Hallo Petroff!
Es gibt hier im Forum bereits ziemlich viel zum Thema Aljechin-Verteidigung, hast Du das alles schon durchgelesen?
Viel Neues gibt es eigentlich nicht. Aljechin ist ´ne nette Überraschungswaffe und wird als solche auch auf hohem Niveau hin und wieder mal angewandt. Regelmäßiges oder gar ausschließliches Spielen gegen 1.e4 wird halt auf steigendem Spielniveau immer riskanter, wenn die Weißspieler das Theoriewissen und das Gefühl dafür haben, den Raumvorteil langsam auszunutzen ohne die Stellung zu überdehnen.
Theoretisch kritisch ist vor allem
das Moderne System 2.e5 Sd5 3.d4 d6 4.Sf3, wonach sich zwar das Miles-System 4...dxe5 5.Sxe5 c6 als halbwegs zuverlässige Verteidigung etabliert hat, Schwarz aber bißchen wenig von dem Aljechin-typischen scharfen Gegenspiel hat. Das hätte er in den Alternativen 4...Lg4, 4...g6 oder 4...Sc6, die sind aber theoretisch (und praktisch) deutlich riskanter.
Unangenehm ist auch
das Abtauschsystem 4.c4 Sb6 5.exd6, wonach Schwarz die Wahl hat zwischen dem halbwegs soliden aber faden 5...exd6 und dem aktiveren aber etwas riskantem 5...cxd6.
Der Vierbauernangriff 4.c4 Sb6 5.f4 ist scharf und unklar. Schwarz braucht ihn nicht zu fürchten, sollte aber sehr gut vorbereitet sein.
Alle anderen Systeme sind theoretisch absolut okay für Schwarz, obwohl das besonders auf unterem Spielniveau häufig vorkommende 2.Sc3 für viele praktisch unangenehm sein kann, wenn sie nicht mit 2...e5 in die Wiener Partie (bzw. eventuell noch das Vierspringerspiel) einlenken wollen.
Insgesamt besteht das schwarze Dilemma also darin, daß einerseits die für Schwarz gut spielbaren und soliden Abspiele zu remislichen, Caro-Kann/Skandinavisch-ähnlichen Stellungen führen, die dem Schwarzen wenig eigene Gewinnchancen geben; und daß andererseits die fetzigen scharfen Gegenangriffssysteme immer am Rand der Widerlegung (oder schon dahinter!) liegen.
Im gehobenen Fernschach scort Weiß etwa 80-90% gegen Aljechin!!
Das letzt komplette Buch über Aljechin war von Krisany/Videki (~2000), schon bißchen alt. Danach kam ein nicht schlechtes Buch von Nigel Davies (2002), vielleicht z.Z. noch immer die beste Wahl. Alternativ gibt´s eine Chessbase-Video-DVD von Andrew Martin (2007), das eine sehr gute Einführung ist, auf dessen Anti-4Bauern-System ich mich aber nicht verlassen würde.
Endlich sind aber wieder zwei neue Aljechin-Bücher angekündigt:
1) Bogdanov: Play the Alekhine (okt2009), Gambit:
http://www.gambitbooks.com/books/alekhine.html
2) Taylor: Alekhine Alert (jan2010), Everyman:
http://www.everymanchess.com/chess/b...k_against_1_e4
Websites, meist von Amateuren und englisch/amerikanisch, gibt´s einige gute, natürlich meist unter "Alekhine(´s) Defence (Defense)".
tracke

PS:
Ich selbst habe Aljechin eigentlich seit ~20 Jahren immer als Zwei- oder Drittwaffe neben Caro-Kann und anderem. Zum Blitzen oder gegen Schwächere ist es ganz brauchbar, aber nach meiner ausgiebigen Erfahrung score ich z.B. mit C-K nicht nur insgesamt (im Remissinne) besser, sondern erziele auch definitiv mehr Schwarzsiege! Und wenn man auf meinem Level sowas Scharfes wie 4.Sf3 Sc6?! probiert, dann wird man von zwei Dritteln der Weißspieler einfach in 25 Zügen nach Theorie abgeledert, ohne daß die Partie richtig angefangen hätte. Und gegen das andere Drittel gewinnt man auch nicht jede Partie. -
Es hat mich etwas überascht, daß GM Lars Bo Hansen in seinem letzten (ausgezeichnetem!) Buch "How chess games are won and lost", daß sich u.a. auch mit der Entwicklung eines EÖRepertoires beschäftigt, die Aljechin-Verteidigung (neben Spanisch, Russisch, Sizilianisch, Caro-Kann, Französisch und Pirc) zu den zumindest grundsätzlich vertrauenswürdigen Antworten gegen 1.e4 zählt (und damit deutlich vor Skandinavisch, Modern, Nimzowitsch, Owen etc. stellt).