Hallo ThePusher!
Slawisch ist natürlich ein ungeheuer komplexes System, sowohl was die Tiefe der strategischen Ideen als auch was den Umfang des praktisches wie des theoretrischen Materials angeht. Die Übergänge zu anderen Systemen des Damengambits sind fließend (insbesondere zum Ang.DG und zum Halbslawen). Der eigentliche Kern ist aber das "offene" System 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4! mit dem "holländischen" System 5.a4 Lf5! 6.e3 e6 7.Lxc4 Lb4 als Hauptfortsetzung.
Bereits Mitte des 19.Jhdts war 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 ziemlich bekannt. Allerdings merkte man auch schnell, daß Schwarz seine offensichtliche Grundidee (Vermeidung des eingeschlossenen Damenläufers, Lf5/Lg4 vor e7-e6) leider nicht sofort umsetzen kann, denn 4...Lf5? scheitert taktisch an 5.cxd5! cxd5 6.Db3! b6 7.e4! mit klarem weißen Vorteil. Also beschränkten sich die Schwarzspieler auf den (alten) Halbslawen mittels 4...e6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 Ld6 7.0-0 0-0 8.e4! mit leichtem weißen Vorteil, was der Popularität des Slawen nicht gerade nutzte. [Das Meraner System 4...e6 5.e3 Sbd7 6.Ld3 dxc4! 7.Lxc4 b5! (Rubinstein 1923) war noch ebenso unbekannt wie das Anti-Meraner-Gambit 4...e6 5.Lg5!? dxc4!? 6.e4 b5! (Botwinnik ~1935). Systeme mit ...g6 (Schlechter ~1890) sind etwas passiv und auch nicht immer gut, meist nur nach sehr frühem weißen e2-e3.]
Das offene System 4...dxc4! wurde dann etwa 1890-1920 von starken Spielern aus Böhmen, Mähren, Ungarn entwickelt und angewandt; der Durchbruch auf höchstem Niveau kam durch Aljechin und insbesondere durch Euwe (Man studiere die Wettkämpfe 1935 und 1937, wo Slawisch und ansatzweise schon Nimzoindisch "diskutiert" wurde, während bei Capablanca/Aljechin1927 noch das klassische DG mit Cambridge-Springs und Entlastungssystem vorherrschte!).
Ideengeschichtlich war die Entwicklung des offenen Slawen eines der ersten Anzeichen der "hypermodernen Eröffnungsrevolution" (Reti, Tartakower). Denn Schwarz gibt ja das Zentrum auf mit 4...dxc4, um dann das Fehlen eines eigenen Zentrumsbauern mit einer flexiblen Bauernstruktur (Kmoch: "Sprungstellung") und Figurendruck zu kompensieren (hierin sind das Meraner System und das Ang.DG ganz verwandt, dort wird der Damenläufer aber nach b7 statt f5 entwickelt).
Als Beispiel der schwarzen Idee in Reinkultur betrachte man etwa 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.e3 e6 7.Lxc4 Lb4 8.0-0 0-0 9.De2 Sbd7 10.e4 Lg6 11.Ld3 h6 12.Td1 Te8 13.Lf4 a6 14.Tac1 Tc8:
[Kann ein Mod hier ein Diagramm einfügen?)
Vom klassischen Standpunkt aus (Steinitz 1870) hat Weiß klaren Vorteil: ideales 2-Bauern-Zentrum, optimale Springerentwicklung, gutentwickelte Läufer schielen zum Kg8, Tc1+d1+De2 stehen prima und sind für jede Linienöffnung im Zentrum super postiert. Die Felderschwäche auf b4 ist unbedeutend und kaum ausnutzbar. Die Generation von Steinitz, Tarrasch und Pillsbury würde keine 3 Sekunden daran denken, die schwarze Stellung überhaupt noch verteidigen zu wollen. - Aber: Die Schachmoderne hat in Theorie und Praxis gezeigt, daß Schwarz praktisch vollständigen Ausgleich erzielt hat. Das weiße Zentrum ist nicht sehr beweglich: d4-d5 führt zu Abtausch und Verflachung, e4-e5 ergibt Stärken und Schwächen für beide Seiten. Schwarz kann Weiß weiter unter Druck setzen (Lg6-h5, Dd8-a5) und auf e6-e5, c6-c5 oder b7-b5 langsam hinarbeiten. - Eventuell hat Weiß tatsächlich immer noch mikroskopischen Vorteil und scort knapp über 50%, aber in der Turnierpraxis ist dies oft zuwenig für Weiß.
Das Verständnis dieser Zentrumsdynamik der Holländischen Variante ist m.E. der Schlüssel zum Verständnis der Slawischen Verteidigung.
Der schwarze Erfolg in der holländischen Variante führte zur "Zentral-Variante" 6.Se5!?, welche die modernere und schärfere weiße Alternative zu 6.e3 darstellt. Die Idee ist die sofortige Durchsetzung des Bauernzentrums mittels f2-f3+e2-e4, wonach der Lf5-g6 auf Granit beißt. So etwas wie 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 e6 7.f3! Lb4 8.e4! Lg6? wäre ein weißer Traum, hier merkt man die Nachteile der schwarzen Zentrumsaufgabe sehr deutlich! Das Manöver Se5/f3/e4 kostet allerdings Zeit, vernachlässigt die Entwicklung und schwächt den weißen Königsflügel; Schwarz sollte schnell und energisch handeln, wozu er im wesentlichen 2 Möglichkeiten hat:
- Das Läuferopfer 6.Se5 e6 7.f3 Lb4 8.e4 Lxe4! 9.fxe4 Sxe4 . Bis 1980 ließen die Weißen die Finger davon, man schätzte die weiße Mehrfigur weniger stark ein als die 3 schwarzen Bauern und das schwarze Spiel gegen den unsicheren Ke1, der meist zum Damenflügel flieht (Ke1-d2-c2-b1). Dann zeigte Karpov mit Weiß, wie man dem schwarzen Angriff entkommen und später mit L die 3B ausspielen kann. Nach einer Hochphase von 1995-2002 gilt die Variante immer noch als spielbar für Schwarz, allerdings als unattraktiv, Weiß scort ordentliche 55-60% und hat ein forciertes Remis zur Auswahl.
- Das Spiel auf den Gegenstoß e7-e5: Nach 6.Se5 Sbd7 7.Sxc4 Dc7! 8.g3! e5! 9.dxe5 Sxe5 10.Lf4 kann Schwarz eine bequeme Entwicklung auf Kosten des Läuferpaares anstreben mit 10...Td8 11.Dc1 Ld6 12.Sxd6+ Dxd6. Oder er kann mit der positionellen Schwächung 10...Sfd7 11.Lg2 f6 den Se5 halten. Oder (und damit wären wir am "cutting edge" der EÖtheorie), Schwarz kann sich mit 10...Sfd7 11.Lg2 g5!!? (Morozewitsch 2001) in unglaubliche Komplikationen stürzen.
Es gibt natürlich noch dutzende von anderen Systemen im Slawen, nach 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 etwa:
a.) 4.e3 Lf5!= ("der langsame Slawe")
b.) 4.Dc2/Db3 dxc4! 5.Dxc4 Lf5!= (->D23 Ang.DG)
c.) 4.g3 Lf5!= oder 4...Lg4!= ("der Reti-Slawe")
d.) 4.cxd5 cxd5 5.Sc3 Sc6 6.Lf4 Lf5!= oder 6...a6!? oder 6...Se4!? (Abtauschsystem)
e.) 4.Sc3 dxc4! 5.e3 b5! 6.a4 b4= ("der ruhige Slawe")
f.) 4.Sc3 dxc4! 5.e4?! b5! =+ ("das Geller-Gambit", für Weiß noch gefährlicher als für Schwarz!)
g.) 4.Sc3 dxc4! 5.Se5 Sbd7 6.Sxc4 b5!=
h.) 4.Sc3 dxc4! 5.g3!? e6!= (->E01 Katalanisches Gambit)
Diese Systeme haben alle ihre eigenen Probleme und Tücken, versprechen aber dem Weißen theoretisch wenig bis nicht viel.
Fazit: Wer mit Weiß dem gutpräparierten Schwarzen nicht sofort bequemen Ausgleich zugestehen möchte (man kann natürlich auch ausgeglichene Stellungen auf Gewinn spielen), wer Ehrgeiz genug hat den Anzugsvorteil festhalten und möglichst noch ausbauen zu wollen, wer eben auf theoretischen Vorteil spielt und die besten/anspruchvollsten Systeme sucht - der sollte zu 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 und jetzt 6.Se5 oder 6.e3 greifen. Mit beiden Fortsetzungen kann Weiß sich einen winzigen Vorteil erhoffen, etwa einen 52-55%-Score; das ist nicht viel, aber deutlich mehr als die 48-52% der anderen Systemen. 6.e3 ist eher etwas ruhiger, 6.Se5 eher etwas schärfer; letztlich sind aber beide Fortsetzungen für beide Spieler taktisch wie positionell wie strategisch nicht anspruchslos.
Im 3.Zug gilt 3.Sf3 als Hauptfortsetzung gegenüber 3.Sc3 , anderes wie 3.e3 oder 3.cxd5 ist sowieso eher harmlos.
Meistens macht 3.Sf3/Sc3 Sf6 4.Sc3/Sf3 sowieso keinen Unterschied, vielen Spielern (Weiß und Schwarz) ist der Unterschied überhaupt nicht bewußt. Der Unterschied liegt weniger in harmlosen(!) Varianten wie 3.Sc3 Sf6 4.Lg5?! dxc4! oder 3.Sc3 Sf6 4.cxd5 cxd5 5.Lf4 Sc6 6.e3 (und späterem Sge2 statt Sf3).
Der hauptsächliche Unterschied zwischen 3.Sc3 und 3.Sf3 besteht in der " Meraner Frage": Hat Schwarz auch die Meraner Verteidigung im Halbslawen (3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.e3 Sbd7) in seinem Repertoire? - Der Meraner wie der offene Slawe sind gleich gute supersolide und superkorrekte Verteidigungen. Viele Weißspieler spielen aber lieber gegen den Meraner als gegen den offenen Slawen, denn im Meraner (6.Dc2!) ist es für Weiß oft einfacher, daß Spiel strategischer und weniger scharf zu gestalten, ohne gleichzeitig die Hoffnung auf winzigen Vorteil aufzugeben. Wenn Weiß im offenen Slawen den gewaltigen Komplikationen z.B. der Morozewitsch-Variante ausweichen will, dann hat Schwarz sofort bequemes Spiel. - Zurück zu 3.Sc3. Falls Schwarz neben dem Slawen auch den Meraner spielt (was natürlich bei allen SuperGMs der Fall ist), so kommt nach 3.Sc3 Sf6 4.e3 einfach 4...e6; und Schwarz kann in theoretischer Hinsicht zufrieden sein, weil Meraner und Slawe gleichwertig gut sind und er sowieso alles perfekt kennt. Falls Schwarz nun aber den Meraner gar nicht spielt oder nicht so gut wie Slawen, dann hat er nach 3.Sc3 (und 3...Sf6 4.e3) ein Zugumstelllungs- bzw. Repertoire-Problem. Er hat nun die Riesenauswahl zwischen verschiedenen Systemen, die alle wohl spielbar aber doch objektiv nicht ganz so gut wie der Übergang in den Meraner sind: 3.Sc3 dxc4!? oder 3.Sc3 e5!? oder 3.Sc3 Sf6 4.e3 Lg4!? oder 4...L
f5!? oder 4...g6!? oder 4...a6!?. Andererseits: Schwarz hat hier die freie Auswahl, Weiß muß auch erstmal alles kennen und erreicht letztendlich auch nicht sooo viel mehr als im Meraner! Und falls Schwarz sowieso Halbslawisch via 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 spielen wollte (das weiß Weiß ja noch nicht nach 2...c6), so hat Weiß sich mit 3.Sc3 Sf6 4.e3 e6! die Möglichkeit zum scharfen 5.Lg5!? verbaut.
Es ist halt nicht einfach. Die meisten Theoretiker wie Praktiker halten aber 3.Sf3 für bedeutend wichtiger als 3.Sc3, Kasparow ist/war eine (sehr wichtige) Ausnahme.
Noch ein Wort zu 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 a6!? . Mit dieser hochmodernen und noch immer unzureichend erforschten Variante kommt Schwarz eigentlich der ursprünglichen Slawisch-Idee wieder ein bißchen näher. Wenn 4...Lf5? taktisch scheitert und 4...dxc4 die Entwicklung des Lc8 nur um den Preis eines weißen Bauernzentrums ermöglicht, so ist 4...a6!? eben ein cleverer und auch ziemlich nützlicher Abwartezug, um nach weißem c4xd5, c4-c5 oder b2-b3 dann im nächsten (oder häufig übernächsten) Zug doch noch zu Lc8-f5/g4 zu kommen, OHNE mit d5xc4 das Zentrum aufzugeben und OHNE auf b7 einzugehen (Db3,Ta7!?). Allerdings ist 4...a6 irgendwie doch komisch (Kortschnoi:" Wenn a6 korrekt ist, verstehe ich nichts vom Schachspiel", "4...a6 überlebt kein WM-Match"), anscheinend funktioniert es aber: gerade ist FIDE-WM Topalow auf den a6-Zug gesprungen!
Bevor man sich aber an den a6-Slawen herantraut, sollte man den offenen Slawen, den Halbslawen sowie das klassische DG verstanden haben. Also nichts für Anfänger!
Ich hoffe, meine Ausführungen hier (sofern sie nicht falsch, subjektiv und theoretisch undefiniert sind) tragen zum Verständnis des Slawen etwas bei.
tracke

EDIT: Warum steht dieser Thread eigentlich nicht unter Eröffnung -> Geschl. Spiele ?