Hallo zusammen!
Zum französischen Flügelgambit hat der holländische IM Jeroen Bosch einen hervorragenden Artikel im NIC Magazin verfasst. Eine Sammlung dieser Artikel mit der prägnanten Abkürzung SOS (Secrets of opening surprises) findet sich im 1.Band des gleichnamigen Buches. In Deutsch und Englisch zu erhalten. Sehr zu empfehlende Lektüre!
Ich zitiere mal aus der Einleitung zu diesem Artikel:
(Hoffentlich verstoße ich damit nicht gegen irgendwelche Copyrights!)

Um 1984 bemühte ich mich krampfhaft mit der französischen Verteidigung ab. Die positionellen Feinheiten der Tarrasch-Variante oder die Winawer-Variante lagen jenseits meines überaus taktisch geprägten Stils. Zudem umfasste dies alles einfach zu viel Theorie. Um diese Zeit schreckte mich der folgende Hinweis in einem Buch von Suetin über die französiche Verteidigung auf: 1.e4 e6 2.Sf3 d5 3.e5 c5 4.b4!? cb4 5.a3 ba3 6.d4 Sc6 7.c3 Ld7 8.Ld3 f5 mit kompliziertem Spiel, in welchem Weiß in Gambit-Stil agieren muss (Schaschin-Naglis, Moskau 1970). Ich war verzaubert. Als Jugendlicher träumte ich ständig davon, im "Gambit-Stil" zu spielen (was immer das bedeuten mag) und das Urteil "unklar" klang zu verlockend. Und außerdem schien alles, was man wissen musste, nur diese eine Stammpartie mit gerade mal acht Zügen zu sein.
Heutzutage glaube ich, dass ich eben genau deshalb Zweifel an der Korrektheit der Idee anmelden würde, weil es das typische Urteil eines faulen Analytikers ist und mit einem verdächtigen Mangel an weiterem Material daherkommt. Nennen sie es optimistisch, naiv oder wie sie wollen, aber ich begann, dieses sogenannte Flügelgambit zu spielen und war damit sogar erfolgreich. Nach einiger Zeit begannen andere holländische Jugendspieler ebenfalls, gegen den Franzosen den Damenflügel aufzugeben; darunter waren mit IM Martens und GM Reinderman einige bekannte Gesichter. Über die Jahre verbrachte ich eine menge Zeit damit, die Stellungen nach 4.b4 zu analysieren und meine Waffe von Zeit zu Zeit feiner zu justieren. Ich entdeckte das die "anerkannte Theorie" wenig von Bedeutung über das Thema mitteilte.
Eine wohlwollende Ausnahme machte ein Artikel in Skakbladet, den der dänische IM Mortensen verfasste, der sich auf Larsen berief, welcher das Flügelgambit, die "logische Art" der Entgegnung des Franzosen nannt. Mit dem Namen Mortensen haben wir bereits den größten b4-Helden benannt. Mein Artikel zielt nun darauf, dem Leser ein vollständiges und begeisterndes Repertoire gegen den Franzosen zu präsentieren. Obwohl er aus Sicht des Weißspielers geschrieben ist, habe ich versucht, durchweg objektiv zu sein und ebenso Varianten aufzuzeigen, die problematisch sind.
Allgemeine Ideen und typische Manöver
Was steckt hinter 4.b4?
Lassen Sie uns, um diese Frage zu beantworten, eine der Stellungen aus der Hauptvariante betrachten:
1.e4 e6 2.Sf3 d5 3.e5 c5 4.b4 cb4 5.a3 ba3 6.d4 Sc6 7.c3
Weiß opferte zwei Bauern, wobei er einen zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Sxa3 oder Lxa3 wiederbekommt:
Aber was hat er für sein investiertes Material erhalten? Nun, zunächst einmal ist da die Bauernkette c3-d4-e5 im Zentrum. Aufgrund des Bauern e5 besitzt Weiß mehr Raum, was bedeutet, das er am Königsflügel angreifen kann. Zudem kontrolliert er die schwarzen Felder im Zentrum; der Anziehende wird häufig versuchen einen Springer auf d6 landen zu lassen.
In der französischen Vorstoßvariante besitzt Weiß den gleichen Zentrumstrumpf. Doch nach 1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 Sc6 5.Sf3 Db6 ist klar, dass Schwarz durch Druckspiel gegen d4 Gegenspiel erlangt. Im weiteren Spielverlauf muss Weiß ständig sein Zentrum im Auge haben. Vergleichen wir das einmal mit dem Flügelgambit. Da der schwarze c-Bauer nach a3 gelockt wurde, hat Schwarz nicht mehr den Hebel um Druck gegen d4 auszuüben! Im Wesentlichen ist dies der einzige Grund für den weißen Zug 4.b4. Ein anderer Faktor gereicht Weiß zum Vorteil, denn nach beispielsweise 7.c3 (voriges Diagramm) kann er seine Entwicklung fast ungehindert fortsetzen. Die schwarze Entwicklung am Königsflügel ist hingegen ernsthaft behindert. Schwarz mangelt es schlicht an Raum. Sowohl sein Läufer und sein Springer bedürfen der Entwicklung über e7 (ein Springer auf h6 würde rausgehackt werden und die dann geschwächte Bauernstruktur nach gh6 eröffnet Weiß Angriffsmöglichkeiten). Oft wird der Springer nach e7 gespielt, um dann erstens nach g6 zu gehen, wo er nach h4-h5 nicht zur Ruhe kommt, oder zweitens er kommt noch häufiger nach f5, wo er mit g4 verjagt oder mittels Ld3 auf f5 getauscht wird, was wiederum die schwarze Struktur schwächt. Als Konsequenz der schwarzen Entwicklungsprobleme bleibt sein König oft längere Zeit im Zentrum stecken. Alles dies garantiert Weiß gute Angriffsmöglichkeiten und ein attraktives Spiel. Ein letztes Kennzeichen ist die Möglichkeit auf "Wolga-Kompensation" zu spielen. Mit dem Opfer seines a- und b-Bauern erlangt er zwei offene Linien, welche manchmal genutzt werden können, um Druck auf dem Damenflügel auszuüben (oft im Zusammenwirken mit einem Springer auf c5).
Soweit Jeroen Bosch.
Ich hoffe, das hilft euch irgendwie weiter.
Wenn ihr mehr Interesse an konkreten Varianten habt, lasst es mich bitte wissen.
Zumindest ich hatte nach dem Studium dieses Artikels das Gefühl, das es sich beim französischen Flügelgambit um eine vollwertige Alternative zu den Hauptvarianten handelt, auch wenn die Partien aus der Megabase ein etwas anderes Bild vermitteln.
Grüße Thomas