Hallo Ali!
Zunächst zwei Kleinigkeiten:
1) Als definierende Zugfolge für Modernes Benoni halte ich immer noch 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 e6 (was natürlich meist nur Zugumstellung ist). Zumal die Zugfolge mit 2...e6 m.E. keine Vorteile für Schwarz bietet, FALLS er auf 3.Sc3 sowieso 3...c5 antworten und das kritische Taimanow-System (mit e4/f4/Lb5+) erlauben will - 2...e6 ist nur dann sinnvoll, falls Schwarz Nimzoindisch via 3.Sc3 Lb4! spielt und nur im Falle von 3.Sf3/3.g3 mit 3...c5 in Modernes Benoni überleitet: dann hat Schwarz nämlich einerseits Taimanow vermieden und andererseits Damenindisch/Katalanisch umgangen. 2...c5 ist auch flexibler, falls Weiß gar nicht mit d4-d5 vorzieht sondern mit 3.Sf3 Symmetrisches Englisch spielen will: dann hat Schwarz zum aktiven 3...cxd4 4.Sxd4 e5!?
2) Die Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 c6 hat für Slawisch-Spieler ohne Königsindischkenntnisse m.E. einen kleinen Nachteil: Weiß kann nämlich 3.Lf4 d5 4.e3 anvisieren! Dann ist der weiße Damenläufer vor der Bauernkette ohne daß c4 irgendwann hing: praktisch ein idealer Weiß-Slawe, denn dies beides bekommt Weiß nach 1.d4 d5 2.c4 c6 eigentlich nicht hin (Das ist ja gerade der Witz am Slawen: Entweder muß Weiß mit frühem e3 seinen Damenläufer erstmal einschließen oder er muß c4 opfern bzw. für dessen Rückgewinnung andere positionelle Zugeständnisse wie Schwächung von b4 oder Zeitverlust bei Sg1-f3-e5xc4 machen). Oder ganz andersrum: Weiß hat nach 3.Lf4 ein Londoner System mit aktivem c2-c4, bei dem das prinzipelle schwarze Gegenspiel c7-c5 nur unter Tempoverlust möglich ist. - Vielleicht sollte Schwarz daher 3.Lf4 mit königsindischem g6+d6 beantworten (Lf4 paßt da vielleicht schlechter hinein als c6), aber wieviele Slawisch-Spieler können schon sehr gut KID spielen?! (Ich jedenfalls nicht).
Nun gut. - Schmid-Benoni.
Ehrlich gesagt habe ich schon paarmal in den letzten Jahren versucht, mich (hauptsächlich aus weißer Sicht) darein zu vertiefen. Ich halte das für ein äußerst schwieriges Thema der Eröffnungstheorie, vor allem auch, weil es zahllose Übergänge von und zu Königsindisch, Modernes Benoni, Wolga-gambit, Pirc(!) und Moderne Verteidigung gibt, und man eigentlich erstmal alle diese Systeme wirklich verstanden haben sollte, bevor man an Schmid-Benoni geht. Interessanterweise gibt es nämlich auch keine wirklich gute (=übersichtliche) Literatur dazu, am ehesten vielleicht noch "Benoni-Systems" von Raetsky/Chetverik oder die alten Sportverlag-Werke.
Und des weiteren ist Schmid-Benoni sehr schwierig, weil das weiße Spiel auf Vorteil (den scheint´s doch irgendwie zu geben, wenn man den Theoretikern, der GM-Praxis bzw. der GM-Nicht-Praxis trauen darf) offenbar sehr tiefgründig angelegt sein muß: da geht es nicht immer um die schnelle Ausführung mehr vordergründiger taktische Motive (weißes e4-e5, schwarzes b7-b5), sondern eher darum, mit Weiß 25-30 Züge lang meisterhafte Prophylaxe zu zeigen (indem man schwarze Befreiungsstöße unterbindet), um dann den leichten Raumvorteil und die daraus resultierende höhere Figurenbeweglichkeit "irgendwie" umzusetzen. Aber wie dieses "irgendwie" funktioniert, wissen so richtig wohl nur die GMs.
Ich für meinen Teil habe beschlossen, es damit sein zu lassen, und diese Strukturen beidseitig aus meinem EÖRepertoire zu verbannen. Ich spiele lieber Strukturen, die sowohl ich als auch mein Gegner größtenteils verstehen, als irgendein hochkomplexes Zeugs, das weder ich noch mein Gegner so richtig verstehen. Und das würde ich auch jedem anderen Nichttitelträger empfehlen ...
Bestätigt fühle ich mich z.B. durch LarsBoHansens letztes Buch, wo er u.a. sehr tief in die allgemeine Problematik des EÖStudiums eintaucht. Und konstatiert: daß es nicht nur Eröffnungen gibt, die auf Klubspieler-Niveau sehr beliebt (und erfolgreich!) sind, von GMs aber gemieden werden - sondern daß es umgekehrt auch GM-Eröffnungen gibt, die von Klubspielern einfach noch nicht richtig verstanden werden können, deshalb erstmal vermieden werden sollten und erst angeeignet werden können, wenn man auf dem Weg nach oben so die 2300 passiert. Amateure sollten im Ergebnis zwar nur Eröffnungen spielen, die auch von Meistern regelmäßig gespielt werden, dabei aber beachten, daß nicht alles, was von Meistern regelmäßig gespielt wird, auch für Amateure geeignet ist! - Beispiele dafür wären vor allem einige Sizilianer oder Spanisch-Marshall, aber auch Igel-, Botwinnik- oder Benoni-Strukturen ...
Aber weiterhin viel Spaß damit!
tracke