Diese
Argunow-Variante im Vier-Bauern-Angriff (benannt nach einem sowjetischen Meister aus den 1920/30ern) ist in der Tat sehr interessant.
Bekannt wurde sie besonders Anfang der 1970er Jahre (eine Glanzzeit der Aljechin-Verteidigung überhaupt!), als GM Ljubojevic sie mit beiden Farben spielte. Berühmt ist insbesondere die
Partie Bronstein-Ljubojevic (Petropolis 1973, 1-0), die z.B. in Jan Timmans ausgezeichnetem Buch
"The Art of Chess Analysis" auf zehn Seiten akribisch untersucht wird. Auch GM Keene hat damals viele Analysen beigesteuert und in irgendeinem Eröffnungsbuch eine (natürlich umstrittene) Widerlegung angegeben. Dann wurde es ruhig um die Variante bzw. um den 4-Bauern-Angriff überhaupt (bzw. irgendwann auch um die ganze Aljechin-Verteidigung!), vor allem wohl weil die sowjetische Analysemaschinerie in Vorbereitung eines WM-Kampfes Fischer-Karpow viel überzeugendere Wege für Weiß nach 4.Sf3! fand.
Mitte/Ende der 1980er nahmen dann
Siebenhaar/Delnef/Ottstedt in ihrem monumentalem Werk
"Die Aljechin-Verteidigung" (2 Bände, zus. 1200 Seiten, Mannheim 1986/89; vergriffen, aber
so sehen die Bücher aus) die bestehende Theorie unter die Lupe und kamen in ihren ~100 Seiten Analysen bez. der Argunow-Variante zum Schluß, daß sie halt sehr scharf und unklar sei und daß es eine eindeutige Widerlegung nicht gäbe; der Großteil der Untersuchung beschäftigte sich mit 10.Sf3, worauf sich Weißspieler damals konzentrierten.
Damals, in einer Phase zwischen Najdorf und Caro-Kann, war Aljechin auch mal ´ne Zeit lang meine Hauptverteidigung gegen 1.e4 und Argunow meine Variante gegen den 4Bauernangriff: in Turnierpartien (auf 1900-2000-Niveau scorte ich 7/8 mit Schwarz in Argunow), dann habe ich glücklicherweise die Finger von Aljechin gelassen und es nur noch hin und wieder als Überraschung herausgeholt.
Um 2002 herum plante
IM Löffler ein Aljechin-Schwarzrepertoire-Buch im Olms-Verlag (~Kindermanns Holländisch-Buch), basierend auf Argunow und der Milesvariante 4.Sf3 dxe5 5.Sxe5 c6. Es sollte wohl auch auf Analysen und Partien von
GM Luther basieren, der damals ziemlich konsequent Aljechin spielte. Dann ließ auf Meisterebene der Schwarzscore in der Milesvariante nach (immer noch spielbar aber doch kein so glatter Ausgleich wie man in der ersten Euphorie dachte). Und in der Argunow-Variante stellte sich 10.d6! als (zu) große Hürde heraus: Luther rettete sich einmal gegen Movsesian (Istanbul 2003) aus total verlorener Stellung noch ins Remis und wurde danach von Zelcic nochmal gnadenlos zerlegt. GM Luther verzichtete fortan auf Argunow (und auf Aljechin als Hauptwaffe), das Buchprojekt wurde eingestampft. Seitdem wurde Argunow wohl von keinem starken GM mehr gewagt.
Alle mir bekannten Analysen (NewInChess, Informator, Chessbase etc.) sehen klaren weißen Vorteil nach 10.d6! Und GM Luther hat in seinem
Chessbase-Werk zur Aljechin-Verteidigung darauf hingewiesen, daß Argunow theoretisch wohl kaum noch spielbar ist. Ich habe jetzt aber weder Lust oder Zeit, all das hier in einem Mega-Artikel mit ausführlichem Quellennachweis zusammenzufassen, noch darf ich die copyright-geschützten kommentierten Partien hier einfach zum Download anbieten.
Um wenigstens bißchen was zu bieten, habe ich (aus Mega11, Corr11, TWIC) alle Partien zur kritischen Stellung nach 10.d6 Le6 11.Sf3 Sc6 12.Lf4 (Zugumstellungen sind möglich!) herausgesucht,
siehe unten die pgn-Datei! Natürlich unkommentiert. Aber trotzdem schon etwas aussagekräftig: 6 Weißsiege! Und das sind wirklich alle Partien, die ich dazu gefunden habe, ich habe keine Schwarzsiege oder Remisen ausgelassen!
Dies ist natürlich nur ein theoretisches Statement: natürlich könnte man im Amateurbereich halbwegs darauf vertrauen, daß Weiß die Theorie sowieso nicht oder nur kaum kennt, daß Weiß sich (unter Zeitdruck) nicht daran erinnern kann, oder daß Weiß in vorteilhaften aber immer noch hochkomplizierten&scharfen Varianten den richtigen Weg zum Gewinn nicht findet. Das wäre aber eine turnierpraktische Entscheidung, eine eröffnungstheoretisch dubiose Variante trotz allem zu versuchen. (Und nicht unbedingt meine Auffassung von Schach als Strategiespiel - wer bluffen will, soll zum Pokern gehen ...)
tracke

PS: 7.Reihe, Deinen Ausführungen zu 10.Sf3 Lb4/Lg4 kann ich auch nicht komplett zustimmen, für die Gesamtbeurteilung ist das aber wohl unerheblich.