Hallo Wilf!
Erstmal herzlichen Glückwunsch zu Deinen Erfolgen und zur Selbstmotivation, nochmal richtig und ernsthaft was für´s Schach tun zu wollen. Das kann man nicht hoch genug einschätzen. Und im Alter wird´s Lernen nicht einfacher, das merke ich schon mit meinen über 30 Jahren.
Gerade am Sonntagabend hatte ich das Glück, in der Kieler Innenstadt den Wischi zu treffen und paar Minuten zu sprechen; hinsichtlich der Gesamtproblematik Deiner Frage war er wohl ziemlich meiner Meinung. Natürlich schätzt er Tschigorin etwas optimistischer ein als ich, dafür den Sf6-Skandinavier noch etwas pessimistischer.
Tschigorin ist nicht schlecht, ich würde es bloß nicht als Hauptwaffe gegen 1.d4 nehmen. Zum einen kann man m.E. in den klassischen Varianten des DG/Slawen mehr allgemein für´s Schach lernen. Weiter ist Tschigorin keine Geheimwaffe mehr, zumindest in höheren Spielklassen haben sich das jetzt doch einige mal angeguckt. Natürlich hält die Theorie, aber es gibt m.E. zwar keine Löcher, doch einige Sollbruchstellen: viele scharfe, forcierte Varianten, die Weiß gut vorbereiten kann und wo Schwarz mit taktischen Tricks sich offenbar gerade so hält. Und Schwarz hat oft keine große Auswahl, sondern nur eine oder zwei mögliche Fortsetzungen. Man vergleiche mal mit dem strategiereichen Nimzoinder, wo Schwarz auch im 6. oder 10. Zug immer noch die Wahl zwischen verschiedenen Subsystemen hat, die er nach persönlicher Vorliebe auswählen kann.
Einige Tschigorin-Varianten spiele ich selbst, etwa über das Angenommene DG 1.d4 d5 2.c4 dxc4 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 Sc6 oder 3.e3 e5 4.Lxc4 Sc6!? . Aber das ganze Tschigorin ist sehr viel Arbeitsaufwand auf höherem Niveau. Ich möchte z.B. gar nicht wissen, wieviel Zeit Wischi ständig investieren muß, um scharfe Varianten zu flicken. Bei Nimzo oder Slawisch hat man irgendwann die Strategie begriffen, danach reicht eine Stunde im Monat, um auf dem laufenden zu bleiben.
Und der letzte Minuspunkt ist eben die mangelnde Repertoirefähigkeit gegen 1.c4/1.Sf3. Wenn man schon ein funktionierendes Schwarzrepertoire mit einem DG hat, dann paßt Tschigorin noch gut dazu. Aber als erste Wahl?!
Soweit meine allgemeine Meinung dazu. Konkreter Analysen enthalte ich mich, das weiß Wischi sowieso besser. (Und die paar vorteilsverdächtigen Varianten, die ich gegen Tschigorin habe, muß ich mir natürlich für´s nächste Duell gegen Wischi aufheben!).
Zum Sf6-Skandinavier nur soviel: es ist bei guter weißer Vorbereitung nicht sehr solide (um es noch vorsichtig auszudrücken)! Solange Du damit klarkommst, ist es schön, wenn sich bei stärkerer Gegnerschaft mal Probleme auftun, versuche nicht um jeden Preis die Variante zu retten, sondern such Dir dann was solideres als Hauptwaffe.
Dies als Einleitung.

1.Sf3 d5 und 1.c4 e5 sind eine gute Wahl. Ich selbst habe immer sehr gerne 1.c4 e5 2.Sc3 Sf6 3.g3 Lb4! gespielt. Und Schweinereien wie das Bellon-Gambit 3.Sf3 e4?! 4.Sg5 b5?! . Überhaupt hat Schwarz sehr viele aktive Möglichkeiten, von solide bis riskant.
Das Buch von Hansen und die CD von Marin sind sehr gut, das Buch von Raetzki kenne ich nicht. Für den Anfang sehr gut ist das betreffende Kapitel in "Opening for black according to Karpov", halt Karpovs c4-e5-Schwarzrepertoire der 90er (Wenn Du mir ´ne PN mit ´ner deutschen Postadresse schickst, kannst Du ´ne Kopie davon umsonst haben).
Noch was zu Colle mit Weiß. Keine schlechte Wahl, auf die Dauer vielleicht bißchen passiv, aber solide und theoriearm. Ich würde zum Ausbau unbedingt das Weißrepertoirebuch "play 1d4" von Palliser empfehlen. Er spielt 1.d4/2.c4 aber etliche Varianten kann man direkt in Colle einbauen, etwa sein 4.e3 gegen Slawisch, was dasselbe ist wie 1.d4 d5 2.Sf3 Sf6 3.e3 Lf5 4.c4 c6.
Mein eigener Repertoire-Werdegang? Abgesehen vom Königsgambit, das ich auch heute noch für eine großartige Eröffnung halte, schäme ich mich für den ganzen Scheiß, den ich von meinem 10. bis 20. Lebensjahr (~1900DWZ) gespielt habe! War wirklich alles dabei: Englund, Geier, BDG, Orang-Utan, Evans, Lettisch, Döry, 1...Sc6 gegen alles, Morra, Albin, Bird, Balogh, Budapester, Polnisch, Grob, Veresov,... Und von Diemer, Schlenker, Bücker kannte ich jeden gedruckten Fetzen. Von den korrekteren Sachen nur das allerschärfste (auswendiggelernt)!: Najdorf-Polugajewski, Aljechin-4Bauern, Belgrader Gambit, Leningrader, Grünfeld.
Dannbin ich aufgewacht und habe gemerkt, daß ich gegen stärkere Leute mit nur einem Bruchteil meiner EÖkenntnisse immer verlor, ohne direkte taktische Fehler zu begehen. Gottseidank war ich gerade beim Bund und hatte genug Zeit. Zum ersten Mal ein Strategiebuch gelesen. Und dann fiel mir Varnusz´Buch über Halbslawisch in die Hände, grandios! Die Meraner Verteidigung ist wirklich ein Musterbeispiel für aktive und dynamische EÖstrategie. Ausgehend von den alten klassischen Partien 1930-60 habe ich die gesamte EÖproblematik anhand der historischen Entwicklung der Varianten begriffen. Und vor allem verstanden, daß man erst ums Zentrum kämpft und danach angreift (vergleiche aktuell Kazimdshanov-Kasparov). Da ich mit Weiß immer Probleme mit Caro-Kann hatte, habe ich mir das gleich auch noch angeguckt und versucht Karpovs Partien zu verstehen. Und war fasziniert, wie er die ersten 20 Züge nur auf Ausgleich spielt, um dann zu gucken was noch geht. Und mit besserer Technik geht immer noch alles. Schnell noch eine Smyslov-Biographie gelesen und fertig war das Erweckungserlebnis. Und die Rating zog an.
Nach und nach habe ich dann auch andere Eröffnungen ernsthaft studiert: immer die klassischen Partien von Euwe, Keres, Botwinnik, Smyslov, Portisch und Karpov studiert, ca. 30-80 pro Eröffnung. Und Finger weg von hypermodernen Sachen wie 1.Sf3 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4 4.g4!? oder 1.e4 e6 2.De2 . Mag objektiv nicht schlecht sein, aber <FM verdirbt´s nur das Verständnis.
Später bin ich dann noch von Halbslawisch auf Slawisch gewechselt, was aber Repertoiregründe hatte (1.c4 c6!). Um Slawisch/Caro-Kann habe ich noch einiges wie Skandinavisch, Aljechin, Tschigorin, AngDG herumgruppiert, aber der solide Kern steht. Für "spezielle Momente" kenne ich natürlich noch den ganzen alten Müll. - Nach meiner Auffassung kann man sich mit Weiß eine Ungenauigkeit mehr erlauben als mit Schwarz, deswegen habe ich mein schlimmes Weißrepertoire erst später überarbeitet. Und (abgesehen vom KG gegen 1.e4 e5, ich kann´s nicht lassen) sehr solide Sachen gespielt. Gegen Najdorf oder Drachen kann man auch mit 6.Le2 nebst 0-0 angreifen; mit 4.Sf3/5.Le2/6.0-0 auch gegen Pirc. Und Skandinavisch/Aljechin/Sc6/b6 erlegt man mit den Hauptvarianten, gegen Französisch-Winawer etwa 4.e5/5.Ld2. Vielleicht ist das alles nicht ganz so toll wie die neuesten Moden im Englischen Angriff oder im 150er-Angriff, aber für ein Spiel auf Vorteil reicht´s allemal. Später ist mir die Theorie mit 1.e4 doch zuviel geworden, seitdem spiele ich es nur noch, wenn ich mich auf meinen Gegner vorbereiten kann. Eine Zeitlang gab´s dann Damenbauernspiele (Colle,Torre,Trompovski), aber dynamisch interpretiert und nicht so langweilig wie viel andere. Eigentlich war ich damit zufrieden, aber wenn man mit Schwarz Caro-Kann und Slawisch spielt sowie mit Weiß Colle und Torre, kriegt man immer dieselben Strukturen und wird rammdösig. Die schachliche Entwicklung rostet ein, weshalb ich mich auf zu neuen Ufern machte. Und jetzt hin und wieder mit verschiedenem experimentiere. Entweder 1.e4 und Theorie so gut es geht, oder 1.g3/1.b3 und mal gucken was passiert.
Beim Internetblitzen probiere ich häufig den alten Müll aus, einfach um zu gucken, wieweit man gehen kann mit Varianten, die man selber wohl glatt widerlegen könnte. Mein Schwarzscore mit Lettisch ist phantastisch, obwohl ich mindestens 3 Widerlegungen kenne. Das ist aber m.E. was ganz anderes, als wenn ein 1700er das spielt, weil er es gut und aktiv findet.
Wie lange man braucht für eine Eröffnung? Am besten ~100 Stunden in 2-3 Ferienwochen oder 8 Wochenenden: nur klassische Musterpartien und die absoluten Hauptvarianten. Danach nicht zu wenig spielen und Partien nachbereiten!
Wieviele Spieler ein falsches Repertoire haben? Wenn man nur Spaß und Zerstreuung haben will, was legitim ist, ist natürlich alles erlaubt! Aber im Sinne von "im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mal 150 Punkte nach vorne kommen" haben m.E. ca. 80% aller Vereinspieler 1600-2000 ein grausliches Repertoire, und nur <5% ein halbwegs gutes und gut durchdachtes. (...)
So, hier mach ich erstmal Schluß!
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