Ich zeige ein Spiel vom heutigen Tage. Ich war Weiß, die Zeit war 10m + 5s Increments.
1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Ich spiele auch Nimzo, also kein Grund, es mit Nf3 zu vermeiden.
3. - d5. Also ein abgelehntes Damengambit.
4. cd Normalerweise spiele ich 4. Lg5.
4. - Nxd5 Üblich ist Bauer schlägt d5, dann Lg5 usw.
5. e4 Auch Nf3 wird hier gespielt, e4 scheint mir aber der kritische Zug.
5. - Nf6. Der erste Zug, der mir anzeigt, dass ich mit einem "Nichtmeister" spiele. Nur 5. - Nxc3 ergibt Sinn mit Ähnlichkeit zum Grünfeld. Das Tempo ist wichtig. Es folgt dann für gewöhnlich 6. bc c5 7. Nf3 cd 8. cd Bb4+ und Schwarz erreicht Figurenabtausch.
6. e5 Wohl nicht der beste Zug. Oder? Dieser Typ Stellung ist manchmal knifflig. Weiß hat zweifellos gesunden Vorteil, es ist allerdings unklar, was der beste Zug ist. VIelleicht gibt es ja mehrere? In meiner Datenbank ist ein Spiel mit dieser Stellung, in der Weiß 6. Lc4 spielte. 6. Le3 scheint auch plausibel, ebenso 6. Nf3 Lb4 7. Ld3
6. - Nd5 Das beste.
7. Nxd5? Hab ich schon erwähnt, dass Eröffnungen nicht meine Stärke sind? 7. Nf3 war angezeigt. d4 ist potenziell schwach. Wieso ich die Dame nach d5 hole, ist mir unklar.
7. - Dxd5. Das Beste. Es ist gar nicht klar, ob Weiß überhaupt noch Vorteil hat. 7. - ed würde zwar den Lc8 befreien, allerdings wäre die Bstruktur für Weiß klar vorteilhaft. Auch wäre die Schwäche d4 verdeckt.
8. Ne2. Das einzige, das dem Rest etwas Sinn verleiht. Der S kommt mit Tempo nach c3.
8. - Le7? Ein Meister würde hier wohl Nc6 spielen. Man muss die Fehler des Gegners ausnützen, sonst werden aus Fehlern vorteilhafte Züge. Nc6 würde sofort Druck auf d4 ausüben und Nc3 verhindern.
9. Nc3 Dd8?! zu passiv. 9. - Da5 oder 9. - Lb4 waren besser - letztres ähnlich wie im Tschigorin-Damengambit. Eine Dame lässt man nicht rennen.
10. Dg4! Das Ausrufezeichen nur für die Aufmerksamkeit in beengter Zeit

Es schleicht sich gern mal ein Automatismus ein, etwa der der Figurenentwicklung. 10. Nf3 wäre schlechter, denn wiederum würde die konkrete Situation nicht ausgenutzt.
10. - g6 Die "Pointe"! Wir alle kennen 10. - 0-0 11. Lh6 mit Verlust der Qualität.
11. Lh6 typischer Zug, verhindert die Rochade. Schwarz hat schwarzfeldrige Schwächen am Königsflügel. Sein schwarzfeldriger Läufer hat viel an Wert gewonnen ...
11. - Nc6 Sicher nicht verkehrt. Hab auch 11. - Lf8 erwartet. Frage, die ich meinem potenziellen Spielpartner stellen würde: was spielt man hier als Weißer? Einfach abtauschen? Oder Lg5, und was wenn dann - Le7? Und falls 11. - Lf8 12. Lxf8, schlägt Schwarz dann besser mit dem Turm oder dem König? Mit Turm ließe ihm lange Rochade offen, mit König ggf. Kg7 und künstliche kurze Rochade? Bin mir unklar, wie ich nach ... Lf8 weitergegangen wäre. Jedenfalls muss Weiß klaren Vorteil haben, etwa im Wert eines Bauern.
12. Lb5 12. 0-0-0 oder 12. Td1 waren erwägenswert.
12. - Ld7 13. 0-0 a6 14. Ld3 Nicht das Beste, oder? Erstens ungedeckt, zweitens möglichem Nb4 ausgesetzt. Es waren 14. Lc4 oder 14. Le2 wahrscheinlich besser.
14. - Nb4 15. Tad1 Nach etwas Überlegung gespielt. Mancher kriegt hier graue
Haare bei diesem Zug. Einen hübschen Läufer für diesen platznotgeplagten Springer hergeben? Die Gründe waren folgende: erstens war ich nicht sicher, wie gut der L wirklich ist. Ich sah kein Opfer, jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Lb1 wäre zu passiv, weil es den Ta1 missachtet. Le4 würde wohl in Lc6 laufen, wonach ich ohnehin zum Abtausch mehr oder weniger genötigt wäre. Der wichtigere Grund war die Zeit: Schwarz nimmt sich eine Auszeit von zwei Zügen, um meinem L nachzujagen. Würde er ihn schlagen, wäre mein Turm geliftet, der sich dann ggf. nach h3 oder f3 oder später nach b3 schwingen kann. Alles zu kurzsichtig, ich glaube, ich hätte den L nochmal ziehen müssen bzw. mir diese Gedanken schon zuvor bei 14. Ld3 machen sollen. Das ist ein dritter Grund: ich wollte nicht eingestehen, dass 14. Ld3 schlecht war. Diese Haltung ist sehr amateurhaft, man muss Fehler eingestehen können.
15. - Lc6 Er hätte ihn fressen sollen. Zudem habe ich übersehen, dass meine Türme spießbereit stehen. Es gab also die forcierte Folge Sxd3 Txd3 Lb5 Sxb5 ab a3. Keine Ahnung, wie gut das ist, aber da forciert, hätte ich sie jedenfalls sehen müssen. Das tat ich zugegeben nicht.
16. Dh3 droht Lg7 nebst Frühstück auf h7. Ob das so stark ist, sei dahingestellt. Denn auch das kostet Zeit und deplatziert meine Figuren und gibt Schwarz Zeit, sich zu konsolidieren. Es wäre wohl besser gewesen, nicht auf Bauerngewinn, stattdessen auf Stellung zu spielen.
16. - Dd7 Gut! Schwarz gibt den Bauern und rochiert lang.
17. Lg7 Nun muss ich ja!
17. - Tg8 18. Dxh7 0-0-0 19. Lb1 nun will ich den L doch behalten, zudem d4 decken.
19. - Nd5 Es ist das geschehen, was ich befürchtet hatte. Weiß hat Mehrbauern und Schwarz einige Kompensation: Druck gegen d4, ein starkes Feld d5, die lange weiße Diagonale, dh den besseren L bzw. beide L sind besser, meine Figuren sind deplatziert und ich habe Probleme, den Knäuel zu lösen, da meine Dame an den Lg7 gebunden ist.
20. Dh6 ermöglicht irgendwann Lf6 zu spielen nebst Flucht der Dame. Das wäre vorher nicht möglich, denn nach Lf6 Lxf6 Bxf6 ist meine Dame nach Th8 nebst Tg8 gefangen.
20. - De8 unnötig.
21. Ne4 nimmt schwarzfeldrige Schwächen ins Visier, insbesondere das Feld f6.
21. - Td7 Keine Ahnung, was er will. Will er doppeln mit dem Kopf nach vorn (erst Turm, dann Dame)?
22. Tc1 Ich glaube, meine Türme gehören nach c1 und d1. Manchmal würde ich opfern wollen den Turm gegen den Lc6.
22. - Dd8 also wie erwartet, Doppelung auf der d-Linie.
23. a3 Nb6 24. Nf6 Bxf6 25. Bxf6 De8 26. Tfd1 Bd5 Der Lf6 ist inzwischen eine Pest, denn Schwarz kann nicht doppeln und d4 angreifen. Deshalb sah 26. - Nd5 besser aus, ggf. auch 26. - Ba4, um meine Koordination zu stören.
27. De3 zentralisiert die missplatzierte Dame.
27. - c6 28. Dc3 Tc7 29. Db4 Nd7 30. Lg5 ein bisschen Rumgeschiebe. Würde gern irgendwann am Dflügel angreifen. Mein schwarzfeldriger L musste erhalten bleiben, deshalb 29. Lg5.
30. - Th8 31. f3 schließt die Diagonale. Bei einem Spiel mit 10m + 5s Increments spielt man solche Züge, wenn einem nichts besseres einfällt. Züge, die was strategisches bewirken, ohne allzu viel zu verändern oder Taktiken heraufbeschwören bzw. irgendwas einstellen. 30. f3 ist sicher und hat guten Nutzen.
31. - Th5 Gut
32. Lf4 überdeckt h2.
32. - Dh8 33. Ld3 Bringt den L zurück ins Spiel. Sah nichts Besseres. Gelegentlich könnte er sich auf a6 opfern.
33. - Nb8 ist da jemand nervös? Will er etwa a6 überdecken? Unnötig, zumindest im Augenblick.
34. a4 Eine Alternative war 34. Kh1 nebst Kg1, Kh1 und Kg1. Aber irgendwas muss ich tun. a4 b4 b5 war meine Idee, ggf auch a5, um Schwarz' Damenflügel festzufrieren, letztres wohl unnötig, da Schwarz ohnehin wenig Interesse hat, Bauern am Dflügen zu pushen.
34. - De8 Im Spiel war mir nicht klar, was er vor hat. Schwarz nimmt sich wieder eine Auszeit, da er wieder festgestellt hat, dass er den ***** nach vorn gereckt hat statt den Kopf. Lustig. Man sieht gleich, was er vor hat.
35. a5 Th8 36. Dd2 De7 Inzwischen wird's offenkundig, oder?
37. b4 Irgendwie komisches Spiel von Weiß. Andrerseits, wenn jemand an einer Seite so beengt steht wie Schwarz am Damenflügel, dann sind Figurenopfer hoch wahrscheinlich. Irgendwas wird sich da schon tun, obwohl es auf den ersten Blick so aussieht, als nähme Weiß jedes Potenzial für einen Angriff (gestützt auf Bauernsturm) am Damenflügel, denn b4-b5 nebst Linienöffnung scheint nicht mehr möglich.
37. - Kd7 unnötig.
38. Lg5 De8 Da will sie nicht sein, oder?
39. Dc3 Th5
Keine Ahnung, ob der Kommentar hier am besten passt oder wo sonst, aber Schwarz spielt zu kurzsichtig. Zugegeben, ich spiel auch kurzsichtig. Ich sehe eine Stellung und suche nach dem besten Zug. Dabei plane ich aber Zukünftiges ein, nicht notwendig viele Varianten, aber abstrakte Merkmale der Stellung. Schwarz schiebt seine Figuren auf der h-Linie hin und her in der Hoffnung, ich zöge einmal Ld2 und erlaubte Dxh2+. Er sollte sich damit auseinandersetzen, dass mein Lf4 das Feld h2 sicher deckt und vielleicht damit abfinden, dass auf der h-Linie im Moment kein Spiel möglich ist. Vielleicht hätte er unter Inkaufnahme von Schwächen (wie e6) den Zug ...f6 spielen sollen, um meine schwarzfeldrige Dominanz am Kflügel zu brechen und ggf. Spiel dort zu erreichen. (ggf. im Zug 31. - Df8 mit der Idee ...f6)
40. Lf4 De7 41. Dc5 Hmm?! Weiß steht in jedem Endspiel auf Gewinn. Also, wieso nicht? Gibt aber sicher bessere Wege.
41. - g5 Wir haben noch jeweils etwa 1 Minute.
42. Dxe7 In Ermangelung von Zeit und Alternativen tue ich das Augenfällige und tausche in ein Endspiel ab, das für Weiß gewonnen sein muss.
42. - Kxe7 43. Lg3 Hier gab es eine kleine Taktik, nämlich g4 (vertreibt den verteidigenden Turm) nebst Lxg5+. Was soll's?
43. - f6?? Mir würde die Hand absterben, bevor ich so was ziehen könnte! Nicht mal im Bullett würde mir das passieren. Demnach schwer zu erklären...
44. exf6+ Kxf6 45. Lxc7 Ups?