Also dazu sage ich nochmal was (obwohl ich bestimmt nicht vorhabe, Rowsons gesammelte Theorien zu erörtern):
Die Angabe eines Rating-Bereiches als Indikator für das Spielverständnis darf man natürlich nicht auf die Goldwaage legen - andererseits gibt es da bestimmt eine starke Korrelation!
Daß die tatsächliche praktische Spielstärke noch von anderen Faktoren (wie Konzentrationproblemen, Mißverständnis des eigenen Spielstils etc.) beeinflußt wird, ist klar. Gerade mit diesen Problemen beschäftigt sich Rowson in "Schach für Zebras" und "Die sieben Todsünden ..." ja eingehend!
Manchmal wird es bei Rowson in der Tat etwas zu abgedreht, vor allem im mittleren Teil von "Schach für Zebras" aber auch im gesamten 7DCS. Rowson hat m.W. Politik, Wirtschaft und Philosophie studiert und diese "Schachbücher" wohl in den Semesterferien geschrieben, nachdem er gerade im Nebenstudium einen Psychologie-Kurs (erfolgreich) belegt hatte. Entsprechend hat er alle nur möglichen Ansätze (z.T. ziemlich wirre Theorien!) irgendwie für Schach nutzbar machen wollen. Je mehr man selbst über Psychologie, Pädagogik und Philosophie Bescheid weiß, desto besser kann man wohl beurteilen, wo dies ein interessanter Gedanke (aber wahrscheinlich nur schöner Gag) ist und wo dies wirklichen Tiefgang hat.
Was die zweite Chance angeht, so argumentiert Rowson meines Erachtens ziemlich überzeugend, daß man im Schach eigentlich immer eine zweite Chance bekommt: vielleicht nicht mehr nach schweren Fehlern, aber nach paar kleinen Ungenauigkeiten eben schon. Vor allem unterhalb des Super-GM-Niveaus und vor allem eben mit Weiß - der Gegner spielt nämlich auch nicht perfekt! Das ist dann für Rowson ein Zeichen dafür, daß "normale Spieler" ihre EÖ nicht so perfekt studieren müssen (sollten!) wie die Super-GMs. Jene müssen EÖ unglaublich tief studieren, weil dort oben alle Gegner eine sehr gute Technik haben, so daß man aus leichtem Nachteil i.d.R. nicht mehr leicht herauskommt. Für Normalsterbliche ist es aber mindestens genauso wichtig (oder wichtiger!), an Endspieltechnik und Mittelspielstärke zu arbeiten, denn kleine EÖUngenauigkeiten spielen kaum eine Rolle, solange winzige Unterschiede gar nicht ausnutzbar sind: man bekommt also auch ohne unglaubliche EÖKenntnisse häufiger mal ´ne zweite Chance. Aber auch dann gibt es einen Weiß-Effekt!
Zweite Chance (bzw. das schachliche Analogon) meint konkret auch, daß Schwarz mit "Anzugsnachteil" beginnt, nach der ersten Ungenauigkeit manchmal schon kritisch und nach der zweiten Ungenauigkeit oft schon verloren ist (falls Weiß Theorie&Taktik&Technik beherrscht); daß Weiß dagegen nach der ersten Ungenauigkeit noch nicht schlechter steht (eben nur Ausgleich zugelassen hat) und eventuell die Möglichkeit zu einem forcierten Remis besitzt (dem Schwarz nur schlecht ausweichen kann) und daß Weiß selbst nach der zweiten (oder dritten?!) Ungenauigkeit noch eine haltbare Stellung hat. - Dies alles hängt aber auch wiederum vom Charakter des schwarzen Systems ab (levelling defence versus fighting counterattack), woran sich bei Rowson dann sehr interessante Gedanken z.B. über den Sizilianer anschließen ... - wirklich höchstinteressant!
(Naja, so ungefähr. Besser selber lesen ...)
tracke

PS: Im Vergleich zu anderen Sportarten (insbesondere Ballspiele mit vielen Treffern/Toren) ist die zweite Chance beim Schach natürlich signifikant kleiner: Wenn man z.B. auf fortgeschrittenem Vereinsspieler-Niveau nach 15 Zügen eine Minusfigur ohne jegliche Kompensation hat, dann ist die Chance auf Remis/Sieg sicher deutlich kleiner, als wenn man in der 3.Fußballliga zur Halbzeit 0:2 hintenliegt. - Rowson zeigt aber, daß auch beim Schach die zweite Chance größer (und anders strukturiert) ist, als manche vermuten!