Nun, Pirc/Modern wird nicht gerade zu den solidesten und korrektesten Verteidigungen gegen 1.e4 gezählt - seitdem „die Goldenen Siebziger der Flankeneröffnungen zuendegingen“, rangiert es theoretisch ziemlich konstant an etwa fünfter Stelle, nämlich deutlich hinter 1...e5, Sizilianisch, Caro-Kann und Französisch, etwa gleichauf mit Aljechin, etwas vor Skandinavisch, Nimzowitsch, Owen und noch Schlimmerem ...
John Nunn, der vor allem in seiner schachlichen Jugend aber natürlich auch später noch haufenweise
Pirc und Königsindisch spielte, bekannte zum Ende seiner aktiven Karriere ~2000, daß diese „
im Grunde recht passive Eröffnungen“ seien, wenn die Weißspieler nur gut genug wüßten, in welche Konter sie nicht laufen dürften.
Alex Yermolinsky schrieb 1999 in seinem preisgekrönten „The Road to Chess Improvement“: „So, even after 1...g6 there´s going to be some theory to study. Maybe not a lot compared with other openings, but still … (Come to think of that, have you ever wondered why there is much less theory there than in the Sicilian, for example? Maybe
because White´s task of obtaining an opening advantage is achieved relatively free of problems?)”
Michael Adams, bekannt als Pirc-Zertrümmerer, bemerkte einmal (~2004) treffend, daß für 1.e4-Spieler vor allem Sizilianisch recht lästig sei, „
well, you can´t play against the Pirc every day“.
Und Garry Kasparow hielt in seinem Buch „On Modern Chess Vol.1: Revolutions in the 70´s“ (in dem er die moderne Evolution dynamischer Eröffnungssysteme detailliert beschrieb) unter der zahlreichen und breitgestreuten Beispielen nicht ein einziges zum Bereich Pirc/Modern für notwendig (obwohl Pirc/Modern/Benoni sicherlich DIE Mode der 1970er war) – Garry beschäftigt sich schließlich ja nur mit seriösen Dingen ...
(Soviel zur doch nicht funktionierenden Abschreckung)
Natürlich gibt es keine auf 20 Seiten niederschreibbare Widerlegung; in Anbetracht der nebulösen Komplexität dieses Konglomerats von Flankeneröffnungen (Pirc/ Modern/ Königsindisch/ Modernes Benoni/ Schmid-Benoni etc.) vermutlich noch nicht einmal einen sicheren Weg zum kleinen weißen Vorteil - allerdings auch keinen sicheren Weg zum schwarzen Ausgleich! Die (dogmatischen?!) Urteile der Theoretiker, die Statistik sowie „das Schweigen der Elite“ (durch „Anwendungsverzicht“) sprechen aber eine deutliche Sprache, auch wenn vereinzelte (Remis-) Erfolge auf höchstem Niveau (Timman, Radjabow, Swidler, Khalifman etc.) den Anhängern Mut machen. Dabei wird Pirc/Modern jedoch fast ausschließlich als einmalige Überraschungswaffe gebraucht – eine regelmäßige Anwendung auch gegen Vorbereitung haben solche ehemaligen Pirc/Modern-Stars wie Anand oder Ponomariow schnell aufgegeben, sobald sie in den Kreis der Top100 aufgestiegen waren. Und auch aus dem Spitzen-Fernschach, eigentlich immer ein verläßlicher Indikator, ist Pirc/Modern so gut wie verschwunden.
[Ich weiß nicht genau, Thonar, was Du damit meinst, daß Pirc/Modern „in den letzten Jahren immer bekannter wurde“: es gibt natürlich absolut immer mehr Turniere, die gespielt und erfaßt werden, und damit vielleicht auch mehr Pirc/Modern-Partien in Datenbanken - einen relativen Trend, der irgendwie zugunsten von Pirc/Modern geartet ist, sehe ich nicht – Vielleicht ist es auch nur ein „biographischer Effekt“: je länger Du Pirc spielst, desto mehr stellen sich Deine Gegner darauf ein, und desto mehr stärkere Gegner hast Du auch , die mit Pirc umzugehen wissen?!]
Dabei hat Pirc/Modern durchaus einige (zumindest praktische) Vorzüge, die es auch in meiner Sicht zu
einer interessanten Turnierwaffe auf einem 1700-2500-Level machen:
1) Es gibt kaum Möglichkeiten für Weiß, gegen den Willen des Schwarzen die Stellung schnell ausbrennen zu lassen und das Remis anzusteuern
2) Es gibt kaum Möglichkeiten für Weiß, gegen den Willen des Schwarzen eine wirklich sichere Stellung anzusteuern, in der Weiß „mit Technik bequem auf zwei Resultate (Gewinn+Remis) spielen kann“. Schwarz behält eigentlich immer gewisse Gewinnchancen, objektiv allerdings nur auf Kosten höherer Verlustchancen!
3) Aufgrund der Vielzahl verschiedener aber äußerst ähnlicher Subsysteme, der verwirrenden Zugumstellungsmöglichkeiten sowie der Komplexität der Stellungen ist es für normalsterbliche Weißspieler (für Top-GM mag genau dies anders sein!) schwierig bis unmöglich, durch das Vorbereiten und Aufs-Brett-Bringen langer forcierter Varianten dem Nachziehenden konkret vorhersehbare Stellungen aufzuzwingen.
4) Obwohl natürlich auch in Pirc/Modern (eröffnungs-)theoretische Kenntnisse wichtig und notwendig sind, spielen daneben Verständnis und Stellungsgefühl eine vielleicht größere Rolle als in manch anderen Verteidigungen gegen 1.e4.
All dies zusammen macht Pirc/Modern zu einer sehr interessanten Waffe z.B. bzw. vor allem für Open nach Schweizer System, wo man oft im Gegensatz zu Mannschaftsligen oder Rundenturnieren auch mit Schwarz etwas riskanter auf Gewinn spielen muß, da tendenziell ein erster und paar fünfte Plätze oft mehr Erfolg (und mehr Preisgeld!) versprechen als lauter zweite und dritte Plätze (der Einfluß der Turnierstrukturen auf die Eröffnungspraxis ist wirklich interessant, man denke nur an den Grand-Prix-Angriff!). Hier ist allerdings auffällig, daß IM/GM auf Open ihr Pirc/Modern oft bevorzugt gegen schwächere Gegner spielen (gegen die sie unbedingt gewinnen müssen und gegen die sie Spielstärke ausspielen können), während sie im Kampf gegen andere IM/GM dann doch lieber auf „korrektere Verteidigungen“ wie Spanisch oder Sizilianisch setzen.
Für solche Zwecke (also
als Zweitwaffe neben einer grundsoliden Verteidigung) scheint Pirc/Modern eine sehr taugliche Waffe zu sein, die es im Repertoire zu haben lohnt. Allerdings bin ich mißtrauisch bis abgeneigt, Pirc/Modern als hauptsächliche oder gar ausschließliche Verteidigung gegen 1.e4 (bzw. gegen alles) gutzuheißen: mir jedenfalls wäre sowas zu riskant, ich brauche (wie viele oder sogar die meisten Schachfreunde) eine grundsätzliches Vertrauen in die „prinzipielle Korrektheit“ meiner Eröffnungen (insbesondere des Schwarzrepertoires) und das kann Pirc/Modern ungeachtet aller anderen Vorzüge einfach nicht bieten! Außerdem hat Pirc/Modern den
üblichen Nachteil von Schema-Eröffnungen (und vielleicht noch mehr als Colle o.ä.), daß nämlich die allgemeine Schachentwicklung auf der Strecke bleibt, weil der Horizont der verschiedenen gespielten Stellungen zu klein ist (und bleibt!)
Kritisch (gegen Pirc und Modern) ist vor allem der Östereichische Angriff oder
Dreibauernsystem mit e4/d4/Sc3/f4, der allerdings von Weiß gewaltige Theoriekenntnisse erfordert. Falls die vorhanden sind, wandelt Schwarz vermutlich schon auf sehr dünnem Eis: es bricht noch nicht sofort aber es knackt schon ordentlich ...
Pragmatischer und gleichermaßen beliebt ist der
150er-Angriff mit e4/d4/Sc3/Le3/f3/Dd2 . Inzwischen haben Schwarzspieler halbwegs akzeptable Zugfolgen (oft mit verzögertem Lg7) dagegen ausgearbeitet (siehe dazu auch andere Threads hier im Forum).
Wie aber auch Pirc-Autor James Vigus durchblicken läßt, ist 4.Le3 nach wie vor sehr kritisch, falls Weiß noch zu vielen verschiedenen Systemen bereit ist: zu nachfolgendem f3/Dd2, zu h3/Sf3, zu Le2/Sf3, zu h3/g4, zu h3/g3/Lg2 usw. Dann kann Weiß nämlich erstmal den vierten (oder auch noch den fünften) schwarzen Zug abwarten, bevor er sich selbst endgültig auf eine Angriffsformation festlegt. Und während frühes ...c6 gegen 150er vielleicht gut ist, ist es gegen weißes Fianchetto nicht so toll? Gegen weißes g3 wäre baldiges ...Sc6 nebst ...e5 ganz nett, aber was ist, wenn Weiß noch auf Klassisch umstellen kann? Gegen einen klassischen weißen Aufbau würde Schwarz gern schnell kurz rochieren, aber dann wechselt Weiß wieder in den 150er-Angriff zurück? Ein
flexibel angewandtes 4.Le3 ist meines Erachtens nach wie vor höchstgefährlich.
Ich persönlich spiele gegen Pirc immer noch gerne den alten
klassischen Aufbau mit Sf3/Le2/0-0, der meines Erachtens unterschätzt wird. Es ist für Schwarz zwar sehr einfach, fast vollständig auszugleichen, aber sehr schwierig, wirklich komplett auszugleichen – ein winziges weißer Vorteil zieht sich oft bis ins Endspiel hinein. Ein Nachteil des klassischen Aufbau ist es, daß er nur gegen Pirc geeignet ist; gegen 1...g6 ist er nicht so gut, weil Schwarz dann einen bequemen Hippo spielen kann (Merke: Weiß braucht immer ein Dreibauernzentrum, c-d-e oder d-e-f, um das Flußpferd zu erlegen!)
An extravaganten Systemen seien nur zwei erwähnt:
Für Schwarz Zugfolgen mit ...c6 vor ..d6: dann kann noch ...d6 oder ...d5 geschehen, letzteres ergibt Caro-Kann-Gurgenidze.
Für Weiß ist 2.Sc3 (oder auch 2.d3!?) nebst eventuellem f2-f4 und Verzcht auf d2-d4 interessant: dann sollte Schwarz wohl mit ...c5 in den Geschlossenen Sizilianer bzw. Grand-Prix-Angriff überleiten, ein Beharren auf „modernen“ Strukturen wäre gefährlich!
Was die Zugfolge angeht, so gibt es natürlich für beide Seiten wahnsinnig viele Möglichkeiten, weshalb ich nur die
grundsätzlichen Ideen der Pirc-Zugfolge (1.e4 d6 2.d4 Sf6) anreißen möchte:
Die
erste Idee ist, daß Pirc zumindest weniger schlecht als Königsindisch ist bzw. als alles, was Schwarz sonst noch nach
3.c4 zur Verfügung hat (Awerbach-Variante, Eidechse, Känguru, Du-Chattel-System etc.) Weiß hat z.B. manchmal auch die Möglichkeit zu „Pseudo-Sämisch-Königsindisch“ mit Sg1-e2-c3 und Sb1-a3-c2 (die Entwicklung des Sg1 ist in KID-Sämisch ja oft ein gewisses Problem und da kann es vorteilhaft sein, wenn auf c3 noch kein damenspringer steht).
Die
zweite Idee ist, daß in Pirc fast alle weißen
Aufbauten mit Lc4 deutlich harmloser sind als in Modern (da das Scheinopfer ...Sf6xe4 Sc3xe4 d6-d5 funktioniert).
Die
dritte Idee ist, daß Schwarz nach 2...Sf6 noch nicht auf ein Königsfianchetto festgelegt ist. Damit sind weniger moderne Nebenvarianten wie 3.Sc3 e5?!, 3.Sc3 c6?! Oder 3.Sc3 Sbd7!? gemeint als vielmehr 3.f3 e5!, 3.Sd2 e5! und 3.Ld3 e5! 4.c3 d5! . Gerade die
Ld3/c3-Systeme sind nach Meinung der meisten Experten gegen bereits erfolgtes ...g6 sehr gut geeignet, dem Anziehenden völlig gefahrlos einen klitzekleinen Vorteil bis tief ins Mittelspiel hinein zu garantieren ...
Allgemein wiegen diese Vorteile eines frühen ...Sf6 einzeln und insgesamt wohl deutlich schwerer als die vorhandenen Nachteile (Schwäche h6, Angreifbarkeit des Sf6 durch weiße Bauern). Zugegebenermaßen kann man hier natürlich anhand konkreter Varianten über jeden einzelnen Punkt und auch insgesamt trefflich streiten (dies aber bitte ohne mich!).
Ja, Thonar, was soll ich sagen, ich halte Pirc/Modern höchst ungeeignet für Dich. Und dies nicht wegen seiner objektiven Stärke/Schwäche, sondern vielmehr, weil diese schematischen Stellungen (die Du zudem offenbar noch nicht einmal grundsätzlich zu verstehen weißt, wie mir etliche Deiner Bemerkungen zeigen) für Deine weitere schachliche Karriere ein richtiger Bremsklotz sind! Entschuldige, aber es ist doch lächerlich, Pirc/Modern zu spielen und sich dann über Raumnachteil in Benoni-Stellungen zu beschweren (Das ist ja wie Königsgambit lieben, aber Angst davor haben, daß der Gegner es annimmt?!?). Es ist, wie ich oben angedeutet habe, ab Zug Numero 2 für Schwarz alles andere als egal, wie Weiß sich entwickelt und formiert; optisch mögen da riesige Ähnlichkeiten bestehen, aber die feinen Unterschiede im 5.Zug haben gewaltige Auswirkungen im 12.Zug oder später. Und es ist der über Raumvorteil verfügende Weiße, der viel stärker als Schwarz bestimmt, wer wen wo angreift oder welchen Gegenangriff sich gefallen lassen muß!! Über mangelnde „Ausbruchsvarianten“ kann sich nur beklagen, wer sich vorher freiwillig einsperren ließ. Dein Verweis auf die „Familientradition“ zeigt zweierlei: erstens hast Du, obwohl Du alles andere als ein schon „kompletter“ Spieler bist, Dir schon (wie Rowson sagen würde) ein mythisches Selbstbild zurechtkonstruiert, das an der Realität Deines Schachs weit vorbeigeht, etwa „Ich bin ein erfolgreich-dynamischer Flanken-Konter-Spieler“. Und zweitens, daß Du Dich noch nie ernsthaft mit anderen, grundlegenderen Verteidigungen gegen 1.e4 beschäftigt hast.
Ich würde Dir dringend raten, mit 1...e5 (oder Sizilianisch) gegen 1.e4 anzufangen!!
Für den wahrscheinlicheren Fall, daß Du diesen gutgemeinten Ratschlag ignorierst, wünsche ich Dir aber natürlich
weiterhin viel Spaß mit Pirc!
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