"Wilhelm Steinitz
(Weltmeister von 1886 bis 1894)
Der 1836 in Prag geborene Wilhelm Steinitz zog als junger Mann nach Wien, um Mathematik zu studieren, widmete sich dann aber ganz dem Schach. Er schuf die Grundlagen der modernen Schachstrategie und war davon überzeugt, dass alle Probleme, die am Brett entstehen, mit wissenschaftlichem Denken gelöst werden können. Steinitz starb 1900 in New York.
Emanuel Lasker (1894 bis 1921)
1885 in Brandenburg geboren gilt Emanuel Lasker als der Pionier der Schachpsychologie. Der Doktor der Mathematik und Philosophie war im Schach auch als Psychologe ein Meister. Seine Vielseitigkeit, sein Sinn für die Schachtheorie und seine kämpferische Einstellung halfen ihm, fast alle Matches und Turniere zu gewinnen, an denen erteilnahm. 1941 starb Lasker in New York.
Seit langem wollte ich ein Buch über die neuesten Entwicklungen in der Geschichte des Schachs schreiben. Dabei verfolge ich einen traditionellen Ansatz, indem ich den stetigen Fortschritt von Weltmeister zu Weltmeister schildere. Denn gerade diese elitäre Gruppe von Ausnahmespielern (insgesamt 14 in 117 Jahren!) leistete den größten Beitrag zur Weiterentwicklung des Schachspiels: Um den höchsten Titel zu erobern, musste man sich von den Besten der Besten noch abheben. Man musste etwas Neues entwickeln, musste die erfahrensten und talentiertesten Gegner überraschen.
Die Geschichte überliefert, dass vor knapp zweitausend Jahren in Indien ein schachähnliches Strategiespiel entstand, das in nahezu unveränderter Form den schier unendlichen Weg aus dem Süden Mittelasiens über Persien und die östlichen arabischen Länder bis hin zur Pyrenäenhalbinsel antrat. Diese "indische" Version über die Herkunft des Schachspiels kam in Europa jedoch erst Ende des 17. Jahrhunderts auf. Mit Sicherheit lässt sich allenfalls sagen, dass das moderne Schach im 15. Jahrhundert im Mittelmeerraum entstand. Das intellektuelle Spiel, das die psychologische Kriegsführung modelliert, ist somit zu einer rein europäischen Erfindung geworden. Die großen Schachmeister waren stets eng verbunden mit den Wertorientierungen jener Epochen und Gesellschaften, in denen sie lebten und wirkten. Alle kulturellen, politischen und psychologischen Veränderungen spiegelten sich in ihren Vorstellungen und dem Stil ihres Spiels wider. Diese engen Verbindungen lassen sich weit zurückverfolgen. Es ist beispielsweise kein Zufall, dass das Schachspiel während der Renaissance die größten Entwicklungssprünge in Spanien und Italien vollzog. Ebenso wenig verwundert es, dass die erste Theorie zum positionellen Spiel in Frankreich in der Zeit der Aufklärung und des Rationalismus vom großen Maestro Francois Andre Philidor entwickelt wurde (übrigens war dieser auch ein bekannter Komponist und enger Freund Diderots). Und denken wir nur an seinen Leitspruch aus der Mitte des 18. Jahrhunderts: "Die Bauern sind die Seele des Schachspiels". Lassen sich darin nicht Vorboten der Französischen Revolution erkennen? Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Schachwelt, entsprechend der geopolitischen Wirklichkeit, vom Zweikampf zwischen England und Frankreich geprägt: McDonnell gegen La Bourdonnais, Staunton gegen Saint-Amant usw. Mitte jenes Jahrhunderts wurde dann der herausragende Schachromantiker Adolf Anderssen zum führenden Spieler seiner Zeit. Den Stil des gebildeten Deutschen, dem die Ideen Hegels und Schopenhauers keinesfalls fremd waren, prägten unvorhersehbare Attacken auf den gegnerischen König und schwindelerregende Opfer, die den Triumph des Geistes über die Materie verkörpern. Erinnern wir uns auch an die steile Karriere des amerikanischen Schachgenies Paul Morphy, der in nur wenigen Jahren (1857-1859) sowohl die Neue, als auch die Alte Welt eroberte. Er überraschte die Schachwelt mit einer explosiven Mischung aus Pragmatismus, Aggressivität und genauer Berechnung. Qualitäten, mit deren Hilfe es
Amerika in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gelang, entscheidende Fortschritte durchzusetzen.
Auf dem internationalen Schachturnier von London im Jahre 1883 stellte sich das Publikum einzig und allein die Frage, wer nun eigentlich der weltbeste Spieler sei: Wilhelm Steinitz oder Johannes Hermann Zukertort? Im Jahre 1886, kurz nach Morphys Tod, traten die beiden im Duell um den offiziellen "Champion of the World" gegeneinander an. Daraus entwickelte sich ein Titel, um den die beiden besten Spieler der Welt ringen und der das höchste internationale Ansehen garantiert. Ausgehend von der Liste der 14 Weltmeister werden wir immer wieder auf die untrennbare Verbindung zwischen der Schachwelt und dem realen Leben stoßen.
Wilhelm Steinitz (Weltmeister 1886 - 1894)
Steinitz dominierte praktisch ab 1870 die Schachwelt. Er war ein überzeugter Anhänger der wissenschaftlichen Methode, die seiner Meinung nach den Schlüssel zur Lösung sämtlicher Probleme auf dem Schachbrett darstellte. Als Erster zerlegte er die Position in ihre Bestandteile, bestimmte ihre wesentlichen Merkmale und stellte allgemeine strategische Prinzipien auf. Dies war eine bedeutende Entdeckung, ja ein entscheidender Wendepunkt in der Schachgeschichte. In der Praxis jedoch maß er seiner Theorie des positionellen Spiels häufig zu große Bedeutung bei und verließ sich zu sehr auf abstrakte Prinzipien. Er war eben ein Kind der Zeit des Materialismus, die der naive Glaube an die Allmacht der Wissenschaft und die baldige endgültige Erkenntnis aller Prozesse in der Natur prägte.
Emanuel Lasker (Weltmeister 1894- 1921)
Der gebürtige Deutsche war Doktor der Philosophie und der Mathematik. Er war der erste und seinerzeit auch der einzige Schachmeister, der den psychologischen Aspekten des Kampfes gebührende Bedeutung beimaß. Der überlegene Taktiker und Stratege begriff schnell, dass es viel wichtiger ist, die Schwächen des Gegners gekonnt auszunutzen, als immer die richtigen Züge zu beherrschen. Dank seines tiefgreifenden Verständnisses von der Psychologie des Menschen und seines Wissens um den Wert der Schachstrategie konnte er fast alle Zweikämpfe für sich entscheiden. Ganze 27 Jahre lang hatte Lasker den Weltmeistertitel inne. Ein absoluter Rekord! Und wer beherrschte zu jener Zeit die geistige Welt? Natürlich Einstein und Freud. Wie heißt es so schön: Jeder weitere Kommentar ist hier überflüssig...
Jose Raoul Capablanca (Weltmeister 1921 -1927)
"Schachmaschine" wurde das Genie aus Kuba aufgrund seines reinen Stils genannt. Der Publikumsliebling galt als äußerst kultiviert und führte ein mondänes Leben. Der große Capablanca bezwang seine Gegner im wahrsten Sinne des Wortes spielerisch mit einer bewundernswerten Leichtigkeit und Eleganz. Außergewöhnlich ist auch, dass er seine glänzenden Siege scheinbar ohne Vorbereitung und ernsthafte strategische Konzepte errang. Versetzen wir uns nun in seine Zeit, die Jahre der Hoffnung und des Optimismus, als die Welt die Ruhe und den Frieden nach dem Inferno des Ersten Weltkrieges genoss. Gerade in diesen Jahren eroberten amerikanische Kulturexporte, angefangen von literarischen Bestsellern bis hin zu Filmproduktionen aus Hollywood, die ganze Welt. Die Geschichten von glücklichen Helden mit strahlendem Lächeln, die immer von einem Happyend gekrönt sind, ließen die Wunden des Weltkriegs vergessen. Und keiner entsprach dem Zeitgeist jener Tage mehr als der Salonlöwe und Liebling der Götter Capablanca.
Alexander Aljechin (Weltmeister 1927 -1935, 1937-1946)
Aljechin stammte aus einer reichen Adelsfamilie und war der erste Champion Sowjetrusslands. Er führte ein sehr bewegtes Leben. Nach dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution emigrierte Aljechin nach Frankreich, wo er seine Dissertation in der Jurisprudenz anfertigte. Danach folgten das grandiose Duell gegen Capablanca, zahlreiche Reisen, Siege und Niederlagen. Während des Zweiten Weltkrieges nahm er an Turnieren in den von Hitler besetzten Gebieten teil. Nach dem Krieg wurde ihm deshalb Kollaboration mit den Nationalsozialisten vorgeworfen. Ihm drohte gar der Ausschluss von internationalen Schachturnieren. Aljechins Stil gilt als die Inkarnation psychologischer Aggression. Er war geprägt von einer umfangreichen Vorbereitung, einer unglaublichen Energie auf dem Schachbrett und einem geradezu besessenem Streben, den Gegner in völligem Einklang mit der eigenen reichen kombinatorischen Fantasie zu bezwingen. Dies erinnert in auffallendem Maße an die verheerenden Kriege, die Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts überzogen hatten. Am Ende seines Lebens schlug das
Pendel des Schicksals noch einmal aus: Der neue Champion Sowjetrusslands, Michail Botwinnik, forderte Aljechin offiziell zum Zweikampf um die Weltmeisterschaft heraus. Doch der König des Schachs verstarb überraschend und blieb somit unbezwungen.
Max Euwe (Weltmeister 1935 - 1937)
Euwe ist Sinnbild für das Jahrhundert der technischen Revolution, des beginnenden Atomzeitalters und der Computer-Ära. Er war ein treuer Anhänger der Steinitzschen Theorien und trug wesentlich zu deren Verbreitung bei. Max Euwe galt als "Pragmatiker, der sich mit allem befasste, was mit Schach zu tun hatte". Außerdem besaß er den Doktortitel in Mathematik und galt als großer Fachmann auf dem Gebiet der Elektronik. So fungierte er als Vorsitzender der Eurotom-Kommission, die sich mit der Programmierung von Schachcomputern beschäftigte. Als erster Weltmeister wurde er 1970 zum Präsidenten der FIDE ernannt. Unterstützt wurde seine Wahl vor allem von Michail Botwinnik, der davon ausging, dass "nur ein Schachspieler, der selbst Weltmeister war, nachvollziehen kann, wie wichtig strikte und gerechte Regeln bei der Durchführung internationaler Turniere sind".
Michail Botwinnik (Weltmeister 1948 -1957, 1958-1960, 1961 -1963)
Botwinnik war seit frühester Jugend ein überzeugter Kommunist. Der kalte, erbarmungslose Stil des Patriarchen der sowjetischen Schachschule, der auf einer intensiven psychologischen Eröffnungsvorbereitung basierte, spiegelt die Macht und Stärke des stalinistischen Regimes wider. Botwinnik setzte sich intensiv mit dem Schachspiel auseinander, sowohl auf wissenschaftlicher als auch auf praktischer Ebene. Als er Weltmeister wurde, waren gerade die Jahre des Kalten Krieges angebrochen und der Sport perverti erte zu einem politischen Instrument im Kampf der Ideologien zwischen Ost und West. Damals begann sich der Profisport erst langsam zu entwickeln, und die Wissenschaft konzentrierte sich auf die Forschung in der Atom-, Computer- und Raumfahrttechnik. Botwinnik war Doktor der technischen Wissenschaften und gilt als einer der Pioniere in der Programmierung von Schachcomputern.
Wassili Smyslow (Weltmeister 1957 - 1958)
Er ist zweifellos Symbol des Tauwetters. Nach Stalins Tod 1953, dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, der beginnenden Rehabilitierung der Repressionsopfer und der Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Moskau 1957 bestieg ein sanftmütiger, intelligenter Mann mit angenehmem Bariton den Schachthron. Eigentlich wollte Smyslow Sänger werden. Er war kein Kommunist, sondern sehr religiös und griff der
Wiedergeburt des russisch-orthodoxen Glaubens vor. Sein Stil wirkte im Vergleich zu Botwinniks panzerähnlichem Vorgehen um vieles leichtfüßiger. Die beiden Schachgrqßmeister bestritten insgesamt drei Duelle. Doch Smyslow, der in diesen Jahren wohl der beste Schachspieler war, hatte den Weltmeistertitel nur für kurze Zeit inne. Die vermeintlich vergangenen schrecklichen Zeiten wollten nicht weichen und holten ihn wieder ein.
Michail Tal (Weltmeister 1960 - 1961)
Auch wenn er von allen Weltmeistern den Titel am kürzesten inne hatte, so ging Tal doch als Ausnahmespieler in die Geschichte des Schachs ein. Sein freches, risikoreiches Spiel, das von verblüffenden Kombinationen und Opfern geprägt war, seine Jugend, sein unerschütterlicher Optimismus und seine Scharfsinnigkeit spiegeln die Hoffnung der Menschen in der Sowjetunion wider, sich endlich vom Stigma des Stalinismus befreien und neue Freiheiten unter Chruschtschow erringen zu können. Tal wurde 1960 Weltmeister, sein dynamisches Spiel versetzte das Publikum jedoch bereits 1956 in Erstaunen. Sein Sieg über Botwinnik war der Triumph des rebellischen Poeten über den kalten materialistischen Techniker (bereits 1951 hatte Bronstein versucht, damals jedoch ohne Erfolg, Botwinnik zu entthronen). In der WM-Revanche, die im darauffolgenden Jahr stattfand, blieb der junge Romantiker Tal gegen "das Bollwerk des kommunistischen Systems" chancenlos. Übrigens zeichnete sich gerade im Jahre 1961 das Ende des Tauwetters ab. Die Verfechter der harten Linie kehrten zurück.
Tigran Petrosjan (Weltmeister 1963 -1969)
Auch Petrosjan, der Botwinnik als Weltmeister ablöste, ist ein Kind seiner Zeit. Inzwischen war Breschnew an der Macht, und die Fesseln wurden systematisch wieder angezogen: Die Prozesse gegen Brodski, Sinjawski und Daniel, der Einm***** im August 1968 in die Tschechoslowakei, die vollständige Unterdrückung der Redefreiheit... Der Glaube an die kommunistischen Ideale schwindet immer mehr, an seine Stelle treten Konformismus, Stillschweigen, Vorsicht und Wachsamkeit. Auch der nüchtern berechnende, sehr talentierte Petrosjan, der eine schwere Kindheit durchlebt hatte, eignete sich diese Eigenschaften im Laufe seines Lebens an.
Boris Spasski (Weltmeister 1969 - 1972)
Spasski entspricht der Vorstellung des sowjetischen Dandys. Er war der Meister der effektiven Attacken und ein herausragender Akteur auf der Schachbühne. Neben seinem großen Talent zeichneten ihn vor allem Mut und Unabhängigkeit aus. Seine spitzen, furchtlosen Äußerungen waren berüchtigt. Im Gegensatz zu vielen anderen Berühmtheiten jener Zeit biederte er sich den Mächtigen nie an, bat nicht um irgendwelche Privilegien und versuchte nie, politisches Kapital aus seinem bekannten Namen zu schlagen. Seine ablehnende Haltung gegenüber dem politischen System, die er mit mehreren Künstlern und Wissenschaftlern teilte, brachte den wachsenden Unmut der poststalinistischen Generation über das marode Regime in der Sowjetunion zum Ausdruck. Es folgte eine neue Emigrationswelle. Im Jahre 1976 verließ auch Spasski die Sowjetunion. Nachdem er eine Französin geheiratet hatte, zog er in eine Vorstadt von Paris. Doch erst nach dem Turnier von Linares 1983, bei dem der ehemalige Champion den ersten Platz vor dem amtierenden Weltmeister Karpow belegte, spielte er nicht mehr für die UdSSR und erhielt von da an auch kein Stipendium des sowjetischen Sportkomitees mehr.
Robert J. Fischer (Weltmeister 1972 - 1975)
Er war wohl der rastloseste und rätselhafteste König des Schachs. Seine ungeahnten Erfolge ließen ihn zur Legende werden. Fischers energischer Stil glich dem "eines Mörders auf dem Schachbrett": eine ungeheure Zielstrebigkeit und ein ungestümer Drang, alles aus dem Weg zu räumen, was sich ihm entgegenstellt. Der geniale Einzelgänger nahm die Herausforderung der vielgerühmten Sowjetischen Schachschule an, und zur großen Begeisterung des Westens siegte er! Unversöhnlich war seine Haltung hinsichtlich der Forderung nach optimalen Wettkampfbedingungen und der gebührenden Anerkennung der Spieler. Fischer reformierte die antiquierten Vorstellungen über das Schachspiel, durch ihn wurde es endgültig zu einer Profisportart. Doch durch seinen schwierigen Charakter und großen Individualismus wurde er immer mehr zum Einsiedler und zog sich schließlich ganz von der Schachweltzurück. Schade, denn in der Zeit der Beatles, der Hippies und der großen Studentenbewegungen, die nach mehr individueller Freiheit strebten, war Robert Fischer der Einzige, der das Schachspiel in eine völlig neue Dimension hätte führen können.
Anatoli Karpow (Weltmeister 1975 - 1985)
Sein unbedingter Überlebenswille und ein einzigartiges Schachtalent vereinten sich zu einer untrennbaren Verbindung aus Laskers psychologischem Geschick und Capablancas perfekter maschineller Technik. Er war der Liebling Breschnews und ein "leuchtendes" Symbol des politischen und gesellschaftlichen Stillstands. Das letzte Jahrzehnt der UdSSR war angebrochen. Sowjetische Truppen m*****ierten in Afghanistan ein, und die alten Ideologien verloren rasant an Bedeutung. Nun ging es nur noch um persönlichen Profit. Gerade in diesen Jahren wurde die FIDE von den Ländern der Dritten Welt und des Ostblocks, vor allem aber von der Sowjetunion und somit vom amtierenden Weltmeister Anatoli Karpow geprägt. Korruption, Stagnation, Zynismus und Konformismus bildeten den sowjetischen Alltag am Ende der kommunistischen Ära. Der Westen wiederum hatte sich längst mit der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke arrangiert und war bereit, die Unversöhnlichkeit der beiden Systeme auf lange Zeit zu akzeptieren. Die beiden WM-Kämpfe von 1978 und 1981 zwischen Karpow und Kortschnoi spiegeln diese Zeit eindrucksvoll wider. Kortschnoi, der sich dem Westen zugewandt hatte und sich dessen Unterstützung sicher sein durfte, konnte sich nicht gegen die zähe, seelenlose sowjetische Maschine durchsetzen.
Garri Kasparow (Weltmeister 1985 - 2000)
Mein Stil erscheint mir wie eine Symbiose aus dem von Aljechin, Tal und Fischer. Meinen ersten Weltmeistertitel errang ich im historischen Jahr 1985, als Gorbatschow die Perestroika einleitete, die den Zusammenbruch der Sowjetunion und die Neuordnung der Welt zur Folge haben sollte. Millionen von Menschen fanden sich in einem völlig veränderten System wieder. Und auch die alte Schachordnung brach zusammen. Nach einigen verzweifelten Versuchen, die Vergangenheit zurückzuholen (beispielsweise fanden noch drei Duelle gegen Karpow statt), beschritt die Schachwelt neue Wege und strebt seitdem nach der vollständigen Anerkennung des Schachspiels als Breitensport. Sowohl das Schach als auch die Welt werden noch viele Veränderungen erfahren.
Wladimir Kramnik (Weltmeister 2000 - ?)
Zu Beginn des neuen Jahrtausends wird sowohl Russland, als auch der Westen von einem pragmatischen Markt dominiert. Fragen wie "Welchen Reingewinn erzielt Ihre Firma?" oder "Ist der Wert Ihrer Aktien gestiegen?" bestimmen unseren Alltag. Und der Schacholymp wurde von einem Mann erstürmt, der nach genau diesen neuen Prinzipien spielt und lebt. Bereits zu Beginn der 90er Jahre erkannte man sein großes Talent, und ich bestand darauf, den jungen Spieler in die russische Olympiamannschaft aufzunehmen. In unserem WM-Zweikampf im Jahr 2000 erfuhr sein Stil die höchste Vollendung. Dies war der Triumph des Pragmatismus. Sein Stil ist eine Synthese aus dem psychologischen Spiel Laskers, der intensiven Eröffnungsvorbereitung Botwinniks und der Zähigkeit Karpows. Dessen gesammelte Partien dienten Kramnik übrigens als Handbuch.
Die Geschichte des Schachs ist eng verbunden mit der Stadt Prag. Im Mai 1836 wurde in Prag der erste Weltmeister Wilhelm Steinitz geboren, und im Mai 2002 unterschrieb dort der Präsident der FIDE Kirsan lljumschinow gemeinsam mit dem 13. und 14. Weltmeister die "Resolution zur Vereinigung der Schachwelt". Damit endete auch der jahrelange Streit darüber, wer letztlich das Recht besitzt, den Titel "Champion of the World" zu verleihen. Im Ergebnis bleibt die FIDE die einzige Organisation, die offizielle Weltmeisterschaften ausrichten darf. Für die Weltmeister stellte dies ein unliebsames, jedoch notwendiges Zugeständnis dar, denn nur auf diese Weise können genügend Sponsorengelder gesammelt und Hunderte von Profispielern unterstützt werden.
Des Weiteren ist eine neue, dynamischere Form der Durchführung der Weltmeisterschaften geplant. Danach soll im Zwei-Jahres-Rhythmus ein Qualifikationsturnier nach dem Knock-out-System stattfinden, auf das dann die Viertel- und Halbfinale aller Titelanwärter einschließlich des Weltmeisters und schließlich das Duell um die Schachkrone folgen, das über 12 Partien gehen soll.
Die frühere Bedeutung und Symbolkraft des Weltmeistertitels wird somit wohl zusehends schwinden. Doch daran lässt sich nichts ändern. Das atemberaubende Tempo der modernen Welt und die Elektronisierung und Kommerzialisierung unseres heutigen Lebens machen auch vor dem Schach nicht Halt. Die Entwicklung des Schachspiels hat eine neue Stufe erreicht, in der die gesammelten Ideen praktisch umgesetzt werden und der sportliche Aspekt immer mehr in den Vordergrund rückt. Möglicherweise war das Match gegen Kramnik (London 2000) das letzte Duell, das Korrekturen im Spielverständnis hervorbrachte...
Zu Recht merkte Tal einst an, dass die Geschichte der Schachkrone nicht nur von den Weltmeistern selbst gestaltet wird, sondern vor allem auch von den Unterlegenen, die Ersteren hervorragend Paroli boten. Und tatsächlich gab es neben den Weltmeistern eine kleine Elite von Spielern, die eine große Rolle in der Entwicklung des Schachs spielten (für einige lag der Weltmeistertitel durchaus in greifbarer Nähe, allein das Schicksal schien ihnen nicht gewogen zu sein). Dabei denke ich an so große Namen wie Zukertort, Tschigorin, Tarrasch, Pillsbury, Schlechter, Rubinstein, Nimzowitsch, Reti, Keres, Bronstein, Geller, Larsen, Polugajewski, Kortschnoi u.a. Natürlich ist auch das Schicksal dieser Spieler eng mit der Zeit verwoben, in der sie lebten, und ich werde mich, wenn auch nur in Kurzform, jedem dieser großen Meister des Schachs widmen.
Doch zeichnen wir nun die Entwicklung der Schachgeschichte nach. Uns erwartet eine großartige Sammlung von Meisterwerken der besten Schachspieler aller Zeiten. Daneben werden die neusten, mikroskopisch exakt analysierenden Computerprogramme vorgestellt, was zu einer Vielzahl von überraschenden Entdeckungen und Erkenntnissen führen wird. Ich hoffe, dass dieses Werk, in dessen vorliegendem Band 1 die ersten beiden Weltmeister Wilhelm Steinitz und Emanuel Lasker im Mittelpunkt stehen, einen klaren Einblick in die einmalige Evolution des Schachs während der letzten 200 Jahre gewähren wird, die durchaus mit der Geschichte des technischen Fortschritts vergleichbar ist.
Außerdem wünsche ich mir, dass nicht nur Profis und interessierte Hobbyspieler mein Buch lesen werden, sondern auch all jene, denen es bisher noch nicht gelungen ist, eine Leidenschaft für dieses traditionsreiche, wahrhaft königliche Spiel zu entwickeln."
Garri Kasparow im Vorwort
Chlodwig
http://www.chlodwig.com