Sicherlich ist es richtig,
erstmal alles ein ganz klein bißchen kennenzulernen. Man sollte schon Benoni und Stonewall auseinanderhalten können, auch wenn man beides mit keiner Farbe spielt. Dazu reicht es natürlich, mal irgendeine EÖ-Übersicht halbwegs gründlich durchgeblättert zu haben. Wenn man in einer (Vereins-) Mannschaft spielt, sollte man auch den Partien an den anderen Brettern bißchen Aufmerksamkeit gönnen, da kommt man auch auf Ideen!
Schwieriger wird es schon, wenn man sich die Eröffnungen/Strukturen dann etwas genauer ansehen und auch ausprobieren will - als Normalsterblicher hat man keine Zeit, dies sowohl sehr breit als auch sehr tief zu machen.
Ich würde einen
Mittelweg empfehlen: sich auf einige wenige Strukturen zu spezialisieren und dabei absolute Einseitigkeit zu vermeiden.
Also bitte nicht KIA mit Weiß und KID/Pirc/Drachen mit Schwarz; oder Reti/Englisch mit Weiß und Beschl.Drachen/Benoni mit Schwarz; oder Stonewall mit Weiß und Schwarz; oder London/Torre mit Weiß und Slawisch/Skandinavisch/C-K mit Schwarz (letzteres habe ich so mal eine Zeit lang gespielt und war auch halbwegs erfolgreich damit - nach einem Jahr merkte ich aber, daß ich keinen "kreativen Input" mehr hatte!).
Wenn man jetzt mal die Anzahl aller gängigen und typischen Strukturen (der Eröffnungen, des frühen Mittelspiels) etwas willkürlich auf 30 festsetzt, dann sollte man vielleicht so 4-8 lernen. Sobald die halbwegs verinnerlicht sind (und das dauert 2-8 Jahre), kann man einen Teil davon ablegen und sich etwas Neuem zuwenden, vorher nicht!
Zu beachten ist dabei:
- Wie ich in vielen Posts schon zum Ausdruck zu bringen versucht habe, sind die
verschiedenen Strukturen nicht immer "logisch gleichwertig", sondern stehen teilweise in einem schachhistorischen/genetischen/lerntheoretischen Abhängigkeits-Verhältnis! Manche (Vollzentrum, kleines Zentrum, französische Bauernkette, Damengambit-Isolani) sind relativ elementar, andere komplizierter (Sprungformation, Vollbenoni, Stonewall), andere noch komplizierter (Igel, Halb-Benoni, Botwinnik). Entsprechend sollte man den zweiten Schritt nicht vor dem ersten machen!
Für mich selber habe ich entschieden, auf Igel-, Benoni- und Botwinnik-Strukturen vorläufig ganz zu verzichten - falls ich nochmal 300 Elos zulege, gucke ich mir das dann als GM an, vorher nicht.
- die
optische Ähnlichkeit vermeintlich ähnlicher Systeme täuscht oft, man sollte sie nicht überschätzen! - Ich hatte schon geschriben, daß Spanisch-Breyer dem Königsinder wohl ähnlicher ist als Pirc. Je länger ich Slawisch und Caro-Kann spiele, desto größer erscheint mir der Unterschied zwischen ihnen. Und Französisch-Winawer und Stonewall scheint mir geradezu fundamental verschieden, obwohl beides weißfeldrig ist und 1.d4 e6 sehr praktisch für holländisch-Spieler.
- Eine etwas kompliziertere These ist, daß ähnliche Schema eher dazu geeignet sind, mit Schwarz solide Verteidigungs-/Auffang-Stellungen zu erreichen. Und daß man
mit Weiß flexibler sein muß, wenn man den Anzugsvorteil festhalten will. [Ich will keinesfalls propagieren, mit Schwarz grundsätzlich auf Remis zu klammern, aber es dürfte allgemeiner Konsens sein, daß mit Weiß das Streben nach Vorteil größer ist als mit Schwarz].
Ich will diesen Gedanken, den ich in Comas´ "True Lies" aufgeschnappt habe, nicht allzu tief ausführen, aber der Grundgedanke ist, daß (sobald das Niveau einfacher Fehler und postwendender taktischer Bestrafung überschritten ist) der Verteidiger sich auf das Halten der eigenen starken Punkte sowie auf Gegenangriffe auf die schwachen Punkte des Gegners beschränken kann; daß der Angreifer aber nicht nur die schwachen Punkte des Verteidigers sondern (gegen gute Verteidigung!) auch die starken Punkte des Verteidigers angreifen muß!! Daraus folgt leicht, daß der Verteidiger sich etwas schematischer aufbauen darf.
tracke

PS: Der letzte Punkt ist natürlich auch für die Beurteilung farbvertauschter Eröffnungen interessant: aus einem System, das strukturell nur die schwachen Punkten des Gegners beäugt und die starken in Ruhe lässt, kann mit nur einem Mehrtempo kaum etwas werden, das die schwachen UND die starken Punkte des Gegners angreift!