Hallo Fälix!
Als John Nunn mal in einem Interview gefragt wurde, warum sein Buch über die Sizilianische Najdorf-Variante mit 6.Lg5 (1996?) keine strategische Einleitung mit Musterpartien enthalte, antwortete er sinngemäß: Es gibt in dieser Variante keine Strategie - es kommt nur darauf an, mit seinen Steinen in Richtung des gegnerischen Königs zu hacken!
Ungefähr dasselbe könnte man mit noch größerer Berechtigung über den Traxler-Gegenangriff sagen: Schon 3...Sf6!? versucht ja gewissermaßen, das weiße 3.Lc4 als voreiligen Angriffszug (ohne die positionelle Grundlage ausreichender Zentrumskontrolle) zu widerlegen; der weiße "Stümperzug" (Tarrasch) 4.Sg5!? beabsichtigt eine taktische Widerlegung von 3...Sf6; und mit 4...Lc5!? setzt Schwarz noch einen drauf und erklärt sich zu massiven Opfern bereit, um 4.Sg5!? als fehlerhaft (zumindest im Sinne weißen Vorteils) zu entlarven!
Traxler (oder amerikanisch: Wilkes-Barre) ist zumindest in seinen Hauptvarianten so sehr von forcierten taktischen Zugfolgen bestimmt, daß strategische Erwägungen praktisch keine Rolle spielen! Auch angesichts des ge-/veropferten Materials stellt sich fast immer nur die Frage, ob Schwarz ein Matt oder Dauerschach hat oder nicht (bzw. ob er das Material mit Zinsen zurückgewinnt, dies ist allerdings selten). Zumindest in der prinzipiell erstmal kritischen Variante 5.Sxf7 Lxf2+! ; bei 5.Lxf7+ Ke7 dagegen wird es manchmal ein ganz klein wenig positionell/strategisch, da opfert Schwarz ja oft erstmal nur einen Bauern (und seine Rochaderecht!).
Wie Du erkennst, gibt es im Traxler gar keine allgemein-strategischen Eröffnungsziele (z.B. Kontrolle der weißen/schwarzen Felder, Schaffung eines gegnerischen Doppelbauern/Isolani, Abtausch eines bestimmten gegnerischen Zentrumsbauern, Errichtung einer bestimmten Bauernkette, Halten eines Bauernvorpostens
[strong point], Kampf um eine bestimmte Diagonale, Schaffung eines typischen Springerstützpunktes, Festlegung einer typischen gegnerischen Schwäche usw.).
Und deswegen lernt man beim Traxler-Spielen auch nicht richtig was, höchstens daß man manchmal gut punkten kann, wenn man die Theorie (weiter als der Gegner) kennt und wenn man nicht so schnell wie dieser den Mut in all dem taktischen Chaos verliert ...
Ich muß zugeben, daß ich als ~1400er (als das Estrin-Buch herauskam!, das war vor ~25? Jahren, da gab´s noch Ingo-Rating!) mich auch mal am Traxler versucht habe. Ohne besonderen Erfolg: entweder (meistens) kam es erst gar nicht auf´s Brett, oder (selten) Weiß kannte die Theorie noch besser als ich. Und ein guter Spieler (heute 2.BL) lehnte immer ab (mit 5.d3 0-0 6.0-0 h6 7.Sf3) und überspielte mich dann noch, weil ich nur Theorie kannte und noch nicht mal Italienisch (mit zwei Mehrtempi!) so gut wie er behandeln konnte! Und die paar Traxler-Gewinne, die ich in freien Blitzpartien gegen noch schwächere Spieler "herausspielte", halfen mir absolut nicht weiter in meiner schachlichen Entwicklung; gegen diese Gegner hätte ich auch mit allem gewonnen.
Natürlich birgt Traxler einen großen Reiz, aber im halbwegs ernsthaften Schnell- und Turnierschach ("Spaßblitzen" oder umgekehrt wissenschaftliches Fernschach sind was anderes!) macht diese Variante m.E. nur Sinn,
- wenn man erstens taktisch so stark ist, daß man in chaotischen Stellungen mit massivem Materialnachteil ein etwa zehnzügiges Matt/Dauerschach auch innerhalb von 1-5 Minuten findet,
- und wenn man zweitens einen gutes Repertoire-Grundgerüst in den "normalen" Varianten (3...Lc5 oder 3...Sf6 4.Sg5 d5! 5.exd5 Sa5!) hat, die sind schon scharf genug!
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Das Estrin-Buch war damals ganz prima und ist heute vielleicht noch ein leidlich guter Ausgangspunkt, halt besser als nichts. Aber all diese scharfen Analysen aus der vor-Computer-Ära sind ganz allgemein wohl einfach zu 30% (oder mehr!) falsch! (Sorry für Dein Geld). Und gerade in diesen irrational-superscharfen, strategisch nicht verstehbaren Varianten (wo jede Seite, aber ganz besonders Schwarz, schnell verlieren kann, wenn sie innerhalb einer zehnzügigen Zugfolge neunmal den besten Zug spielt aber einmal nur den zweitbesten) geht ohne monatelange Computeranalysen gar nichts mehr (weil das erworbene strategische Grundverständnis der Variante nicht weiterhilft, da es gar keins gibt!).
Es sei denn, Du möchtest glücksspielartig paar Partien gewinnen, nur um hinterher festzustellen, daß Du 11 Verlustzüge gemacht hast, Dein Gegner aber 12 und insbesondere den entscheidenden ... Das ist ziemlich aufwendig, nicht gerade meine Vorstellung von Schach als Strategiespiel und hilft Deiner schachlichen Entwicklung kaum weiter - bringt in der konkreten Partie natürlich einen Punkt, den Du aber vielleicht auch anders hättest einfahren können.
Falls Du jetzt noch nicht entmutigt bist: Einen bestimmt nicht fehlerfreien, aber viel moderneren (und definitiv besseren!) Überblick über Traxler findest Du z.B. in Jan Pinskis Buch über die "Two Kinghts Defence" (Everyman London 2003, ~18€, 26 von 160 Seiten über Traxler).
Eventuell (kenne es nicht!) auch im selten angebotenen Buch desselben Titels von Beljawski/Michaltschischin (Chrysalis 2000, ~20€, 9/112). Beljawski war (m.W. wenigstens) der letzte Spitzengroßmeister, der Traxler mit Schwarz gespielt hat!
Die definitive Wahrheit über Traxler steht wohl noch aus, dafür müsste ein Rechner wohl mindestens 50 Halbzüge "brute force" berechnen können (und das dauert noch paar Jahre!). - Näherungsweise kann man mal Fernpartien der letzten 5 Jahre suchen oder sein Glück in amerikanischen Internet-Foren versuchen (Stichwort: "Wilkes-Barre"!).
Ob Traxler korrekt ist bei "perfektem" Spiel? Ich schätze mal ja, aber in der 5.Sxf7-Variante reicht der Angriff wahrscheinlich nur zum Dauerschach. Und nach 5.Lxf7+-Variante hat Schwarz vielleicht gerade so ausreichende Kompensation.
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Übrigens: als Anfänger spielt jeder mit Weiß Italienisch/Preussisch. Die stärkeren Spieler wenden sich dann meist irgendwann Spanisch oder 1.d4 zu, auf gehobenen Vereinsniveau ist dann meist Schwarz besser vorbereitet auf die scharfen Varianten des Zweispringerspiels als Weiß und scort auch prima. Ab Meisterebene dreht sich das dann allerdings um: Wer dann immer noch (bzw.: wieder!) Italienisch, Evansgambit, Preussisch mit 4.Sg5!? usw. spielt (um der schwarzen Vorbereitung in Spanisch-Jänisch/Berlin/Marshall/Saitzev zu entkommen), der ist auch saugut vorbereitet (z.B. Short, Mamedyarow, Rabiega)
Okay, meine Meinung, ich hoffe etwas geholfen zu haben ...
Viel Spaß und Erfolg mit (oder ohne) Traxler!
tracke