Wenn man als Schwarzer sich für 5...a6 entscheidet, dann sollte man vor allem
Interesse für das eigentliche Najdorf-System 5...a6 6.Le2 e5 mitbringen! Das
kann manchmal auch ziemlich taktisch werden (strategisch/positionell/taktisch
sind nämlich keine Gegensätze!!!), im Vergleich zu 6.Lg5/6.Lc4/6.Le3 ist es aber
meist nicht ganz so haarsträubend scharf.
Bei 5...a6 6.Le2 e5 geht es um einen strategischen Zentrumskampf, der häufig
mittels Flankenoperationen geführt wird. Schwarz möchte mit d6-d5 den letzten
weißen Zentrumsbauern abtauschen. Um im ~15.Zug im Zentrum gut zu stehen und
damit eine gute Ausgangsbasis für einen noch schwammigen weiteren Mittelspiel-
Plan zu haben (vielleicht ein angenehmes Endspiel, vielleicht ein Königsangriff,
vielleicht positionelles Lavieren, vielleicht ein Massenabtausch; man weiß es noch nicht!)
Die Erfahrung hat gezeigt, daß dieser (eigentlich jedem Sizilianer zugrundeliegende)
Plan sehr gut ist und offenbar in der Najdorf-Zugfolge noch einen Tick besser
umgesetzt werden kann als im Boleslawski-System, im Scheveninger System,
im Drachensystem!, im Taimanov-System etc.
IN JEDEM SIZILIANER BESTEHT DIE GRUNDSÄTZLICHE ERÖFFNUNGSSTRATEGIE
DARIN, MIT ...D6(D7)-D5 IM ZENTRUM AUSZUGLEICHEN UND ERST DANACH EINEN
GEEIGNETEN WEITEREN PLAN ZU FASSEN. NUR WEIL WEISS DIES FAST IMMER
ZU VERHINDERN VERSUCHT, WEICHT SCHWARZ GANZ ODER VORLÄUFIG AUF ANDERE
PLÄNE AUS UND ZWAR JE NACHDEM WELCHE KONKRETEN OPERATIONEN WEISS
GEMACHT HAT ODER BEABSICHTIGT!!! IM ERGEBNIS WIRD DER KAMPF UMS ZENTRUM
GANZ ODER TEILWEISE AUF DIE FLANKEN VERLAGERT. FAST JEDER FLANKENANGRIFF
WIRD ABER LETZTENDLICH DURCH EINEN ZENTRUMSDURCHBRUCH UNTERSTÜTZT!
BZW. AUSGEKONTERT!!
Je nachdem, wie sehr Weiß das Spiel verschärft (früher nannte man 6.Lg5 und 6.Lc4
auch "Anti-Najdorf"!), bekommt Schwarz sehr gute Konterchancen. Und falls Weiß
seinen Angriff auf den schwarzen König (kurzrochiert oder zentral) durch die lange
Rochade beschleunigt, um den Königsflügel für seine Schwerfiguren freizuhaben,
ja dann ist auch das schwarze Gegenspiel am Damenflügel nicht nur ein Versuch,
das weiße Zentrum zu unterminieren und damit dem weißen Angriff seine Basis im
Zentrum zu entziehen, sondern eben auch ein scharfer Gegen-Königsangriff!
Leko hatte schon recht: je schärfer Weiß spielt, desto schärfer werden auch die
schwarzen Konterchancen. Aber primär greift Weiß an, weil Schwarz tendenziell
ein gutes Endspiel hat.
Merke:
Man kann nicht einfach angreifen, nur weil man es will!
Seit Steinitz ist die Stellungsbeurteilung die Grundlage des Planes (bzw. sollte es sein!),
und nicht jede Stellung gibt einen Königsangriff her. Viel öfter sagt die Stellungsbeurteilung,
daß man erstmal den Zentrumskampf intensivieren muß, daß man sich verteidigen muß
oder daß ein Abtausch oder gar ein Übergang ins Endspiel angesagt ist!
Ensprechend muß man auch alle Formen des Schachkampfes beherrschen bzw. trainieren.
Das Zentrum darf nicht vernachlässigt werden. Auch wenn die Front dort relativ ruhig erscheint,
muß man immer mit Durchbrüchen rechnen. Selbst wenn sich die Bauernketten dort verhakt
haben (etwa Königsindisch, Altbenoni, Französisch, Stonewall, geschl.Spanier) so ist ein
Opfer (typischerweise etwa Leichtfigur gegen 2Bauern) oft die beste Verteidigung
gegen einen starken Flankenangriff!
Zuletzt noch: Bauern sind im Angriff manchmal ganz brauchbar, um eine Verteidigungsfigur
zu vertreiben oder um eine Linie zu öffnen. Anfänger unterschätzen aber meist die Durchschlagskraft
von reinen Figurenangriffen, falls keine elementaren Mattbilder ins Auge springen,
denn das bedarf dann meist etwas tiefer berechneter Figurenopfer. Kaum eine Königsstellung,
die aus 3 Bauern und 1-2 verteidigenden Leichtfiguren besteht, kann aber dem Druck
von Dame und 2-3 weiteren Figuren widerstehen. Auf unterem/mittleren Niveau sind deshalb
manche Eröffnungen mit einer gesunden aber etwas passiven Struktur (insbesondere Skandinavisch)
deutlich beliebter als auf höherem Niveau, weil es den Weißspielern oft an der Fähigkeit fehlt, über 15
Züge hinweg einen scharfen Angriff mit mehreren Figurenopfern durchzuführen...
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