Oje, Unortodox, hier ist auch nochmal ein längerer Post nötig ?!

Also:
1.e4 c6 2.Lc4 d5 3.Lb3
Nun ist 3...dxe4 bestimmt der natürliche und prinzipielle Zug, aber andererseits ist 3...e6 nicht einfach nur eine Ablehnung. Bestimmt nicht wenige starke Spieler wären der Meinung, daß Schwarz hier schon minimal besser steht! Man sollte sich als Weißer diese Stellung schon mal genau angucken und sich fragen, ob man das als Weißer wirklich spielen will. Nach einem Abtausch e4xd5/e6xd5 (sofort oder bald) ist der Lb3 erstmal ausgeschlossen, zumal nachgereichtes c2-c4 auch positionell fragwürdig ist. Andererseits ist e4-e5 (sofort oder bald) auch riskant, da Schwarz für einen typisch französischen Kampf gegen e5/d4 ein Tempo gewonnen hat: er hätte dann mit c7-c6-c5 nur ein Tempo verloren, Weiß mit Lf1-c4-b3 aber zwei, da der Lb3 bestimmt nicht besser als auf e2/d3 steht. Lb3-a4+ mit Abtausch des schlechten schwarzen Läufers vergrößert nur die weißen Probleme. Und ein weißer Lc2 steht vielleicht im 15.Zug gut, was aber nichts nützt, wenn vorher das weiße Zentrum schon aufgerieben ist! - Natürlich kann Weiß nach 3...e6 flexibel sein mit Sc3/De2/d3, aber auch Schwarz kann nachlegen mit Sf6/Sa6-c5. Und falls Weiß allzu passiv und abwartend spielt, geht vielleicht sogar e6-e5 !? - Daß viele Schwarzspielen so nicht spielen, ist doch kein theoretisch stichhaltiges Argument dagegen!
3...dxe4 4.Dh5
Na, hier hat Schwarz wenigstens keine allzu große Auswahl (4...Sh6 ist wohl nicht so toll).
Nach 4...g6 5.Dh4 muß Schwarz den Be4 gar nicht decken, 5...Lg7 oder 5...Sa6 wären eine Überlegung wert. Nach z.B. 5...Sa6 muß Weiß natürlich nicht 6.Dxe4 spielen, wieder wäre 6.Sc3 oder 6.f3 möglich. Nun sollte 6.f3 exf3 7.Sxf3 Sc5 8.Lc4 Le6 9.Le2 Lg7 10.0-0 Sf6 ganz gut spielbar sein für Schwarz. Aber auch 6...e3 ist möglich. In einigen Partien, die ich damit gesehen habe, nahm Weiß komischerweise fast nie mit d2xe3 sondern mit d2-d4/Lc1xe3: alles höchst unklar!
Nach 4...g6 5.Dh4 Sf6 6.f3 ist vielleicht ebenso 6...e3?! möglich, obwohl ich da Weiß einen kleinen Vorteil zugestehen würde. Zu meiner Idee 6...Dd4?! 7.Sc3 (Was sonst? 7.d3 exf3 ist für Weiß höchstens genauso gut/schlecht wie 7.Sc3 exf3) 7...exf3?! habe ich noch keine Blechbüchse befragen können, per Handanalyse habe ich keine Widerlegung gefunden, eventuell gibt es eine, das würde mich interessieren! Die vielleicht einzige Möglichkeit, die "schwarze Dame Bg2" zu fangen, scheint 8.Dxd4 fxg2 9.Sb5 Sbd7! 10.Sd6+ exd6 11.De3+ Le7 12.Df3 gxh1D 13.Dxh1 zu sein, aber hier bevorzuge ich Schwarz!
Nach 4...g6 5.Dh4 Sf6 6.f3 exf3 7.Sxf3 verlangst Du von mir, die schwarze Verteidigung zu verbessern. Na, ich darf wohl noch selbst entscheiden, wo ich das schwarze Spiel gegen 2.Lc4 verbessere und m.E. habe ich schon paar gute Möglichkeiten gezeigt! - Wie schon gesagt, gestehe ich Weiß nach 7.Sxf3 mindestens ausreichende Kompensation zu. Und nach 7...Lg7 8.0-0 0-0 9.d4 Lg4 10.Sbd2 Sbd7 11.h3 Lxf3 12.Sxf3 steht Schwarz wohl platt. Falls Schwarz sich überhaupt retten kann, muß er sich dem Lb3 widmen. Denn sonst erzwingt Weiß wohl irgendwann e7-e6, wonach Weiß auf der f-linie gewinnt. Also vielleicht sowas 7...Dd6 oder 7...Sa6 8.d4 Sc7 ?! Überzeugt mich ehrlich gesagt auch nicht richtig, obwohl Schwarz auch kaum sofort eingeht, wenn er die Punkte e6/d5 halten kann, ohne e7-e6 zu spielen. - Aber selbst wenn 7.Sxf3 in Deiner Spielpraxis häufig vorkommt, ist das trotzdem kaum ein "theoretisches Argument" für 2.Lc4 .
4...e6 5.Sc3 Sf6 6.Dh4 Sbd7 7.Sxe4 Sxe4 8.Dxe4 Sc5 9.De2 Sxb3 10.axb3
Natürlich gibt´s auch hier mögliche Abweichungen:
Weiß kann mit 5.f3 oder 7.f3 wieder ein Bauernopfer anbieten, was Schwarz dann ruhig annehmen sollte: Weiß hat vorübergehend bißchen Druck, aber kaum ausreichende Kompensation.
Schwarz muß auch nicht auf das Läuferpaar spielen, sowas wie 8...Sf6 9.De2 Le7 10.Sf3 0-0 11.0-0 b6 12.d4 Lb7 wäre eine Caro-Kann-typische Stellung mit etwa gleichen Chancen.
8.De2 sieht halbwegs vernünftig aus. Auf e3 steht sie kaum besser, und auf 8.Df3 gewinnt 8...Sxb3 9.axb3 Dd5 vielleicht ein Tempo, da Weiß kaum die Damen tauschen kann.
Schwarz muß auch nicht sofort auf b3 tauschen (9...Df6!?, 9...Le7!?), sollte das aber ruhig tun, wenn er schon 8...Sc5 gespielt hat.
Ich glaube, eine Untersuchung der Variante etwa als Partievorbereitung würde ich nach 10.axb3 wirklich abbrechen:
Schwarz hat offenbar keine Probleme, steht wegen Läuferpaar und weißem Doppelbauer eher minimal besser. Die offene a-Linie nützt Weiß kaum etwas. Der Lc8 ist nicht eingeschlossen, natürlich muß er noch entwickelt werden, was noch paar Züge dauert. Aber langfristig ist c6-c5 kaum zu verhindern, ansonsten müßte Weiß seine weißen Felder noch weiter schwächen, sodaß c6-c5 bestimmt als Bauernopfer spielbar wäre.
Ich kann mir gut vorstellen, daß viele Vereinsspieler diese Stellung als ausgeglichen beurteilen oder gar leichten weißen Vorteil sehen. Aber die machen sich keine Vorstellung davon, wie brutal das schwarze Läuferpaar im Endspiel werden kann. Wenn man in dieser Stellung die Damen vom Brett nimmt, steigen die schwarzen Chancen vielleicht sofort von 55 auf 70% !? Es geht dann nur noch darum, ob Weiß Remis halten kann. Zumal Weiß infolge des schon reduzierten Materials kaum ernstzunehmende Chancen auf einen Angriff auf den schwarzen König hat. Auch anderweitige aktive Pläne für Weiß sind nicht in Sicht. Eigentlich kann Weiß nur hoffen, bißchen Spiel auf der vermutlich bald geöffneten d-Linie zu bekommen. Wobei es allerdings Schwarz ist, der bestimmt, wann er c6-c5 spielt; bei schwarzen Bauern e6/c6 kann Weiß kaum d4-d5 durchsetzen. Falls Weiß den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer auf d6 oder g5 erreicht, ist damit nicht unbedingt viel erreicht. Falls Weiß seinen Springer nicht sofort nach d6 bekommt, ist der schwarze weißfedrige Läufer wohl immer noch stärker als der Springer, insbesondere im Zusammenspiel mit Türmen. Und notfalls muß Schwarz eben tauschen und es ist remis. Aber das halte ich vorläufig für eher unwahrscheinlich: das Spiel ist wohl noch in der Remisbreite, aber es ist Weiß, der aufpassen muß. Ich halte diese Stellung für absolut nicht erstrebenswert für Weiß. -
Die schwarze "Verteidigungsleistung" in Young-Huntington(1988) ist m.E. einfach lächerlich und mehrfach zu verbessern.
Eine sehr konkrete schwarze Möglichkeit nach 9.De2 Sxb3 10.axb3 ist 10...Dg5, was spielt Weiß hier eigentlich, ohne weitere (weiße) Felder zu schwächen (11.Df3 Dd5) ?
Der Einfachheit halber folge ich (vorbehaltlich möglicher Abweichungen von beiden Seiten) Deinen natürlichen Zügen noch etwas bis hin zu einer vielleicht typischen Stellung:
10...Le7 11.Sf3 0-0 12.0-0 b6 13.d4 Lb7
Falls Weiß auf d2-d4 verzichtet (13.d3!?) und sich hinten reinstellt, muß Schwarz eben sehr langsam expandieren (c5/ Dd5/ a6/ Td8/ Te8/ f6/ e5).
Auf jeden Fall sollte Schwarz nicht zu früh c6-c5 spielen, an 12...c5 würde ich als Schwarzer kaum einen Gedanken verschwenden. Eine vorzeitige Öffnung der d-Linie samt Eindringen auf d7 ist doch die einzige weiße Chance. Es ist nicht wichtig, daß das Läuferpaar sofort in den Kampf eingreift, sondern nur, daß man es hat!
Nach 14.Lf4 Dd5 15.Tfd1 wird Schwarz sich kaum auf d5 die Dame fangen lassen, vielleicht erstmal 15...Df5.
Besser und flexibler (vielleicht nur Zugumstellung) ist 14.Tfd1. Aber Schwarz hat alle Zeit der Welt, c6-c5 zu einem ihm genehmen Zeitpunkt zu spielen. Vielleicht spielt er erstmal a6 oder a5, um seinen Damenturm auf d8/c8 zu aktivieren. Vielleicht kann er abwarten mit h6/Lf8/Te8. Und dann sogar an f6/e5 denken mit/ohne c6-c5. Die schwarze Dame kann überall hin: d5/f5/h5/c8/c7, wer weiß? Ich habe keine Lust auf eine Fernpartie, die paar Bemerkungen hier kosten mich ohnehin schon genug Zeit. Während Schwarz seine Stellung langsam verstärken kann (das Läuferpaar wartet), sehe ich für Weiß nichts dergleichen. Jeder "aktive" Plan (h4/g4/b4/Se5+f4) ist verdammt riskant und schafft wahrscheinlich nur neue Schwächen, denn Weiß muß jederzeit mit c6-c5 rechnen (auch als Bauernopfer), wonach der Lb7 in etwaige Schwächen haut.
Tut mir leid, m.E. ist so eine allgemeine Varianteneinschätzung viel besser als irgendein Variantenwust. Und je länger ich mir dies alles angucke, desto fragwürdiger wird mir 2.Lc4 . Es gibt doch scheinbar einige schwarze Entgegnungen, nach denen fraglich ist, ob Weiß auch nur knappen Ausgleich hat. Vor einer weiteren Diskussion von 2.Lc4 sollten wohl erstmal einige Löcher gestopft werden, nicht nur eins.
Und zuletzt gibt es auch immer noch das metatheoretische Argument: es wird letzten Endes schon seinen Grund haben, warum sowas von Meistern nicht gespielt wird! Es wäre töricht nicht anzunehmen, daß diverse Großmeister sowas wie 2.Lc4 auch schon mal angeguckt und nach kurzer Analyse verworfen hätten.
tracke