Tut mir leid, wenn ich die Diskussion über klassisches Französisch unterbreche, aber hier ein paar Bemerkungen von mir zum erwähnten Repertoire von HN-Oli:
a) Du schreibst nicht, wie alt Du bist, wie lange Du schon spielst, wie stark Du bist, welche Ziele Du noch hast, wieviel Trainingszeit Du investieren kannst, warum Dein Repertoire so entstanden ist wie es ist, ob Du Turniere/ Liga/ Vereinsmeisterschaft/ Freipartien/ Internetblitz spielst usw. - Das macht es schwer, Dein Repertoire in einem größeren Zusammenhang zu beurteilen, denn offenbar enthält es ja keine direkt schlechten Systeme!
b) Wie Yermolinsky in seinem "Weg zur Verbesserung im Schach" süffisant bemerkt, halten sich (oft eben zu unrecht) die meisten Vereinsspieler 1600-2000 für gute Taktiker und schneidige Angriffsspieler. - Bei Dir steht es zudem noch etwas im Widerspruch dazu, daß Du Benoni/Wolga/Nimzoindisch mit Weiß vermeidest; Symmetrie-Englisch als Anti-Benoni ist, wenn auch nicht schlecht, doch etwas zahnlos, oder?
c) Einen (vielleicht nicht nur) kleinen Bruch gibt es in Deinem
Weißrepertoire zwischen Damen-/Bogoindisch und DGAbtauschsystem: was spielst Du denn nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 ?!? Nach frühem Sg1-f3 ist die Abtauschvariante zwar noch gut spielbar, hat aber ihre ganze theoretische Schärfe verloren, zumal Deine Erwähnung von 0-0-0 wohl andeutet, daß Du das Abtauschsystem (nach 3.Sc3) eigentlich ziemlich scharf spielen willst. Wenn Du das Abtauschsystem auch mit Sf3 spielen willst, guck Dir vorher mal die Partie Bobotsov-Petrosian (~1970) an
d) 1...Sf6 und 1...d5 sind natürlich die Hauptantworten gegen 1.d4, aber vor allem 1...g6, 1...f5, 1...e6, 1...d6, 1...c6 und 1...b6 gilt es auch zu berücksichtigen. Und was machst Du nach 1...c5, wenn Du nicht 2.d5 spielen willst?!? Nach 2.Sf3 cxd4 3.Sxd4 d5! ist doch eher schon Weiß, der um Ausgleich kämpft!
e) Daneben gibt es natürlich noch einen ganzen haufen anderer Eröffnungen wie Budapester Gambit/Noteboom/Tango/DG3...Lb4 , aber es ist schon richtig, erstmal die Pflöcke gegen AbgDG, Slawisch, Halbslawisch, Nimzo/Damenindisch, Grünfeld, Königsindisch, Holländisch und ModBenoni/Wolga einzuschlagen und den Rest drumherum zu entwickeln.
f) Was Dein
Schwarzrepertoire angeht: es ist nicht mein Stil und ich würde es nicht unbedingt empfehlen, aber solange es Dir Spaß und Erfolg bringt, spricht eigentlich nichts dagegen! Irgendwann wirst Du schon merken, daß es zumindest bißchen riskant ist, und daß es auch Weißspieler gibt, die das Zeug gut zu behandeln wissen. Und es kann Situationen geben, in denen man keine Lust auf theoretische Diskussionen hat, zu denen mal als Drachenspieler aber immer bereit sein muß! - Du erwähnst nicht, was Du gegen anderes als 1.e4 oder 1.d4 spielst, aber ich tippe mal auf Königsindisch gegen alles.
Mit Weiß spielst Du aktiv ins Zentrum hinein und versuchst den Anzugsvorteil durch Entwicklung und Raumvorteil zu sichern, bei dieser "kontrollierten Offensive" weichst Du den allerschärfsten Systemen aber etwas aus. Mit Schwarz spielst Du scharfe Kontersysteme mit schwarzfeldrigen Bauernstrukturen und Königsläuferfianchetto.
Insgesamt ein aktives und recht gutes Repertoire mit nur kleinen Mängeln.
Mögliche Verbesserungen:
Weißrepertoire:
1) Benoni oder nicht Benoni, das ist hier die Frage! Ich würde dazu raten, gegen Benoni/Wolga mit d4-d5 vorzustoßen! Das ist nicht schlecht sondern geradezu gut, und auch dort gibt es relativ ruhige und überschaubare Varianten. - Falls Du partout kein Benoni spielen willst, solltest Du einen Umstieg auf 1.Sf3 a la Kramnik überlegen.
2) Sc3 oder nicht Sc3, das ist die nächste Frage! Ich habe hier im Forum schon an verschiedenen Stellen betont, wie wichtig 1.d4 Sf6 2.c4 e6 in der modernen Zugumstellungstrickserei ist: Nimzoindisch/Damenindisch/Bogoindisch/ModBenoni/Blumenfeld/DGTartakower/DGAbtausch/DGWiener/DGRagozin/DGVerbTarrasch/Halbslawisch/Katalanisch/3Sf3a6 , alles hängt daran ...
Entweder Damenindisch spielen und auf DGAbtausch verzichten, dem Schwarzen eine breite Auswahl im DG geben. Oder (dazu würde ich raten, insbesondere wenn Du noch jung und auf dem Weg nach oben bist) Sc3 und DGAbtausch spielen und Nimzoindisch (mit 4.Dc2 oder 4.e3) anpacken!
Schwarzrepertoire:
Wenn´s Dir gefällt, dann bleib dabei! Ich würde nur dazu raten, zur Erweiterung des Horizontes etwas stilistisch ganz anderes als Ergänzung dazu zu nehmen. Also etwas mit weißfeldriger Bauernstruktur, wo Du nicht scharf und riskant auf Gegenangriff, sondern sicher auf trockenen Ausgleich spielst. Am besten eines "der großen Systeme" (KlassFranzösisch, Caro-Kann, AbgDG, Slawisch, Nimzoindisch), aber falls dafür Zeit und Lust nicht reichen, auch einen "Shortcut" (Skandinavisch, Franz-Rubinstein, AngDG).
Ggf. wäre gerade Skandinavisch(mit 2...Dd5) als Zweitwaffe gegen 1.e4 (aber bitte nur als Zweitwaffe!!) ein guter Anfang, um mit relativ wenig Vorbereitung hin und wieder eine strukturell wie stilistisch ganz andere Schwarzpartie zu spielen!
Eine andere Idee wäre, als relativ kleine und allmähliche Erweiterung des Königsinders ein paar Grünfeld-Systeme zu ergänzen: das müssen nicht gleich die ganzen Grünfeld-Hauptsysteme sein, erstmal vielleicht nur gegen weißes Königsfianchetto oder gegen Damenbauernspiele?!
tracke

PS:
1)Französisch Erathostines14.04.2009 11:06:"
Das nette am Franzosen ist, so meine ich, dass alle Varianten den Schwarzen eine gute chance für den Angriff einräumen, das ist noch ein Punkt, den der Franz. dem Sizi voraus hat. Es geht hier nicht nur ums einbunkern un Co. Man kann schnell in die Offensive gehen und erhält somit ein straffes Gegenspiel."
Reden wir hier über denselben Franzosen?!? Den Franzosen, wo Schwarz zwar meist über eine gute Bauernstruktur verfügt und langfristig die besseren Hebel besitzt, weil die Basis c3/d4 leichter und schneller angreifbar ist als e6/f7, wo Weiß aber in der Regel über Raumvorteil und variables Figurenspiel direkt vor dem schwarzen König verfügt und wo Schwarz in praktisch jedem System (insbesondere nach 3.Sc3: Winawer, Aljechin-Chatard, Klassisch, MacCutcheon, Rubinstein; 3.Sd2 und 3.e5 sind auch nicht schlecht) einem derart heftigen Angriff ausgesetzt ist, daß es aus der Weltelite und dem Spitzenfernschach fast verschwunden ist (relativ zu den 1980ern) und nunmehr nur noch auf Platz 4-5 der Verteidigungen gegen 1.e4 rangiert (hinter Spanisch/Russisch, Sizilianisch, Caro-Kann; Pirc überholt gerade!)?
Niemand bestreitet, daß Französisch auf mittlerem Niveau sehr beliebt ist (dort de facto zweite Wahl hinter Sizilianisch) oder daß man im Franzosen viel lernen kann (was man später in Sizilianisch, Caro-Kann oder sonstwo benötigt). Und niemand kann eine analytisch geschlossene Widerlegung angeben (das kann man aber von vielen, sehr viel schlechteren Eröffnungen auch nicht!), dazu ist Französisch einfach zu kompliziert und reichhaltig. Eine Charakterisierung von Französisch als solidem Gegenangriffssystem lehne ich aber entschieden ab!
2)Karpov/Drachen: Naja, wenn man alle Verteidigungen gegen 1.e4 durchfallen läßt, gegen die Karpov in den 1970/80ern mit Weiß über 70% gescort hat, dann wird guter Rat teuer... - Natürlich hat der Drachen nicht die seriöse Solidität von Siz-Najdorf, Siz-Taimanov, Caro-Kann, Russisch oder diversen Hauptvarianten-Spaniern, aber sein theoretischer Status ist momentan definitiv besser als jemals zuvor seit 1980 ... - Selber möchte ich das Zeug trotzdem nicht spielen: Man muß viel arbeiten, ständig sehr viele superscharfe Varianten intensiv vorbereitet haben, zwar nicht mit Löchern aber doch mit zahlreichen Sollbruchstellen leben, man lernt strategisch nicht viel dazu, und vor allem stößt man bald nur noch auf Weißgegner, die entweder frühzeitig ausweichen (2.c3, 3.Lb5 etc) oder aber die Theorie noch tiefer studiert haben...