Am 5. März 2005 kam es in der Bundeskunsthalle zu Bonn zu einer Schaupartie zwischen dem nordrheinwestfälischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück und dem (wie auch immer legitimierten) WM Wladimir Kramnik. (mehr Infos s.
Pressemitteilung bei chessgate.de)
Hier die Partie in pgn:
[Event "Schaukampf"]
[Site "Bundeskunsthalle Bonn"]
[Date "2005/3/5"]
[White "Peer Steinbrück"]
[Black "Wladimir Kramnik"]
[Result "0-1"]
[Input "DGT4293"]
[Owner "Chessgate"]
1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Be7 6. Re1 b5 7. Bb3 d6 8. h3
Na5 9. c3 Nxb3 10. Qxb3 Bb7 11. d3 O-O 12. Be3 c5 13. Nbd2 Qc7 14. Rac1 Rfe8
15. Qc2 d5 16. Bg5 Rad8 17. Rcd1 h6 18. Bh4 dxe4 19. dxe4 c4 20. Bg3 Bc5 21.
Bh4 g5 22. Bg3 Nh5 23. Nf1 Nf4 24. Bxf4 exf4 25. N1h2 Qb6 26. Ng4 Rxd1 27. Rxd1
Bxe4 28. Qd2 Bxf3 29. gxf3 Qe6 30. Qd7 Kg7 31. Kg2 Qxd7 32. Rxd7 Re2 33. Rc7
Be7 34. Rc6 h5 35. Nh6 Re5 36. Rxa6 f6 37. Ra7 Kxh6 0-1
Allgemein wurde die Leistung von Steinbrück gelobt. "Für einen Amateur" habe er sich ganz wacker geschlagen. Nun gut: Er hat sich erst ganz zum Schluß echte Einsteller geleistet, als die Partie sowieso schon entschieden war. Aber strategisch stand er doch schon recht früh unter Druck.
8. h3 ?!
Diese Zugumstellung ist wohl schon die erste Ungenauigkeit. Kramnik zeigt uns, warum an dieser Stelle der kanonische Zug 8. c3 kommen muss: damit der Lb3 nicht gegen einen schwarzen Springer abgetauscht wird. Zudem steht die weiße Dame auf b3 total deplaziert.
12. Le3 ?!
Sieht schablonenhaft aus. Mir gefällt 12. a4 oder gleich 12. Sbd2 besser.
14. Tac1 ?!
Zeitverlust, wie der 17. Zug von Weiß beweist. Der Turm leistet auf c1 nichts. Besser war 14. a4.
15. ... d5!
Diese Zentrumsaktion zeigt die Vorteile der schwarzen Stellung klar auf: Raumvorteil, aktive Läufer, harmonisches Zusammenspiel zwischen den Figuren. Mit dem Läuferpaar ist es für Kramnik nur logisch, die Stellung zu öffnen.
19. dxe4
Was kommt auf 19. Sxe4? Rein aus dem Bauch heraus erscheint mir das Wiedernehmen mit dem Springer natürlicher. Die Abtauschaktion 19. ... Sxe4 20. Lxe7 Dxe7 (oder Txe7) 21. dxe4 sollte den Weißen entlasten.
20. Lg3 ?
Auch für einen starken Amateur sehr kurzsichtig gedacht. Dem Angriff auf den Punkt e5 kann Kramnik leicht begegnen. Tatsächlich deplaziert Steinbrück durch das Manöver nur seinen eigenen Läufer. Aber es ist schon schwer, gute Züge für Weiß zu finden. So scheitert das Standard-Manöver 20. Sf1? an 20. ... Txd1 nebst Bauerngewinn auf e4. Vielleicht sollte Weiß 20. a4 oder 20. b3 mit Hoffnung auf etwas Gegenspiel am Damenflügel versuchen.
21. Lh4 ?!
Das nevöse Hin- und Hergeziehe des Läufers offenbart die ganze Ratlosigkeit von Weiß.
23. Sf1 ?!
Besser, wenngleich ebenfalls unbefriedigend, war 23. Lh2.
24. Lxf4 ?
Zumindest passt 23. Sf1 nicht mit diesem nervösen Abtausch zusammen, der dem Schwarzen das "Läuferpaar total" (=2 Läufer gegen 2 Springer) überlässt. Der sBf4 verstellt dem wSf1 die Felder e3 und g3 und stempelt ihn zum Statisten. Spätestens jetzt hat Schwarz strategische Gewinnstellung.
Aber was soll Weiß stattdessen spielen? 24. Se3 Sd3 25. Te2 sieht arg gedrückt aus, eröffnet aber immerhin Perspektiven mit Sd5 oder Sf5.
25. S1h2 ?
Im verständlichen Bemühen gespielt, den abseits stehenden Springer irgendwie wieder ins Spiel zu bringen. Aber Weiß musste sich um den Punkt e4 kümmern. 25. S1d2 oder vielleicht sogar 25. S3d2 !? musste geschehen.
25 ... Db6
An solchen stillen Vorbereitungszügen erkennt man gute Schachspieler. Die Dame deckt nicht nur den Punkt h6, sondern verhindert durch den Angriff auf f2 auch das Wiedernehmen auf d1 mit der Dame. Der Bauer e4 wackelt bedenklich.
26. Sg4 ?!
Spekuliert auf vage taktische Chancen auf h6 oder e5. Natürlich wäre die weiße Stellung auch nach 26. Txd8 Txd8 27. Sg4 unerfreulich. Aber noch wäre der Bauer e4 nicht verloren.
30. Dd7
Es fällt leicht zu sagen, dass man mit einem echten Minusbauern sowie einem Springer auf dem Abstellgleis nicht unbedingt Damentausch anbieten soll. Weitaus schwerer fällt es, eine spielbare Alternative für Weiß zu finden.
30. ... Kg7
Und wieder demonstriert Kramnik saubere Technik. Erst deckt er den Bauern h6, bevor er die Damen tauscht.
31. Kg2
Entfesselt den Bauern f2, hilft aber auch nicht mehr.
Der Versuch 31. Dc7 (mit der Idee 32. Td7) scheitert an 31. ... Lb6 32. Db7 h5! z.B. 33. Sh2 Lxf2+! (34. Kxf2?? De2+ 35. Kg1 Dxd1+).
35. Sh6 ?
Nun geht erzwungenermaßen noch der Springer verloren. Aber die Alternative 35. Sh2 Txb2 z.B. 36. Txa6 Lc5 war höchst unerfreulich.
Eine saubere technische Leistung von Kramnik. Steinbrück zeigte über weite Strecken keine offensichtlichen Patzer, aber doch eklatante strategische Schwächen, die Kramnik überzeugend nutzte.