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Schach - Eröffnung / Figurenentwicklung

Fragen zum Partiebeginn



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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #1 (permalink)  
Alt 24.04.2006, 23:47
cream
Erfahrener Benutzer
DWZ/Elo: 2079/2183
 
Registriert seit: 03.2005
Ort: Hamburg
Beiträge: 83
Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung

Hallo,

ich habe mal eine Frage zu einem sehr speziellen Thema.
In vielen Büchern werden ein paar nützliche Feinheiten zu Zugumstellungen in der Eröffnung genannt, so z.B. bei Giddins:"Der Aufbau eines Eröffnungsrepertoires". Giddins beschreibt diese Problematik anhand der Holländischen Verteidigung, Stonewall/Klassisch-Komplex.

Nach 1.d4 f5 2.g3 Sf6 3.Lg2 e6 4.Sf3 d5 kommt Schwarz in einen guten Stonewall rein, da der Sf3 schlecht steht. Daher kann Weiß auch 1.d4 f5 2.g3 Sf6 3.Lg2 e6 4.Sf3 spielen, hat aber nach 4...d6 wieder Pech, da Sf4 nun mit ...e5 gekontert werden kann. 4...d5 wäre nicht so gut, da der Weiße das Feld f4 nun für seine Zwecke nutzen kann. Will Weiß auch nicht 4.c4 spielen (4...Lb4+!? ist eine Idee, wichtig hingegen ist 4...c6, um sich die Wahl zwichen d6 und d5 offen zu lassen), so bleibt 4.b3 mit der Idee La3 übrig. Nun spielt Schwarz 4...Le7 und kontert ein späteres La3 mit Lxa3, De7 nebst d6 (!) und e5 und erreicht eine gute Stellung.

Ein zweites Beispiel (habe ich irgendwann mal bei Mednis gelesen):
Nach 1.e4 c5 2.Sf3 d6 3.d4 cxd4 spielen einige Weiße 4.Dxd4. Nicht sehr viele, aber genügend, um die Variante unangenehm zu finden. Mir behagt diese Variante nicht sehr und ich möchte sie gerne ("kostenfrei")vermeiden. Daher spiele ich statt 3...cxd4 lieber 3...Sf6(!) und Weiß hat nichts besseres als mit 4.Sc3 in den normalen Sizilianer einzulenken, da nun 4...cxd4 5.Dxd4 dem Weißen nichts mehr einbringt, da er sich den Zug c4 bereits verbaut hat.

Da Schwarz in Pirc manchmal einige Probleme hat, gibt es auch Überlegungen, zunächst g6/d6/Lg7 zu spielen, um im passenden Moment Sf6 nachzulegen.


Ich persönlich spiele weder d4 noch Holländisch, fand die Ausführungen in Beispiel 1 aber sehr instruktiv. Ich denke auch, dass dies gerade für starke Vereinsspieler ein wichtiges Mittel zur Verbesserung ist.

Von Euch wünsche ich mir nun eine Quelle, am besten ein ganzes Buch, das solche Details gezielt behandelt. Wenn ihr einzelne Beispiele habt seid ihr natürlich auch gerne eingeladen, diese zu posten.

Gruss cream
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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #2 (permalink)  
Alt 25.04.2006, 00:24
Benutzerbild von Leko
Leko
Echter Kenner
 
Registriert seit: 04.2006
Beiträge: 142
Zitat:
Zitat von cream
Nach 1.d4 f5 2.g3 Sf6 3.Lg2 e6 4.Sf3 d5 kommt Schwarz in einen guten Stonewall rein, da der Sf3 schlecht steht.
Das bezweifel ich. Man sollte nicht zuviel fummeln. Angesichts 4.-c6 oder 4.-Le7 ist 4.Sf3 der natürlichste Zug. 4.Sf3 c6 5.0-0 Le7 6.c4
Zitat:
Zitat von cream
Daher kann Weiß auch 1.d4 f5 2.g3 Sf6 3.Lg2 e6 4.Sf3 spielen, hat aber nach 4...d6 wieder Pech, da Sf4 nun mit ...e5 gekontert werden kann.
4.Sh3 meinste.
Die SOS-Bücher entsprechen deinen Vorstellungen.
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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #3 (permalink)  
Alt 25.04.2006, 15:50
tracke
Garry des Forums
DWZ/Elo: ~2200
 
Registriert seit: 02.2004
Ort: zuhause
Beiträge: 678
Gehört dieser Thread nicht irgendwo anders hin? Vielleicht unter "Strategie/Eröffnungen"?

@Leko: Ich glaube, es ist Giddens und cream schon klar, daß Sg1-h3-f4 gemeint ist. - Außerdem finde ich nicht, daß die SOS-Bücher so richtig zu creams Frage passen.

Was 4.Dxd4 im d6-Sizilianer betrifft, so möchte ich anmerken, daß dies tatsächlich eher ein praktisches/psychologisches Problem mancher Schwarzspieler ist. Theoretisch hat Schwarz wohl keine Probleme nach 4.Dxd4 (und sogar die Wahl zwischen 4...Sc6, 4...a6 oder dem ganz scharfen 4...Sf6?!). Die Zugumstellung über 3...Sf6 4.Sc3 cxd4 bringt dafür andere Varianten mit sich (4.dxc5, 4.e5), die wohl letztlich alle ebenso ausgeglichen/unklar sind (?, damit habe ich mich zuletzt vor 10 Jahren beschäftigt) aber eben auch gelernt/studiert werden müssen.
Im Holländer liegen die Dinge m.E. ganz anders: dort hat Schwarz ein echtes theoretisches Problem (klein aber unangenehm), falls er nur den Stonewall oder nur Iljin-Genewski beherrscht. Erst mit der Kenntnis beider Systeme und einer geschickten Zugfolge kann er den weißen Stellungsvorteil auf ein erträgliches Maß herunterschrauben.

Was die allgemeine Problematik dieser Zugfolgenfeinheiten angeht ("Handeln mit Optionen") angeht, so ist die Darstellung bei Giddens ziemlich optimal, um das Grundproblem und die Lösung zu verstehen. Allerdings kenne ich kein Buch, wo wesentlich mehr Beispiele gebracht werden.
Dies liegt wohl auch daran, daß die Dinge oft viel komplizierter liegen als im Holländer! Da ist es nicht so, daß beide Spieler 5 Optionen haben und mit jedem Zug eine Option gegen eine andere tauschen. Nein, in einem Konglomerat von 30 Subsystemen (definiert etwa im 6-12.Zug) beherrscht jeder Spieler 25 dieser 30 und tauscht mit jedem Zug 4 davon gegen 4 andere. (Und manche GM wie Timman oder Iwantschuk haben ein derart breites Repertoire, daß man sie praktisch nicht auf dem falschen Fuß erwischen kann; man muß sie schon auf dem richtigen Fuß erwischen und irgendwo "die Theorie knallhart diskutieren").

Einige halbwegs einfache Probleme findet man wohl im Offenen Sizilianer:
Mit Schwarz: Scheveningen über 2...d6 oder 2...e6 - Klassisch über 2...d6 oder 2...Sc6 - Taimanov über 2...e6 oder 2...Sc6, usw.
Mit Weiß: 2...Sc6 3.Sc3 verhindert Sweschnikow, erlaubt 3...e5 oder Beschl.Drachen ohne Maroczy - 2...d6 3.Sc3 verhindert Najdorf?

Die kompliziertesten Fälle gibt es dann in der "d6/g6-Familie" (Königsindisch, Pirc, Königsfianchetto, Leningrader, verschiedene Benoni-Abarten) und in der "e6-Familie" (Französisch, Damenfianchetto, Damengambit, Halbslawisch, Holländisch, Mod.Benoni, Franco-Benoni, Franco-Indisch, Nimzo/Damen/Bogo/Dzindzi-Indisch, usw.); diese Aufzählungen machen wohl schon klar, daß eine allgemeine Darstellung u.a. an Platzgründen scheitert.

Der prominenteste Fall für Weiß liegt in 1.Sf3/1.c4, falls Weiß im Prinzip Damengambit, Slawisch oder Königsindisch spielen aber Grünfeld/Nimzo/Benoni/Wolga umgehen möchte (siehe dazu Khalifmans Kramnik-Repertoire). Dafür muß Weiß dann den Igel und frühes Sf3 im Damengambit inkaufnehmen. Komischerweise sehen die wenigsten 1.c4-Spieler 1...e5! als Problem (sollten sie aber!).

Nun gut, cream, vielleicht solltest Du mit speziellen Problemen anfangen. Denn für praktisch jede Eröffnungsvariante gibt es irgendwo eine spielbare Zugfolgenfalle! Vielleicht sollten spezifische Probleme aber auch an entsprechender Stelle behandelt werden - ich will aber den Thread hier nicht abwürgen. Und vielleicht hattest Du Dir auch eine ganz andere Art von Antwort vorgestellt?!

tracke

Es dürfte auch klar sein, daß diese Problematik sehr eng mit der yevonne aufgeworfenen Frage nach einem mehrgleisigen Repertoire zusammenhängt. Ein sehr enges und daher ausrechenbares Repertoire kann man tendenziell natürlich viel leichter austricksen. Es sei denn, daß dies Repertoire an jeder Stelle so solide und wasserdicht ist, daß man minderwertig abweichen müßte, um herauszukommen.
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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #4 (permalink)  
Alt 25.04.2006, 17:43
tracke
Garry des Forums
DWZ/Elo: ~2200
 
Registriert seit: 02.2004
Ort: zuhause
Beiträge: 678
Eine ziemlich merkwürdige Verquickung zweier grundverschiedener Eröffnungen liegt übrigens im Black Knights Tango vor.

Nach 1.d4 Sf6 2.c4 Sc6?! kommt es zu einem komischen Optionenhandel zwischen Königsindisch und Nimzoindisch!!
Wenn man mal davon ausgeht, daß der Tango 3.d5 Se5 dem Anziehenden nicht viel einbringt, so sollte (?!) Weiß den schwarzen Gegenstoß e7-e5 mit 3.Sf3(!) verhindern, worauf Schwarz 3...e6 erwidert.
a3 oder nicht a3, das ist hier die Frage! - Wenn Weiß auf 4.a3 verzichtet, so hat Schwarz gleich die Gelegenheit zu Lb4(+), wonach sich gut spielbare Varianten aus Nimzo-/Bogoljubow-Indisch für ihn ergeben. Im Falle von 4.a3 kann Schwarz aber mit g6/d6/Lg7 auf einen Königsinder umschwenken und argumentieren, daß e7-e6 für Schwarz nützlicher ist als a2-a3 für Weiß!? Und selbst im Falle von e6-e5 (statt normal e7-e5) wäre das zusätzliche a2-a3 eventuell eine Schwächung!??

Ziemlich abgefahren. Es gibt (unterhalb des Meisterniveaus) wohl nur sehr wenige Spieler, die mit Schwarz sowohl Nimzoindisch als auch Königsindisch gut beherrschen, was wohl eine Voraussetzung dafür wäre, mit solchen Feinheiten zu experimentieren.

tracke
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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #5 (permalink)  
Alt 25.04.2006, 21:42
cream
Erfahrener Benutzer
DWZ/Elo: 2079/2183
 
Registriert seit: 03.2005
Ort: Hamburg
Beiträge: 83
@Leko:
Ja, natürlich, 4.Sh3 war gemeint.
Die SOS-Bücher behandeln zwar interessante Nebenvarianten, treffen aber nicht die Problematik. Es ging mir darum, ein paar Feinheiten bzgl. Zugumstellungen aufzuzeigen.

@tracke:
Ja, doch an so etwas wie diese Antwort hatte ich gedacht. Nur, dass mir hier eine spezielle Quelle ganz recht gewesen wäre, aber das scheint es ja nicht zu geben.
Ich finde das Thema einfach super interessant und möchte auch gerne ein paar solcher Feinheiten aus Eröffnungen wissen, die ich nicht spiele. Das erweitert einfach den Horizont.

Dazu ein nettes Beispiel aus unserer Vereinsmeisterschaft zweier Spieler mit DWZ knapp über 2000:
Der Schwarze weiß um das eng geschneiderte Sizilianisch-Repertoire seines Gegners. Gegen Sweschnikov packt dieser stets
1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Sd5 aus.
Nun spielt der Schwarze 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 e6 (!) und der Weiße hatte nach 5.Sc3 Sf6 ein Repertoire-Problem. Nach dem üblichen 6.Sdb5 d6 7.Lf4 e5 8.Lg5 hat er eine normale Sweschnikow-Stellung (mit einem Zug mehr) auf dem Brett, mit dem Unterschied, dass Weiß nicht die Sd5-Variante spielen kann. Und in der Variante 6.Sxc6 bxc6 7.e5 Sd5 kennt dieser sich nicht gerade gut aus. In der Partie ging es nach letzerer Variante mit 8.Sxd5 (?!) weiter, meines Wissens ist 8.Se4 der beste Versuch auf Vorteil zu spielen.
Bevor jetzt wieder die Kritiker kommen: Ich weiß natürlich, dass dies objektiv gar nichts ist. Weiß muß halt 8.Se4 spielen. Aber ich finde es einfach sehr interessant, die Zusammenhänge zwischen den Eröffnungen mal aufzuzeigen.

Da es keine Quelle zu geben scheint, die dieses Thema mal erschöpfend behandelt (oder doch?), wäre mir auch daran gelegen, ruhig einzlene Beispiel in größerer Zahl zu sehen. Meiner Erfahrung nach kann man das immer mal gebrauchen.

Gruss cream
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  Zugumstellungs-Tricks in der Eröffnung Beitrag #6 (permalink)  
Alt 26.04.2006, 01:09
Benutzerbild von Leko
Leko
Echter Kenner
 
Registriert seit: 04.2006
Beiträge: 142
[QUOTE=tracke]Ich glaube, es ist Giddens und cream schon klar, daß Sg1-h3-f4 gemeint ist[QUOTE]Für euch hatte ich das nicht getippt. Die Allgemeinheit lag mir am Herzen, die Internetforen als Allmende betrachten kann.
Schwierig sind manchem bestimmte Stellungstypen. Für mich als Weißem (doppeldeutig^^) sind es in e7-e5-Sizilianern Manöver wie 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 Sf6 5.Sc3 e5 6.Sdb5 d6 7.Sd5 wegen Sxd5 8.ed5 Sb8. Dieses Verstopfen ist doch eine strategische Erleichterung für Schwarz. Erleuchte mich!

Geändert von Leko (26.04.2006 um 01:15 Uhr)
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