Na ja, dann werde ich hier auch noch mal meinen Senf dazugeben.
Ich habe früher (Holländisch und) 1.f4 jahrelang gespielt, sowohl im Turnierschach als auch im Fernschach (Meisterklasse, Thementurniere).
Froms-Gambit ist vermutlich einfach ein Mehrbauer für Weiß, wenn er sich gut verteidigen kann. Allerdings ist es am Brett und insbesondere mit kürzeren Bedenkzeiten schwerer mit Weiß zu spielen als im Fernschach, die schwarze Initiative ist nicht zu unterschätzen.
Das Schlechter-Gambit 2...Sc6 ist kaum besser. Auf der Oleinikow-CD gibt es paar Weiß-gewinnt-Varianten, die nicht leicht zu entkräften sind.
Aus Erfahrung kann ich bestätigen, daß sehr viele Schwarzspieler mit 1...c5 in den Geschlossenen Sizilianer überleiten wollen. Allerdings hat Weiß da vielleicht was Besseres, nämlich 1.f4 c5 2.Sf3 Sc6 3.e4! (...g6 4.Lb5!) mit Übergang in den Grand-Prix-Angriff, ohne daß Schwarz Möglichkeit zu 1.e4 c5 2.f4 d5! gehabt hätte.
Wenn man davon ausgeht, daß 1.f4 d5 2.Sf3 g6! ganz angenehm für Schwarz ist (s.u.), muß Weiß sich fragen, wie er dies nach 1.f4 g6 vermeiden kann.
Natürlich kann Schwarz nach 1.f4 alles Mögliche spielen, ohne gleich schlechter zu stehen. Positionell ist das "weißfedrige" 1...b6 interessant. Und 1...d6 ist sehr flexibel: 2...e5 könnte noch Froms-Gambit werden.
Nach 1...Sc6 ist 2.Sf3 fast erzungen (2.e4 d5!, 2.b3 e5!, 2.d4 e5?!), wonach Schwarz die Wahl hat, ob er mit 2...e5 ins Froms-Gambit übergeht oder lieber ruhig 2...d5 nebst 3...Lg4 spielt.
Komischerweise halte ich 1.f4 Sf6 für nicht besonders stark. Oder besser, für nicht besonders flexibel. Falls 2...d5 folgt, wäre 1...d5 flexibler gewesen; falls 2...g6 folgt, hätte 1...g6 aber weißes b2-b3/b4 verhindert.
Kommen wir nun aber zu 1.f4 d5, der wohl prinzipiellsten Spielweise. Weiß kann nun Holländisch mit Mehrtempo spielen. Oder, vielleicht besser, Schwarz spielt selbst mit Minustempo gerne gegen Holländisch!
Zunächst wäre da der Fall, daß Weiß sich genauso wie in den entsprechenden Holländisch-Systemen (Leningrader, Stonewall, Klassisch)aufbaut, und Schwarz (wie Weiß im Holländer) seinen Königsläufer fianchettiert und c7-c5 spielt. Eine Betrachtung der Meisterpraxis nährt den Verdacht, daß Weiß aus seinem Mehrtempo nicht viel herausholen kann. Oder gerade einmal unklaren Ausgleich erreicht, während im Holländer Weiß üblicherweise seinen Anzugsvorteil behält und sogar ausbauen kann.
Über dieses Phänomen, daß Farbvertauschungen mit Mehrtempo meist nicht viel bringen, lese man allgemein: JohnWatson,Geheimnisse der modernen Schachstrategie, S.231-236 oder SteveGiddens, Der Aufbau eines Eröffnungsrepertoires, S.92-99 . Speziell zum Leningrader Angriff (1.f4/2.Sf3/3.g3) aber auch: StefanBücker, Ein Tempo zu freien Verfügung (in Kaissiber12). Ganz grob ist es so, daß Kontereröffnungen mit Mehrtempo nichts bringen, da der Gegner eine andere Variante wählt, wenn in der farbvertauschten Hauptvariante sich der Konter schon vorzeitig abzeichnet.
(Oder, auf die Spitze getrieben: Wenn man selbst Skandinavisch gegen 1.e4 spielt und nun aber Weiß gegen einen e4-Spieler hat, so sollte man 1.d4 nicht deswegen spielen, weil man auf´s Englund-Gambit 1...e5 hofft. Und dann 2.dxe5 als "Verstärkung des skandinavischen Konters durch Farbvertauschung mit Mehrtempo" vorbereiten. Vermutlich wird der Gegner nicht 1...e5 spielen!).
Konkret bei Holländisch/Bird wäre noch die Schwäche der Bauerstellung anzumerken. Im Holländer hat Schwarz in jeder Hauptvariante eine strukturelle Schwäche auf e6. Wenn Weiß eine leichte Verflachung gelingt (z.B. Damentausch), so hat Weiß oft einen permanenten Vorteil, der gut für einen 70%-Score ist. Allerdings muß Schwarz dies nicht zulassen, sein dynamisches Gegenspiel drückt den weißen Real-Score auf 55-60%. Bei 1.f4 nun startet Weiß nun aber mit derselben Strukturschwäche auf e3 ! Nun hat Weiß einen Struktur-Score von 30%, seine durch das Mehrtempo verbesserte Dynamik reicht gerade mal aus, um mit Weiß statt 40-45% immerhin 48-50% zu erzielen. Seine Aufgabe ist aber oft schwerer, da Schwarz immer sehr natürliche Züge spielt, um das Zentrum zu öffnen und seinen Strukturvorteil auszuspielen; Weiß dagegen muß eher komplizierte, gekünstelte und gar einzige Züge finden, um seinen Angriff am Leben zu erhalten und das Spiel bloß nicht verflachen zu lassen. Diese Einschätzung von mir ist bestimmt angreifbar, aber was Wahres ist schon dran.
Zuletzt kommt nun der weiße Versuch, sein Mehrtempo sofort zur Fianchettierung seines Damenläufers zu benutzen, also 2.b3 oder 2.Sf3 Sf6 3.e3 c5 4.b3 oder ähnlich.
Zunächst muß gesagt werden, daß Schwarz auch dann zufriedenstellend steht, falls Weiß seine Bird-Larsen-Attacke wie gewünscht aufbaut! Etwa
1.f4 d5 2.b3 Sf6 3.Lb2 e6 4.Sf3 c5 5.e3 Sc6 6.Lb5 Ld7 7.0-0 Le7
1.f4 d5 2.b3 Sf6 3.Lb2 e6 4.Sf3 Ld6 5.e3 0-0 6.Ld3 Sbd7 7.0-0 De7
1.f4 d5 2.b3 Sf6 3.Lb2 g6 4.Sf3 Lg7 5.e3 0-0 6.Le2 c5 7.0-0 Sc6
sind in theoretischer Hinsicht absolut okay für Schwarz, wenn er über bißchen Defensivtechnik verfügt. Allerdings ist dies auf Vereinsniveau oft nicht der Fall, wonach Weiß zugegebenermaßen ganz gut scort.
Allerdings sind diese (theoretisch ausgeglichenen, praktisch oft vorteilhaften) Wunschvarianten gar nicht durchsetzbar! Autoren wie Soltis lügen da oft das Blaue vom Himmel herunter und lassen in ihren Beispielpartien den Schwarzspieler kooperieren. Möglichkeiten wie 2.Sf3 g6!, 2.b3 Lg4!?, 2.b3 d4!?, 2.b3 c5 3.e3 a6 werden nur oberflächlich angesprochen oder gar unterschlagen.
Trotz meiner Affinität zu längeren Posts ist es wirklich nicht möglich, dies hier nun in extenso darzulegen. Vielleicht überzeugt der Hinweis, daß offenbar selbst der große Bent Larsen Mitte der 60er Jahre genau aus diesem Grunde von 1.f4 zu 1.b3 gewechselt ist.
Dann wäre 1.b3 e5! ein ganz neues Thema.
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