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Schach - Geschlossene Spiele

Damengambit, indische Eröffnungen, Englisch & mehr



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  Schwarzrepertoire ohne 1.e4 Beitrag #1 (permalink)  
Alt 09.10.2008, 15:24
StarohneAllüren
Neuling
 
Registriert seit: 06.2006
Beiträge: 2
Schwarzrepertoire ohne 1.e4

Hi Leute!
Hatte mich vor über zwei Jahren mal hier im Forum angemeldet und seit dem
auch nichts groß geschrieben und denke das ist mal wieder an der zeit

Habe gestern abend einen Thread gesehen, der anscheinend nicht mehr fortgesetzt wurde:

In seinem Buch "The Chess Advantage in Black and White" entwirft der amerikanische IM Larry Kaufman zwei komplette Repertoires: eins für Weiß und eins für Schwarz. Das ganze Werk richtet sich an Vereins- und Turnierspieler (vielleicht so 1700-2300). Obwohl er vielleicht nicht ganz so anspruchsvoll ist wie beispielsweise Khalifman in seinen Kramnik- oder Anand-Bänden (dann müßte er auch 5000 Seiten schreiben statt 500), versucht er doch den "Chess Advantage" festzuhalten: mit Weiß möchte er dem Schwarzen das Kämpfen um den Ausgleich nicht zu einfach machen, mit Schwarz kämpft er um den vollen Ausgleich (und gesteht dem Weißen nicht von vornherein leichten Vorteil zu).
Nach einer ausführlichen Betrachtung von 1.e4 aus weißer Sicht und 1.e4 e5 aus schwarzer Sicht geht er zur "Verteidigung gegen das Damengambit" über. Wobei er unter "Damengambit" alles versteht, wo Weiß mit 1.d4, 1.c4 oder 1.Sf3 anfängt, sich jedenfalls (auch nach 1.Sf3) mit d4+c4 aufbaut und dann mehr oder minder kritische Hauptvarianten wählt. Dazu zählt also alles vom Angenommenen Damengambit über Königsindisch bis Holländisch, nicht aber Colle, Trompowski, Stauton-Gambit, Torre-Angriff usw.
Seine schlußendliche Wahl für Schwarz fällt auf die Meraner Verteidigung im Halb-Slawen. Dies nur vorweg, es soll nicht den Kern dieses Thread bilden. Interessanter ist es, daß Kaufman 5 Kriterien entwickelt, anhand derer er die verschiedenen schwarzen Verteidigungen gegen Geschlossene Spiele abwägt.

5 Kriterien für eine schwarze Verteidigung gegen Geschlossene Spiele (nach IM Larry Kaufman)

1. Die Verteidigung muß gegen alle weißen Zugfolgen nach 1.d4, 1.c4 oder 1.Sf3 funktionieren
2. Die Verteidigung muß unter starken Großmeistern einen respektablen Ruf haben
3. Die Verteidigung muß gute Gewinnchancen bieten
4. Die Verteidigung darf Weiß keine verflachte Remisvariante bieten, in der er noch risikolos bißchen kneten kann
5. Die Verteidigung muß in der Praxis gute Resultate erzielen

Hier möchte ich einsteigen und jedes halbwegs gängige geschlossene System einmal nach diesen Kriterien untersuchen! Ich werde jeweils SChulnoten von 1 bis 6 vergeben und schauen, keine großen Begründungen liefern und schauen, ob ich am ende ebenfalls zu dem ergebnis komme, dass Halbslawisch am besten ist.

(A) Abgelehntes Damengambit: Capablanca

(B) Abgelehntes Damengambit: Lasker

(C) Abgelehntes Damengambit: Tartakower

(D) Abgelehntes Damengambit: Cambridge-Springs

(E) Abgelehntes Damengambit: Tarrasch

(F) Abgelehntes Damengambit: Tschigorin

(G) Angenommenes Damengambit

(H) Slawisches Damengambit: offen mit 4...dxc4

(I) Slawisches Damengambit: modern mit 4...a6

(J) Slawisches Damengambit: Meraner (über 2...c6)

(K) Slawisches Damengambit: Noteboom (über 2...e6)

(L) Holländisch: Stonewall

(M) Holländisch: Iljin-Genewski

(N) Holländisch: Leningrader

(O) Benoni: Vollbenoni

(P) Benoni: Halbbenoni

(Q) Benoni: Modernes Benoni

(R) Benoni: Wolga-Benkö-Gambit

(S) Indisch: Altindisch

(T) Indisch: Königsindisch

(U) Indisch: Grünfeld Post 10
Universalität4 - Solidität3 - Aktivität1 - Anti-Remis3 - Erfolg2

(V) Indisch: Nimzowitsch

(W) Unregelmäßig: Budapester Gambit Post 16 (Seite 2)
Universalität6 - Solidität5 - Aktivität2 - Anti-Remis3 - Erfolg5

(X) Unregelmäßig: Königsfianchetto

(Y) Unregelmäßig: Damenfianchetto

(Z) Unregelmäßig: Die Verteidigung 1...d6


(A) Abgelehntes Damengambit: Capablanca
1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 Sbd7 7.Tc1 c6

1. Universalität:
Wenn Weiss nicht das 5.Lf4-System spielt (5. ...0-0
6.e3 c5...) = sehr gut; zumindest wird das Erreichen des
Capablanca-Systems nicht durch 1. c4 oder 1.Sf3 erschwert

2. Guter Ruf bei GMs:
ausreichend; Verteidigung ist taktisch auf keinen Fall
zu widerlegen oder zweifelhaft, allerdings eher passiv
und wird somit fast nie von starken GMs angewandt

3. Gute Gewinnchancen:
mangelhaft; sicher kann man damit - und gerade auf
Amateurebene- hie und da mal gewinnen,
irgendwann im Endspiel vielleicht, aber "Capablanca"
ist nicht gerade der Inbegriff einer "Auf Gewinn-
Eröffnung

4. keine Remistendenz:
gut; Bei aller schwarzen Passivität existiert m.E.
keine klare Remis- oder Verflachungsvariante für
Weiss; lasse mich da gerne eines besseren belehren

5. Gute Resultate:
befriedigend; ich kenne allerdings kaum Partien mit dieser
Variante, abgesehen von denen im damaligen WM-Kampf
Aljechin-Capablanca


(B) Abgelehntes Damengambit: Lasker

1. sehr gut
2. ausreichend
3. ausreichend
4. befriedigend
3. befriedigend
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  Schwarzrepertoire ohne 1.e4 Beitrag #2 (permalink)  
Alt 09.10.2008, 18:51
Benutzerbild von Jumbo
Jumbo
Rausschmeißer
 
Registriert seit: 10.2006
Ort: Freudenstadt
Beiträge: 633
Das steht in folgendem Thread: http://www.schachmatt.de/47-geschlos...a-kaufman.html


Warum das Thema eingeschlafen ist, steht auch dort: Tracke hatte vor 2 Jahren keine Zeit mehr, alle unsere Fragen zu beantworten. Allerdings ist er neuerdings wieder online und schreibt auch sehr viel. Ein weiterer Grund war wohl, dass tracke so ziemlich der einzige war, der in diesem Thread wusste, was er schreibt. (Ich persönlich finde es nicht schlimm zu spammen, mache ich schließlich selbst, aber das Thema bekam schließlich keinen Input mehr, wie immer in Fachforen.) Und schließlich hatte er auch seine Fragen an uns, die ihm leider niemand beantworten konnte, weil er in Eröffnungsfragen eine unerreichte Autorität ist. Seine Enttäuschung darüber steht auch (implizit) im oben genannten Thread (einfach vollständig lesen). Aber was schreibe ich hier, du kannst ihn ja über PN selbst fragen.

Zu den Kriterien an sich: Wie kann es sein, dass ich mit Weiß Schwarz überlegen bin und wenn ich Schwarz habe, gleichauf mit Weiß bin? Auch wenn ich mir vor der Partie unabhängig von meiner Spielfarbe einrede, dass ich der Bessere bin und deswegen mehr Chancen habe , dann hat das irgendwie nichts mit dem Anzugsvorteil zu tun (ist eher Selbstver*****e). Das gilt für alle Spiele, bei denen die Gegner um einen einzigen Sieg kämpfen.

Und desto bessere Gewinnchancen eine Eröffnung sind, desto schlechter ist sie, dann wird sie wohl aus gutem Grund aussterben. Das gilt natürlich auch für die Verlustchancen. Schach ist ja vor allem deswegen gegenüber anderen Denkspielen überlegen, weil die Gewinnmöglichkeiten für beide Seiten nahezu gleich sind (jedenfalls gleicher als bei Dame, Mühle, ganz zu schweigen von Halma )

Seien wir also froh, dass im Schach zu Anfang eine halbwegs ausgeglichene Stellung haben, denn wenn "1. e2-e4 und Weiß gewinnt" tatsächlich stimmen würde, würde wohl niemand mehr mit schwarz zocken, die Weißspieler müssten gegen sich selbst kämpfen, in Tuniersälen bräuchten die Veranstalter doppelt so viel Platz, weil nur eine Seite der Schachbretter besetzt wäre, Anand wäre kampflos Weltmeister geworden usw. So ähnlich läuft das beim Madschurah- (oder so ähnlich) Schach, bei dem eine Figur, die die Möglichkeiten der Dame und des Springers vereinigt, von der kompletten schwarzen Armee gejagt wird.

Geändert von Jumbo (09.10.2008 um 19:04 Uhr)
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  Schwarzrepertoire ohne 1.e4 Beitrag #3 (permalink)  
Alt 09.10.2008, 23:57
Benutzerbild von Angie
Angie
IM des Forums mit 2 GM-Normen
DWZ/Elo: 2053
 
Registriert seit: 12.2006
Beiträge: 426
Zitat:
Zitat von StarohneAllüren Beitrag anzeigen

5 Kriterien für eine schwarze Verteidigung gegen Geschlossene Spiele (nach IM Larry Kaufman)

1. Die Verteidigung muß gegen alle weißen Zugfolgen nach 1.d4, 1.c4 oder 1.Sf3 funktionieren
2. Die Verteidigung muß unter starken Großmeistern einen respektablen Ruf haben
3. Die Verteidigung muß gute Gewinnchancen bieten
4. Die Verteidigung darf Weiß keine verflachte Remisvariante bieten, in der er noch risikolos bißchen kneten kann
5. Die Verteidigung muß in der Praxis gute Resultate erzielen
Das ist natürlich ein heroischer Ansatz - verlangt aber vielleicht ein bisschen viel! (das wär' dann die eierlegende Wollmilchsau! )

aus meiner Sicht:

- Es gibt keinen Aufbau, den man gegen alles spielen kann. (einfach weil die Zentralformation (der Bauern) von beiden Seiten bestimmt wird).

- Nicht 'mal für Weiss ist das möglich - selbst so ruhige Aufbauten wie:
1. d4
2. Sf3
3. Lf4
4. - 8 . e3, Ld3, h3, c3, O-O
sind beileibe nicht immer durchsetzbar (und schon gar nicht immer gut).

Man kommt einfach nicht wirklich d'rum herum (wenn man nicht immer wieder im 3.,4., oder auch 6. Zug überlegen will, was man denn jetzt mit der Stellung wieder anstellen soll, die einem der Gegner da "serviert") ein Repertoire an Stellungstypen zu erlernen, die man i.d. Eröffnung anstrebt.
- und dessen Züge weitestgehend gegen Zugumstellungen (die die Eröffnung wechseln) immun sind.

*******************

Ein Beispiel, was ich damit meine: (stammt aus dem Repertoire des Ex-WM Botwinnik)

Du möchtest gerne (vor allem gegen schwache Gegner) Holländisch aufs Brett bekommen (am liebsten Stonewall - also den s Aufbau c6,d5,e6 und f5 - gg. w c4,d4 und e3 od. g3 (Lg2))

Grund: Dir liegen blockierte Stellungen, in denen Du Deine Gegner oft ausmanövrierst.

Problem: in der "normalen" Zugfolge 1.d4 f5 gibt es 2 superscharfe Gambits, nämlich: 2. e4 und 2. g4 - und die ergeben Stellungstypen die Du nicht magst. ( gg. schwache Gegner schon gar nicht! )

Lösung: Du wählst auf 1. d4 den Zug 1. ... e6 (jetzt mangelt es dem W, der gerne in eines der Gambite möchte, an einer sinnvollen Fortsetzung - auf den "passenden" Zug 2. Sc3 z.B. könnte der S mit 2. ... d5 oder Sf6 in eine Stellung kommen, die zwar nicht mehr Holländisch wird, aber viel besser ist, als man normalerweise nach 2 Zügen als S steht.)

Problem: nach 2. e4 steht der S plötzlich in einem Franzosen - den sollte man also auch mögen (was Botwinnik tat).

*****************

Ein beliebtes System unter Wiener Frauen (es waren so wenige, dass sie praktisch alle denselben Trainer hatten) war in den 80ern als S Wolga-Gambit zu spielen - die Pläne sind schnell zu erlernen - und die Stellung ist (trotz des Minusbauern) für S ruhig und relativ leicht zu spielen.
( 1.d4 Sf6 2.c4 c5 3. d5 b5!? )

- aber es geht natürlich nicht immer - je mehr die W merken, dass Du das willst (und womöglich gut behandelst), desto öfter bekommst Du z.B. 3., 2., oder gar 1. Sf3 "serviert" - und dann ist mit dem geliebten Stellungstyp Essig.

Geändert von Angie (10.10.2008 um 00:04 Uhr)
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  Schwarzrepertoire ohne 1.e4 Beitrag #4 (permalink)  
Alt 14.10.2008, 18:41
pinot47
Einsteiger
 
Registriert seit: 03.2008
Beiträge: 13
Bewertung von S gegen d4,c4,Sc3

Leider endet dein Beitrag bei mir nach B. Wie gehts weiter? Vor allem interessiert mich die Bewertung Holländisch/Leningrader.
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  Schwarzrepertoire ohne 1.e4 Beitrag #5 (permalink)  
Alt 14.10.2008, 22:17
Benutzerbild von Angie
Angie
IM des Forums mit 2 GM-Normen
DWZ/Elo: 2053
 
Registriert seit: 12.2006
Beiträge: 426
Ich möchte mich eigentlich nicht durch a-z quälen, und Schulnoten für bestimmte Kriterien vergeben - ich fühle mich auch gar nicht dazu berufen, weil ich das meiste davon noch nie gespielt habe (und die Pläne der Eröffnungen in sehr unterschiedlichem Ausmaß verstehe/kenne) .......

aber eine generelle Anmerkung zur Wahl der Eröffnung:

Man ist, denke ich, gut beraten wenn man einige Zeit lang einfach alles spielt, um dann zu analysieren welche Stellungen man intuitiv besser ( ist meist näher an der Theorie ) behandelt, als andere.

Um die dabei als "einfacher" zu spielenden Stellungen sollte man sich sein Repertoire "schnitzen".

Ich hatte z.B. (und habe natürlich immer noch) Spass an wilden Angriffspartien - alle Brücken hinter sich abbrechen - Struktur hin, und Material weniger - aber alle Figuren draussen!

Analytisch gesehen behandle ich solche Stellungen aber ziemlich schlecht (keine wirklich giftigen Ideen) und oft und oft verliere ich, ohne dass mein Gegner überhaupt wirklich zittern musste.

In Wirklichkeit behandle ich Stellungen mit ineinander verzahnten Bauernstrukturen, und starken und schwachen Feldern viel besser - und lande oft und oft gegen scheinbar (ELO!) gleichstarke Gegner im 30., 40. Zug in Stellungen ohne Materialvorteil, in denen meine (verbleibenden) Figuren soviel besser stehen/wirken, dass sie einfach gewonnen sind.

Ergo habe ich ein Spassrepertoire mit dem ich mich in Opens "quäle" (quälen mit Spaß?! ) - und ein seriöses, wenn ich auf Ergebnis in einer Mannschaft spiele........

Differenz in der ELOperformance wahrscheinlich > 200 Punkte.

Da ich recht entschlußkräftig und relativ pragmatisch bin, liegen mir geschl. franz. Stellungen z.B. sehr (mit W und S) - aber mit Slawisch kann ich auf beiden Seiten nicht viel anfangen (witzigerweise nicht mal als W mit Abtausch - einige Male probiert - nie wieder!) - in dem einen Fall weiß ich wo meine Figuren hin sollen, resp. welche ich tauschen will - und im anderen geht mir die Zeit aus vor lauter: welchen Turm auf welche Linie? - mit oder ohne Läuferpaar? - ist e4 gut oder schlecht? - aber was dann? usw......
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