Zunächst einmal sollten wir uns am besten auf eine Stellung/Zugfolge einigen, denn die Bezeichnungen
"Orthodoxes Damengambit", "Klassisches Damengambit" usw. ist in der Literatur nicht ganz einheitlich.
Ich verstehe darunter:
1. d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 Sbd7 (+= !?)
Also insbesondere
Le7 und Sbd7 (und 0-0), be
vor Schwarz mit
der Entwicklung seines Problemkindes,
des Lc8, beginnt!! FALLS Schwarz jetzt noch den Lc8 (etwa nach b7) entwickeln und danach gleich c7-c5 durchsetzen könnte, ohne eine Schwächung seiner Bauernkette zu erleiden, DANN stände er sehr ordentlich. Kann er aber leider nicht. Weiß kann mit energischem Spiel (oft: den richtigen Abtäuschen) entweder klaren Raumvorteil oder eine sehr aktive Figurenstellung erlangen oder aber dem Nachziehenden einen schwachen Bauern d5 oder auch einen rückständigen c-Bauern (auf c7 oder c6) anhängen. Dann ergeben sich für Schwarz ziemlich passive Stellungen, die zwar durchaus verteidigungsfähig sind, in denen Weiß aber meist risikolos auf Gewinn spielen kann. Für Schwarz heißt dies etwa: 1% Gewinnchance (falls Weiß viele kleine oder einen großen Fehler macht), 60% Remischance nach stundenlanger, genauer & ermüdender Verteidigung, 39% Verlustchance (die erste schwarze Ungenauigkeit kann schon entscheidend sein).
So etwas ist für die meisten Spieler nicht sehr attraktiv, denn fast alle anderen üblichen Verteidigungen gegen d4 bieten bei minimal größerem Risiko deutlich größere Gewinnchancen. Der einzige Vorteil besteht vielleicht darin, daß diese Stellungtypen und die Wege zu den weißen Druckstellungen (oft Endspiele) so gut ausgearbeitet sind, daß Schwarz ziemlich genau weiß, wie und wo er sich mit dem Rücken zur Wand auf die Hinterpfoten zu stellen hat. Und bißchen Psychologie ist vielleicht auch dabei, wenn Schwarz seine schlechtere Stellung hartnäckig hält und mit der Zeit dann Weiß zu etwas riskanteren Gewinnversuchen einlädt...
Auf hohem Niveau ist das Orthodoxe Damengambit dann auch äußerst selten anzutreffen. Schon das Abgelehnte Damengambit im ganzen wird nicht häufig gewählt, ein paar Spezialisten sind m.W. Jussupow, Short, Nikolic, Bruzon, Bönsch. Speziell die orthodoxe Variante kommt aber kaum vor; ich glaube, vor paar Jahren hat mal Peter Heine Nielsen gegen Topalow ein Remis abgeklammert.
Unterhalb des Meisterniveau kann es aber durchaus sinnvoll sein, sich damit zu beschäftigen:
- es gehört zur schachlichen Allgemeinbildung! Von ca. 1870 bis ca. 1930 war es eine der meistgespielten Verteidigungen überhaupt und in vielen WM-Kämpfen anzutreffen
- man versteht die Verbesserungen (Lasker-Variante, Tartakower-Variante) natürlich tiefer, wenn man die Probleme der orthodoxen Variante gut kennt.
- wenn man als Amateur ein guter Verteidiger und Endspielkenner ist, kann man Weiß in diesen einfachen Stellungen prima zermürben! Als 2200er spiele ich das regelmäßig beim Blitzen/Schnellschach gegen leicht schwächere Gegner mit prima Erfolg, wenn ich vorsätzlich leicht schlechtere Endspiele anstrebe, die aber noch komplex genug sind (etwa beide T+L+S+6B), damit mein Gegner dann eine Ungenauigkeit nach der anderen begeht.
Grober Variantenüberblick:
Traditioneller Hauptzug ist 7.Tc1, um gegen den schwarzen c-Bauern zu drücken.
[Die Alternative ist 7.Dc2 (
Rubinstein-Angriff), auf d1 steht der weiße Turm vielleicht noch besser als auf c1, allerdings drückt die weiße Dame nicht mehr gegen d5, eventuell kann Schwarz sich seine Bauern schwächen lassen um dafür schneller zu Tc8 zu kommen und gegen Dc2 zu drücken. - Man beachte, daß bei Be7+Sbd7 Schwarz deshalb meist erst nach Tc1 mit c7-c6 reagieren sollte, um gegen Dc2 kein Tempo c7-c6-c5 zu verlieren. Das ist eine häufige Ungenauigkeit bei Überleitung aus dem Halbslawen: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 Le7?! 6.e3 Sbd7?! 7.Dc2! 0-0 8.Td1+=]
Nach 7.Tc1 hat Schwarz drei Möglichkeiten:
A) 7.Tc1 b6 (manche Autoren nennen nur dies die
orthodoxe Variante!) 8.cxd5! exd5 und nun kommt Weiß mit Se5, Ld3, f4, 0-0 usw in Vorteil (
Pillsbury-Angriff), weil (!) der Punkt c6 schwach wird aber Schwarz den Se5 schlecht tauschen kann da er dann meist irgendwie einen Bauern verliert.
B) 7.Tc1 a6 (
erweitertes Fianchetto): selbst wenn Weiß d5xc4 und b7-b5 zuläßt steht er nicht schlecht, aber er kann c4-c5 oder c4xd5 spielen wonach sich die Schwäche b6 oft bemerkbar macht.
C) 7.Tc1 c6 8.Ld3 (auch 8.Dc2 oder 8.a3 sind gut) d5xc4 9.Lxc4 Sd5! 10.Lxe7 Dxe7 (
Capablancas Entlastungsmanöver) und jetzt (a) 11.0-0 Sxc3 12.Txc3 b6 (oder e5), besser vielleicht Aljechins (b) 11.Se4!?.
Zumindest Capablancas Variante ist sehr verteidigungsfähig, aber ... siehe oben!
Die
Lasker-Variante 6...h6 7.Lh4 Se4 (also ohne Sbd7, nach meiner Nomenklatur bewegen wir uns jetzt nicht mehr in "orthodoxen" Varianten!) ergibt jetzt in einem ihrer Hauptabspiele (8.Lxe7 Dxe7 9.Tc1 c6 10.Ld3 Sxc3 11.Txc3 dxc4 12.Lxc4 Sd7 13.0-0 b6) genau Capablancas C)a) (s.o.) mit schwarzem Extrazug h7-h6, nur daß der Sf6 gegen den Sc3 über e4 statt d5 getauscht wurde und der weiße Zug Lg5-h4 sozusagen verschluckt wird. Weiß kann deshalb nach Ld3 mit Dc2 kein Tempo (eben durch Angriff auf h7) gewinnen. Falls Weiß allerdings (gar nicht so selten) mit f2-f4-f5-f6 angreift und g7-g6 erzwingt, so ist g6 ziemlich schwach! Aljechins Sc3-e4 (um dem Springertausch auszuweichen, Weiß will ja am liebsten am Königsflügel angreifen!) geht im Lasker-System nicht mehr. - Desweiteren war h7-h6 auch nötig, um den Läuferabtausch auf e7 zu erzwingen, dem Weiß lieber ausweichen würde (denn die Enge der schwarzen Stellung ist viel wichtiger als guter/schlechter Läufer; zudem könnte Schwarz ohne Abtausch ja kaum seine Dame irgendwie entwickeln). Aber bei Capablanca scheitert Lg5-f4 an Sd5xf4, jetzt bei Lasker scheitert Lh4-g3 an Se4xg3.
Insgesamt ist die Lasker-Variante etwas solider als Capablancas System, aber immer noch relativ passiv.
Das modernste System für Schwarz ist die
Tartakower-Variante 6...h6 7.Lh4 b6, wo Sbd7 zurückgestellt wird, um u.a. das Feld c6 nicht unbeaufsichtigt zu lassen, außerdem kann ein weißer Se5 noch mit Sfd7 befragt werden, was Figurenabtausch garantiert (entweder Le7xLg5 oder Sd7xSe5). Witzigerweise landet der schwarze Damenläufer nun manchmal auf e6, aber hier öffnet sich jetzt die moderne Theorie des Abgelehnten Damengambit und es soll erstmal reichen.
Tartakower ist äußerst solide (vermutlich im Remissinne das beste überhaupt gegen 1.d4), Schwarz hat deutlich bessere Gewinnchancen als bei Capablanca oder Lasker aber etwas weniger als bei Slawisch/ Halbslawisch/ Nimzoindisch/ Königsindisch; wurde von Karpow und Kasparow 84/85 bis zur Erschöpfung remisiert, Weiß kommt einfach nicht durch. Auch später hat Kasparow paarmal drauf zurückgegriffen, wenn sein Grünfeld gerade in der Krise war.
Auch wenn Tartakower nicht gerade häufig in der Super-GM-Praxis vorkommt, so hat es wohl jeder da oben im Repertoire und es spielt eine wichtige Rolle beim Zugumstellungspoker: Weiß will (etwa nach 1.d4 Sf6 2.c4 e6) einiges lieber vermeiden (Nimzo, Tartakower), auch Schwarz will lieber einiges vermeiden (DG-Abtauschvariante mit schwarzem Sf6 vor weißem Sf3), heraus kommt dann Damenindisch, Katalanisch, Halbslawisch oder im Damengambit die Wiener Variante oder das Lf4-System (und dies alles sehen wir ja zur Zeit alles überreichlich)
Okay, es gibt natürlich tausend Zugumstellungen und andere Varianten im Abgelehnten Damengambit (und auch in der ortodoxen Variante). Mit frühem h6, mit spätem h6, mit weißem Lg5xf6, mit zusätzlichem a3 und a6, mit weißer Dame auf d2 statt c2 etc.
Ich hoffe aber, daß ich paar grundsätzliche Dinge (Strukturen, Probleme, Ideen) verständlich gemacht habe.
tracke

PS:
Und Nimzowitsch-Indisch ist dann (nach Aarons eigenen Worten) einfach ein "ideales Damengambit"! Damit Weiß die schwarzen c- und d-Bauern nicht durch irgendwelche Abtäusche schwächen kann, entwickelt Schwarz sein Sorgenkind Lc8 zunächst nach b7 und zieht erst danach c7-c5 und d7-d5.
Solange muß natürlich der Punkt e4 kontrolliert werden, also wird der weiße Sc3 neutralisiert, was natürlich die Bereitschaft erfordert, gegebenfalls auf das Läuferpaar zu verzichten (was im Abgelehnten Damengambit fast nie vorkommt!). Aber dann ergeben sich im Nimzoinder natürlich wieder neue Probleme und Optionen, und ganz andere Aufbaumöglichkeiten und Bauerstrukturen ...