Der letzte Beitrag hat dem Thread-Starter kaum weitergeholfen - es macht auch wenig Sinn, die Analyse mit 10...Sg8? statt 10...Sh5!? zu verschlimmbessern.
Ich bin kein Experte für Modernes Benoni und verfüge auch nicht über die allerneueste Spezialliteratur dazu, habe mir aber mal in den Datenbanken die (spärliche) Meisterpraxis dazu angesehen.
Unten in der PGN-Datei
A67ModBen Nbd7 befinden sich zwei dutzend aktuelle Meisterpartien (2000-2011, beide Spieler >2400elo) aus Megabase 12 und CorrBase 11.
Weiß scort recht gut. Aber nicht gut genug, um die Variante als klar widerlegt anzusehen. Eher als ziemlich unklar mit statistischem Vorteil für Weiß. Die beiden letzten hochwertigen Fernpartien gingen remis aus, so schlecht kann das für Schwarz also nicht sein.
Die kritische Stellung entsteht offenbar nach
1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 4.Sc3 exd5 5.cxd5 d6 6.e4 g6 7.f4 Lg7 8.Lb5+! Sbd7?! 9.e5 dxe5 10.fxe5 Sh5! 11.e6 Dh4+ 12.g3 Sxg3 13.hxg3 Dxh1 14.Le3!, jetzt kann Schwarz 14...Lxc3+ oder 14...0-0?! versuchen oder das Endspiel nach 14...a6 15.Lxd7+ Lxd7 16.exd7+ Kxd7 17.Dg4+ f5 18.Df3 Dxf3 19.Sxf3 anstreben.
In jedem Fall entstehen sehr interessante und unklare Stellungen mit ungewöhnlicher Materialverteilung; offenbar hat Weiß dabei die Nase leicht vorne. Aber wenn die Weltspitze diese Variante seit den späten 1990ern vermeidet, dann muß das nicht zwangsläufig heißen, daß eine Widerlegung vorhanden oder bekannt wäre - es könnte auch sein, daß die Verteidigung der schwarzen Stellung (bzw. überhaupt die intensive Vorbereitung der Variante aus schwarzer Sicht) einfach unökonomisch erscheint. Wozu soll ein Spitzen-GM 1000 Analysestunden verwenden, um die schwarze Endspielstellung im 32.Zug. als "haltbar" nachzuweisen, wenn er in Nimzoindisch oder Halbslawisch in einem Viertel der Zeit 4 gut spielbare Varianten im 25.Zug findet?!
Natürlich, möglichweise gibt es eine ausgearbeitete "Widerlegung" von 8...Nbd7?!, die Überblicksliteratur und das Partiematerial gibt aber m.E. keinen Hinweis darauf.
Da die "sichere Variante" 8.Sfd7 doch etwas passiv ist, vermeiden die Spitzenspieler oft die ganze Variante mit 7.f4 . Entsprechend wird Modernes Benoni heutzutage weniger über
1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 gespielt, sondern vielmehr über
1.d4 Sf6 2.c4 e6(!): nach 3.Sf3 oder 3.g3 kommt 3...c5 ,
auf 3.Sc3 gibt´s aber 3...Lb4 und Nimzo-Indisch!
Profis haben natürlich auch die Zeit & Energie, um sich mehrere/viele Verteidigungen z.B. gegen 1.d4 zuzulegen. Amateure dagegen müssen sich oft mit einem engen, ein- oder eineinhalbgleisigen Repertoire zufriedengeben. Wer ansonsten mit Modernem Benoni zufrieden ist und die Stellungen mag, muß wegen 7.f4 wohl kaum darauf verzichten. 8...Sfd7 ist die sicherere Option, 8.Sbd7 die riskantere. Auf einem Niveau 1700-2500 kann man mit Schwarz bestimmt ordentliche bis gute praktische Ergebnisse erzielen, wenn man z.B. das oben erwähnte Endspiel mal etwas eingehender analysiert.
Zum Analysieren möchte ich für
jototheannis noch anmerken, daß ich scharfe Eröffnungsanalysen ohne Datenbank und Engine für etwas problematisch halte. Natürlich soll man das Denken nicht ganz der Blechdose überlassen - man muß eben wissen, wann man die Engines anstellt, wie man sie einstellt, wie man die Anzeige interpretiert und wann man die Engines vorübergehend wieder ausblendet (letzteres erfordert natürlich Selbstdisziplin).
Natürlich sollte man immer erstmal ohne Engine arbeiten: am besten manuell mit Brett und Figuren, das Nachspielen von 10-100 thematischen Meisterpartien geht mit PC und Datenbank (ohne Engine) aber natürlich schneller. Taktische Probleme sollte man zunächst selbst ausarbeiten, danach hilft ein PC aber ungemein. Ich mache das häufig so, daß ich mir von zwei Engines je 2-5 Varianten anzeigen lasse; falls deren Ergebnisse stark voneinander abweichen oder etwas ganz Unerwartetes anbieten, drücke ich die Engines weg und gucke es mir erstmal am Brett an.
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