Man darf sich die "Widerlegung" von Lettisch nicht unbedingt so vorstellen, daß es eine forcierte 17-zügige Kombination gäbe, mit der Weiß mattsetzt oder einen Turm gewinnt. Daß Ali´s Vereinskollege es mit dem Computer bis zum Matt durchgerechnet haben könnte, ist einfach Blödsinn! Der Weißspieler muß schon eine gewisse Technik haben, um seinen Vorteil auch auszunutzen. In einer kritischen Variante entsteht z.B. eine Stellung mit L+S+6B gegen S+S+5B, wo Weiß außer dem Mehrbauern auch noch eine sehr schöne Läuferstellung hat; im Fernschach oder auf Meisterniveau ist das dann ein glatter weißer Gewinn, aber im Blitzen würde ein 2400-Schwarzer gegen einen 1800-Weißen wohl 80% holen! Und einige andere +/- Stellungen würde man auf den ersten Blick für scharfen Ausgleich halten: Weiß hat kein Mehrmaterial und keinen forcierten Angriff mehr, aber einen erst auf den zweiten Blick ersichtlichen Positionsvorteil, zu dessen Verwertung aber gute Technik notwendig ist.
Gefährlich sind für Schwarz alle natürlichen Fortsetzungen, auch 3.d4, 3.Sc3 oder das unterschätzte 3.exf5. Das Spiel wird jeweils höchst unklar, tendenziell steht Weiß immer bißchen besser. Als echte Widerlegungsversuche wurden aber immer nur 3.Lc4 und 3.Sxe5 betrachtet.
Das taktische 3.Lc4 sieht auf den ersten Blick am stärksten und am ehesten nach einer Widerlegung aus. Die Alternativen zu 3...fxe4 (3...d6, 3...Sc6, 3...Sf6, 3...De7, 3...b5) verlieren wohl relativ forciert, obwohl Weiß auch da die Theorie kennen muß. Nach 3...fxe4 4.Sxe5 hat Schwarz die Wahl zwischen 4...Dg5 und 4...d5.
Objektiv ist 4...Dg5 als verloren ausanalysiert, bietet aber gewisse praktische Chancen, wenn man als Schwarzer paar Verteidigungsideen kennt. Welcher Weiße kennt schon die gesamte Theorie dazu und opfert zwei Türme, um dann ein forciertes 12-zügiges Matt zu sehen? Letztlich ist das aber Fallenstellerei und kein Schach-"Spiel".
Dagegen ist 4...d5 5.Dh5+ g6 6.Sxg6 hxg6! wohl gar nicht so klar, weder nach 7.Dxh8 Kf7! noch nach 7.Dxg6+ Kd7!. Die meisten Theoretiker sehen zwar oft einen leichten weißen Vorteil, aber letztlich sind diese Stellungen auch für Programme schwer zu durchschauen und zu bewerten, bei Bauernzentrum gegen Mehrqualle oder 3 Bauern gegen Figur vertun sich die Blechbüchsen häufig.
Es ist schon bezeichnend, daß praktisch alle führenden Theoretiker (und alle Schreiber von Weiß-Repertoire-Büchern) 3.Sxe5! als kritische Fortsetzung ("Widerlegung") angeben. Nach 3...Sc6?! kann Weiß das Bauernopfer annehmen mit 4.Sxc6 dxc6 5.d3! (Larsen), aber noch einfacher ist 4.d4! (Nunn) mit weißem Vorteil. - Die Hauptvariante ist 3...Df6 und nun 4.Sc4 oder 4.d4 d6 5.Sc4. In beiden Fällen wird Weiß keinen sofortigen Angriff starten, sondern sich natürlich weiterentwickeln und die schwarzen Bauern (c6-d5-e4) mit f2-f3, d2-d3 oder c2-c4 befragen; die weißen Felder im schwarzen Lager werden schwach, die schwarze Dame gerät dann ins Schußfeld der weißen Figuren, oft kommt Schwarz nicht zur Rochade usw. Man kann keine weiße Gewinnkombi angeben, aber die Gesamtheit des Partiematerials aus Fernschach und Meisterniveau läßt keinen anderen Schluß zu, als daß Schwarz schon nach 3.Sxe5! einfach auf Verlust steht.
Betrachte z.B. 3.Sxe5 Df6 4.Sc4! fxe4 5.Sc3 Df7 6.Se3 c6 7.d3! exd3 8.Lxd3 d5 9.0-0 Lc5 10.Sa4 Le7 11.c4 Sf6 12.cxd5 cxd5 13.Sc3 Le6 14.Lf5 Lxf5 15.Sxf5 Sc6 16.Sxe7 Kxe7 17.Le3 Kf8 18.Da4 Kg8 19.Tad1. Dies ist Khalifmans Hauptvariante in seinem Repertoirebuch "Opening for White according to Anand Vol.1". Es geht hier um die Schlußstellung, nicht um die Variante dorthin. Schwarz hätte auch paarmal etwa gleichgute (gleichschlechte!) Alternativen gehabt, und natürlich gab es nach dem Erscheinen des Buches gleich einige Stimmen von Lettisch-Fans, die natürlich irgendeine Abweichung für Schwarz versucht hätten (16...Sxe7?!, 10...Ld6?!, 6...Sf6?!, 5...Dg6?!). Wie gesagt, es geht um die Stellung nach 19.Tad1: das Material steht gleich, die schwarzen Springer stehen gut, Weiß droht trotz Entwicklungsvorsprungs nichts Konkretes, und ob der Freibauer d5 stark oder schwach ist, kann man nicht sofort erkennen, immerhin hängt er mittelfristig nicht. Khalifman sieht Weiß klar im Vorteil (+/-) und schreibt:"The complications are over. The black king is badly placed and the black central pawn is weak. White´s chances are significantly better in the forthcoming battle".
Man muß als Weißer schon eine halbwegs gute Technik haben, um diese Stellung tatsächlich zu gewinnen, aber andererseits wird oberhalb einer gewissen Spielstärke Weiß diese Stellung auch regelmäßig und ziemlich sicher gewinnen! Und 20 vergleichbare Stellungen, in die Schwarz sich alternativ hätte retten können, wird Weiß ebenso meistens gewinnen! Zusammen macht dies dann eine Widerlegung von Lettisch. So etwa hat man sich das vorzustellen.
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