Es ist meine feste (schachliche wie pädagogische) Überzeugung,
daß man bis hoch zum Meisterniveau im Zweifelsfalle lieber 1.e4
spielen sollte. Zumindest wenn man halbwegs ambitioniert ist und
sich nicht nur auf dem schon erreichten Spielniveau festsetzen
(und nur noch ratingmäßig ein ganz klein wenig verbessern) will.
Bei 1.e4 treten die Probleme einfach schneller, klarer und deutlicher hervor
weswegen es einfacher ist, daran zu arbeiten und sich zu verbessern.
Strategisch/positionelles Spiel in geschlossenen Stellung
en hat man notfalls
auch nach 1.e4 zuhauf (Französisch, geschl. Spanier, KIA, C-K-Vorstoß).
Wenn man auf einem unterem/mittlerem Niveau mit 1.e4 aufhört, weil man
"keine Zeit hat" oder weil man "mit diesen blöden halboffenen Verteidigungen"
nicht zurechtkommt, und "bequemerweise" auf 1.d4/1.c4/1.Sf3/1.f4 etc.
wechselt (womöglich noch auf ein schematisches System), dann verzichtet
man m.E. auf den größten Teil jeden echten schachlichen Fortschrittes!
Es ist natürlich legitim, aus nicht-schachlichen Gründen so zu verfahren,
aber große Fortschritte sollte man dann nicht mehr erwarten (aufgrund
der zunehmenden Erfahrung wird man dann natürlich noch längere Zeit
ein bißchen besser). Natürlich kann man, wenn man viel spielt oder sowieso
schon eine glänzende schachliche Entwicklung abzusehen ist (das wären dann
die 10jährigen Talente, denen Dworetzki/Jussupow/Schereschewski 1.d4 empfehlen!),
mal hin und wieder mit anderem als 1.e4 experimentieren, aber
einen umfassenden
Wechsel weg von 1.e4 würde ich erst in Betracht ziehen, wenn man entweder
(wie oben beschrieben) aus nichtschachlichen Gründen seine schachlichen
Ambitionen zurückschraubt oder
wenn man längere Zeit auf einem Niveau 1800++
mit einem 1.e4-Rep erfolgreich war und dabei keine prinzipiellen Probleme hatte.
Umgekehrt kann man es bestimmt mit einer ausschließlichen 1.e4-Karriere
bis auf´s FM/IM-Niveau schaffen, dadrüber
muß man vermutlich zumindest
teilweise doppelgleisig fahren.
Ich selbst habe auch sehr lange mit Damenbauernkram, Reti, Bird, KIA usw.
herumgeeiert, jetzt wieder 1.e4! (nebst bißchen 1.b3!? zum Experimentieren).
Dies ist ausdrücklich ein lerntheoretisches Argument,
objektiv ist 1.d4! natürlich genauso gut wie 1.e4!
tracke

PS: So auf dem Weg von ~1600 aufwärts ist es, sobald man alle Eröffnungen
ganz grob kennt, sicher sinnvoll, sich erstmal ein schmalspuriges/eindimensionales
Repertoire (mit Hauptvarianten!) zuzulegen und wirklich tief zu verstehen;
anschließend kann man wieder verbreitern ...
PPS: Ich schreibe meine Beiträge generell für Schachfreunde (tendenziell
1400-1900 und im Verein/AG), die ambitioniert sind und Schach verstehen
möchten, um sich langfristig deutlich zu verbessern (sagen wir: innerhalb
von 2-5 Jahren um 150-300 Ratingpunkte verbessern). Ich schreibe weder
für Spitzentalente, bei denen es schon im Alter von 8-12 Jahren nur noch
darum geht, ob sie FM, IM oder GM werden (denn das kann ich nicht, da
kann ich nur gelesene Meinungen reproduzieren), und ich schreibe auch
nicht für egoistisch-pragmatische Gambler, die nur ´ne fiese Falle für den
nächsten Internetblitz suchen, um ihre dortige "Elo" etwas zu pushen und
sich dabei toll zu fühlen (denn das will ich nicht). Wollte ich nur mal gesagt haben ...