Die Colle-Eröffnung 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 e6 4.Ld3 c5 (mit der Unterteilung 5.c3 =Colle-Koltanowski und 5.b3 =Colle-Zukertort) kann für Weiß eine sehr interessante Alternative zum Damengambit (frühes c2-c4) sein, wenn man ein inhaltsreiches Mittelspiel abseits der relativ ausgelutschten DG-Systeme sucht.
Es sind bezüglich der ersten Züge natürlich tausende Zugumstellungen möglich. Generell kann Weiß eigentlich gegen jeden schwarzen Aufbau 1.d4+2.Sf3+3.e3 ziehen, ohne irgendwie schlechter zu stehen; eine andere Frage ist es, ob er es auch tun sollte. Falls Schwarz sich königsindisch oder holländisch aufbaut, muß Weiß statt Ld3 wohl passiver Le2 ziehen; dies empfiehlt sich wohl auch gegen Grünfeld. Andererseits verspricht gegen 3...c5 nur 4.dxc5 etwas Spannung (4.Ld3 cxd4 5.exd4 Sc6 6.c3 Lg4 ist Caro-Kann-Abtausch und absolut gleich). Und falls Schwarz mit Lf5/g4 in slawische Strukturen überleitet, hat Weiß eigentlich auch nix (Lane gibt frech 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 Lf5 4.c4 e6 5.Db3 Dc8 mit gutem Spiel für Weiß an und verschweigt einfach, daß nach 4...c6! ein unklarer Slawe entsteht, der in der Meisterpraxis etwa tausendmal häufiger vorkommt als alle Colles zusammen).
Wenn man nun alles zusammenzählt, kommt man ziemlich leicht darauf, daß Colle eigentlich nur (wenn überhaupt) gegen frühes e7-e6 etwas hergibt (Broznik ist der einzige Autor, der diese Beschränktheit von Colle ehrlich eingesteht). Also nach 1.d4 d5 2.Sf3 e6 oder nach 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6. Dann ist es in der Tat eine interessante Möglichkeit. Und vor allem auf mittlerem Niveau sehr interessant, wo viele Damengambit-Schwarzspieler einfach erstmal d5+e6+Sf6+Le7+0-0+c5 herunterleiern, ohne sich irgendwelche Gedanken zu machen.
Für diesen kleinen und nicht unwichtigen Ausschnitt eines Weißrepertoires macht Colle also Sinn, ein ganzes Repertoire kann man auf diesen Schablonenzügen aber nicht aufbauen. Zumindest müßte man noch etliche Varianten mit e2-e3 und c2-c4 aufnehmen, also:
1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 b6 4.e3 (klassischer Dameninder)
1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.e3 Lf5 5.Sc3 e6 (Slawisch mit e3)
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Sc3 Lg7 5.e3 (Geschlossener Grünfeldinder)
1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.Sf3 0-0 5.e3 d6 6.Le2 (Königsindisch mit e3)
1.d4 f5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.e3 (Holländisch mit e3)
Die entsprechende "Colle"-Zugfolge kann man sich leicht hinbasteln. Diese Varianten (und andere) sind objektiv nicht schlecht für Weiß, aber praktisch wohl überhaupt kein Problem für Schwarz. Eher im Gegenteil: der Nachziehende bekommt genau sein Spiel und Weiß hat eine unkritische Fortsetzung gewählt. Objektiv ist dies alles aber Ausgleich - wenn Weiß das mag, dann bitte sehr! Aber da ist man von seiner Colle-Schablone schon ziemlich weit weg. Und wofür?
tracke

EDIT
Sorry, das war jetzt mehr was zur Zugumstellungsproblematik und ein Plädoyer gegen Colle als weißes Universal-System. Die typischen Pläne in den Colle-"Kernvarianten" wären noch ein ganz anderes Thema. Das wäre dann aber eher auch spezielle Eröffnungstheorie, würde also besser unter "Geschlossene Spiele" oder unter "Spezialsysteme" passen.