Moin Leute,
also ich hab mir gerade mal die gesamten Beiträge hintereinanderweg gegeben. Vieles von dem, was ich hier gelesen habe, fand ich interessant, lustig, oberflächlich oder nichtssagend. Aber ein, zwei Dinge möchte ich grundlegend doch einmal festhalten:
@ Thonar:
Ich mag deine Art zu schreiben und noch viel mehr deine Art, logisch zu argumentieren und zu strukturieren. Auch die Aussagen als solche sind mir sympathisch, weil du nicht nur deine Meinung kundtust, sondern eben auch Züge zur Diskussion stellst, mit denen man sich auseinandersetzen kann. ABER: Was ich nicht so mag ist der "Tonfall", der in einem Teil deiner Beiträge mitschwingt. Ich schreibe das jetzt nicht, weil ich Ironie, Sarkasmus oder Humor nicht leiden kann - ganz im Gegenteil, ich weiß das sehr wohl zu schätzen - aber ich frage mich, was du damit eigentlich erreichen willst. Wenn du das für so schräge (um nicht zu sagen kranke) Typen wie mich schreibst, die hier reinschauen und sich über deinen Disput mit Blueoct amüsieren sollen, dann hast du dein Ziel wohl erreicht. Wenn du aber andere - wie zum Beispiel den direkt angesprochenen Blueoct - dazu bringen willst, ihre Beiträge den deinen im Niveau anzupassen, eben damit eine Diskussion und ein Austausch an konkreten Aussagen (via Varianten) erfolgen kann, dann muss ich dir leider sagen, dass dieses Vorhaben so nicht gelingen wird. Ich denke, Kritik ist durchaus wichtig und oft auch angebracht oder gar nötig. Aber dabei darf man nicht vergessen, dass wir Menschen nur allzu häufig nicht in der Lage sind, mit Kritik an uns selbst angemessen umzugehen. Das ist ohnehin schon per se für viele schwierig. Aber um wie viel schwieriger wird es dann erst, wenn man sich zusätzlich auch noch persönlich angegriffen fühlt bzw. sich deinem Spott oder gar Beleidigungen ausgesetzt sieht.
Titulierungen wie "
oh Weiser, Allwissender" oder Aussagen wie "...
du widerlegst dich zuerst selbst, und bist dann noch nicht mal bereit deine Behauptungen zu belegen..." oder "
Ich gehe daher davon aus, da du ohnehin nicht bereit warst eine Diskussion zu führen..." benutzt du doch nicht, wenn
du ernsthaft an einer Diskussion interessiert gewesen wärst, oder? Mir scheint, es hat dich aus irgendeinem Grund geärgert, dass Blueoct 1. b4 als "
Krautvariante" von "
Offbeatspielern" bezeichnet hat, kann das sein? Und da hast du dir vielleicht gedacht, dass du es einem solchen Kerl zeigen wirst!? Ich finde nur, dass man das vermeintlich niedrige Niveau anderer nicht dadurch brandmarken oder bekämpfen sollte, dass man sich auf selbiges herab lässt.
Und schließlich möchte ich noch etwas anderes anmerken. Du bemängelst meiner Meinung nach völlig zu recht, dass Formulierungen wie "Variante XY ist doch widerlegt" völlig nichtssagend sind, wenn man das nicht erläutert oder noch besser über Zugfolgen beweist. Aber ich frage mich wirklich, wie das dann mit deiner Aussage zusammen passt, dass 1. b4 e5 2. Lb2 f6 widerlegt sei, nur weil da mal eine Partie zwischen zwei relativ unbekannten Typen gespielt wurde, die dann von Weiß gewonnen wurde und die du in einem Link anfügst. Okay, du schreibst, dass die Kommentare zu dieser Partie nachvollziehbar seien, aber du kritisierst ebenso, dass die Seite dubios erscheint (was dann auch auf die recht einseitige Kommentierung zutreffen könnte). Ich bin beileibe kein Orang-Utan-Experte und ich habe auch nicht wirklich brauchbare, geschweige denn die neuesten Theoriebücher zu dieser Eröffnung, aber aus meiner Halbbildung zu diesem Thema heraus meine ich mich zu erinnern, dass
1. b4 e5
2. Lb2 f6
3. e4!? Lxb4
4. Lc4 Sc6
als stärkster Zug an dieser Stelle gilt. Die Züge 4. ... Se7 oder 4. ... De7 stammen aus einer Zeit, als man annahm, dass Weiß Lc4xg8 nebst Dd1-h5+ drohen würde. Tatsächlich steht Schwarz aber nach 5. Lxg8 Txg8 6. Dh5+ Kf8 7. Dxh7 d5 wohl ziemlich gut. Wie gesagt, ich bin kein Experte, doch wenn ich mir die Stellung so anschaue, muss ich feststellen, dass daran etwas Wahres sein könnte. Weiß hat eine zur Zeit abseits stehende Dame, sein ehemals furchteinflößender weißfeldriger Läufer ist weg, nach dem Abtausch der Bauern d5 gegen e4 wird Weiß drei, Schwarz aber nur zwei Bauerninseln haben und schließlich verfügt Schwarz in einer sich öffnenden Stellung über das Läuferpaar.
Wenn ich es allerdings richtig in Erinnerung habe, kommt der Zug 4. ... Se7 trotzdem immer noch häufiger vor. Das ist wohl auch nicht schlecht, z.B. 5. Dh5+ Sg6 6. Sf3 Sc6 und jetzt sollte Weiß meiner Meinung nach 0-0 nebst c2-c3 und d2-d4 spielen. Schwarz wird dagegen möglicherweise am besten mit Sc6-e7, c7-c6 und d7-d6 auf eine "Betonmitte" spielen und versuchen, sich nach und nach durch Abtausch von Figuren vom weißen Druck zu befreien. Unübersichtlich (für mich als Unkundigen). Ich erlaube mir mal, dich zu zitieren: "Widerlegt ist da schlichtweg gar nichts."
Was den Rest angeht, so hast du dich selbst bei der nach meinem Kenntnisstand wichtigen Abtauschvariante um konkrete Varianten gedrückt, weil du damit zu wenig Erfahrungen hast. Hmmm, das finde ich dann aber auch nicht völlig korrekt. Wenn du antrittst, um den blöden Parolen und unbewiesenen Hypothesen über eine Eröffnung wie 1. b4 den Kampf anzusagen, dann müssen auch alle kritischen Varianten und angeblichen Widerlegungen wenn schon nicht analysiert, so doch mit Varianten angesprochen werden. Ich habe dich jedenfalls so verstanden, dass du 1. b4 für spielbar und mit nichten für widerlegt hältst, wobei du dich nebenbei über großmäulige Hypothesen und variantenlose Widerlegungen wehrst. Großartiger Ansatz! Aber ist die Gegenthese, dass 1. b4 spielbar und nicht widerlegt sei, nicht auch nur eine letztlich hohle Phrase, wenn man zwar für ein paar Abspiele mit wenigen erläuternden Zügen zeigt, dass sie durchaus spielbar seien, aber dann bei einer in meinen Augen sehr wichtigen Variante kneift, nur weil man damit keine eigenen Erfahrungen hat. Stell dir vor, 1. b4 e5 2. Lxb4 Lxe5 3. Sf6 sei ausgerechnet die Variante, die eindeutig zu ungunsten von Weiß ausschlägt. Dann ist es völlig egal, ob anderes spielbar ist oder nicht. Beweise für die Spielbarkeit solcher (Neben-)Varianten wären dann reine Makulatur!
Zum Schluss möchte ich mich noch mit weiteren Phrasen meinerseits hervortun: Schon in meiner Schachjugend wurde begründet, dass die Abtauschvariante schlecht für Schwarz sei, weil man einen Zentrumsbauern gegen einen Flügelbauern eintauscht. Dafür, so wurde gemunkelt, sei die Variante 1. b4 d5 2. Lb2 Dd6! seehr interessant für den Nachziehenden und 1. ... c6!! grenze an eine geheime Widerlegung von Sokolskis b2-b4. Blablabla. Diese Sprüche stammen wie gesagt aus meiner Schachjugendzeit. Das ist jetzt in meinem Fall gut 30 Jahre her. Es hat mich köstlich amüsiert, all das in praktisch unveränderter Form hier noch einmal in diversen Beiträgen nachlesen zu können. Na, Leute, wenn man es nun schon sooo lange behauptet, dann muss das doch einfach stimmen, nicht wahr??
@ Blueoct:
Auch wenn ich - wie gerade dargelegt - auch finde, dass der Zungenschlag von Thonar ungeeignet und kontraproduktiv war, kann ich andererseits auch nicht umhin, ihm dahingehend zuzustimmen, dass die Formulierung von Gemeinplätzen wie "...
hat man mit Schwarz gutes Spiel (man kann den Bauern behalten oder auch einfach relativ früh ...d5 spielen und Schwarz hat keine Probleme). " wertlos sind, wenn man nicht konkret angibt, welche Variante man meint. Ansonsten können wir noch einmal auf das Standardwissen aus meiner Schachjugend zurück kommen: Die Abtauschvariante ist gut für Weiß, 1. ... d5 nebst Dd8-d6 seeehr interessant und 1. ... c6 die Widerlegung von 1. b4. Ist das wirklich die Form von Auseinandersetzung, die ihr hier führen wollt? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Kreuzigt mich jetzt nicht, weil auch ich keine konkreten Varianten zu all dem angebe, aber mein Anliegen war hier nicht, den Orang-Utan abzuschießen oder zu zeigen, wie stark der ist. Ich wollte nur mal eine Lanze dafür brechen, dass man in Threads, die sich mit Eröffnungen beschäftigen, Gemeinplätze oder Parolen vermeiden sollte (sonst muss man 3 Euros ins Phrasenschwein einzahlen!), aber sich auch dann, wenn sich jemand nicht daran hält, ihn nicht gleich scharf angehen oder gar beleidigen sollte.
So, das war's, was ich loswerden wollte. LG von der Waterkant.
P.S. Ach nein, ein kleiner Nachtrag für Thonar:
Ich habe mich immer gefreut, wenn ich Menschen begegnete, die meine zum Teil abwegigen Eröffnungen als "Kraut" eines "Offbeatspielers" ansahen. Das sind nach meiner Erfahrung die am leichtesten zu besiegenden Spielertypen (von kleinen Kindern mal abgesehen), weil sie sich stets in der Pflicht fühlen, mir dieses Kraut um die Ohren zu hauen. Das ist doch schon mal eine prächtige Ausgangsbasis für eine kurze Partie mit einem raschen Sieg (für mich, natürlich!). Und das beste daran ist, dass diese Spieler, die selbstverständlich davon überzeugt sind, viiiiel mehr vom Schach zu verstehen als ich, weil ich ja so ein Kraut spiele, mir einen um den anderen Punkt abliefer(te)n, weil sie immer wieder beweisen wollen, dass meine Stellungen schlecht sein MÜSSEN! »Denn, so schließt er messerscharf, nicht sein kann, was nicht sein darf!« (W. Busch). Was aber die Wortwahl selbst angeht: Nun, wenn ich im Wald oder Park die ausgetretenen Wege verlasse, gelange ich ins Unterholz. Dort wächst mitunter auch viel Krautartiges. Das ist doch nichts Schlimmes!? Na, und wenn ich im Schach die ausgetretenen Theoriepfade verlasse, dann...
Nochmals LG von der Waterkant.