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Eröffnungen lernen - ab wann?
Hallo Keaton,
hab erst jetzt beim Stöbern deine Frage gefunden...
Also: So etwas, was du suchst, gibt es natürlich. Es ist aber nicht immer von guter Qualität. Außerdem erhebt sich tatsächlich die Frage, ob du das jetzt schon brauchst, wenn du - wie du selbst sagst - nur ab und zu gegen zwei, drei Freunde gelegentlich spielst. In diesem Sinne reicht es m.E. aus, die 10 goldenen Eröffnungsregeln zu verstehen und zu verinnerlichen. Falls du die nicht kennst, liste ich sie dir hier mal auf:
1. Besetze mit mindestens einem Bauern das Zentrum.
2. Entwickle deine Figuren (vermeide zu viele Bauernzüge in der Eröffnung)
3. Entwickle den Springer vor dem Läufer
4. Behindere bei deiner Entwicklung der Streitkräfte nicht die eigenen weiteren Möglichkeiten, sondern schränke vielmehr deinen Gegner in seinen Möglichkeiten ein
5. Ziehe nicht ohne Zwang oder gar planlos mit einer bereits entwickelten Figur herum
6. Vermeide Randbauernzüge
7. Bringe deine Dame nicht zu früh ins Spiel
8. Gehe in der Eröffnungsphase nicht auf Bauernjagd
9. Rochiere und verbinde so deine Türme
10. Zentralisiere deine Figuren und stell dich generell so auf, dass du einen konkreten Plan verfolgst (spiele von Anfang an planvoll)
Selbstverständlich sind diese goldenen Regeln nur grobe Richtlinien und eher Ratschläge als Gesetze. Genau so selbstverständlich wirst du Eröffnungen finden, in denen eine oder gleich mehrere dieser Regeln verletzt werden, ohne dass der "Frevler" sofort dafür bestraft wird (sprich: die Partie verliert). Aber um sich mit den Ausnahmen von Regeln befassen zu können, sollte man die Regeln zuerst verstanden und verinnerlicht haben, denn nur dann wird man auch erkennen können, warum eine solche Regel zwar prinzipiell gültig ist, aber nicht als Dogma gelten kann.
Nimm in diesem Zusammenhang zum Beispiel gleich die erste der goldenen Eröffnungsregeln: Besetze mit einem Bauern das Zentrum!
Das bedeutet im Grunde: Ziehe 1. e2-e4 oder 1. d2-d4.
Warum gibt es diese Regel? Nun, vordergründig ist natürlich sofort zu erkennen, dass ein Zug wie beispielsweise 1. e2-e4 gleich zwei Schrägen öffnet, so dass der Läufer f1 und die Dame d1 nun hinausziehen können. Im Sinne einer weiteren Mobilisierung deiner Streitkräfte ist das augenscheinlich günstig! Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Besetzung des Zentrums gut ist. Um das besser verstehen zu können, schauen wir uns doch einmal die Wirkung von einer Figur auf einem ansonsten leeren Brett an. Stell einen Läufer auf das Eckfeld h1. Wie viele Felder kontrolliert er? Eben, nur sieben! Rückst du ihn ein Feld weiter zur Mitte hin (nach g2), so sind es schon neun Felder, die dieser Läufer kontrolliert. Auf f3 erreicht der Läufer elf Felder und wenn er auf e4 (also im Zentrum) steht, dann beherrscht der Läufer 13 Felder. Du kannst also festhalten, dass ein Läufer immer mehr Felder kontrolliert (und dadurch in seiner Wirkung stärker wird), je näher er ins Zentrum rückt. Auch für die Dame lässt sich Analoges aussagen: Auf h1 kontrolliert sie 21 Felder, auf g2 23, auf f3 25 und auf e4 27. Auch eine Dame wird um so wirkungsvoller, je näher sie dem Zentrum kommt. Schauen wir uns den Springer an. Ein Springer auf h1 kontrolliert zwei Felder, auf g1 drei Felder, auf g2 vier, auf f2 sechs, auf f3 acht und auf e4 auch acht. Aber im Hinblick auf seine Mobilität ist ein Springer auf e4 stärker postiert als ein Springer auf f3, weil er von e4 aus gleichermaßen vier Felder des Damenflügels und vier Felder des Königsflügels erreicht, während er von f3 aus nur zwei Felder des Damenflügels (und sechs Felder des Königsflügels) betreten kann.
Ein Turm kontrolliert dagegen von jedem Feld aus immer gleichmäßig 14 Felder. Er wird also nicht stärker, wenn er dem Zentrum näher rückt. Aber die Türme spielen in der Eröffnung aufgrund ihrer etwas exponierten Lage zu Beginn einer Partie auch nicht so die Rolle, oder anders gesagt: Ein Turm kommt am Anfang nicht so leicht ins Zentrum, was aber auch nicht schlimm ist, weil er dort ohnehin nicht stärker würde! Ähnliches lässt sich auch für den König feststellen. Er gehört ebenfalls zu Beginn einer Partie nicht in die Brettmitte, zumal er dort nicht wirkungsvoller wäre als beispielsweise auf e2... (im Endspiel sieht die Sache dann völlig anders aus!). Zusammenfassend kannst du also sagen, dass sowohl der Läufer als auch der Springer (und die Dame) um so mächtiger werden, je näher sie dem Zentrum kommen. Im Zentrum postiert, sind sie dann am wirkungsvollsten. Es liegt also in deinem Interesse, wenn du von Anfang an versuchst, deinen Gegner daran zu hindern, eine Figur im Zentrum platzieren zu können, nicht wahr? Darum ist es gut, wenn du einen Bauern im Zentrum postierst, denn ein Bauer e4 bewacht beispielsweise das Zentrumsfeld d5 und das erweiterte Zentrumsfeld f5, so dass Schwarz dort im Moment keine eigene Figur hinstellen kann, ohne Gefahr zu laufen, diese Figur zu verlieren.
Nun könnte man noch einwenden, dass 1. e2-e3 in diesem Sinne doch einen vergleichbaren Effekt erzielen würde, warum also soll der Bauer auf das Zentrumsfeld e4?! Nun, auch dafür gibt es Gründe. Am einleuchtendsten ist der Grund, dass ein Bauer auf e3 den eigenen Läufer c1 in seinen Entwicklungsmöglichkeiten ziemlich beschneiden würde, wenn erst einmal der d-Bauer gezogen worden ist (der Läufer könnte nur nach d2 gehen). Und die goldene Eröffnungsregel Nr. 4 besagt ja gerade, dass man bei der Mobilisierung der eigenen Steine gerade nicht so verfahren soll, dass man die weiteren eigenen Möglichkeiten beschränkt. Ein anderer Grund ist jedoch auch, dass Schwarz die Zentrumsfelder d5 und e5 im eigenen Lager nach wie vor besetzen könnte, während das nun bewachte Feld d4 ohnehin schwerer besetzbar ist, wenn Weiß noch zu d2-d4 greift. Noch deutlicher wird das, wenn du statt 1. e2-e4 den Zug 1. d2-d4 entsprechend analysierst. Hier stehen dem Schwarzen höchstens noch die Zentrumsfelder d5 und e4 zur Verfügung, während nach 1. d2-d3 zwar das Feld e4 streitig gemacht würde, aber neben den nun zugänglichen Feldern d5 und e5 auch noch das d4 hinzu käme. Du siehst, hinter einem einzelnen Zug stehen eine Vielzahl elementarer Wirkungsbedeutungen. Manche sind unmittelbar einsichtig, andere versteckter. Manche sind vorteilhaft, andere nachteilig, wieder andere sowohl als auch. Manche wirken sich sofort aus, andere erst später oder gar nicht. Spontan fallen mir zum Beispiel zum Zug 1. e2-e4 folgende Wirkelemente ein:
• Öffnung der Schrägen f1-a6 bzw. d1-h5 und dadurch Entwicklungsmöglichkeiten für den Läufer f1 und die Dame d1
• Bewachung des Zentrumsfeldes d5 und des Halbzentrumsfeldes f5 und somit Einschränkung der gegnerischen Figuren
• der Bauer e4 ist ungedeckt und somit angreifbar
• den Feldern d3 und f3 wird auf einen Schlag je eine Überdeckung genommen
• das Feld e2 wird geräumt und kann nun von Figuren besetzt werden
• das Feld e4 wird für eigene Figuren blockiert
• die e-Linie wird "verlängert", so dass ein Raumgewinn erzielt wird
• die vierte Reihe wird verstellt (ein Schwenk à la Dd1-g4-a4 oder Dd1-a4-h4 ist zur Zeit nicht möglich)
• die Schrägen a8-h1 und b1-h7 werden verstellt
Wie auch immer, du hast gesehen, es gibt gute Gründe, warum die erste goldene Eröffnungsregel einmal formuliert wurde. Genau so stecken hinter den anderen Regeln ähnliche Erkenntnisse und empirische Erfahrungen. Und für einen Hobbyspieler ist es bestimmt sinnvoll, diese Prinzipien zu kennen, zu verstehen, zu verinnerlichen und zu beherzigen. Und wenn du dann all das drauf hast, kannst du dich auch mit differenzierteren Betrachtungsweisen beschäftigen. Dann wirst du besser verstehen, was die sogenannten Hypermodernen im Sinn hatten, als sie so merkwürdige Eröffnungen wie 1. Sg1-f3 nebst g2-g3, Lf1-g2 und c2-c4 (Reti-System) kreierten. Sie leugneten nämlich keineswegs die Bedeutung des Zentrums, aber sie bestritten, dass das Zentrum mit eigenen Bauern besetzt und kontrolliert werden müsse. Sie gingen vielmehr davon aus, dass die Kontrolle des Zentrums wichtig sei, aber dabei spielte es nur eine untergeordnete Rolle, ob die Beherrschung durch Bauern oder Figuren erreicht würde. Das ging dann sogar soweit, dass einer dieser Neuerer (G. Breyer) einmal formulierte: "Nach 1. e4 liegt das weiße Spiel in den letzten Zügen!" Die dynamische Schachschule erweiterte die ganzen Ideen noch um das dynamische Moment und die Erkenntnis, dass eine Schwächung der Bauernstruktur nur dann eine echte Schwäche darstellt, wenn der Gegner sie auch angreifen kann. Aber das steht auf einem anderen Blatt der (Schach-)Geschichte.
Um aber noch einmal auf deine sonstige Frage zurück zu kommen... Solche Quellen, wie du sie suchst, in denen dir die Idee, die strategischen Pläne usw. erläutert werden, gibt es natürlich. Ein in diesem Sinne wirklich seeehr empfehlenswertes Buch ist zum Beispiel: Kindermann, S.: »Leningrader System - Eine Waffe gegen 1. d4« Chessgate, 2002. In diesem Buch über das Lengrader System der Holländischen Verteidigung wird genau das angeboten, was du suchst (und noch dazu in hoher Qualität): Neben einer Einführung und einem historischen Rückblick findest du typische Stellungen mit einer Erklärung der taktisch-strategischen Motive und dann einen Theorieteil anhand von exemplarischen Beispielpartien. Dieses Buch kann ich wirklich wärmstens empfehlen. Daneben gibt es auch noch andere Bücher wie zum Beispiel die Reihen "Wie spielt man..." oder "[Eröffnung XY] - richtig gespielt" von verschiedenen Autoren. Diese Bücher sind nicht ganz so niveauvoll wie das Werk von Kindermann, aber für einen Hobbyspieler wohl durchaus zu gebrauchen (auch wenn die Qualität auch innerhalb der jeweiligen Reihe schwankt). Daneben gibt es heutzutage auch Eröffnungs-DVDs - ebenfalls unterschiedlicher Qualität, auf denen ein Meister Ideen, Motive und Varianten zu verschiedensten Eröffnungen erläutert. Nun sind die Tage meiner eröffnungstheoretischen Suche und Schulung weitestgehend hinter mir. Mein Eröffnungsrepertoire ist im Grunde erstellt und wird höchstens hier und da durch etwas Bizarres erweitert. Darum bin ich nicht mehr wirklich up-to-date, wenn es um derartiges geht. Aber dafür kann ich dir sagen, wie du prinzipiell vorgehen solltest:
1. Triff eine Vorauswahl von dich interessierenden Eröffnungen (bzw. Varianten)
2. Spiele möglichst viele (und vorzugsweise kommentierte) Meisterpartien zum Thema nach
3. Lerne typische Manöver, taktische Ideen und strategische Pläne (kennen)
4. Prüfe, ob du dich in den entstehenden Stellungsbeldern (auch in resultierenden Mittelspiel- oder Endspielstellungen) wohl fühlst und auskennst
5. Eigne dir erst jetzt wichtige Varianten an (gibt es beispielsweise direkte Widerlegungsversuche oder scharfe, taktische Vorgehensweisen gegen die von dir erwählte Variante; suche Varianten, in denen du flexibel reagieren kannst, aber deinen Gegner möglichst stark beschränkst...)
6. Probiere die Eröffnungen aus (spielen, spielen, spielen...; zur Not auch gegen Schachcomputer oder -programme oder in entsprechenden Internetforen)
7. Fertige eine Statistik an und werte sie aus (Ergebnisse mit der Eröffnung; objektive Stellungsbeurteilung ausgangs der Eröffnungsphase; Behandlung der resultierenden Mittel- und Endspiele; Erweiterungs- und Ausbaumöglichkeiten bei günstigen Varianten, Reparaturmöglichkeiten ungünstiger Abspiele...)
8. Schlussbeurteilung: Festigung und Ausbau guter und passender Eröffnungen; Fallenlassen (zwar möglicherweise interessanter, aber eventuell) zu komplizierter oder unverständlicher Varianten (Eröffnungen)
Und was die Eröffnungen selbst angeht, so rate ich dir: Probier ruhig alles mal aus, aber wenns ums Eingemachte geht (also um das Erlernen einer speziellen Eröffnung), so gilt: Weniger ist mehr! Wenn du noch nicht weißt, was dir liegt, arbeite dein Kinderbuch (oder sonst ein allgemeines Eröffnungsbuch) durch und probiere aus, was dir gefällt. Studiere nebenher (kommentierte) Meisterpartien zum Thema und mach dich mit den allgemeinen Stellungen vertraut. Prüfe, ob dir gefällt, was du siehst, spielst und erlebst (durchlebst).
Und wenn du dann denkst, dies oder jenes liegt dir, dann werde konkreter. Leg dich anfangs auf einen der Hauptzüge fest: 1. e4 oder 1. d4. Das hängt davon ab, was du für Stellungen bevorzugst. Wenn du es eher taktisch magst, rate ich zu 1. e4. Wenn du es lieber ruhiger möchtest, dann spiele 1. d4 (oder sogar 1. c4). Wenn dich 1. e4 interessiert, dann schlage ich dir gegen die Antwort 1. ... e5 (offene Spiele) Schottisch (schottisches Vierspringerspiel: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Sc3 Sc6 4. d4) oder das Schottische Gambit (1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. d4 exd4 4. Lc4) vor. Natürlich benötigst du im Falle von 1. e4 auch etwas gegen die sogenannten halboffenen Systeme, also Sizilianisch (1. e4 c5), Caro-Kann (1. e4 c6), Pirc (1. e4 d6), Französisch (1. e4 e6) und Aljechin-Verteidigung (1. e4 Sf6). Es gibt noch mehr Halboffenes, aber das ist eher selten und so kannst du erst einmal danach trachten, gegen die gerade aufgezählten Systeme etwas zu finden. Hierbei hängt es natürlich bei deiner Wahl wieder sehr davon ab, was du für ein Spielertyp bist. Magst du's eher taktisch bis wild oder eher ruhig und positionell? Je nach Antwort auf diese Frage sollte deine Varianten-Wahl aussehen. Dazu müsstest du dich hier noch mal äußern, damit ich nicht sinnlos alles aufzählen muss, was es so gibt.
Ich bin auch gerne bereit, dich weiter in die Geheimnisse der oben erwähnten 10 allgemeinen goldenen Eröffnungsregeln einzuweihen, falls du das wünschst. Genauso können wir aber auch an deinem Repertoire arbeiten oder die generellen Ideen, Strategien oder taktischen Motive von Eröffnungen (deiner Wahl) diskutieren (sofern ich sie selbst kenne).
In diesem Sinne... bis bald...?!
LG von der Waterkant.
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