tracke mit Weiß:
Mein Grund-Repertoire beginnt mit
1.e4! ("best by test") und weiter:
- 1...e7-e5: Spanisch oder Königsgambit (~alte Jugendsünde)
- Sizilianisch: 2.Sf3 d6/Sc6 3.Lb5(+) und 2...e6 3.b3/c3/d3/g3
- Französisch: 3.Sc3: Hauptvarianten gegen Klassisch/Rubinstein, 4.e5/5.Ld2 gegen Winawer
- Caro-Kann: 3.Sc3
- Aljechin: Modernes System 4.Sf3
- Pirc/Modern: Klassisch 4.Sf3
- Skandinavisch: 2.exd5 (beliebig) 3.Sf3
- Nimzowitsch: 2.d4
Tendenziell ein eher klassisch-positionelles 1.e4-Repertoire, obwohl auch einige scharfe Untervarianten enthalten sind. In richtig harte Theorieduelle gehe ich aber nur im Königsgambit (eine Frage der Ehre) sowie gegen Caro-Kann und Aljechin (da kenne ich mich gut aus).
Dieses Grund-Repertoire wende ich im Schnellschach oder beim Blitzen etwa zu 90% an, in langen Partien aber nur zu 50%. Aus Angst vor gegnerischer Vorbereitung, das eigene Updaten fällt mir immer schwerer. Von Reti über Englisch und Richter-Veresov bis Torre spiele ich sonst alles, aber niemals 1.d4/2.c4 samt Hauptvarianten (Damengambit/Holländisch ist okay, aber mit den Indern/Benoni komme ich relativ zu meinem Niveau überhaupt nicht klar, da reicht´s nur gegen Schwächere). In letzter Zeit habe ich häufiger mal
1.b3 gezogen und einfach Schach gespielt, bisher mit größtenteils sehr gutem Erfolg.
Wenn ich mich mit Weiß auf den speziellen Gegner vorbereiten kann, poliere ich grundsätzlich meine 1.e4-Varianten entsprechend auf. Bei Partiebeginn steht dann aber noch überhaupt nicht fest, was ich tatsächlich spiele. Sobald die Uhr läuft, denke ich nach und entscheide mich für 1.e4 oder 1.b3. Oder seltener auch für 1.g3, 1.d4, 1.Sf3, 1.c4.
tracke mit Schwarz:
Gegen 1.e4: Caro-Kann (mit 4...Lf5 in der HV)
Gegen 1.d4: Slawisch (mit 5...Lf5 in der HV)
Gegen alles andere (Reti/KIA/Katalanisch/Damenbauer/Englisch/...) strebe ich nach Möglichkeit einen slawischen Aufbau mit d5+Sf6+c6 an (1.c4 c6, 1.Sf3/g3 d5; eine Ausnahme mache ich eigentlich nur für 1.f4 Sc6!). Es hat mich sehr viel Zeit und Mühe gekostet, diesen ganzen Slawisch/Katalanisch/Reti/Englisch-Komplex zugumstellungstechnisch sauber auszuarbeiten: manchmal sehen ...Lf5, ...Lg4 oder ...dxc4 alle gut aus, aber nur eine Möglichkeit ist wirklich vollwertig. Wo es möglich war, habe ich an verschiedenen Stellen im Repertoire immer zwei Subsysteme ausgearbeitet: eine solidere, eine riskantere. Solch eine "Variation 0.Ordnung" passiert aber immer innerhalb der d5+Sf6+c6-Struktur.
Etwas weiter geht schon die "Variation 1.Ordnung", die auf die grünfeldindische Struktur d5+Sf6+g6 zielt (man lese das alte aber tolle Buch "ZOOM" von Zeuthen/Larsen!). "Reines Grünfeld" gegen 1.d4/2.c4 spiele ich nur noch sehr selten, da mir die Hauptvariante 4.cxd5! einfach theoretisch zu umfangreich ist, um sie mit Schwarz gegen starke und vorbereitete Gegner zu spielen; die Struktur spiele ich aber gerne mal, etwa gegen Reti oder Colle. Oder Caro-Kann mit 3.Sc3 g6. Oder Skandinavisch mit 2...Sf6 nebst ...g6. Oder Aljechin-Kengis mit 4.Sf3 dxe5 5.Sxe5 g6 (auch ohne d7-d5 entsteht hier die typische Struktur!). Oder Ang.DG mit 3.Sf3 Sf6 4.e3 g6.
Noch weiter geht die "Variation 2.Ordnung", die auf die Struktur d5+Sc6 zielt. Also Tschigorin. Oder Ang.DG mit 3.e4 Sc6. Oder Ang.DG mit 3.Sf3 Sf6 4.Da4+ Sc6. Oder Skandinavisch mit 3.Sc3 Da5 4.d4 Sf6 5.Sf3 Sc6?!. Diese Spielweisen sind sehr taktisch orientiert, positionell etwas anrüchig und eher als Überraschungswaffe zu gebrauchen.
In diesen Bauernstrukturen habe ich mich in vielen Jahren richtig "eingelebt", ohne dabei allzu schematisch zu spielen; das lassen die konkreten taktischen Erfordernisse meist auch gar nicht zu. Aber im Prinzip spiele ich oft in verschiedenen Varianten dieselben Strukturen und kann je nach Gegner, Turnierstand und der aktuellen theoretischen Bewertung der einzelnen Varianten innerhalb der Gesamtstruktur variieren. Und ich kann mich ganz eng an meine slawische Grundstruktur halten oder auch diesbezüglich variieren a la Grünfeld oder Tschigorin. Wenn man mich aus "meinen Stellungen" ganz herauslocken möchte, muß man schon schlechte Züge machen: dann spiele ich auch strukturwidrig auf Vorteil :-)
Mit meinem Schwarz-Repertoire bin ich sehr zufrieden und werde es wohl für den Rest meiner Schachkarriere im wesentlichen behalten. Und daß Caro-Kann oder Slawisch in den nächsten 50 Jahren widerlegt wird, halte ich auch für unwahrscheinlich.
In meinem Alter ist die schachliche Entwicklung zwar schon abgeschlossen, aber man muß trotzdem immer bißchen in Bewegung bleiben, um nicht einzurosten. Eine Zeitlang habe ich parallel mit Weiß ausschließlich genau dieselbe Struktur gespielt (Damenbauernspiel mit Lf4/Lg5), aber das war zuviel des Guten, die allgemeinschachliche Sicht verengt sich, nun bin ich wieder überwiegend bei 1.e4/1.b3 .
Und gegen 1.e4 habe mir seit einiger Zeit wieder 1...e5! angeguckt. Zum einen war ich es leid, gegen 1.e4 mit Caro-Kann nur eine einzige vollwertige Antwort zuhaben, Aljechin und Skandinavisch sind auf meinem Niveau halt doch schon etwas bedenklich. Und zum anderen gerate ich immer öfter in eine Berater-/Mentoren-/Trainer-Rolle hinein und da ist 1.e4! e5! eben der Anfang aller Dinge. Aber dazu habe ich mich ja schon woanders ausgelassen.
tracke

PS:
Und das ist natürlich noch nicht alles! Zum einen habe ich selbstverständlich noch paar Ü-Eier im Variantenkoffer, die ich hier aus naheliegenden Gründen nicht nenne. Und zum anderem versuche ich einen guten Überblick über alle Eröffnungen zu behalten.
EDIT:
Hoffentlich erkennt der geneigte Leser, daß es sich bei meinem Repertoire tatsächlich um ein (durchdachtes) Repertoire handelt und nicht um eine Ansammlung von Eröffnungsvarianten.