Eins vorweg: Dieser Thread gehört vielleicht eher unter Eröffnungen und zwar am ehesten unter "Spezialsysteme". - Obwohl ich bis heute nie recht verstanden habe, was genau ein "Spezialsystem" ist, diese Einteilung und Benennung der Unterforen ist ein wohl ziemlich blödsinniger Geburtsfehler dieses Forums.
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Kommen wir
1.e3 . Dies ist natürlich ein durchaus spielbarer Zug, der zwar nur selten in der Praxis vorkommt, dann aber oft relativ gut abschneidet. Liegt wohl weniger an den objektiven Vorzügen von 1.e3, denn Vorteil kann Weiß damit natürlich nicht erwarten, obwohl er bestimmt auch nicht schlechter steht.
1.e3 kann aber für einen erfahrenen Weißspieler, der selbst alle nur möglichen Übergänge in klassische ("theoretische") Eröffnungssysteme kennt und beurteilen kann, eine interessante Waffe sein, um einen etwas unerfahrenen Schwarzspieler auf´s Glatteis der Zugumstellungen zu locken. Und nicht nur "die Theorie" in den möglichen Systemen kennt, sondern eben auch mit den entsprechenden Bauernstrukturen und Mittelspielplänen vertraut ist.
Möglich wäre z.B.:
1.e3 e5 2.d4 exd4 3.exd4 d5 -> Französisch-Abtausch
1.e3 e5 2.c4 -> Englisch
1.e3 c5 2.d4 cxd4 3.exd4 d5 -> Caro-Kann Abtausch/Panow
1.e3 d5 2.f4 -> Bird (Klassisch oder Stonewall)
1.e3 d5 2.b4 -> Orang-Utan/Sokolsky
1.e3 d5 2.d4 -> Colle
1.e3 d5 2.Sf3 c5 3.c4 d4 -> Modernes Benoni im Anzug
1.e3 d5 2.Sf3 c5 3.c4 e6 4.d4 dxc4 -> Angenommenes Damengambit
1.e3 d5 2.Sf3 c5 3.c4 e6 4.d4 Sf6 5.Sc3 Sc6 -> Semi-Tarrasch
1.e3 d5 2.Sf3 c5 3.Lb5+ -> Bogoljubow-Indisch im Anzug
1.e3 d5 2.Sf3 Sf6 3.c4 c6 4.d4 Lf5 -> Ruhiges Slawisch
1.e3 d5 2.Sf3 Sf6 3.b3 -> Damenindisch im Anzug
1.e3 e5 2.b3 -> Nimzo-Larsen-Angriff
Die Liste ließe sich fast beliebig erweitern bzw. verfeinern. Es gibt natürlich auch selbstständige "Spezialsysteme", etwa 1.e3 e5 2.Sc3 d5 3.Dh5!?, was u.a. irgendwo mal (in Gambit59 ?) von Stefan Bücker analysiert wurde.
Psychologisch besonders unangenehm (obwohl nicht zwingend besser für Schwarz) sind vielleicht 1...g6 und 1...b6, da Weiß mit 1.e3 ja praktisch schon auf agressives Spiel verzichtet hat (e4 geht nur unter Tempoverlust und Lc1-g5 fast gar nicht).
Die Lehre daraus sollte klar sein: ERST WENN man die oben aufgeführten Systeme alle (eröffnungstheoretisch) kennt und (mittelspieltechnisch) gut spielen kann, DANN wäre 1.e3 eine interessante Idee für einzelne Partien!
Es führt nach oben kein Weg daran vorbei, sich mal mit klassischen Strukturen wie Spanisch, Französisch, Abgel.Damengambit oder Pirc/Modern/Königsindisch zu beschäftigen. Wenn man diese Systeme beherrscht, dann versteht man (direkt oder seitenvertauscht) 90% aller wichtigen Strukturen. Wenn man davon keine Ahnung hat, wird man in fast jeder Struktur einfach nicht vorankommen!
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Noroelle, Deine Ausführungen zu 1.e3 e5 2.b3 zeigen auch, daß Du noch viel zu wenig allgemeines Eröffnungsverständnis hast (das man sich eben durch Studium und Spielen von Hauptvarianten aneignen muß), um 1.e3 oder ähnliches erfolgreich zu spielen.
a) Nach 1.e3 e5 sind objektiv 2.d4 und 2.c4 minimal besser als 2.b3. Das erste ist in der Tat langweilig, das zweite auch nicht der Hit, aber vielleicht die beste Wahl. (Englisch mit e3 ist m.E. etwas unterschätzt, weil die meisten Englisch-Anfänger wild auf´s Fianchettieren mit g3 sind)
b) Warum sollte Schwarz nach 1.e3 e5 2.b3 denn 2...Sc6 spielen? Obwohl das wie ein normaler Entwicklungszug aussieht, wäre 2...d5 doch bestimmt besser! 2...Sc6 ist natürlich nicht schlecht, aber warum sollte Schwarz sich bezüglich seines Damenspringers schon festlegen? 2...Sc6 kämpft nicht ums ideale Zentrum, bereitet nicht die Rochade vor und läuft eventuell nur in die Fesselung Lb5 hinein.
c) Ein Vergleich mit der Owen-Verteidigung (1.e4 b6) zeigt doch, daß es tendenziell am stärksten ist, wenn man sich mit e4/d4/Ld3 aufbaut und den Damenspringer Sc3 möglichst nicht mit Lb4 fesseln läßt (obwohl das dort mit Mehrtempo auch nicht schlecht für Weiß ist, da er ggf. das Läuferpaar erhält). - Entsprechend wird Schwarz gegen 1.e3/2.b3 versuchen, sich mit e5/d5/Ld6 aufzubauen. Dann Sf6 und schnelle Rochade. (e5-e4 ziehen möchte Schwarz nur, falls es konkreten taktischen Vorteil verheißt, oder falls es als Antwort auf d2-d4 geschieht: dann stände der Lb2 in der französischen Bauernstruktur nämlich etwas tot! Ein Abtausch über a3 Lc1-b2-a3 würde das Mehrtempo zurückgeben, Weiß würde einen farbvertauschten und etwas passiven Franzosen ohne Mehrtempo spielen! ) Muß Schwarz aber Bauer e5 decken, bevor e5-e4 gut oder Te8 möglich ist, dann besser mit De7. Oder mit dem Damenspringer b8 und dann möglichst so, daß weißes Lb5 nicht möglich oder nicht gut ist: Entweder Sbd7, oder Sc6 nach a6. Oder Sc6 nach weißem c2-c4: dann ist Lf1/e2-b5 entweder unmöglich, oder aber (nach c4-c5 oder c4xd5) die weißen Felder im weißen Lager (c2+d3) schon so geschwächt, daß Weiß es sich kaum leisten kann, seinen weißfeldrigen Läufer abzutauschen.
Ergebnis: Nach 1.e3 e5 2.b3?! d5! 3.Lb2 Ld6! ist es meines Erachtens schon Weiß, der sich Gedanken um vollständigen Ausgleich machen muß. Natürlich sind die Unterschiede klein und das Mehrtempo (im Vergleich zu Owen) hilft natürlich dabei.
d) Nun gut, nach beidseitigen Ungenauigkeiten haben wir also 1.e3 e5 2.b3?! Sc6?! 3.Lb2 d5?! erreicht (eventuell wäre, auch im Hinblick auf das Folgende, hier 3...d6 minimal stärker). Damit sind wir bei der kritischen Hauptvariante des Nimzo-Larsen-Angriffs gelandet: 1.b3 e5 2.Lb2 Sc6 3.e3 d5, wo man sich bißchen auskennen sollte, falls man das mit Weiß oder Schwarz spielen möchte. In der (sehr) speziellen Literatur dazu gibt´s einige Theorie (~100 Seiten), die ich natürlich hier jetzt nicht ausbreiten will und kann. Festhalten möchte ich nur, daß Schwarz am Zug schon etwas besser stehen würde (z.B. 4. --- a6) und Weiß das schwarze Zentrum schnellstmöglich attackieren muß. Der beste Zug für Weiß ist definitiv 4.Lb5, wonach in z.T. ziemlich scharfen Stellungen die Bewertung irgendwo zwischen "ausgeglichen", "unklar" und "kleinem weißen Vorteil" liegt.
e) Wenn man eine Struktur spielt, indem es die Stellung erfordert, seinen Königsläufer gegen den gegnerischen, das Zentrum tragende Springer abzutauschen (klassisches dynamisches Stellungsungleichgewicht: tausche Läuferpaar und weißfeldrige Anfälligkeit gegen bessere Bauernstruktur und schwarzfedrigem Druckspiel insbesondere gegen e5), dann kann man sich dem nicht einfach verweigern, weil man den Läufer "lieber defensiv" einsetzen möchte. Dann sollte man besser gleich was ganz anderes spielen! (Je besser man Schach spielt und die "Stellungserfordernisse" versteht, desto kleiner wird nunmal der Raum für den eigenen Willen/Stil)
f) Daß 4.c4 d4! sehr angenehm für Schwarz ist, hast Du richtig gesehen (oder zumindest erahnt).
g) Nach 4.d4?! spielst Schwarz natürlich nicht 4...e4?, denn dann hätte Weiß eine angenehme Französisch-Stellung! e5-e4 geschieht ohne Tempogewinn, Sc6 steht nicht optimal, Sg1-e2 möglich (steht dort auf e2 meist besser als nach Sg1-f3-d2 auf d2). Im Vergleich z.B. zur farbvertauschten Winawer-Variante 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 4.e5 b6 5.a3 Lf8 hat Weiß paar Tempi gewonnen (obwohl er nach Lb2-a3 eines noch wiederhergeben muß).
Nach 4.d4 kommt 4...exd4! 5.exd4 d5!, wonach ein Abtausch-Franzose mit einem völlig deplatzierten Lb2 entsteht.
h) Naja, bezüglich 1.e3 e5 2.e4?! gebe ich thinkoutsidethebox hundertprozentig recht ...
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Wenn man solche Systeme erfolgreich spielen will (und nicht nur im Kaffehaus- und Blitzschach niedriger und niedrigster Qualität damit herumdümpeln möchte), dann kann man das erst, wenn man Französisch-Strukturen lange Zeit (mit Weiß oder Schwarz, egal) gespielt und studiert hat. Und auch mal ernsthaft darüber nachgedacht hat, wie man z.B. in einem klassischen 1.e4-Repertoire ein bißchen Vorteil gegen Owen herausholen kann.
Aus meinen Ausführungen (insbesondere Punkte c und g) ist hoffentlich klar geworden, daß es sich nicht irgendwie um auswendigzulernende Theorie handelt. Man muß die Strukturen verstehen, und dies geht nur, wenn man die Strukturen (und die daraus folgenden Mittelspielpläne) dort studiert, wo sie am einfachsten und klarsten in Erscheinung treten: in klassischen Hauptvarianten!
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