Cambridge-Springs-Verteidigung : 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Sbd7 5.e3 c6 6.Sf3 Da5 (ECO: D52)
Die Cambridge-Springs-Verteidigung des Abgelehnten Damengambits ist eine der korrektesten Verteidigungen überhaupt gegen 1.d4. So ähnlich äußert sich auch Kasparov auf seiner DVD "How to play the Queen´s Gambit", auf der er C-S zwar nicht ausführlich untersucht, aber kurz und allgemein anspricht. In Khalifmans Weißrepertoire "Opening for White according to Kramnik" ist C-S eine der ganz wenigen Varianten, in denen Khalifman keinen weißen Vorteil nachweisen kann (~Band 4, insbesondere S.219-223).
Daß C-S in der heutigen Meisterpraxis so selten vorkommt, liegt wohl hauptsächlich daran, daß Weiß durch verschiedene Übergänge in die Damengambit-Abtauschvariante meist verhindert, daß die Stellung nach 6...Da5 überhaupt entsteht!
In der oben angeführten, klassischen Zugfolge (die Schwarz kaum noch anwendet) kann Weiß durch 4.cxd5! oder 5.cxd5! oder 6.cxd5! die Varianten der Abtauschvariante erreichen, in denen noch der Botwinnik-Angriff Ld3/Sge2/f3 möglich ist.
Es gibt natürlich einen ganzen Haufen voll Zugfolgen bis 6...Da5, mit Abstand am bedeutendsten ist heutzutage die (auch von sl-class angegebene) halbslawische Zugfolge 1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6 5.Lg5 Sbd7 6.e3 Da5. Aktiver, schärfer und beliebter (aber nicht unbedingt besser) als 5...Sbd7 sind dann 5...dxc4 (Botwinnik-Gambit) sowie aktuell 5...h6 6.Lxf6 Dxf6 (Moskauer Variante) bzw. 5...h6 6.Lh4 dxc4 7.e4 g5 8.Lg3 b5 (Anti-Moskau-Gambit). Nach 5...Sbd7 6.cxd5 exd5 7.e3 ist die Abtauschvariante zwar um vieles erträglicher (weil Weiß sich schon mit Sg1-f3 festgelegt hat), aber doch nicht ganz so klar ausgeglichen wie nach 5.cxd5 exd5 6.e3 Lf5 bzw. 6.Dc2 Sa6.
Die größten Probleme der Cambridge-Springs-Verteidigung liegen also vielleicht vor 6...Da5 und nicht danach.
[@Benoni-Meister: 6...Le7?! ist wohl eher schon eine kleine Ungenauigkeit. Genauer als 7.Ld3 (was natürlich auch ganz gut für Weiß ist) gilt 7.Dc2! nebst Td1 mit Übergang in den Rubinstein-Angriff, den Schwarz am liebsten mit c7-c5! kontern würde, was hier aber ein Tempo kostet. Als grobe Regel geschieht c7-c6 im Orthodoxen Damengambit erst als Antwort auf Tc1]
Zurück aber zur Cambridge-Springs-Ausgangsstellung nach 6...Da5:
Hauptvarianten sind wie gesagt 7.Sd2 und 7.cxd5, nach beiden ist Schwarz sehr nahe am Ausgleich, der weiße Vorteil eher mikroskopisch. Ehrlich gesagt möchte ich meinen Vorrednern widersprechen, im Zweifelsfalle ist wohl 7.cxd5 gefährlicher und besser!?
Nach 7.Sd2 ist man zuletzt wieder auf das alte 7...dxc4! zurückgekommen, nachdem lange 7...Lb4 als aktiver galt. Der Läufer zieht sich meist eh wieder nach e7 zurück, wozu also Weiß das Tempo a2-a3 schenken. Nach 7...dxc4 8.Lxf6 Sxf6 9.Sxc4 Dc7 steht Weiß aktiver und freier, die schwarze Stellung ist aber sehr fest. Schwarz muß 20 Züge lang die weiße Initiative neutralisieren, mit dem Läuferpaar hat er aber die Zeit, auf´s Endspiel zu warten. Polnische Meister haben ausführliche Analysen dazu veröffentlicht, seitdem spielt das kaum ein Weißer mehr.
In den wenigen wirklich hochklassigen Partien der letzten Jahre hat Weiß auch fast immer 7.cxd5 Sxd5! 8.Dd2 gespielt. Nach 8...Lb4 behält Weiß wohl einen kleinen Vorteil, kritischer ist 8...S7b6!, wonach Weiß meist den Bauern c3 opfert, dafür dann offene Linien, etwas Entwicklungsvorsprung und manchmal das Läuferpaar erhält. Schwarz steht aber sehr sicher; es ist schon bezeichnend, wenn Khalifman dem Weißen gerade mal ausreichende Kompensation zugesteht.
In praktischer Hinsicht (auch in Anbetracht der angegebenen Rating) würde ich sl-class aber was ganz anderes raten, nämlich 7.Lxf6 Sxf6 8.Ld3. Dies ist nicht ganz so harmlos, wie es aussieht, auch wenn Schwarz das Läuferpaar geschenkt bekommt, ohne das Zentrum aufgeben zu müssen. Weiß geht damit aber erstmal allen möglichen Komplikationen aus dem Weg. Und verfügt zudem über eine natürliche weitere Entwicklung (0-0, Dc2, Tac1, Tfd1, a3). Schwarz hat erstmal noch Le7, 0-0 und Td8; danach muß er sich aber bald entscheiden, wie er sich entwickelt. Im Falle von c6-c5 oder e6-e5 bekommt er einen schwachen Bauern auf d5 verpaßt, bei vorherigem dxc4/Lxc4 geht Weiß aber mit d4-d5 vorbei und spielt auf weißfeldrige Schwächen. Und falls Schwarz allzulange im Zentrum abwartet, spielt Weiß e3-e4. Insgesamt darf sich auch Weiß nicht allzuviel erhoffen, aber er erhält halt ein einfaches strategisches Spiel ohne große Fallen. Und Schwarz ist ab dem 8.Zug aus seinen vertrauten Bahnen geworfen.
tracke