Seeeehr schöner Artikel, Kresh ! Hoffentlich folgt noch viel mehr davon !

Manche Aussage gilt aber vielleicht nicht ganz so absolut/kategorisch wie Du es formuliert hast?!
Ich würde eher davon sprechen, daß das Aufgeben der Zentrumsspannung durch Bauerntausch tendenziell und meistens einen kleinen strategischen Nachteil darstellt - daß aber jede Stellung konkret zu bewerten ist!
Der Tauschende erhofft sich davon ja nämlich meist einen anderen strategischen Vorteil [es sei denn, daß der abtauschende Bauer sonst taktisch nicht mehr zufriedenstellend verteidigt werden kann wie z.B. in Spanisch-Steinitz (schwarzer Be5) oder in Französisch (weißer Be4)]. Jener andere strategische Vorteil, für den das Aufgeben der Zentrumsspannung aber zumindest überlegenswert sein kann, ist für Weiß und Schwarz aber prinzipiell unterschiedlich (wenn man jetzt mal farbvertauschte Systeme außer Acht läßt):
Für Weiß kann ein Zentrumsbauern-Abtausch
Linienöffnung (z.B. C-K-Panow: e4xd5) oder
Entwicklungsvorsprung (z.B. Deine Damentausch+Rochadeverlust-Variante), ein Vorrücken
Raumvorteil nebst Einengung des Gegners (z.B. Französisch: e4-e5; Königsindisch/Benoni: d4-d5) oder
Festlegung eines gegnerischen Bauern als rückständig) bedeuten.
Für Schwarz kann ein Abtausch
taktische Entlastung (siehe Spanisch-Steinitz) oder überhaupt die
Ermöglichung der weiteren Entwicklung (ohne ...Lc8-f5/g4 vor ...e6 macht Caro-Kann meist wenig Sinn) bedeuten.
Dies alles gilt übrigens vor allem (wenn nicht sogar ausschließlich) in den klassischen Eröffnungen, in denen Schwarz tendenziell erstmal auf Ausgleich spielt und dazu oft eine
Strongpoint-Strategie anwendet. Eine Strategie also, in der ein starker Zentrumsstützpunkt (e5: Spanisch-Steinitz, Geschl.Spanisch, Philidor, Lc5-Königsgambit, De7-Italienisch, Pirc?!, Altindisch, Königsindisch,...; d5: Französisch, Caro-Kann?!, Abgel. DG, ...a6-Slawisch) errichtet wird, um dann die übrige Entwicklung im Rücken diese Strongpoints bzw. um ihn herum (etwa ...Lc5 zu e5-SP, ...Lf5 zu d5-SP) abzuschließen.
Vielleicht kann man sogar (das habe ich jetzt nicht lange in letzter Konsequenz durchdacht, ich schreibe mal drauflos ...)
alle klassischen schwarzen Verteidigungen gegen ambitioniertes weißes Spiel (wie immer man diese abgrenzt, dürfte aber ungefähr klar sein)
in zwei Gruppen unterteilen:
1) In die, wo eine Strongpoint-Strategie sehr lange (~8-20 Züge?!) durchgezogen wird (also z.B. Spanisch-Tschigorin/Breyer, Philidor-Hanham, Klassisches Französisch, Orthodoxes DG, usw.), und
2) in jene, wo zwar mit einer Strongpoint-Strategie bezüglich e5 oder d5 begonnen wird, wo aber aufgrund spezifischer Verhältnisse Theorie&Praxis die frühzeitige
Zentrumsliquidierung (Zug 3-8 ?!) durch Bauerntausch empfehlen bzw. für spielbar halten (also: Caro-Kann-HV, Französisch-Rubinstein/Burn, DG-Capablanca/ Lasker,usw.) Solch eine Liquidierung führt meist zu einer
Sprungstellung (Kmoch; d.h. die verbliebenen Zentrumsbauern stehen sich so gegenüber, wie der Springer zieht: z.B.: wBd4-sBe6). Auch durch indirekten Abtausch durch Springer kann liquidiert werden (Russisch, Zweispringerspiel, Offener Spanier)und modern sogar um eine Reihe verrückt (Aljechin:d6xe5 statt d5xe4).
An den Beispielen merkt man vielleicht schon, daß die "
Hardcore-Strongpoint-Systeme" (mein Neologismus?!) typischerweise "statisch", "schwerblütig", äußerst solide, strategisch konsequent und verständlich, (gerade für Anfänger) aber nicht leicht zu spielen sind, weil Schwarz sich in ihnen lange gedulden muß (bis 15.-25. Zug), bis (vielleicht!?) sein Gegenspiel langsam in Fahrt kommt. Entsprechend sind die (durch nicht allzu späten Bauerntausch gekennzeichneten) "
Softcore-Strongpoint-Systeme" in ihrem meist halboffenen Stellungstyp einfacher zu durchschauen und leichter verständlich; der leichte Raumnachteil wird oft durch problemlosere Entwicklung zumindest teilweise kompensiert und fällt nach weitere Abtäuschen meist gar nicht ins Gewicht. Irgendwann auf dem Weg nach oben kommt aber der Punkt, wo Weißspieler dann mit diesem leichten Raumvorteil wie z.B. in Franz.-Rubinstein wirklich was anzufangen wissen! Oder zumindest kaum noch verlieren. Für normale Schächer wie uns mag es egal sein, aber in den GM-Höhen mit deren Technik sind diese Systeme wohl tendenziell Ausgleichs-Systeme und wenig zum bedingungslosen Auf-Gewinn-Spielen geeignet.
Und dann gibt es natürlich noch modernere Spielweisen (oder modernere Zugfolgen!), ich wage mal drei weitere Typen zu unterscheiden:
3) In der einen wird das Zentrum nicht sofort in den ersten (drei-fünf?!) Zügen besetzt, dann aber (unterstützt durch Figuren und unter Ausnutzung der Tatsache, daß Weiß sich nicht von Zug 2 an auf den schwarzen Strongpoint hinorientieren konnte) ein Strongpoint gebildet. Beispiele dafür wären Pirc- oder Königsindisch-Systeme mit ...e7-e5 bzw. Nimzo-/Damenindisch-Varianten mit ...d7-d5.
4) In einem anderen Typ (z.B. Sizilianisch mit ...e5: Boleslawski, Najdorf, Sweschnikow, Kalaschnikow) wird der Strongpoint erst gebildet, wenn der weiße d-Bauer als "natürlicher Feind #1" schon beseitigt ist. (Ebenso wird in der Reti-Eröffnung d5 durch c4 angegriffen und günstigenfalls beseitigt).
5) Im letzten(?) Typ wird von vornherein und eventuell auch "mittellangfristig" auf einen Zentrumsbauern verzichtet (etwa Skandinavisch, Grünfeld-Abtausch, Tschigorin ?!). Hier gibt es häufig konkrete (Haupt-)Varianten, wo das Figurenspiel auf 1-2 halboffenen Linien überwiegt (und das Spiel entscheidet),
meist ist es aber so- wie Kresh richtig ausführte - daß "langlangfristig" auf jeden Fall eine Besetzung des Zentrums durch Bauern geplant ist.
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Jetzt sind mir mal wieder die Finger mit der Tastatur durchgebrannt, eigentlich wollte ich nur etwa 10-15 Zeilen schreiben ...
Auf jeden Fall sieht man wohl, daß man ein ganzes Eröffnungs-Strategie-Spektrum aufspannen kann, wenn man das Ziel der Zentrumskontrolle durch Zentrumsbauern mal durch die Frage der Aufrechterhaltung/Aufgabe der Zentrumsspannung dividiert.
Noch ein paar kurze konkrete Einlassungen/Anregungen:
- Es gibt auch andere gute Fortsetzungen für Weiß gegen Steinitz, ich liebe allerdings ebenfalls diese Dd3-Aufbauten; dabei bevorzuge ich jedoch die Reihenfolge 4...Ld7 5.Lxc6 Lxc6 6.Sc3 (Sf6 7.Dd3), um den zusätzlichen Springertausch auf d4 zu vermeiden; dürfte aber theoretisch fast gleichwertig sein.
- Ohne mannigfaltige Details ausbreiten zu wollen - Französisch-Rubinstein/Burn wäre vielleicht ein besseres Beispiel als Caro-Kann gewesen?! Bei C-K ist die Entwicklung des Lc8 als schwarze Motivation für ...dxe4 doch ziemlich einleuchtend, im Franzosen fehlt das. (Obwohl ich nicht behaupten will oder zumindest nicht "beweisen" kann, daß F-R/B spürbar schlechter als C-K ist)
- Ein Musterbeispiel (hoffentlich greife ich Dir jetzt nicht vor?!) ist natürlich Spanisch als solches bzw. die Hauptvarianten mit weißem La4+0-0+Te1+c3+d4: Falls Schwarz dann auf d4 tauscht, hat Weiß nicht nur Raumvorteil, sondern statt eines halbwegs aktiven aber auch angreifbaren Sd4 sogar ein Vollzentrum d4+e4 !
- Für Weiß kann man ableiten (und daß stimmt "vermutlich" auch), daß 3.Sc3/3.Sd2 eben die "stärksten" Züge gegen Französisch/Caro-Kann sind und "besser" als 3.e5/3.exd5. Genauso wie bei Dir dxe5 gegen Königsindisch/Altindisch/Englisch/Pirc/Philidor/(Spanisch) harmlos bis nachteilig war!
- Einen praktischen (und dem theoretischen entgegengesetzten) Schluß (der von vielen Amateuren eben übersteigert wird) sollte man aber auch erwähnen:
Wer die Zentrumsspannung aufrechterhält, gibt seinem Gegner mehr Möglichkeiten!! Mehr Möglichkeiten fehlzutreten, aber auch mehr Möglichkeiten, den Spielverlauf selbst zu gestalten. Und muß folglich selbst mehr Varianten berechnen (bzw. eröffnungstheoretisch vorbereiten), um für alle Fälle gerüstet zu sein: der Gegner tauscht oder läßt die Spannung bestehen oder zieht vor (was ggf. ja auch möglich ist).
- Ausgezeichnetes Material findet man übrigens in den Büchern von John Watson "Secrets of Modern Chess Strategy" und "Chess Strategy in Action" unter dem Stichwort/Kapitel "Surrender of the Centre". Die Texte sind jedoch nicht unbedingt für Anfänger geeignet - man sollte erstmal klassisch mit möglichst wenig Zentrumsaufgabe zu spielen lernen, bevor man sich mit modernen
Ausnahmen(!) befaßt.
- Zum (vorläufigen) Schluß sei mir erlaubt, auf einen alten Thread bzw. darin enthaltene Posts von mir hinzuweisen: in
http://www.schachmatt.de/13500-post24.html hatte ich ein bißchen für
1.e4 e5! als gute Eröffnung für jederman geworben und geschildert, wie man dort (4) strategisch ganz unterschiedliche Schwarzrepertoires aufbauen kann: wer dort nachliest, findet vielleicht etliche hier oben aufgeführte Gedanken zu Zentrumsspannung/ Liquidierung/ Strongpoint-Systemen wieder.
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Sorry, Kresh, ich wollte Dir weder inhaltlich vorgreifen noch die Diskussion in eine bestimmte (von Dir vielleicht ungewünschte?!) Richtung lenken.
Aber wir sind halt ein freies und offenes Forum. Falls Du derlei Einlassungen (erstmal) nicht wünscht, schreib es ruhig [Bei KingOfComments Fragen-Thread z.B. halte ich mich auch (vorläufig) bewußt raus, obwohl es mich manchmal in den Fingern juckt ...] So gut wie Du mit den Diagrammen kann ich das auch gar nicht!
tracke

PS: Das Reti-Beispiel erinnerte mich daran, daß es natürlich auch Strongpoint-Verteidigungen gegen nichtklassische weiße Spielanfänge gibt, also z.B. die New-Yorker-/Capablanca-/Londoner-/Lasker-Systeme (c6-d5-e6-Lf5/g4) gegen Reti. Aber wie ich oben schon sagte, sollte man in einer prinzipiellen theoretischen Betrachtung (aber auch in seiner Anfänger-Spielpraxis!!) farbvertauschte Systeme erstmal ausschließen.