Ich habe zwar im Moment weder die Juli-Rochade noch ein Brett, eine Datenbank oder eine Schach-Engine zur Hand, trotzdem möchte ich "in Blindanalyse" ein paar Gedanken zur Ld2-Idee loswerden (der Einfachheit halber gehe ich mal von der Zugfolge 8.0-0 0-0 9.Ld2 aus).
- Ich kann mich jetzt zwar furchtbar irren, aber nach meinem Eindruck ist die erwähnte Partie nicht besonders hochwertig. Dies gilt für Zugfolge, Spieler und Kommentator
- Der weiße Damenläufer ist wirkungslos? Naja, die nächsten paar Züge vielleicht. Aber Weiß will und wird vermutlich bald e3-e4 durchsetzen, dann wird der Lc1 ziemlich stark auf e3, f4 oder g5 stehen. Spätestens wenn Weiß den Bf5 mit Königsspringer und Königsflügelbauern bedroht, muß Schwarz oft h7-h6 ziehen, was zwar erstmal entlastet, aber auch eine typische Angriffsmarke schafft. - Und ist umgekehrt der Lb4 wirklich so gut und aktiv? Den Sc3 wird er sowieso kaum schlagen (es sei denn, er gewinnt dadurch sofort Material for free). Meist kehrt der Läufer eh nach e7(f8) zurück, da Schwarz e3-e4 mittelfristig nicht verhindern kann (oder auch gar nicht verhindern will, Schwarz erlangt anderweitig Kompensation für den Raumnachteil). Gefährdet ist der Lb4 auch durch andere weiße Manöver: Db3, a5+Ta4 oder Sa2.
- Auf beiden Seiten ist die Bauernstruktur flexibel und überhaupt noch nicht festgelegt. Vermutlich spielt Schwarz bald c6-c5 oder besser e6-e5, eventuell (nach entsprechender Vorbereitung) sogar in Verbindung mit f7-f6! Wer will jetzt schon sagen, welcher weiße oder schwarze Läufer in zehn Zügen der gute und welcher der schlechte ist?
- Leichter zu prognostizieren ist,
daß 1. jeder Abtausch dem unter leichtem Raumnachteil leidenden Schwarzen entgegenkommt,
daß 2. jeder Abtausch die Kraft eines potentiellen weißen Königsangriffs vermindert,
und daß 3. durch den Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer die weiße Felderschwäche b4 weiter verstärkt wird
- Es mag so scheinen, als wenn Schwarz nach einem Läuferabtausch Felderschwächen auf d6 oder c5 hätte, aber mir ist nicht mal ansatzweise klar, warum dies gefährlich werden könnte, da Schwarz fünfmal e6-e5 durchsetzt, bevor Weiß einmal zu e3-e4-e5 kommt. Und wenn ein Se4 mal eben so nach d6 hineinhüpft, dann wird er durch die schwarze Dame schnell wieder vertrieben. Ohne jetzt konkrete varianten durchkauen zu wollen: Se4-d6 kann wohl immer mit Lf5-g6/g4 beantwortet werden, der Bb7 ist entweder dann schon gedeckt, oder vergiftet (der Springer kommt nicht mehr heraus), oder Schwarz greift postwendend auf b2 zu! - Und ein Springertausch auf c5 (Se4-c5,Sd7xc5) dürfte auch keine Probleme bereiten, Schwarz ist als erster auf der d-Linie (und hat, im Gegensatz zum Abgelehnten Damengambit, auch keine Schwächen am Damenflügel).
- Die weiße Idee einer Springerüberführung nach g3 sieht zwar nett aus, ist aber ziemlich zeitaufwendig. Die herkömmlichen Theorievarianten zeigen, daß Weiß e3-e4 auch anders und schneller durchsetzen kann. Und falls Schwarz den Sg3 mit Sf6-e4 abtauscht, hat Weiß nur zwei Tempi verloren.
- Ld2 ist nun aber bestimmt kein Fehler, den man wiederlegen könnte. Eher ein halber Entwicklungszug, der Schwarz keinen großen Widerstand beim allmählichen Ausgleich entgegensetzt. Etwa: Vor Ld2 hat Weiß winzigen Vorteil, nach Ld2 nur noch mikroskopischen Vorteil. Natürlich kann immer noch alles passieren: es wird ´ne volle Partie Schach gespielt und Schwarz oder Weiß kann verlieren.
- Konkret sollte Schwarz alle möglichen Züge spielen können: 9...Sbd7 (10.Se4 Lxd2 oder 10...De7 oder 10...Le7 oder 10...Da5), 9...a5, 9...h6, 9...Lg4, 9...Da5, 9...c5, ... Mag sein, daß Fritz jetzt irgendwas einen Zehntelbauern besser oder schlechter bewertet, aber das sollte niemanden stören: Die schwarze Stellung ist okay!
tracke