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Schach - Literatur Vorstellungen

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  Schach als Psychoduell Beitrag #1 (permalink)  
Alt 04.01.2006, 13:43
Gast5607
Gast
 
Beiträge: n/a
Schach als Psychoduell

@ alle:

Hi,

dass Schach für einige Spieler nicht ein Spiel, sondern ein psychisches Duell zweier Gegner (Feinde) ist, hat ja z.B. Bobby Fischer immer wieder bestätigt. Sein Ausspruch, er wolle das Ego seines Gegner vernichten ist ja bekannt. Ähnliche Tendenzen hat auch Kortschnoi immer wieder geäußert und von vielen guten Spielern wird ja behauptet, sie würden den Durchbruch zur Weltspitze nur deshalb nicht schaffen, da ihnen der nötige "Killerinstinkt" fehle.

In der Literatur allerdings werden Schachspieler oft als lebensunfähige Fachidioten dargestellt (S.Zweig "Schachnovelle oder V.Nabukov "Lushins Verteidigung”).

Ich stelle hier jedoch eine spannende Kurzgeschichte von W.Tevis ins Netz, die ein gnadenloses Psychoduell zweier Schachfeinde schildert.

Keine Ahnung ob und wie es möglich ist, diese in Form eines Links im Ganzen zu übermitteln. Ich werde die Story halt hier in einzelne Post zerstückeln müssen.
Wer daran kein Interesse hat, soll den ganzen Thread halt jetzt beenden.

Allen anderen müssen etwa 15 Minuten Lesezeit opfern. Es lohnt!

Geändert von Rumpelstilzchen (04.01.2006 um 14:32 Uhr)
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  Schach als Psychoduell Beitrag #2 (permalink)  
Alt 04.01.2006, 13:50
Gast5607
Gast
 
Beiträge: n/a
Walter Tevis
Und Tod dem König

In der Bücherei gab es natürlich Bücher, viel grauen, leeren Raum und nur ein paar Leute. Will dachte sofort: In diesem Raum wirst du dich in diesen ganzen verdammten sechs Monaten am besten aufhalten können. An der einen Wand hing ein billiger Matisse-Druck.
Der Häftling hinter dem Schreibtisch war klein, in mittlerem Alter, semmelblond und hatte scharfe Züge um den Mund. Auf dem Schreibtisch lagen Zeitungen und Bücher, aber kein Schachbrett. Will ging hin und wartete, bis ein anderer Häftling ein juristisches Buch abgegeben hatte, dann sagte er zu dem Mann hinter dem Schreibtisch: „Sind Sie Findlay Baskin?"
Der Mann kniff die Augen zu: „Wollen Sie sich ein Buch ausleihen?" Seine Stimme war tonlos.
Will räusperte sich. „Ich höre, Ihre FIDE-Bewertung liegt über zweitausend."
Der andere Mann verzog keine Miene. „Wofür stehen die Buchstaben FIDE?"
Will begann, sich wohler zu fühlen. Er spürte einen Anflug von Ärger über das kleine Spiel des Mannes, und Ärger war immer sein Gegengift bei Nervosität. „Sie stehen für Föderation Internationale des Echecs." Er sprach es betont nasal aus, wie er es auf dem City-College im Nebenfach „Französisch" gelernt hatte und dachte: Wenn dieser Mann gern Gespräche in derselben Weise führt, wie man Schach zu spielen pflegt...
Der Mann blickte einen Moment auf den billigen Matisse-Druck an der Wand und sagte: „Ich bin Findlay Baskin. Meine Wertung ist 2340 ... nein ... 2320. Oder war es."
Damit wäre er der vierzigste oder fünfzigste Spieler im Land. Und dann sagte Will: „ War? "
Baskin löste seinen Blick von dem Bild und sah Will ins Gesicht. „Ich hatte in den letzten drei Jahren kaum Gelegenheit, Turniere mitzuspielen."
„Drei Jahre? Ich hörte nie ..."
Baskin lächelte zum erstenmal, und das Lächeln war überraschend angenehm. „Wissen Sie, ich bin nicht Fischer. Mein spezielles Verbrechen brachte es nur fertig, eine Viertelkolumne in der Times in Anspruch zu nehmen."
Will wollte ihn gerade fragen, was für ein Verbrechen das gewesen sei, er war sich aber noch nicht klar, was die Gefängnis-Etikette bei Fragen dieser Art vorschrieb. „Was mich betrifft, ich habe unterschlagen", sagte er. Und dann: „Meine Bewertung ist 1885."
Baskin betrachtete ihn nachdenklich, eine lange Zeit, schien es. Ein paar ältere Sträflinge betraten flüsternd den Raum, setzten sich an einen Tisch und fingen an, Zeitschriften durchzublättern. Dann langte Baskin in seine Tasche, holte einen Vierteldollar heraus, ließ ihn vor sich auf dem Schreibtisch kreisen und klatschte mit seiner rechten Hand darauf, als zerquetsche er eine Fliege. „Kopf oder Zahl?" sagte er.
Will zuckte in Gedanken mit den Achseln. „Zahl."
Baskin hob die Hand und zeigte Kopf. „Also nehmen Sie Schwarz." Und dann, nicht mehr lächelnd: „Bauer auf e 4."
Will starrte ihn an. „Wo ist das Brett?"
„Kein Brett", sagte Baskin streng. „Bauer auf e 4."
Will blickte sich zu den sechs oder sieben schweigenden Sträflingen im Raum um und sagte dann: „Okay, aber ich habe es noch nie gemacht. Bauer auf c 5."
„Keine Entschuldigungen", sagte Baskin. „Mit Brett würde ich Sie genauso leicht schlagen."
Baskin hatte ihn mit 17 Zügen matt gesetzt, mit einem Läufer, der aus dem Nichts zu kommen schien. Will hatte bis da ohnehin schon zwei Bauern und einen Springer verschenkt, nur weil er das imaginäre Schachbrett nicht genau im Kopf behalten konnte. Er war drauf und dran, gereizt zu fragen, warum sie kein Brett benutzen könnten; aber statt dessen sagte er: „Jetzt habe ich Weiß. Ich eröffne mit Bauer auf e4 ..."
Diesmal brauchte Baskin 24 Züge, um ihn matt zu setzen, und Will machte keine groben Schnitzer. Sobald er jenes Bild eines schönen, großen Brettes mit sauber geschnitzten Figuren im Staunton-Stil vor sich hatte, war es nicht allzu schwierig. Es fing sogar an, ihm zu gefallen, und er machte sich nichts daraus zu verlieren, weil es auf jeden Fall unvermeidlich war. Er hatte schon vorher, als er auf dem College um Geld spielte, gegen Profis verloren und gelernt, damit fertig zu werden. Und natürlich hatte er noch nie gegen einen Großmeister gespielt. Verlor er, erlitt sein Stolz keinen wirklichen Schaden, weil das Spiel eigentlich nur darum ging, zu sehen, wie lange er mithalten konnte. Und vielleicht, um etwas dazuzulernen.
Nach der zweiten Partie sagte er: „Noch eine?", und Baskin zeigte auf die Büchereiuhr. Es war halb zehn.
„Hier", sagte Baskin, er langte unter den Schreibtisch und zog ein dickes Buch hervor. „Lesen Sie das." Das Buch hieß Moderne Schacheröffnungen, es war die Bibel auf diesem Gebiet.
„Ich habe es gelesen." Das stimmte nicht ganz; aber er hatte das meiste über die Hauptvarianten der Sizilianischen Verteidigung gelesen - die Najdorf- und die Drachenvariante.
„Dann lernen Sie es auswendig", sagte Baskin.
„Auswendig lernen?" Will grinste und nahm das Buch. „Okay. Ich werd's versuchen."
„Und später", sagte Baskin, „gebe ich Ihnen das Buch mit den Fischer-Partien. Und den Petrosjan. Und den Spasskij."
„Jesus Christus!"
„Schach ist größtenteils Gedächtnis."
„Das meine ich nicht. Ich meinte, was für eine Gefängnisbücherei ist das?"
Baskin blickte ihn wieder ausdruckslos an. „Was glauben Sie, wer die Bücher dafür bestellt?" sagte er.
Sie spielten eine Woche lang jeden Abend Schach ohne Brett, bevor Will sein erstes Remis erzielte. Und dann ein Patt. Und, endlich, nach drei Wochen und über fünfzig Spielen, machte Baskin einen Fehler und ließ einen Turm ungedeckt stehen. Wills Stimme zitterte, als er den Zug ansagte und ihn mit einem Rösselsprung wegschnappte. Und er trieb den Großmeister in die Enge, bis er, Will, zum erstenmal jenes schöne alte und kraftvolle Wort „schachmatt" sagen konnte. Shah mal: Tod dem König.
„Gut", sagte Baskin, „Sie haben Ihre Hausarbeit gemacht." Dann langte er unter den Bibliothekarstisch und holte ein zusammengerolltes Schachbrett aus Wachstuch und eine Schachtel mit großen Figuren im Staunton-Stil hervor. „Und hier ist die Belohnung dafür, daß Sie Ihre Hausarbeit gemacht haben."
„Wundervoll", sagte Will, als er auf das Spiel starrte. Nachdem er über einen Monat nur im Geiste auf einem imaginären Brett gespielt hatte, fühlte er sich, wie Mozart sich gefühlt haben mußte, als er endlich das Orchester die Töne spielen hörte, die er im Kopf gehört hatte. Dennoch, es war möglich, daß die wahren Genies die reine und ideale Musik ihrer Partien ohne Figuren vorzogen. Aber für ihn, einen Mann, der die Frauen und das Essen und die Freiheit und verschiedene andere materielle Dinge mehr liebte als Schach, war das Spiel mit seinen zylindrischen Türmen, seinen ehrerbietigen, stämmigen Bauern und seiner Greifbarkeit - da vor ihm auf dem Tisch, genau wie in seinem Kopf und seinem Gedächtnis — ein greifbarer, existentieller Genuß.
Sie stellten die Figuren stumm, fast mit gemeinsamer Andacht auf und begannen zu spielen. Draußen patrouillierten Wachen im Licht der gleißenden Lampen, um die die Nachtinsekten flatterten. Vierhundert andere Häftlinge sahen sich Mary Tyler Moore im Fernsehen an. Über dem Schachbrett in der Bücherei schien nur eine trübe 60-Watt-Birne, aber die Figuren warfen scharfe Schatten: König, Turm, Bauer, Dame und Springer.
Nach zwei Monaten hatte Will alle nützlichen Züge und Gegenzüge der Sizilianischen Verteidigung und des Damen-Gambits auswendig gelernt, Eröffnungen, die Baskin seltsamerweise fast ausschließlich spielte. Will hatte gelernt, im Kopf zu spielen, und bei dem morgendlichen Auslauf im Gefängnishof pflegte er einige Fischer-Spasskij-Partien, besonders die von Reykjavik, in Gedanken durchzugehen. Als begabtes Kind hatte er in New Haven einige Jahre lang Schach gespielt, aber noch nie so wie jetzt.
Einmal, bei einer Partie in der Bücherei, als sie mit einer Schachuhr mit doppeltem Zifferblatt und Werk eine scharfe Zwanzig-Minuten-Partie spielten und Will schwankte, ob er einen ungedeckten Läufer ziehen oder mit einem Springer Schach bieten sollte, langte Baskin nach vorn und hielt beide Uhren an. Dann sagte er: „Wie gefällt Ihnen das Gefängnisleben, Will?"
Will schüttelte den Kopf und versuchte den Zauber zu brechen, den die Zugentscheidung auf ihn ausübte. „Das Essen ist fürchterlich", sagte er, „und die meisten Männer hier sind Tiere. Aber es ist nicht ganz so schlimm, wie ich erwartet hatte." Und dann, fast flehend: „Aber es macht mich alles so gottverdammt nervös ..." „Ja", sagte Baskin, „es macht Sie nervös. Und Schach macht Sie auch nervös. Sie hätten mit dem Springer Schach bieten sollen. Sie verlieren nichts dabei. Dann, während ich mich von der Schach-Bedrohung befreit hätte, könnten Sie sich über die Läufer-Turm-Kombination klarwerden."
Will lächelte schwach. „Nervös sein heißt nicht unbedingt..."
„Was glauben Sie, wie würde Fischer mit dem Gefängnisleben fertig werden? Würde er vor den Wachen kuschen?"
Er wußte, was Baskin meinte.
„Also, Fischer würde sich über die Beleuchtung in den Zellen beschweren."
„Er hätte Selbstvertrauen", sagte Baskin. „Was Sie, Will, leider gar nicht haben. Wissen Sie, was Bogoljubow sagte, als ihn jemand fragte, ob er lieber Weiß oder Schwarz spiele?"
„Nein."
„Er sagte: ,Es macht nicht den geringsten Unterschied. Wenn ich Weiß spiele, gewinne ich, weil ich Weiß spiele; wenn ich Schwarz spiele, gewinne ich, weil ich Bogoljubow bin.'"
Will lachte laut auf. „Okay", sagte er, „ich brauche Selbstvertrauen."
Nach drei Monaten konnte Will sich endlich in die Bücherei versetzen lassen, wo es nun Zeit genug gab, jeden Tag bis zu acht Partien mit Baskin zu spielen. Er hatte Glück, wenn er eine von acht gewann, aber er lernte.
Mit einer Schachuhr spielten sie gelegentlich Fünf- und Zehn-Minuten-Partien sowie die üblichen zweistündigen Turnierspiele. Die kurzen Partien erforderten eine nervenzerfetzende Spielweise, hielten aber vom Trödeln ab und verlangten schnelles Denken. Und mit der Uhr brauchte man nicht „Berührt - Geführt" zu spielen - wobei man, falls man eine Figur auch nur mit dem Ärmel berührt, sofort die betreffende Figur setzen muß. Statt dessen wandten sie die Regel an, bei der ein Zug erst dann endgültig ist, wenn man den Knopf drückt, der die eigene Uhr stoppt und die des Gegenspielers weiterticken läßt. Er mochte die Uhr: Zwei saubere Zifferblätter, ein Teakgehäuse mit Messingbeschlägen und ein Ticken, das nach guter, solider deutscher Handwerksarbeit klang. Bauer auf e 4. Klick, ein Druck auf den Knopf, und die Uhr des anderen begann loszuticken, bis er zog. Dann wieder klick, und die eigene Uhr fing an. Es war alles gut und gesund und vernünftig. Es ermöglichte, Verstand und Geist aus dem braunen Gefängnis zu erheben, in dem man von Häßlichkeit, Langeweile, Gemeinheit und Brutalität umgeben war.
Er war den vierten Monat im Gefängnis, als er eines Nachmittags Baskin mit einer sehr schönen Kombination schlug, die ihm blitzartig eingefallen war — wie eine plötzliche Erleuchtung, die den gesamten Spielablauf erhellte: dazwischenschlagen, entblößen und dann das Matt mit einem Springer, der fast aus der linken Bretthälfte kam. Baskin starrte eine Minute auf seinen mattgesetzten König und sagte dann mit monotoner Stimme: „Ich hörte, Sie sind ein öffentlich zugelassener Wirtschaftsprüfer?"
„Das stimmt." Die beiden hatten nie über ihre Vergangenheit gesprochen. Aber Baskin gehörte zu den Männern, die anscheinend alles herausfinden können.
„Was werden Sie machen, wenn Sie hier rauskommen? Niemand wird einen Wirtschaftsprüfer nehmen, der wegen Unterschlagung vorbestraft ist."
„Ich könnte mich als Steuerberater selbständig machen."
„Hatten Sie das vor, als Sie das Geld unterschlugen?"
„Ja." Und dann: „Weshalb sind Sie hier?"
Baskin zog die Augenbrauen hoch. „Wissen Sie es nicht?" Er nahm geschickt einen Läufer vom Schachbrett und drehte ihn dann zwischen seinen blassen Fingern. „Haben Sie genug Geld, um ein Steuerberaterbüro aufzumachen?"
„Ich bin ... ich bin nicht sicher."
„Wieviel haben Sie noch übrig? Wenn Sie Ihre Anwälte bezahlt haben?" Er setzte den Läufer säuberlich in die Ausgangsstellung zurück. „Ich nehme an, Sie haben es nicht fertiggebracht zu behalten, was Sie unterschlagen haben. Haben Sie noch Geld übrig?"
Will wußte nicht genau, ob ihm die Frage unangenehm war oder nicht. Aber er beantwortete sie. „Ungefähr fünftausend Dollar."
Baskin blickte zur Odaliske. „Das reicht nicht, um sich selbständig zu machen", sagte er. „Sie könnten Schach um Geld spielen."
„Ach, hören Sie auf. Ich könnte ein paar hundert Dollar in den Schachklubs gewinnen. Wer spielt mit Fremden um mehr als fünf oder zehn?"
Baskin wandte sich von dem Bild ab und sah Will fest an. „Sie könnten mit jemandem spielen, der mit Spielern der Rangliste um Geld spielt."
„Zum Beispiel?"
„Es gibt da einen Mann in der Nähe von Raleigh, Nord-Carolina, der für fünftausend Dollar pro Partie mit Ihnen spielen will. Sobald Sie sich ausweisen und er auch sicher ist, daß Sie der sind, für den Sie sich ausgeben. Er heißt Wharton."
Will wollte gerade etwas Sarkastisches sagen, aber da packte es ihn. „Wie wird er bewertet?"
„Ungefähr dreihundert Punkte höher als Sie. Bevor Sie hierherkamen."
Langsam fing Will an, sich dafür zu erwärmen. Er war immer noch nervös und sein Magen etwas verkrampft, aber er hatte Selbstvertrauen. „Und ich habe mich ungefähr um fünfhundert Punkte verbessert, seit Sie mir Unterricht geben."
Baskins Gesicht blieb ausdruckslos. „Vierhundert. Vielleicht." Und dann: „Aber Sie haben einen anderen Vorteil." Baskin lächelte leicht. „Wenn er Weiß spielt, spielt er im allgemeinen das Damen-Gambit. Bei Schwarz spielt er die Sizilianische mit der Drachenvariante."
„Und das haben Sie die ganze Zeit mit mir gespielt."
Baskin lächelte wieder. „Glauben Sie, Sie hätten mich überhaupt geschlagen, wenn ich mein Spiel so variiert hätte, wie ich könnte?"
Will schwieg eine Minute. Dann sagte er abrupt: „Weshalb sind Sie eigentlich im Gefängnis?"
Baskin sah ehrlich überrascht aus.
„Hat man es Ihnen nie gesagt?"
„Nein."
„Ich wurde mit einem Sechzehnjährigen in flagranti erwischt."
Will schüttelte den Kopf und versuchte den Schock abzuwehren. Das seltsame daran war, daß er nie eine Spur von Homosexualität in Baskins Benehmen bemerkt hatte.
Krampfhaft nach einem neuen Thema suchend, sagte er: „Dieser Mann ... Wharton?"
„Ja", sagte Baskin. „Wharton. Thomas Jefferson Wharton." Mit zwei Fingern nahm er einen Springer hoch, setzte ihn sanft auf ein Zentrumsfeld. „Der Name ist geradezu ein Oxymoron."
Will hatte keine Ahnung, was Oxymoron bedeutete, wollte aber nicht fragen. „Wie ist er zu seinem Geld gekommen?"
„Durch seine ganz spezielle Art zu denken", sagte Baskin zerstreut. „Er fing mit nichts an, machte ein Vermögen in Textilien, bevor er fünfunddreißig war. In den fünfziger Jahren gaben ihm die Republikaner einen ziemlich hohen Job im Verteidigungsministerium - als eine Art Beruhigungspille für Joe McCarthy, wie man munkelte. Wharton war in Washington ziemlich bekannt für seinen harten Standpunkt zum ,Nigger-Roten-Schwulen-Komplex', wie er es nannte. Jedenfalls paßte es ihm ganz gut, in den kalten Krieg zu kommen. Erinnern Sie sich, daß damals gerade die Spieltheorie sehr modern wurde? Wharton beschäftigte sich ernstlich mit Schach als ,einer Methode, damit die Gedanken der Sowjets zu lesen'."

Will lachte vorsichtig. Alles, was Baskin sagte, hatte einen so ironischen Unterton, daß Will nicht sicher sein konnte. „,Als Methode, die Gedanken der Sowjets zu lesen'? Aber das ist Dummheit..."
Baskin blickte ihn scharf an. „An T. J. Wharton ist nichts Dummes", sagte er. „Und vergessen Sie das nicht. Politische Besessenheit, ja. Unvernunft - vielleicht sogar Wahnsinn. Aber nichts Dummes. Von seiner Sorte gibt es übrigens mehr, als Sie vielleicht denken." Er nahm wieder den Springer, behielt ihn aber diesmal in der Faust. „Äußerlich wirkt Mr. Wharton wie ein großer, einfältiger Boß aus den Südstaaten. Aber sein Intellekt ist beängstigend." Baskin lächelte grimmig. „Dieser Intellekt ist zuerst nicht leicht zu erkennen, weil Männer wie er wissen, daß es sich lohnt, einen Intelligenzquotienten von 180 zu verstecken. Aber der Mann kann sich fast alles aneignen. Alles, was seine Besessenheit ihm als notwendig vorschreibt. In rund vier Monaten erreichte er beinahe Meisterstärke im Schach. Was vielleicht sein Verderben war."
„Wieso?" sagte Will.
Baskin sah ihn gelassen an. „Für Sie und mich, Schneider, ist Schach der Widerstreit zweier Intellekte. Reiner Verstand; keine großen Emotionen. Aber für Wharton mußte es ein Kampf um Leben und Tod sein. Er mußte glauben, er spielte gegen das Politbüro oder gegen den Kreml statt gegen Leute wie mich."
„Und was ist passiert?"
„Zunächst einmal schlug ich ihn. Er war ein verdammt guter Spieler geworden, aber ich konnte ihn in vier Partien dreimal schlagen. Ich glaube, das hatte vielleicht etwas damit zu tun. Oder vielleicht ließ ihn das Washingtoner Amt fallen, als Joe McCarthy langsam ins Rutschen kam. Jedenfalls schien er in einem lebenswichtigen Bereich schachmatt gesetzt zu sein. Eines Tages war er einfach verschwunden. Die Zeitungen schrieben, er sei ,aus Familiengründen' zurückgetreten. Ich habe ihn nie wieder gesehen. Aber ich nehme an, er wird mich hassen, solange er lebt."
Will atmete tief ein. „Haben Sie mich deshalb ... trainiert? Um ... für Sie weiterzumachen?"

Geändert von Rumpelstilzchen (04.01.2006 um 14:08 Uhr)
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  Schach als Psychoduell Beitrag #3 (permalink)  
Alt 04.01.2006, 13:54
Gast5607
Gast
 
Beiträge: n/a
Baskin stellte den Springer äußerst behutsam, wie aus Respekt für das sauber und schön geschnitzte Stück Holz, auf das Brett zurück. „Ich werde Ihnen sagen, wie Sie Verbindung mit ihm aufnehmen können", sagte er. „Lassen Sie ihn nur nicht herauskriegen, daß Sie mich kennen."
Will betrachtete einen Augenblick lang den Springer in der Mitte des Brettes, wie er, fast ein Pferd, teilnahmslos und glänzend dastand. „Danke", sagte er. „Danke, Mr. Baskin."
Es war ein strahlender Augusttag, als man Will entließ. Mit einem Gefängnisanzug, fünfzig Dollar und der Adresse einer nahe gelegenen Unterkunft. Er gab die fünfzig Dollar für eine **** aus. Sie war jeden Cent wert.
Und da war er nun, ging in Columbus, Ohio, auf der Broad Street in der Sonne spazieren und hob dann sein Geld von seiner Bank in Columbus ab. Fünftausend in Reiseschecks und 780 Dollar in bar. Seine Kleidung hing im Haus eines Onkels in Cleveland, aber er hatte sich nicht die Mühe gemacht, sie sich schicken zu lassen. Statt dessen ging er zu Dunhill's und kaufte einen marineblauen, doppelt gewirkten Blazer, hellgraue, ausgestellte Hosen, ein hellblaues Button-down-Hemd und eine breite, leuchtende, seidene Givenchy-Krawatte.
Mit dem Hoteltelefon zu Wharton durchzukommen, dauerte vier Stunden; verzweifelt dachte er sich, zum Teufel noch mal! und benutzte Baskins Namen. Es konnte eigentlich nicht schaden. Der Name brachte ihn über Sekretärinnen und Entschuldigungen zu dem Mann selbst. „Hier Wharton." Tiefe Südstaatenstimme; Befehlston-fast genau das, worauf Baskin ihn gefaßt gemacht hatte.
„Mein Name ist Schneider, Mr. Wharton. Findlay Baskin sagte mir, Sie würden vielleicht gern etwas Schach spielen." Und dann dachte er wieder zum Teufel noch mal! und sagte: „Um Geld."
„Sie sind kein Spieler von Findlay Baskins Stärke?"
Sogar in diesen wenigen Worten klang ein arroganter Ton durch — aber es waren auch die Worte eines Mannes, der sich keine Herausforderung entgehen ließ. Er hätte „zieh Leine!" sagen und auflegen können. Also versuchte Will, so freundlich wie möglich zu sein, um Wharton nicht zu verärgern.
„Mein Gott, nein. Meine Wertung beträgt 1825 Punkte."
„Wieso kennen Sie dann Baskin? Er ist ein Großmeister."
Will hatte einen Zug voraus gedacht, um die Frage zu beantworten. Er sagte: „Fernschach."
Wharton brummte. „Baskin muß es da oben im Staatsgefängnis von Ohio ziemlich dreckig gehen." Will hatte vermutet, daß der Mann dies genau wußte.
„Wahrscheinlich. Wollen Sie mit mir spielen?"
„Um wieviel?"
Er versuchte, es am Telefon nicht hören zu lassen, wie er tief Luft holte.
„Fünftausend Dollar."
„Wer sagt mir, daß Sie kein Schwindler sind? Kein heimlicher Meister?"
„Sie können meine Bewertung in Chess Life and Review nachschlagen. Und ich kann mich ausweisen." Und dann: „Wollen Sie spielen, Mr. Wharton?"
„Nach Hausregeln. Jeweils zwei Stunden nach der Uhr. Und der Präsident des Schachklubs von Raleigh ist unser Schiedsrichter."
Sie würden also spielen. Die Erleichterung - mit einem winzigen Hauch von Furcht - war köstlich. „Gut. Wann?" Und dann: „Was sind ,Hausregeln'?"
„Wir spielen Samstag mittag um eins. Hausregeln bedeuten bei uns so etwas wie ,Berührt-Geführt'."
Will zögerte. „Ich hasse ,Berührt-Geführt', Mr. Wharton. Warum sollen die Züge nicht durch einen Druck auf die Uhr für endgültig erklärt werden?"
Wharton brummte nicht einmal. „,Berührt-Geführt"', sagte er.
„Okay, ,Berührt-Geführt'." Und dann: „Sie haben doch Staunton-Figuren, oder?"
Die Stimme klang eindeutig verächtlich. „Selbstverständlich habe ich ein Spiel mit Staunton-Figuren."
„Gut. Ich werde Samstag mittag pünktlich da sein."
Eigentlich hatte er Geld sparen und einen Greyhound-Bus nehmen wollen, denn sein Wagen war in Cleveland. Aber er sagte:„Ja." „Rufen Sie mich an, wenn Sie da sind. Ich schicke einen Wagen." Es war Donnerstag, und er hatte noch eine Nacht vor sich in Columbus. Statt einer **** besorgte er sich diesmal ein Mädchen. Eine Studentin. In der Kunsthalle. Aber sie tranken irgendeinen schlechten Wein, wie College-Studenten ihn kaufen, und weil er davon einen schweren Kopf bekam - es war sein erster Alkohol seit sechs Monaten - und mit den Gedanken bei der bevorstehenden Partie war, war es nicht einfach, mit ihr zu schlafen. Aber er schaffte es, und danach, nackend im Hotelbett, ertappte er sich, wie er auf ihren guten, gesunden milchgenährten Körper starrte und plötzlich dachte er: Was soll all dieser Unsinn, Schach um Geld zu spielen? Ein Mädchen, ein gutes glattes Mädchen wie das hier, ist mehr wen, als das ganze gottverdammte Spiel. Aber am nächsten Tag nahm er das Flugzeug nach Raleigh.
Der Wagen war, wie er halbwegs erwartet hatte, ein Cadillac, aber der Chauffeur war weiß. Sie sprachen während der Fahrt nicht miteinander.
Whartons Haus war groß, aber nicht riesig. Es betonte nicht nachdrücklich den Stil der Südstaaten, es war einfach das Haus eines reichen Mannes. Mit Permasieinen und Rotholz erbaut, vielleicht 250000 Dollar wen, Garage, Sonnenterrasse und einen Fischteich daneben. Und ein PuHing-Grün; und ein großer Swimmingpool.
Wharton begrüßte ihn an der Tür. Er sah genauso aus wie ein Boß, wie Baskin ihn genannt hatte. Stämmig, groß, schwer, mit buschigen Augenbrauen und einem Spitzbauch. Banlon-Golfhemd und weiße Hosen. Und eine braungebrannte, angemalte Ehefrau in einem geblümten langen Gartenkleid. Die Ehefrau murmelte etwas über „ihr Männer und eure Spiele" und entschwand in einer Wolke schweren Parfüms. Wharton führte ihn durch mehrere Räume. In einem stand ein Brunnen mit kitschigen nachgemachten Bermini-Engeln, die Wasser in ein Becken spien. Und dann kamen sie in den Raum, den Whanon sein Jagdzimmer nannte - natürlich -, mit Tierköpfen und Gewehren, Vitrinen mit Trophäen und echter Walnußtäfelung und echten Ledersesseln. Ein gigantisches Schachspiel stand zwischen zwei schwarzen Ledersesseln auf einem dieser Tische, die aus Kalkutta oder Bombay kommen. Das Spiel war riesig, mit Türmen in Form von Elefanten, die auf dem Rücken Baldachine trugen, Bauern Soldaten mit Speeren, einer Dame im Sari und einem König mit Schnurrbart. Es war alles aus Elfenbein und durchbrochenem Gold -eins von den Dingern, die dazu bestimmt sind, bei jedem seriösen Schachspieler tiefe Verachtung zu erwecken. Eins von der Art, wie es ein reicher Patzer - ein Möchte-Gern-Schachspieler, der nur die Holzfiguren herumschiebt - auf einer Rundreise durch den Orient kaufen würde. Nur war Wharton kein Patzer; er war ein Spieler, der in der Rangliste stand.
Whartons Stimme dröhnte an Wills Ohr. Er mußte ziemlich lange auf das Spiel gestarrt haben. „Wie gefällt es Ihnen?" sagte er. „Es hat mich über zweitausend gekostet. Achtzehn karätiges Gold und Markelfenbein. Es ist einzig in seiner Art - und es wird gewiß nie ein anderes wie dieses geben, weil der Mann, der es machte, tot ist."
Will lächelte grimmig. „Ich dachte, Sie sagten, Sie hätten ein Staunton-Spiel?"
In Whartons Stimme lag eine winzige Spur von Hohn. „Selbstverständlich habe ich ein Staunton-Spiel, Mr. Schneider. Ich habe drei davon. Aber mit diesem fühle ich mich ganz zu Hause, und es scheint einer Fünf tau send-Dollar-Partie angemessen zu sein. Hausregein — wir benutzen dieses Spiel."
Will hätte fast gesagt, es scheine einem ****nhaus angemessen zu sein, aber er fing bereits an, sich von dem Mann unterdrückt zu fühlen: von seiner Größe, der schneidenden Ironie in seiner Stimme und diesem gottverdammten Ausdruck, als sei er der geborene Sieger. Einen Augenblick dachte er: Ich sollte hier rauskommen, ich bin dabei, etwas Idiotisches zu tun und mir das Fell über die Ohren ziehen zu lassen.
Dann rief Wharton unvermittelt: „Arthur." Man hörte Schritte, und dann kam ein sanfter Versicherungsvertretertyp im braunen Anzug ins Zimmer. „Arthur, das ist Mr. Schneider", sagte Wharton.
„Arthur ist Präsident unseres Schachklubs in Raleigh und wird uns als Schiedsrichter dienen." Dann ging Wharton zu einem Couchtisch, der aussah, als habe man Elefantenhaut über eine Art Bambusgestell gespannt. Darauf standen Gläser und ungefähr acht Flaschen Jack Daniel's. „Whisky, Mr. Schneider?" sagte er.
„Nein, danke", antwortete Will. Er liebte Jack Daniel's und konnte ihn sich kaum leisten, aber es wäre dumm von ihm, jetzt das Risiko einzugehen, seinen Verstand zu umnebeln. Außerdem mißfiel ihm Whartons Arroganz, seinen Gästen nichts anderes anzubieten, so gut der Whisky auch sein mochte.
„Oh?" sagte Wharton und goß sich einen großzügigen Schuß in einen Kognak-Schwenker. Arthur bot er keinen kurzen Drink an. Dann ging Wharton zum Brett hinüber und nahm einen weißen und einen schwarzen Bauern hoch, hielt sie hinter seinem Rücken, und wechselte sie einen Augenblick lang von einer Hand in die andere. „Suchen Sie sich einen aus, Mr. Schneider."
Plötzlich fühlte Will, wie seine Magenmuskeln sich verkrampften. Es geht los. „Ihre linke Hand", sagte er.
Wharton zeigte die Figur. Sie war schwarz. „Hart..." sagte er, und dann stellte er die Figuren wieder auf das Brett. Sie setzten sich hin. „Okay", sagte Wharton. „Jetzt heißt es .Berührt-Geführt', zwei Stunden nach der Uhr und fünflausend Dollar pro Partie. Was mich an etwas erinnert, Schneider, haben Sie das Geld? Ich möchte es sehen."
Er hatte daran gedacht, daß das passieren könnte, aber es war ihm trotzdem unangenehm. Er zog das Heft mit den Reiseschecks aus der Brusttasche und reichte es über den Tisch, wobei er fast einen über siebzehn Zentimeter hohen Läufer umgestoßen hätte. Er verfluchte sich im stillen wegen seiner Ungeschicklichkeit und weil seine Hände augenscheinlich zitterten.
Wharton blätterte das Heft flüchtig durch, lehnte sich dann über das Brett und gab es ihm lächelnd zurück; seine Hand war so ruhig wie ein Felsen. „Schön", sagte er. „Wollen Sie, daß ich jetzt meine Uhr in Gang setze?"
Will hatte die Uhr vorher kaum bemerkt, so überwältigend waren die Schachfiguren, aber jetzt schaute er sie an. Es war ein eigenartig zerbrechliches kleines Ding, ein Kontrast zu all dem falschen machismo in diesem Raum: Porzellan, mil rosafarbenen Cherubinen und Goldknöpfen zum Drücken. Er fand sie ganz anziehend. Er drückte den Knopf auf seiner Seite. Klick. Ein schwaches Ticken ertönte.
Wharton zog einen Bauern auf d 4. Er wollte Damen-Gambit spielen, das war beinahe absolut sicher. Dann drückte er den Knopf, der die Uhr auf seiner Seite anhielt und die von Will in Gang setzte.
„Bauer auf d 4", sagte Arthur mit überlauter Stimme.
Mein Gott! dachte Will. Muß dieser Unsinn denn auch noch sein? Aber er sagte nichts und streckte behutsam die Hand aus - nervös wegen des .Berührt-Geführt' bei diesen riesigen und verwirrenden Figuren - nahm seinen Damenbauern hoch und setzte ihn auf die fünfte Reihe. Die Figur war schwer wie eine Billardkugel, aber er fand das Gewicht befriedigend.
„Bauer auf d 5", sagte Arthur.
Will drückte den Knopf an der Uhr und begann zu denken, er versuchte, durch all diese Ornamente aus Filigran und Elfenbein hindurchzuschauen und sich das saubere Muster eines klassischen Brettes vorzustellen.
Es stellte sich heraus, daß es wirklich ein Damen-Gambit war, und Will ging darauf ein. Er nahm den großen, gewichtigen weißen Bauern und stellte ihn auf den Tischrand. Sie spielten die Eröffnung routinemäßig nach dem Buch, ungefähr 45 Minuten lang, sehr vorsichtig bauten sie Züge und Positionen auf, wobei keiner von ihnen etwas Unorthodoxes versuchte.
Dann trank Wharton seinen Kognak-Schwenker mit Whisky aus und, kühl ignorierend, daß seine eigene Uhr lief, stand er vom Tisch auf, ging langsam zum Couch tisch, nahm die Flasche und sagte: „Immer noch Angst vorm Trinken, Mr. Schneider?"
Es war ein billiger Trick, aber er konnte sich nicht helfen. „Geben Sie mir einen Doppelten, Mr. Wharton", sagte er laut und dachte: Ja, gib dem gottverdammten Dummkopf einen Doppelten.
Wharton brachte ihm den Drink, setzte sich hin, nahm abrupt seinen weißen Läufer und schlug Wills Läufer-Bauern vor dessen rochiertem König weg.
„Läufer nimmt Bauern", sagte Arthur.
Will starrte auf das Spiel. Es war wie ein totaler Schock gekommen. Es sah nicht aus wie ein gewöhnliches Läuferopfer; er konnte nicht sehen, was folgen würde. Er starrte über fünf Minuten, während seine Uhr tickte und er das Glas mit Whisky in der Hand hielt, ohne davon zu trinken. Und dann sah er es. Wenn er den Läufer nahm, würde Whartons Dame das Routineschach bieten. Kein Grund, sich darüber zu sorgen. Aber er müßte einen Springer dazwischenstellen, und dann könnte Wharton - und das war es - seinen gottverdammten Turm ziehen, der wie ein Elefant aussah. Will hatte ihn irgendwie für einen Springer gehalten, wahrscheinlich weil er eine Tierfigur war, und weil bei einem seriösen Schachspiel der Springer die einzige Tierfigur auf dem Schachbrett ist. Wenn Wharton seinen Turm drei Felder weiterzog, würde Will unter unmittelbarer Schachmattdrohung stehen, es sei denn, er fing an, wie verrückt Figuren zu opfern. Und selbst wenn Wharton das Matt nicht bekam, würde er danach materiell so im Vorteil sein, daß er Will im Endspiel besiegte.
Aber erstaunlicherweise geriet er nicht in Panik, vielleicht wegen der Wut, die diese idiotischen, aufdringlichen Figuren in ihm weckten. Statt dessen nippte er an seinem Drink und schaute auf seine Uhr. Er hatte anderthalb Stunden. Er würde irgendeinen Ausweg finden; es mußte den richtigen Zug geben.
Und er fand ihn. Er brauchte dazu 25 Minuten, in denen Wharton verschiedene schmutzige Tricks machte, mit den Fingern auf den Tisch trommelte, sich räusperte, noch einen Drink holte, ihm einen anbot und mit den Gläsern klapperte. Aber er fand ihn: Erstens würde er den Läufer natürlich nicht nehmen. Damit würde er einen Zug haben, um seinen Königsspringer auf das Feld zu setzen, das der Läufer freigegeben hatte, und das Schach zwei Züge lang verhindern. Wenn Wharton dann seine Kombination versuchte, würde Will imstande sein, mit einer Springergabel gegen König und Dame zu drohen. Wharton würde den Angriff abblasen müssen und anfangen herumzuwursteln.

Bevor er nach dem Königsspringer griff, nippte er wieder am Drink, aber er genoß den Gedanken an den Zug mehr als den Whisky selbst. Seine Hand zitterte nur leicht.
Dann langte er über mehrere hohe Figuren nach vorn, um den Springer zu ziehen, und sein Finger streifte die große, plumpe, schwarze Königin mit ihrem absurden indischen Sari. Die Figur schwankte stark auf dem Brett. Whartons Stimme kam sofort, als habe der Finger einen Alarmknopf berührt: „Berührt-Geführt".
Will starrte den Schiedsrichter an. „Tut mir leid, Mr. Schneider. Sie müssen die Dame ziehen."
Jesus Christus, dachte er, Jesus Christus.
Er brauchte zehn Minuten, um einen Zug für seine Dame zu finden, der keine totale Katastrophe war. Aber Wills Partie würde in ungefähr vier Zügen verloren sein, wenn Wharton die Schachmattdrohung durchzog. Will blickte auf das Gesicht des Mannes, das nun gerötet war. Wharton lächelte, er war sehr mit sich zufrieden, weil er gleich wegen einer technischen Panne eine Partie gewinnen würde, obwohl er selbst einen guten Zug gemacht hatte. Einen Augenblick wollte Will schreien, und dann dachte er: Verdammt noch mal, Schneider, sei wie Baskin. Sei ganz kühl.
Dann hatte er eine Idee. In den letzten zehn Minuten war Wharton rastlos herumgegangen, hatte sich einen Drink eingeschenkt oder eine Zigarre gesucht - aber immer Wills Damenzug im Auge behalten. Jetzt, als er wieder an den Tisch kam, schielte Will intensiv auf Whartons Läufer, eine Art Hindufigur.
„Wohin schauen Sie?" wollte Wharton wissen.
„Oh, nichts", sagte Will. Dann setzte er seine Königin so ruhig, wie er konnte. Arthur verkündete den Zug und dann sagte Will: „Zuerst machte ich mir nicht viel aus diesen Figuren, aber jetzt bewundere ich sie fast. Wunderbare Handarbeit. Aber ein Jammer um ihren Läufer. Ich vermute, er bekam beim Schiffstransport einen Sprung?"
„Was für einen Sprung?" brüllte Wharton. Er langte nach dem Läufer, packte ihn, und hielt erstarrt inne, als er begriffen hatte. Er verharrte über den Tisch gebeugt. Arthur, in seinem Sessel, stieß ein paar keuchende Töne aus.

Geändert von Rumpelstilzchen (04.01.2006 um 14:27 Uhr)
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  Schach als Psychoduell Beitrag #4 (permalink)  
Alt 04.01.2006, 14:02
Gast5607
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Will sagte sanft: „Berührt-Geführt".
Er hatte einmal bei einem betrügerischen und hinterhältigen Arbeitgeber eine Unterschlagung begangen, aber er hatte noch nie in seinem Leben eine Partie mit einem schmutzigen Trick gespielt. Und das Gefühl, Wharton in der Falle sitzen zu sehen, versetzte ihn in helle Begeisterung. Weil es nämlich kein Feld gab, auf das der ****nsohn seinen Läufer setzen konnte, auf dem er nicht nur seinem Angriff im Wege stehen, sondern Will auch noch einen Extrazug verschaffen würde.
Wharton sah zu Arthur, aber Arthur hatte nichts dazu zu sagen. Whanons Hand lag immer noch auf der Figur. Dann blickte er Will an, sagte: „Sie gottverdammter billiger Gauner", und zog den Läufer.
Will zog den Springer und begann dann ein langsames Ablauschspiel, bis er beim Endspiel einen Baue m vorteil hatte und auch die Zeit, als erster einen Bauern in eine Dame zu verwandeln. Plötzlich streckte Wharton seine große fleischige Hand aus, legte den König beiseite und sagte: „Ich gebe auf."
Willstandauf und reckte sich. Er fühlte sich fabelhaft. Immer noch nervös, aber fabelhaft. Zum erstenmal empfand er es als einen Genuß, nervös zu sein. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Partie mit der reinen Schachstrategie, die fast wie eine Fuge aufgebaut ist, zu gewinnen, statt mit einem Trick. Aber Wharton hatte zu dieser Art von Gaunerei herausgefordert, und Will hatte ihn auch auf diesem Feld geschlagen.
Dann sagte Wharton: „Noch eine Partie, Mr. Schneider? Um zehntausend?"
Das traf ihn unvorbereitet wie ein unerwartetes Gambit.
„Ich hatte es nicht vor..."
„Kommen Sie, Mr. Schneider", sagte Wharton. „Sie wollen doch nicht verschwinden, nachdem Sie mit einem Trick gewonnen haben."
Und er dachte: Verdammt, ich bin besser als er; ich glaube es jedenfalls. Und mit zwanziglausend Dollar...
„Okay", sagte er. Dann lächelte er. „Da ich diesmal Weiß spiele."
Wharton lächelte zurück: „Aber ich spiele wie Bogoljubow."

Das kannte er also auch. Na und? Aber es störte ihn.
Will begann, seine weißen Figuren aufzustellen, aber Wharton sagte, als spreche er zu einem Dienstmädchen: „Arthur, stell meine auf", und ging hinüber zu der Trophäe n vitrine an der Wand. „Vielleicht hätte ich Sie vor einer Minute nicht Gauner nennen sollen, Mr. Schneider. Aber die Bezeichnung paßt doch auf einen, der Geld unterschlagen hat, nicht wahr?"
Will kniff die Augen zusammen, als er ihn ansah.
„Glauben Sie, ich hätte mich nicht nach Ihnen erkundigt?" sagte Wharton. „Ich ließ meinen Anwalt bei der Direktion des Gefängnisses anrufen. Da, wo ich Baskin hingesteckt habe."
„Wo Sie ihn hingesleckt haben?"
Wharton schloß die Tür der Vitrine mit den Trophäen auf. „Der Junge war ein bezahlter Stricher. Ich half der Polizei, die ganze Sache zu arrangieren, einschließlich der Zeugen."
Will starrte ihn an. „Aber warum?"
Wharton lächelte: „Ich hasse Schwule. Und Baskin nahm mir einmal beim Spiel einiges Geld ab." Er nahm eine große Trophäe aus der Sammlung; sie sah aus, als bekäme man sie für Jagen oder Golfspielen. „Ich nehme an, Baskin hat Sie deshalb zu all den Dummheiten aufgestachelt." Dann ging er hinüber und stellte die Trophäe mitten auf den Tisch, als wäre sie ein King-Kong unter den Schachfiguren. „Aber Baskin ist seit drei Jahren aus dem Verkehr gezogen. Es gibt also ein paar Dinge, die selbst er nicht weiß. Wie zum Beispiel das hier." Er stieß die Trophäe zu Will hinüber.
Will betrachtete sie. Die Figur obenauf war ein großer Pferdekopf — ein Springer aus einem Stau n ton-Spiel. Und auf der Messingplatte unten stand: Offenes Turnier Chicago, November 1972. Erster Platz ...T.J. Wharton.
Will sagte nichts, aber seine Eingeweide hatten sich verkrampft, als hätten Wharton s plumpe Fäuste tatsächlich seinen Zwölffingerdarm gepackt und zusammen gequetscht.
„Ich habe zwei Jahre bei Zorawskij gelernt", sagte Wharton. „Dann und wann schlag' ich ihn. Selbstverständlich zahle ich ihn gut."
Jesus Christus, dachte Will, Zorawskij ist mindestens dreihundert Punkte besser als Baskin. Mein Gott, er hat Fischer einmal geschlagen, in Wien. Aber dann dachte er: Was zum Teufel, und fühlte sich erstaunlicherweise beinahe wohl dabei. Es wird also eine gottverdammt harte Schachpartie. Und er sagte: „Wir wollen Schach spielen, Mr. Wharton."
Arthur war fertig mit dem Aufstellen der schwarzen Figuren und hatte die beiden Zifferblätter wieder auf jeweils zwei Stunden gestellt.
Will eröffnete mit Bauer auf e 4 ...
Wharton begann mit einer klassischen sizilianischen Verteidigung, aber dann machte er nach dem Abtausch einiger Bauern im Zentrum zwei unerwartete Züge mit seinem Damenspringer, und plötzlich mußte Will feststellen, daß er mit einem Bauern im Rückstand lag und seine Hauptfiguren fast eingeschlossen waren. Das hatte er vorher noch nie erlebt, und es machte ihm Angst. Es war genial. Er erinnerte sich daran, was Baskin über Whartons Intelligenz gesagt hatte. Und als er die Hand ausstreckte, um seinen nächsten Zug zu machen, hielt er abrupt inne. Er hätte beinahe wieder diesen verdammten Turmelefanten berührt, weil er ihn für einen Springer hielt. Es wäre eine Katastrophe gewesen. Er hätte nicht zulassen dürfen, daß Wharton ihn zum Whiskytrinken verleitete. Nicht nach diesen sechs trockenen Monaten im Gefängnis. Und da Wharton natürlich über seine Gefängnisstrafe Bescheid wußte, hatte er geplant, ihn beschwipst zu machen. Das Jack-Daniel's-Gambit.
Plötzlich faltete er die Hände im Schoß, als wolle er sie nicht an diesen orientalischen pseudo-barocken Schachfiguren schmutzig machen. Aber Wharton hat diese Partie noch nicht gewonnen. Dann, während seine Uhr tickte, blickte er Wharton an und sagte gelassen: „Erlauben Ihre ... Hausregeln, daß der Schiedsrichter meine Figuren für mich setzt?"
Wharton starrte ihn an. „Was ist denn das für ein Hühnerdreck...?"
„Erlauben Sie es?" Will sah den großen Mann fest an. Nun mach schon, du Bastard, dachte er. Lehn es ab.
„Haben Sie Angst, die falsche Figur zu berühren?" Aber Whartons Stimme klang nicht überzeugt.
Will lächelte: „Ist das der Vorteil, den Sie haben wollen, Mr. Wharton?"
Wharton errötete etwas. Dann sah er Arthur an. „Es ist alles ganz legal, Mr. Wharton", sagte Arthur lahm.
„Ich weiß, daß es legal ist", sagte Wharton, „und ich weiß, daß es Hühnerdreck ist. Und ich weiß, daß ich ihm seinen Hintern versohlen werde, auch selbst wenn er diese gottverdammte Jane Fonda herbringt, um seine Figuren für ihn zu setzen."
„Danke", sagte Will. Dann stand er auf, packte seinen großen Ledersessel und fing an, ihn herumzudrehen.
„Was in Gottes gutem, gottverdammten Namen machen Sie da?"
Will hatte den Sessel völlig vom Brett weggedreht. „Ich drehe Ihnen den Rücken zu, Mr. Wharton. Und Ihrem Schachspiel." Dann überlegte er einen Augenblick, sammelte sich und sagte: „Springer auf c5."
Er hörte kaum, wie Arthur den Zug für ihn machte, oder das Klicken der in Gang gesetzten Uhr. Denn das reine Staunton-Spiel des Geistes, jene wundervolle Abstraktion, so sauber wie die Lehrsätze des Euklid, war in all seiner Anmut und Klarheit vor ihm aufgetaucht. Und das war es, worum es beim Spiel ging. Nicht um diese billige und geschmacklose Sache mit Tricks und Protzen und Geld und Drohungen. Das war die ganze Schönheit des Schachspiels: eine wunderschöne Abstraktion. Ein Spiel. Ein triviales, exquisites Spiel.
Wharton spielte blendend. Er brachte Will mit einem zweiten Bauern in Rückstand - seinem Königsbauern, ein böser Verlust. Und er schaffte sich eine offene Turmlinie. Aber Will zog sich mit seinen Gedanken in jene Innenwelt zurück und wartete - er beobachtete alles, die Diagonalen und die Geraden, die Strukturen und die Zusammenhänge.
Weil er mit äußerster Vorsicht spielte, brachte er es fertig, seinen Figuren Raum zu schaffen. Aber es kostete ihn einen weiteren Bauern. Und Wharton - den er jetzt noch nicht einmal in Gedanken vor Augen hatte - hatte seinen König sicher rochiert.
Doch endlich begann sich etwas in der Struktur abzuzeichnen. Will konnte nur die äußeren Umrisse davon wahrnehmen, weil es so überwältigend schwer war, so weit vorauszusehen. Aber es war da. Er konnte die verborgene Kraft spüren. Es müßte damit anfangen, die f-Linie zu öffnen und dann vielleicht Schach bieten. Aber Schach bieten womit? Mit der Dame? Aber das würde Damenverlust bedeuten, und das kann man sich nicht leisten. Er schüttelte den Kopf und versuchte, dahinterzukommen. Zuerst tausche ich die Springer ab, und das öffnet mir die Linie. Dann bedrohe ich seinen Turm mit meiner Dame ... Er schüttelte wieder den Kopf und versuchte es anders herum. Ich tausche die Springer nicht ab, ich ziehe zuerst die Dame vor, und er wird sie mit dem Turm bedrohen, weil er diese Position haben will. Von da an gibt es mindestens sieben Möglichkeiten, und ich muß wissen, wohin jede einzelne führt...
Und dann sagte Arthur: „Sie haben noch zehn Minuten auf ihrer Uhr, Mr. Schneider. Mr. Wharton hat dreiundfünfzig." Ein einziges Zittern durchlief seinen gesamten Körper, als hätte die Erde gebebt. Hatte es so lange gedauert? dann raffte sich sein Verstand auf und nahm das Hindernis. Es war, als öffne sich zu seinen Füßen das Rote Meer, und er sah das Ganze vor sich. Wie Isaac Newton es vor sich gesehen haben mußte, an jenem Tag, als er sah, wie die Dinge wirklich funktionierten und er weinte. Du bietest Schach mit dem Springer, sagte ihm sein Verstand, und er muß ihn mit dem Bauern schlagen. Und dann greifst du mit der Dame an. Und wenn er nicht mit dem Turm dazwischenzieht, verliert er eine Figur. Und weiter wird er nicht durchblicken. Er konnte es beinahe schmecken.
„Springer auf f 6, Schach", sagte er ruhig. Er hörte kaum, wie Arthur es wiederholte.
Wharton nahm den Springer mit dem Bauern. Er mußte es einfach.
Dann sagte Will: „Dame auf f 8." Und dann wartete er. Er wußte, daß es ein langes Warten sein würde, während Wharton nachdachte, und so war es. Aber es war Whartons Uhr, die jetzt tickte — nicht seine. Einmal hatte er Angst, Wharton würde sehen, was auf ihn zukam, aber er verbot sich, daran zu denken. Fischer würde es vielleicht sehen, oder Petrosjan. Er starrte auf die entfernte Wand, auf den ausgestopften, auf Holz montierten und nutzlosen Kopf eines glücklosen Löwen.
Dann zog Wharton, und als Arthur seinen eigenen Zug ausrief, wußte Will, daß er die Partie gewonnen hatte. „Dame schlägt Bauer, Schach", sagte er. Er hörte, wie Wharton den Atem einzog.
Das Warten war fast unerträglich. Voll Panik glaubte Will einen Augenblick lang, er sei verrückt geworden, wie Paul Morphy - jenes wahnsinnige Schachgenie aus New Orleans —, und es sei nur Einbildung, daß diese Zugkombination funktionieren würde.
Aber dann hörte er, wie die Figuren bewegt wurden, und Arthur sagte: „Turm schlägt Dame."
Sofort sagte Will: „Turm auf a 8, Schach."
Wharton sagte ebenso schnell: „Es wird nicht funktionieren, Schneider. Sie haben Ihre Dame umsonst geopfert", und der kalte, scharfe Klang in seiner Stimme, ein Ton darin, den Will vorher nicht gehört hatte, rief ihm plötzlich Baskins Worte über den Mann ins Gedächtnis zurück - über seinen „beängstigenden Intellekt".
Aber sein eigener Verstand sagte ihm: Es ist eine gewonnene Partie, Schneider. Es ist eine gewonnene Partie. Also sagte er laut: „Mr. Wharton, ich wette zweitausend Dollar gegen Ihr Schachspiel, daß es funktioniert."
Mit einer Verachtung, die greifbar im Raum stand, schlug Wharton zurück. „Die Wette gilt, Schneider. Es wird nicht funktionieren."
Sein Herz zitterte, aber es erleichterte ihn, die Worte des anderen Mannes zu hören — weil Will den Zug kannte, der jetzt kommen würde.
Ohne darauf zu warten, daß Arthur ihn ausrief, sagte Wharton laut: „Turm auf f 8." Und dann: „Ich bin dazwischengefahren, Sie dummer ****nsohn."
Wills Worte kamen fest und sanft. „Läufer auf b 3, Schach", und er stand auf, drehte sich um und blickte Wharton gerade ins Gesicht.
Whartons Gesicht, jetzt rot vor Whisky und Erregung, war grimmig und selbstsicher. Ungefähr fünf Sekunden lang. Und dann fiel es zusammen. Weil er endlich sah, was kam. Es gab nur einen richtigen Zug, und Wharton machte ihn, weil er nicht aufgeben wollte. König auf h 8. Einen Augenblick wurde Wills gesamter Körper von Müdigkeit erfaßt. Dann sagte er: „Turm schlägt Turm." Benommen blickte er Wharton an, als ob er ihn zum erstenmal sah. „Schachmatt."
Wharton sagte nichts. Er saß nur da, starrte auf das Brett, und sein rotes, fleischiges Gesicht erschlaffte. Schließlich sagte er: „****nsohn." Seine Stimme klang monoton, kalt, kaum menschlich. „****nsohn."
Etwas an diesem Ton vertrieb Wills Müdigkeit zum Teil. Er sah zu einem Fenster und war überrascht, daß es draußen schon dunkel geworden war. Er blickte auf das Schachbrett zurück, auf jene Elfenbeinfiguren, die er haßte. Seine Figuren, jetzt. Dann langte er hinüber und packte den weißen König, der vor Wharton stand. Er hielt ihn mit beiden Fäusten und, während Wharton ihn anstarrte, drehte er mit aller Kraft und zersplitterte das Elfenbein und Filigrangold in kleine Stückchen. Dann steckte er die Splitter in die Jackentasche und sagte: „Sie können den Rest des Spiels behalten, Mr. Wharton. Und wenn Sie mir das Geld ausgezahlt haben, kann Ihr Mann mich wieder zum Flughafen bringen."
Wharton blickte auf das Schachspiel, auf dem der weiße König fehlte, als könne er es in seinem Innern noch nicht glauben. Sein Gesicht war leer.
Dann griff er in die Schublade, holte das Scheckbuch und einen Füllhalter heraus und begann zu schreiben.

Geändert von Rumpelstilzchen (04.01.2006 um 14:19 Uhr)
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  Schach als Psychoduell Beitrag #5 (permalink)  
Alt 04.01.2006, 16:42
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Kampfkuenstler
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Moin

Ist ja nett aber warum machst Du keine PDF- oder Word-Datei ? Oder wenigstens
eine RTf und machst die dann zum runterladen ? Dann könnte man die bei
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