Theoretisch mag 4.Sf3 eine Winzigkeit stärker sein als 4.c4: immerhin war das Kasparows Wahl (als er in den 1990ern mal kurz mit der Abtauschvariante experimentierte) und auch die meisten Theoretiker geben 4.Sf3 als Hauptvariante.
De facto ist beides (und auch jede Alternative: 4.Lf4, 4.c3, 4.Ld3 etc.) ziemlich ausgeglichen und tendenziell remisig, insbesondere für uns Normalsterbliche. Das Problem ist, daß die symmetrische Bauernstellung keinen Anhalt für irgendeine Gewinnstrategie gibt, und das weiße Mehrtempo alleine nutzt nicht viel (auch wenn es bestimmt nicht schadet: in Zugzwang ist Weiß im 4.Zug bestimmt nicht, selbst wenn das manche Frenchies behaupten). Und so drömelt die Partie oft dem totalen Ausgleich entgegen, etwa auf so phantasievolle Weise wie 4.Sf3 Sf6 5.Ld3 Ld6 6.0-0 0-0 7.Lg5 Lg4 8.Sbd2 Sbd7 9.c3 c6 10.Dc2 Dc7 11.Lh4 Lh5 12.Tae1 Tae8 13.Lg3 Lg6 ...
In solchen Abspielen gibt es nur zwei Gewinnideen:
1. Einfach stur immer weiter spielen (und sei die Stellung noch so langweilig) und darauf hoffen, daß der Gegner kleine Ungenauigkeiten begeht! Dies bietet sich an, wenn man entweder ein superfeines Gespür für winzigste positionelle Nuancen hat, oder wenn man viel mehr Erfahrung in diesen totlangweiligen Stellungen besitzt (was eben häufig auf den Schwarzspieler zutrifft!) oder wenn man einfach allgemein der wesentlich stärkere Spieler ist!
2. Einfach mit Gewalt für assymetrische Verhältnisse sorgen, indem man z.B. c2-c4 (bzw. c7-c5) zieht oder mit seinem Damenspringer den c-Bauern verstellt, heterogen rochiert (z.B. 4.Sf3 Sc6?! gilt ja als Gewinnversuch für Schwarz). Objektiv ist solch eine Abkehr von der Symmetrie oft theoretisch minimal nachteilig, weshalb es sich anbietet, darauf zu hoffen, daß zuerst der Gegner (dem die Remistendenz noch mehr zuwider ist) beginnt, das Spiel strategisch zu verschärfen! Kurz: Vielleicht besser 4.Sf3 spielen und auf 4...c5 oder 4...Sc6 hoffen als selbst mit 4.c4 den Isolani in Kauf zunehmen ?!
Nun gut, letztlich sind diese Unterschiede alle sehr klein und es setzt sich im Gewinnsinne höchstens durch, wer positionell feinfühliger, psychlogisch abgebrühter oder einfach glücklicher ist. Dies ist auch der Grund, warum die Abtauschvariante sowohl für Anfänger wie auch für Fortgeschrittene eigentlich überhaupt nicht zu empfehlen ist.
Es sei denn, man hat tatsächlich schon ein ganz gutes positionelles Verständnis und will mit Weiß wirklich nur ein Remis abklammern: dann wäre 4.Lf4 vielleicht die beste Wahl, weil Schwarz kaum drumherum kommt, erstmal die Läufer zu tauschen (4...Ld6 5.Lxd6 Dxd6 6.c3, auf baldiges Lf5 oder Lg4 kann Schwarz auch schlecht verzichten). Sowas geht aber meist aus psychologischen Gründen schief, wofür es paar schöne Beispiele gibt: Gurewitsch-Short, Kritz-Jussupow etc.
Es führt meines Erachtens kein Weg für Weiß daran vorbei, gegen Französisch mit 3.Sc3! oder 3.Sd2! oder 3.e5! die typische französische Bauernstruktur anzustreben bzw. zuzulassen.
Dies ist nicht nur objektiv etwas besser, sondern auch für die schachliche Entwicklung absolut notwendig!! Französische Strukturen können sich auch in ganz anderen Eröffnungen ergeben (Owen, Sizilianisch, Caro-Kann, Damengambit, Katalanisch, z.T. auch seitenvertauscht in Slawisch oder Halbslawisch), und wenn man die Statik und Dynamik der typischen Bauernketten nicht anhand Französisch lernt, dann wird man in den anderen Eröffnungen auch nicht viel verstehen (man beachte auch, daß alle Meister&Großmeister, die hin und wieder mal die Abtausch-Variante mit Weiß wählen, natürlich die normalen Französisch-Varianten sehr gut beherrschen!) In diesem Sinne würde ich auch allen Französisch-Unerfahrenen davon abraten, mit Weiß etwas anderes wie z.B. den Königsindischen Angriff 2.d3 zu spielen: der ist zwar (zumindest unterhalb des Meisterniveaus) kaum schlechter als die Hauptvarianten in Französisch und besitzt im Gegensatz zur Abtauschvariante eine ganz gehörige strategische Schärfe, die "Lücke der Französisch-Erfahrung" kann man aber auch damit nicht ersetzen!
tracke

PS: Ich bin seit vielen Jahren mit 3.Sd2 sehr glücklich, andererseits ist 3.Sc3 das Prinzipiellste, Schärfste und vielleicht auch das Beste - vom Standpunkt des Lernens jedoch ist vielleicht die Vorstoßvariante 3.e5 das Optimale: man legt die Bauernstruktur selber sofort fest und muß sich weniger mit Varianten wie 3...dxe4, 3...Sc6, 3...Le7 usw. herumschlagen. Und auch wenn die "theoretische Chance auf Vorteil" dort vielleicht etwas kleiner sein mag als nach 3.Sc3/Sd2 ; solange Leute wie Schirow, Grischuk und Sweschnikow so spielen, kann mir keiner erzählen (noch nicht mal Watson), das Schwarz völlig problemlos sofortigen Ausgleich hat.