Schottisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4) ist eine gute Eröffnung mit schon recht positionell-strategischem Spiel in etlichen Hauptvarianten, obwohl in den offenen Stellungen auch oft die Taktik regiert.
Überhaupt ist es ein "schottischer Wesenszug", daß Schwarz (im Gegensatz zu Spanisch, Italienisch, Wiener, Königsgambit!) keine "geschlossene Variante" zur Verfügung hat, sondern nach 3.d4 eigentlich mit 3...exd4 nehmen und damit die Stellung öffnen muß. Wenn Weiß mit 4.Sxd4 wiedernimmt, verfügt er deshalb zunächst erstmal über einen gewissen Raumvorteil, während Schwarz am Zug keiner unmittelbaren Drohung ausgesetzt ist und deshalb über freies Figurenspiel und eine gewisse Initiative verfügt.
Schottische Systeme nach 3.d4 exd4:A) Göring-Gambit 4.c3: Dies gehört hier nicht zum Thema, Schwarz kann den Bauern mit 4...dxc3 nehmen (etwas riskant) oder bequem mit 4...d5 bzw. etwas schärfer mit 4...Sf6 ablehnen.
B) Schottisches Gambit 4.Lc4: Dies ist für Anfänger ein sehr brauchbarer Einstieg in die Eröffnungen, es entsteht offenes Figurenspiel mit viel Taktik und heftigen Angriffen. Vor allem, wenn Schwarz den Mehrbauern zu halten versucht; falls Schwarz aber mit 4...Lc5! oder 4...Sf6! in Italienisch bzw. Zweispringerspiel übergeht (und die Theorie kennt!), kann Weiß letztlich höchstens gleiche Chancen erwarten.
C) Schottische Partie 4.Sxd4: Diese solide (und wohl beste) Fortsetzung galt jahrzehntelang als harmlos (wegen 4...Sf6!), dann kam erst Timman und später Kasparow und hauchten dem weißen Spiel neue Ideen ein. Schwarz hat mehrere Fortsetzungen zu Auswahl:
C1) 4...d6, 4...g6 sind spielbar aber etwas passiv
C2) 4...Lb4+ (5.c3 Lc5/Le7) ist eine für Schwarz akzeptable Nebenvariante
C3) 4...Dh4?! (Steinitz) ist ein für Meister zu riskanter Weg, mit Schwarz auf Gewinn zu spielen, denn Weiß muß einen Bauern opfern, wenn er nicht schon minimal schlechter stehen will! Es ist aber mW keine forcierte Widerlegung bekannt und viele Amateure dürften mit Weiß Mühe haben, ausreichende Kompensation (bzw. mehr als das) nachzuweisen.
C4) 4...Df6?! (5.Le3 Lc5) ist meist nur eine Zugumstellung zu 4...Lc5 5.Le3 Df6
C5) 4...Lc5(!) ist die eine Hauptvariante, die Schwarz Ausgleich und gutes Spiel sichern sollte; allerdings hat Weiß den praktischen Vorteil, zwischen 3 recht unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu können: 5.Le3, 5.Sxc6 oder 5.Sb3
C6) 4...Sf6(!) ist die andere Hauptvariante und der Hauptgrund, warum Schottisch lange (~1900-1985) als harmlos galt. Bevor man als Weißspieler zu Schottisch greift, sollte man also hier eine Wahl treffen:
C6a) 5.Sc3 (Schottisches Vierspringerspiel
2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.d4 exd4 5.Sxd4 durch Zugumstellung) Lb4! 6.Sxc6 bxc6 7.Ld3 mit der Hauptvariante 7...d5 8.exd5 cxd5 9.0-0 0-0 10.Lg5 c6 und gleichen Chancen: Schwarz hat jetzt Raumvorteil(!), die Bauern c+d sind aber stark und schwach zugleich. Es gibt Endspielkenner, die mit Weiß alles wegholzen und später zeigen wollen, daß die imposanten schwarzen Bauern eben eher schwach sind! Und die weißen, die noch flexibel in der Startposition stehen, eben stark!
C6b) 5.Sxc6 bxc6 6.Ld3!? d5! 7.exd5 cxd5 8.0-0 ist ein ähnlicher (schwächerer aber auch theorieärmerer) Versuch, "gute Endspielbauern" zu erhalten
C6c) 5.Sxc6 bxc6 6.e5(!) (Mie
ses) mit der Hauptvariante 6...De7 7.De2 Sd5 8.c4 (und nun ...Sb6 oder ...La6) war und ist der Versuch, dem weißen Spiel neue Kraft einzuhauchen. Noch mehr als für die zuletztgenannten gilt allerdings, daß Weiß Entwicklungsrückstand (z.T. sogar Minusbauern und Rochadeverlust) in Kauf nimmt, um eine überlegene Bauernstruktur zu erlangen.
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Die Mie
ses-Variante ist sicherlich ein wahnsinnig interessantes Kapitel moderner Eröffnungstheorie, ich bin aber sehr skeptisch, ob das damit verbundene etwas kontraintuitive Spiel Schachfreunden U2000 oder gar U1700 zu empfehlen ist!
Wer sich für das (vielleicht zurecht) fast unbekannte 6.Ld3!? [C6b] nicht erwärmen kann, dem kann ich das Schottische Vierspringerspiel durchaus empfehlen: eine klassische, solide, instruktive Variante, die letztendlich für GMs harmlos sein mag, darunter jedoch einiges Potential verspricht.
Es wäre dann ggf. sehr überlegenwert, die
Vierspringerspiel-Zugfolge zu wählen, also 2.Sf3/Sc3 Sc6/Sf6 3.Sc3/Sf3 Sf6/Sc6 4.d4:
Vorteile:
- Man umgeht 4...Lc5 und insbesondere das praktisch unangenehme 4...Dh4
- Man vermeidet Russisch bzw. läßt nur das (für Weiß angenehme) Russische Dreispringerspiel 2.Sf3 Sf6 3.Sc3 Lb4?! 4.Sxe5! zu
- Über 2.Sc3/3.Sf3 kann man sogar Lettisch und Mittelgambit im Nachzug vermeiden
- Viele Schwarzspielen setzen nach 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 etwas minderwertig mit 3...Lc5?!, 3...Lb4?!, 3...d6?! oder 3...g6!? fort.
- Als zusätzliche Geheimwaffe erhält man das Belgrader Gambit 4...exd4 5.Sd5?!
Nachteile:
- Schwarz erhält paar neue Optionen, z.B. 4.d4 Lb4?!
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Literatur:
Zum (Schottischen)
Vierspringerspiel ist das Standardwerk
Pinski: The Four Knights, Everyman 2003
Zu
Schottisch direkt sind die meisten Werke schon bißchen veraltet, angekündigt ist aber:
Dembo: The Scotch Game, Everyman Juni2010
http://www.everymanchess.com/chess/b...he_Scotch_Game
Glücklicherweise gibt es zwei Bücher mit (jeweils) einem 1.e4-Komplettrepertoire (wohl auf 1300-1800-Niveau), die gegen 1...e5 dann Schottisch empfehlen:
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Collins: A attacking repertoire for white, Batsford 2004
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McDonald: Starting out 1.e4! , Everyman 2006
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Soviel erstmal zur Übersicht ...
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