte bedeutet, dass Schwarz das Läuferpaar erhalten hätte, was nicht einfach zu verteidigen gewesen wäre.
11. ... Se4!
So langsam wird klar, wie schlecht Weiß bereits steht. Die schwarzen Figuren sind im Grunde alle gegen den weißen Damenflügel gerichtet, der alleine den Springer c3 als Verteidiger sieht. Und gerade dieser letzte Verteidiger wird nun auch noch abgetauscht. Danach sind die Bauern a und b von Weiß elend schwach, während die schwarzen Läufer die wichtigen Felder a1 und b1 fest im Griff haben. Aber das wirklich Fiese an dem Zug ist, dass die Zeche jemand ganz anderes zahlen wird...
12. Sxe4 Lxe4 13. b3 h6 14. Lf4 Sb4! 15. a3 Sa2!
Nun droht bereits 16. ... Sc3 17. Txd8+ (
17. Tde1 Sxe2+ 18. Txe2 Ld3 -/+) 17. ... Txd8 18. Te1 Sxe2+ 19. Txe2 Td1+ 20. Te1 (
20. Se1 Ld3 21. Kf1 Lc3! -+) 20. ... Lxf3 -+. Ich finde es ziemlich krass, wie die schwarzen Figuren die weißen dominieren.
16. Txd8+ Txd8 17. Td1 Txd1+ 18. Lxd1 Sc3
Uups, der Läufer d1 hat ja gar kein Feld mehr! Ob sich Weiß auf den folgenden Zwischenzug verlassen hat?
19. Sd2 Ld3!
Tja, selbst wenn, es bleibt dabei, der Läufer hat im Grunde kein Feld! Oder besser gesagt: Wird er gerettet, geht eine andere der verbliebenen weißen Figuren flöten, wie aus folgenden netten Varianten hervorgeht:
a) 20. Lg4 f5 21. Lh3 (
21. Lf3 e5 22. Lg3 e4 und der Läufer f3 hat kein Feld mehr.) 21. ... e5 22. Lg3 f4! 23. exf4 exf4 24. Lxf4 (
24. Lh4 g5 und diesemal hat der andere Läufer kein Feld mehr.) 24. ... Se2+ nebst 25. ... Sxf4.
b) 20. Lf3 e5 21. Lg3 e4 22. Lg4 f5 23. Lh3 Se2+ 24. Kh1 Sxg3+ 25. hxg3 Lc3 und hier zeigt sich, dass auch der Springer d2 gefährdet ist, weil auch er kein Feld mehr hat.
Ein echter Hauptspaß, wie die schwarzen Steine alles im Griff haben. Smyslow gab übrigens nach Bronstein 19. Zug auf (0-1).
Wenn ich schrieb, dass diese Partie für den Ausgang des Turniers keine Bedeutung gehabt hätte, so stimmt das nur bedingt. Die Partie war Smyslows einzige Niederlage (8½ aus 14), so dass er hinter Jefim Geller (9½ aus 14) Zweiter wurde vor den punktgleichen David Bronstein, Robert Hübner und Vlastimil Hort (alle 8 aus 14). Hätte Smyslow die Partie gewonnen, hätte er auch mit Geller den Turniersieg geteilt. Andererseits hätte Bronstein nicht gewonnen, so wäre er nicht (geteilter) Dritter gewesen. Wie auch immer: Wenns und Abers zählen nicht. Die Partie ist ein hübsches Kleinod und ein geeignetes Lehrbeispiel für Figuren, die an Platzmangel leiden oder von des Gegners Figuren (und Bauern) dominiert werden. Ich hoffe, die Partie bereitet euch ein ähnliches Vergnügen wie mir.
LG von der Waterkant.