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News aus der Schachwelt

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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #1 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 12:07
nikolajewitsch
IM des Forums mit 2 GM-Normen
 
Registriert seit: 07.2005
Beiträge: 410
Schachweltmeister ein Anachronismus?

Nach einiger Überlegung und v.a., nachdem sich zwischen Topalov und Kramnik ein ähnlich unwürdiges Schauspiel wie zuvor zwischen Kramnik, Kasparov, Ponomariov, Kasimdzhanov, Shirov usw. abspielt, beginne ich mich zu fragen, ob nicht der Weltmeistertitel im Schach letztlich ein Anachronismus ist.
Die einzige Sportart von Bedeutung, in der es einen solchen Modus, also Weltmeister wird nur, wer den alten in einem Match schlägt, noch gibt, ist Profiboxen. Dort gibt es eine institutionalisierte Spaltung in 4 große und weitere kleine Verbände mit je eigenen Titeln. Gelegentliche Titelvereinigungsmatches finden zwar statt, sind aber auch stets von massiver Feilscherei abhängig. Da steht das schach mit 2 Titelträgern noch relativ gut da.
Die Frage ist aber, ob Boxen ein guter Maßstab ist. Beim Profiboxen ist die Zahl der Kämpfe, die man im Leben bestreitenkann, einfach begrenzt; die wenigsten machen über 50 Kämpfe, und zwischen 2 Kämpfen müssen oft Monate liegen. Dementsprechend kann man keine K.O.-Turniere oder Rundenturniere austragen. Im Amateurboxen geht das wunderbar.
Vielleicht paßt zum Schach einfach eher ein Modus wie imTennis, bei dem der Weltmeister auch keine Sau interessiert und auch nur einmal im Jahr ohne Privilegien für den Titelverteidiger ermittelt wird; Maßstab sind hier vielmehr die wichtigen Turniere, allen voran die 4 Grand-Slam-Turniere und daraus abgeleitet die Weltrangliste. Man braucht auch keinen WM-Titel, um zu wissen, daß ein Spieler gerade der beste der Welt ist.
Nicht, daß ich mißverstanden werde: Der Schachweltmeistertitel war eine wundervolle Sache und jeder Titelträger ein großer Schachspieler. Aber wahrscheinlich wird es nie wieder einen allgemein Anerkannten geben, zumindest nicht aufgrund eines klaren, institutionalisierten Verfahrens wie früher. Allein ein alle überragender Titelträger wird wieder die allgemeine Akzeptanz haben, wie bis 2000 Kasparov. Topalov müßte also die nächsten 3-5 Jahre Minimum so weiterspielen wie dieses Jahr, dann wäre er entsprechend akzeptiert. Die Vorstellung, allein aufgrund einer Einigung dauerhaft zum status qou ante 1993 zurückkehren zu können, halte ich für illusorisch. Was ist eure Meinung?
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #2 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 12:39
Gast4658
Gast
 
Beiträge: n/a
So pessimistisch sehe ich das nicht.

Aber in einem wesentlichen Punkt gebe ich Dir recht: Der Schach-WM-Modus gehört reformiert. Und der Schach-WM hat einfach zu viele Privilegien.

Was hälst Du/haltet Ihr von einer ähnlichen Regelung wie im Fußball?
Der amtierende Fußball-WM ist für die nächste Endrunde (letzte 16/24/32) vorberechtigt, kann dort aber genauso in der Vorrunde ausscheiden wie jeder andere Teilnehmer auch.

Ich sehe es auch nicht als kritisch an, dass es an einem einzelnen dauerhaft dominierenden Spieler mangelt. Die Spitze ist halt dichter zusammengerückt. Da wechselt der Titel entsprechend öfter.

Geändert von Gast4658 (18.11.2005 um 12:43 Uhr)
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #3 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 14:21
DamageInc
Totaler Kenner
DWZ/Elo: 1700-1800
 
Registriert seit: 11.2004
Ort: Münsterland
Beiträge: 159
Zitat:
Zitat von Tarrasch_
Was hälst Du/haltet Ihr von einer ähnlichen Regelung wie im Fußball?
Der amtierende Fußball-WM ist für die nächste Endrunde (letzte 16/24/32) vorberechtigt, kann dort aber genauso in der Vorrunde ausscheiden wie jeder andere Teilnehmer auch.
Sorry, das ich dich verbessern muß, aber dieses Privileg wurde mit der letzten WM abgeschafft.
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #4 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 16:05
LJ
Erfahrener Benutzer
DWZ/Elo: 2275
 
Registriert seit: 01.2005
Ort: bei Stuttgart
Beiträge: 83
Die Idee wie im Fussball zu organisieren finde ich nicht so gut, weil fussball ein manschaftssport ist.

Da ist die Idee sich an Tennis zu orientieren viel interessanter.
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #5 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 16:09
nikolajewitsch
IM des Forums mit 2 GM-Normen
 
Registriert seit: 07.2005
Beiträge: 410
Naja, ob das im Fußball noch so ist oder nicht, ist für unsere Diskussion, obs für Schachspiel sinnvoll ist, eher nebensächlich.

Die Idee ist nicht schlecht, auch wenn sie gewisse Ähnlichkeiten mit der in den letzten Jahren alle 2 Jahre stattfindenden FIDE-WM hat. Fragen wären natürlich:

Qualifikation allein über Weltrangliste oder über spezielle Qualiturniere?

K.O.-System von Anfang an oder Gruppenphase?

Wieviele Spiele für ein Match in welcher Runde?

Schnell- und Blitzschach als Tiebreak?

All das wäre zu klären. Und am Ende denke ich, daß der Sieger dieses Modus' auch nicht annähernd den gleichen Status hätte wie frühere Weltmeister...Aber gut, daß hatte ich ja eh gerade für unvermeidlich erklärt....

Wie im Tennis ists ja im Prinzip gerade: Kein anerkannter Weltmeister, stattdessen 3-5 superwichtige (und sehr viele wichtige) Turniere im Jahr, daneben die weltrangliste als wichtigster Orientierungspunkt....

Geändert von nikolajewitsch (18.11.2005 um 16:12 Uhr)
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #6 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 16:24
LJ
Erfahrener Benutzer
DWZ/Elo: 2275
 
Registriert seit: 01.2005
Ort: bei Stuttgart
Beiträge: 83
Im tennis gibt es aber einen großen Unterrschied zum schach.

Dort wird der/die Weltranglistenerste jede Woche (!) emittelt, so dass es besser reflektiert wer momentan die nummer 1 ist!
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #7 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 17:00
nikolajewitsch
IM des Forums mit 2 GM-Normen
 
Registriert seit: 07.2005
Beiträge: 410
Ja, und Resultate zählen nur ein Jahr, nicht lebenslang wie beim Schach....eine Mischung wäre optimal, z.B. das System von Jeff Sonas, bei dem Resultate aus den letzten 48 Monaten gewertet werden, mit abnehmender Gewichtung.
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #8 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 21:35
Benutzerbild von chessychess
chessychess
Garry des Forums
DWZ/Elo: DWZ: 1643
 
Registriert seit: 12.2004
Ort: Hamburg
Beiträge: 944
Also ich halte von euren Vorschlägen im Bezug auf die aktuellen Streitigkeiten um die Schach-WM wenig bis gar nichts. Es ist nämlich nicht das System, das im Schach versagt hat. Es sind die Menschen, was ein wesentlicher Unterschied ist. Es ist im Prinzip ganz einfach: "Never change a running system." FIDE hat damals den Streit mit Kasparov provoziert und wahrscheinlich hätte ich ähnlich reagiert an seiner Stelle. Er konnte sich das wirklich mit seinen Leistungen leisten und letztlich haben ihm doch die aller aller meisten damit Recht gegeben. Auch heute noch stellt es kaum jemand ernstlich in Frage. Allein die Beteiligten, allen voran die FIDE selbst behindert die Wiedervereinigung und die Erlangung des Status quo anno 1993!
Es wäre doch soo einfach ein WM-Match zwischen Kramnik und Topalov auf die Beine zu stellen. Nach dem Match haben wir einen Sieger, einen Verlierer. Der Sieger ist der Classical World Chess Champion of FIDE. Ende.

Wenn man aber grundsätzlich und unabhängig des ganzen Zirkus das Schach-Championat reformieren will ist es was anders. Allerdings wäre mir ein alleiniger Champion immer noch am liebsten, als ähnliche Regelungen wie sie in anderen Sportarten zum Tragen kommen. Ich wüsste auch nicht, welche Regelung, ausser meiner bevorzugten, wirklich am besten für das Schach wäre. Schwierige und komplizierte Frage, da die Entscheidung darüber in der ganzen Welt greifen würde, allerdings je nach Land andere Sportarten in den Gesellschaften dominieren. Die Amis beispielsweise würden sich vielleicht eine Regelung ähnlich der im Football, oder Basebal wünschen etc.

Geändert von chessychess (18.11.2005 um 21:42 Uhr)
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #9 (permalink)  
Alt 18.11.2005, 22:45
nikolajewitsch
IM des Forums mit 2 GM-Normen
 
Registriert seit: 07.2005
Beiträge: 410
Nun, so ganz funktioniert deine Trennung zwischen der Verantwortung der Personen und des Systems nicht. Ein System muß nämlich so gut wie möglich die unvermeidbaren persönlichen Differenzen einbinden und abfedern können. Und da zeigt die Erfahrung mit anderen Sportarten, daß ein System, in dem man den Titelinhaber besiegen muß, Spaltung provoziert, wie das Beispiel Boxen zeigt. Der Titelinhaber kann nämlich immer seinen Titel "mitnehmen" und unter relativ wenig Aufwand einen Titelkampf organisieren, was bei einem nötigen Turnier mit 32 Teilnehmern schwieriger ist. Andererseits kommt in so einem System dem Qualifikationsprozeß große Bedeutung zu, was zu Problemen führt, sobald dieser in irgendeiner Weise umstritten abläuft. Eigentlich ist es ein Wunder, daß die Spaltung nicht früher geschehen ist, vermutlich ging es früher einfach nicht um genug Geld.
Versteh mich nicht falsch, es wäre wundervoll, wenn die dauerhafte Etablierung eines wahren Champions gelingen könnte, ich sage nur, daß Schach die einzige Sportart wäre, in der ein solches System dauerhaft und ohne Spaltung funktioniert hätte und man sich deshalb überlegen muß, wie es weitergeht.
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #10 (permalink)  
Alt 27.12.2005, 00:36
Benutzerbild von scrooge
scrooge
CM des Forums
 
Registriert seit: 01.2005
Beiträge: 355
jedenfalls muss die fide einiges ändern, wenn sie weiterhin wm kämpfe veranstalten will.
für die breite masse wäre ein richtiges duell wesentlich spannender als ein tunier
mit spielern deren namen man die ganze zeit verwechselt weil sie eh alle "gleich "heißen.
ich meine wer sich nciht in der schachszene auskennt wird sich kaum für ein tunier begeistern können, da es einfach zu unübersichtlich etc ist.
bei einem duell könnte man den kampf wirklich an zwei charaktären fest machen, die aufeinander prallen
das wäre ein richtiger kampf
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #11 (permalink)  
Alt 30.12.2005, 10:39
Ali
GM des Forums
DWZ/Elo: 1888
 
Registriert seit: 03.2005
Ort: Oldenburg
Beiträge: 462
das sehe ich genauso.
ein zweikampf hat immer was besonderes. alle konzentrieren sich auf dieses eine brett auf dem die beiden spieler um alles oder nichts kämpfen. das ist das einzig wahre.

Ali
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #12 (permalink)  
Alt 08.01.2006, 16:06
Kalchas
Sehr erfahrener Benutzer
 
Registriert seit: 04.2005
Beiträge: 94
Muss der Weltmeister der anerkannt stärkste Spieler sein?

Ich möchte mich in die Diskussion einbringen und eine Frage aufwerfen, die m. E. entscheidend sein könnte:

Muss der Weltmeister der anerkannt stärkste Spieler sein? Ich meine die Frage nicht witzig; bei einem Ko-Modus ähnlich wie Fußball zum Beispiel, ist nicht gewährleistet, dass der Elo-stärkste Spieler gewinnt, so dass die berühmte zweite Garde wie z.B Kazhim... (ich kenn die Schreibweise nicht ganz genau) auch gewinnen können.

Beim Fussball ist es uns egal, sonst würden wir Brasilien (oder wen auch immer, ich bin nicht der super Fussballexperte) gleich den Lorberkranz geben können.

Wie also beim Schach?
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  Schachweltmeister ein Anachronismus? Beitrag #13 (permalink)  
Alt 08.01.2006, 22:47
nikolajewitsch
IM des Forums mit 2 GM-Normen
 
Registriert seit: 07.2005
Beiträge: 410
Nein, der Weltmeister muß nicht der unbestritten stärkste Spieler sein; einen solchen gibt es ja auch keineswegs immer.
Ideal ist es natürlich, wenn der amtierende Weltmeister gleichzeitig der erfolgreichste Turnierspieler ist, was aber seit 2000 nicht mehr der Fall ist, bzw. jetzt durch Topalov eigentlich wieder, zumindest für das Jahr 2005, mal sehen, wie es weitergeht....

Davor hatten wir relativ lange den historisch nicht selbstverständlichen Zustand, daß es einen mehr oder weniger unumstritten stärksten Spieler gab, eigentlich seit Fischer, danach Karpov und Kasparov, wobei es zwischen den beiden durchaus spannend war, letztlich aber eben der amtierende Weltmeister eigentlich auch als der Stärkste der Welt galt.
Spassky und Petrosian waren während ihrer Zeit als Weltmeister nicht unbedingt die erfolgreichsten Turnierspieler, Botvinik nur für einen Teil seiner "Regentschaft"... Letztlich kehren wir im Moment quasi wieder zurück zu einem Zustand, in dem es eine Reihe fast gleichstarker Topspieler gibt, was mcih zusätzlich pessimistisch stimmt hinsichtlich einer Wiedervereinigung der WM-Titel.... Aber wie gesagt, wenn Topalov so weiterspielt, wird er vielleicht auch unumstritten werden...
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