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Schachspieler

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  Anatoli Karpow Beitrag #1 (permalink)  
Alt 19.02.2010, 13:37
TAFKABP
Schachjournalist
 
Registriert seit: 02.2010
Beiträge: 280
Anatoli Karpow

Eins vorneweg. Karpow seine Spielweise mochte ich eigentlich nie. Bei den K&K-Kämpfen war ich natürlich auf Garrys Seite. Mittlerweile finde ich sein Spiel nicht mehr ganz so unattraktiv. Sicher und saubere Technik. Beim durchstöbern seiner Partie fand ich die erste Partie im WM-Kampf gegen Anand. Da kam ein Zug, wo ich mich fragte:Was zum Henker geht hier eigentlich vor? Macht Karpow hier Geschenke an Anand, so nach dem Motto: Komm hier hast Du ein bißchen Material zurück-versuchs doch noch einmal. Ich hätte in dieser Situation Taf1 gespielt und dann sollte es eigentlich reichen. Mit solchen schnöden Zügen gibt ein Karpow sich nicht zufrieden. Es kam der Hammerzug Dxg7+!! Die Folge war das sämtliches Material weggetauscht wurde und ein für Weiß gewonnenes Endspiel auf dem Brett bleibt. Bei Karpows Endspielfähigkeiten leicht verdientes Brot.
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  Anatoli Karpow Beitrag #2 (permalink)  
Alt 19.02.2010, 16:53
topschach
Aktiver
 
Registriert seit: 08.2008
Beiträge: 45
Dxg7 wickelt halt in ein technisch gewonnenes Endspiel ab. Natürlich hätte Karpov seinen Gegner mit der Mehrqualle weiter quälen können, aber sicher ist sicher. Hier unterscheidet sich übrigens der Mensch vom Computer sehr extrem. Menschen wickeln gerne in theoretisch gewonnene Endspiele ab in denen Sie mit der richtigen Technik 100% gewinnen. Dieser Weg ist manchmal der etwas längere, aber auch wesentlich sicherer. Computer nehmen gerne eine Abkürzung und sehen hier und da auch mal ein Matt in 12, ohne eine Abwicklung zum gewonnenen Endspiel anzustreben.

Viele Anfänger machen übrigens den Fehler, nach zum Beispiel einem Figurengewinn im Mittelspiel direkt das Matt zu suchen. Die Entscheidung soll sozusagen in den nächsten Zügen fallen. Dagegen sucht ein routinierter Spieler mit der Qualle mehr den Abtausch und die Vereinfachung. Meistens fruchtet der Qualitäts-Vorteil erst im Endspiel, aber dann mit 100% technischen Siegchancen.

Vielen Dank für das schöne Diagramm einer aufregenden Partie :-)
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  Anatoli Karpow Beitrag #3 (permalink)  
Alt 19.02.2010, 22:28
Scooter
Sehr Aktiver
DWZ/Elo: 1200
 
Registriert seit: 01.2010
Beiträge: 53
Karpow mögen?

Eins vorneweg. Karpow seine Spielweise mochte ich eigentlich nie. Bei den K&K-Kämpfen war ich natürlich auf Garrys Seite.



Mir geht es so wie TAFKABP. Ich war, egal gegen wen Karpow einen Zweikampf bestritten hat immer für den jeweiligen Gegner.
In den ersten K&K-Kämpfen war ich für Viktor.

Auch wenn ich mich jetzt vielleicht „Anfeindungen“ aussetzen werde, egal. Ich "riskiere" dass jetzt trotzdem mal.

Der meines Erachtens beste Weltmeister für das Schach nach dem Zweiten
Weltkrieg war Michail Tal.

Spektakuläre, risikoreiche Partien sind immer interessant. Wie z.B. die Partie
Tal – Hecht bei der Schacholympiade in Bulgarien. Wahnsinn!

Tal war kein Egomane wie Fischer oder Kasparow. Ich habe ihn mal so etwa
1983 in Köln erlebt, er hat mit Schwarz verloren. Unmittelbar nach Partieende
kam er noch jedem Autogrammwunsch nach. Auch wenn sein Ärger nicht zu übersehen war.
Ich war von Michael Tal begeistert, wie er sich noch die Zeit für seine Anhänger nahm.
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  Anatoli Karpow Beitrag #4 (permalink)  
Alt 20.02.2010, 09:14
Abtausch
Echter Kenner
 
Registriert seit: 12.2008
Beiträge: 138
Zitat:
Zitat von Scooter Beitrag anzeigen
Der meines Erachtens beste Weltmeister für das Schach nach dem Zweiten Weltkrieg war Michail Tal.
Sicherlich war Tal der Weltmeister mit dem spektakulärsten Stil. Vielleicht auch der genialste, denn er fand oft intuitiv die am unmöglichsten scheinenden Opfer. Er sagte einmal über sich selbst: "Es gibt zwei Arten von Opfern: korrekte - und meine!" Dieser Statement zeigt schon, dass Tal von einem anderen Stern kam.

Aber wenn man einmal davon absieht und auf die anderen Weltmeister schaut, dann bemerkt man, dass jeder von ihnen seine eigenen genialen Züge hatte, bzw. hat.
Viele sehen in Kasparow den stärksten Spieler aller Zeiten, weil er viele dieser genialen Züge in sich vereinte und außerdem wahrscheinlich der beste Rechner aller Zeiten ist.

Übrigens hat Carlsen in einem Interview geäußert, er wolle "von jedem Weltmeister das Beste kopieren".
Sein Trainer ist - wen wundert's - Kasparow!!
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  Anatoli Karpow Beitrag #5 (permalink)  
Alt 20.02.2010, 10:04
Scooter
Sehr Aktiver
DWZ/Elo: 1200
 
Registriert seit: 01.2010
Beiträge: 53
Karpow mag ich nicht

Wie stark die einzeln Weltmeister im Vergleich tatsächlich waren, wie groß der Einfluß auf das heutige Schach ist bzw. war kann ich mit einer DWZ knapp unter 1200 sicherlich nicht beurteilen.

Fischer hat sicherlich viel fürs Schach und auch für seinen Geldbeutel getan.

Durch Kasparow hatten wir ja mal eine Zeit mit 2 Weltmeistern. Inflationär und undurchsichtig wie z. B. beim Boxen.

Botwinnik soll wohl auf seine Art auch viel fürs Schach getan haben.

Ein Weltmeister Tal ließ durch seine taktischen Meisterleistungen in den Partien aufhorchen. Für reine Hobbyspieler, keine Hobbyvereinsspieler, sind spektakuläre Opfer sicherlich reizvoller, als eine Partie wo über mehr als 30 Züge laviert wird um beim Gegner die ersehnte 2. Schwäche zu schaffen.

Eine Diskussion über Arroganz der Schachspieler ist sicherlich wenig hilfreich um Sponsoren (selbst für reine Amateurturniere) zu finden.

Ein Weltmeister, der Partien spielt, in denen seine Figuren scheinbar einstehen und der selbst bei einer Niederlage die Größe zeigt, Autogrammwünsche zu befriedigen bevor er den Turniersaal verläßt, kann doch nur von Vorteil für das Schach sein.
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  Anatoli Karpow Beitrag #6 (permalink)  
Alt 31.10.2010, 04:28
Dede
Erfahrener Benutzer
DWZ/Elo: 2122/----
 
Registriert seit: 08.2010
Ort: Hamburg
Beiträge: 87
Michail Tal war der Beste

Moin,
also ich möchte von Herzen Scooter zustimmen: Michail Tal war in meiner Schachjugend mein Idol. Es gibt so viele tolle Partien von ihm. Er spielte zwar teilweise spekulativ, aber eben auch häufig spektakulär. Ihm war bewusst, dass seine Opfer mitunter am Analysebrett nicht würden standhalten können, aber er wusste ebenso, dass seine Gegner am Brett bei beschränkter Bedenkzeit mit großer Wahrscheinlichkeit die Widerlegung nicht würden finden können! Svetozar Gligoric schrieb dazu: "Tal ist nur dann ganz in seinem Element, wenn er glaubt, dass sich sein Gegenüber unwohl fühlt. Sein Ziel ist es, den Gegner mit absonderlichen Zügen und exotischen Opfern aus dem Konzept zu bringen. Tal spürt es, wenn die Stellung ein Opfer erlaubt; in der Analyse kann er nicht immer begründen, was ihn zu der Entscheidung veranlasst hat. Vielleicht ist das Opfer korrekt, vielleicht auch nicht. Darauf kommt es kaum an. Wenn die Kombination ungenau ist, so wird Zeitnot oder Erschöpfung den Gegner schon daran hindern, sie zu widerlegen." (zitiert nach Schonberg: »Die Großmeister des Schach«, S. 235). Auch von Tal selbst gibt es dazu Äußerungen. Sehr bekannt ist der bereits gepostete Aphorismus: "Es gibt zwei Arten von Opfern: die korrekten und - meine!" Aber auch: "Später gewann ich auch zweischneidige Partien. Vielleicht nur, weil ich eine einfache Wahrheit erkannte: Nicht nur ich war besorgt, sondern auch mein Gegner." Das mag mancher für Tollkühnheit halten, Smyslow sprach sogar von "Hokuspokus", als er einmal Tals Spielstil bewerten sollte. Aber ich denke, es war durchaus ein kalkuliertes Risiko. Tal kannte seinen Erfindungsreichtum, seine Phantasie und seine Rechenkünste. Er war darin vielen seiner Großmeisterkollegen weit überlegen. Und genau das warf er in die Waagschale. Tal sagte einmal dazu selbst: „Möge die Analyse nach der Partie beweisen, dass es möglich war, den Angriff abzuwehren. Doch das muss nicht morgen, sondern heute, sofort, in dieser Minute geschehen. Wer siegt, hat Recht!“
Aber was mich darüber hinaus an Tal so fasziniert, ist seine Einstellung. Er war schachbesessen, aber kein Fanatiker. Er war ein Spieler im besten Sinne des Wortes. Ein sympathischer, humorvoller und umgänglicher Mensch, der durchaus das Leben zu genießen wusste und für den Schachspielen alles bedeutete, aber nicht das Einzige im Leben war. Ich habe mich schon oft gefragt, was zu leisten er wohl in der Lage gewesen wäre, wenn nur seine Gesundheit mitgespielt hätte. Natürlich rauchte Tal wie ein Schlot und auch dem (zu) übermäßigen Alkoholgenuss war er dem Vernehmen nach nicht abgeneigt. Beides hat sicherlich seiner ohnehin jämmerlichen physischen Konstitution nicht gerade gut getan. Aber er lebte halt nach der Devise, dass er ein kurzes, aber intensives Leben einem langen, womöglich kaum weniger unbequemen Dahinvegetieren allemal vorziehe. Ich habe bisher noch nie jemanden getroffen, der das Schachspielen mag und für Tal keine Sympathie empfand und sich von seinen Partien nicht angezogen fühlte.
Von Tal gibt es viele schöne Geschichten. So zum Beispiel die mit Pal Benkö. Tal hatte - wie so viele im Sternzeichen Skorpion Geborene - einen durchdringenden Blick. Fatalerweise hatte er zudem die Angewohnheit, seine Gegner mit seinen dunklen Augen regelrecht zu fixieren. Das und der Umstand, dass einige seiner Opfer so "offensichtlich" schlecht zu sein schienen, dass sie doch eigentlich gegen Großmeister nicht möglich sein sollten, brachten ihm den Ruf eines Magiers, eines Zauberers ein. Aber es waren auch nicht wenige bereit zu glauben, dass er seine Gegner hypnotisiere. Um eben dieser Hypnose zu entgehen, hatte Großmeister Benkö beim Kandidatenturnier in Bled 1959 eine spezielle Abwehrmethode vorbereitet: Er hatte sich eine Sonnenbrille aufgesetzt! Davon gibt es auf Youtube eine kurze Filmsequenz:
http://www.youtube.com/watch?v=jshd4ZwB_Vw
Als Tal das sah, organisierte er sich ebenfalls ein wahres Ungetüm von Sonnenbrille und setzte diese ebenfalls auf, sehr zum Vergnügen der jugoslawischen Zuschauer.
Vom Ende dieser Geschichte gibt es zwei Versionen. In einer meiner Quellen heißt es, dass sich sogar Benkö über das Monstrum von Brille auf Tals Nase ein Lächeln nicht verkneifen konnte (Pfleger & Treppner: »Brett vorm Kopf«, S. 183). In der anderen soll der Ungaro-Amerikaner (Benkö emigrierte 1957 in die USA) eher wütend über die offensichtliche Verhöhnung reagiert und beim Schiedsrichter Protest eingelegt haben. Natürlich vergebens (Schonberg: »Die Großmeister des Schach«, S. 233).
Übrigens verlor Benkö die Partie trotz seiner Brille mit Pauken und Trompeten. Und das kam so:

Tal – Benkö
Kandidatenturnier Bled 1959
Benoni (Zugumstellung)

1. e4 c5 2. Sf3 g6
Der beschleunigte Drachenaufbau in der Sizilianischen Verteidigung zielt darauf ab, eventuell ohne den Zug d7-d6 auszukommen. Weil aber der Bauer e4 nicht unter Druck steht, muss Schwarz bereit sein, gegen ein Maroczy-Zentrum (Bc4 und e4) zu spielen.

3. d4 Lg7 4. d5 ...
Damit lenkt Tal in Alt-Benoni über (1. d4 c5 2. d5...). Das ist ein interessanter Moment, da Tal in jener Zeit mit den schwarzen Steinen selbst ein eifriger Verfechter von Benoni und Königsindisch war.

4. ... d6 5. Sc3 Sf6 6. Lb5+ Sbd7 7. a4 0-0 8. 0-0 a6 9. Le2 Tb8 10. Te1 Se8 11. Lf4 Sc7 12. Lf1 b5
Damit ist eine ziemlich typische Benoni-Stellung auf dem Brett. Schwarz spielt am Damenflügel, wo er mit dem Turm b8 und dem Läufer g7 gegen b2 drückt und die typische Bauernformation a6-b5-c5-d6 eingenommen hat. Weiß wird sein Gegenspiel am Königsflügel und in der Mitte suchen.

13. Dd2 Te8 14. h3 Sf6 15. Tad1 ...
Fischer sagte einmal über Tals Spielweise: „Er zentralisiert alle seine Figuren und opfert sie dann irgendwo!“ Nun ja. Gegen Fischer war diese Strategie offenbar recht erfolgreich. In diesem Kandidatenturnier schlug Tal jedenfalls den damals erst 16-jährigen US-Amerikaner in allen vier Partien (wobei er in der vierten Partie allerdings viel Glück hatte).

15. ... Ld7 16. e5 ...
Tal meint, dass er vorher noch auf b5 hätte tauschen sollen, weil nun...

16. ... b4! 17. Se4 Sxe4 18. Txe4 Lxa4
... den a-Bauern kostet. Aber auch so erhält Weiß jetzt einigen Angriff.

19. Lh6 Lh8!
Der Drachenläufer ist zu wertvoll. Ungünstiger wäre 19. ... Lxc2? 20. Th4! Lxe5 (20. ... Lxd1? 21. Lxg7 f6 22. Dh6 Kf7 23. Lxf6 +-.) 21. Dxc2 Lf6, wonach Schwarz zwar drei Bauern für die Figur hätte, aber Weiß immer noch Angriff hat und ein Endspiel noch weit entfernt ist.

20. Tde1 f6?
Hier musste laut Tal 20. ... e6 geschehen, wonach er die Stellung für unklar hält. Wer bin ich, dem zu widersprechen? Nach dem Textzug jedenfalls schnürt Tal mit dem folgenden Zug die schwarze Stellung völlig ein, so dass eine Verteidigung des Königs für den Nachziehenden sehr schwer wird.

21. e6 f5
Zweifellos die schwarze Idee. Die Öffnung der langen Diagonalen gewinnt den Bauern b2, aber der Preis dafür ist zu hoch...

22. Th4 Lxb2 23. Lf8!! ...
Obwohl man zugeben muss, dass man diesen Zug schon mal übersehen kann. Ein Räumungsopfer, um das Feld h6 für die Dame frei zu bekommen. Ihr Eingreifen im Verbund mit der Möglichkeit, das Feld g5 mit dem Springer f3 zu besetzen sollte nun rasch entscheiden.

23. ... Txf8 24. Dh6 Tf7 25. exf7+ ...
Selbst ein Kombinationsriese wie Tal ist nicht davor gefeit, etwas zu übersehen. Zwingender war 25. Sg5 Tg7 26. Sxh7 Tf7 27. Sg5 De8 und erst jetzt 28. exf7+ +-. Andererseits gewinnt auch der Textzug.

25. ... Kxf7 26. Dxh7+ Lg7 27. Th6 Dg8 28. Dxg6+ Kf8 29. Sg5 Dxd5 30. Th8+!
Ein würdiger Schlusszug. Schwarz gab auf. Nach 30. ... Lxh8 31. Sh7# oder 30. ... Dg8 31. Df7# ist er matt.

Als ich vom Schach schon ein bisschen mehr verstand, als bloß wie die Figuren zu entwickeln oder zwei- bis dreizügige Kombinationen zu finden waren, da spielte ich einst die nun folgende Partie nach. Sie hatte mich damals schwer beeindruckt. Durch ein etwas leichtsinniges Spiel verliert Tal im Mittelspiel einen Bauern in einer geschwächten Bauernstruktur, die er sich in der Eröffnung zugezogen hatte. Aber nachdem sein Gegner es versäumt, einen unangenehmen Damentausch anzubieten, ergreift Weiß die Initiative und hält sie fest, bis der Gegner in die Knie gezwungen ist. Was mich an dieser Partie so beeindruckte, war die Art, wie Tal es verstand, die Initiative bis zum Schluss festzuhalten:

Tal – Zwaigzne
Lettische Jugendmeisterschaft 1952
Nimzowitsch-Indische Verteidigung – Sämisch-Variante

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. a3 ...
Irgendwie konnte ich mich nie mit der Sämisch-Variante des Nimzoinders anfreunden. Die chronische Bauernschwäche auf der c-Linie gefällt mir nicht und zu klar ist der schwarze Spielplan dagegen. Okay, Weiß erhält dafür das Läuferpaar und die Möglichkeit, ein Bauernzentrum zu errichten, aber trotzdem...
Ich fand allerdings schon immer sehr bemerkenswert, dass Fritz Sämisch gleich in zwei Indischen Verteidigungen jeweils einen überaus komplizierten Variantenkomplex begründet hat, wobei mir die Sämisch-Variante in der Königsindischen Verteidigung bei weitem besser gefällt für Weiß (1. d4 Sf6 2. c4 g6 3. Sc3 Lg7 4. e4 d6 5. f3...).

4. ... Lxc3+ 5. bxc3 0-0 6. f3 Se8 7. e4 b6 8. a4 La6 9. Ld3 Sc6 10. De2 Sa5 11. Tb1?!
Tal wollte offenbar Sa5-b3 verhindern. Aber der Turm hat auf der b-Linie nichts zu suchen. Dafür ist nun der a-Bauer ungedeckt, und der Springer g1 ist auch nicht wirklich sinnvoll zu entwickeln. Schwarz errichtet nun eine Auffangstellung und nimmt weiterhin die schwachen Bauern a4 und c4 aufs Korn. Weiß hätte besser den Läufer c1 gezogen.

11. ... d6 12. Sh3 Dd7 13. e5 ...
Das ist so gut wie erzwungen, um die Doppeldrohung 13. ... Dxa4 (worauf jetzt 14. De4 mit der weißen Doppeldrohung 15. Dxh7# und 15. Dxa8 folgen würde) und 13. ... Dc6 (was jetzt mit 14. Le4 beantwortet werden könnte) mit Eroberung eines Bauern abzuwehren. 13. Tb4 c5 reicht zu diesem Zwecke jedenfalls nicht mehr.

13. ... f5 14. exf6 e.p. Sxf6 15. 0-0 Tae8
Nun ist es soweit. Schwarz hat alle Fallen vermieden und nach der Deckung des Bauern e6 erobert nun die immer noch akute Doppeldrohung gegen a4 und c4 letztlich einen Bauern. Immerhin kann Weiß vielleicht versuchen, mit Lc1-g5xf6 und Sh3-g5 etwas Gegenspiel gegen e6 und h7 zu generieren. Dennoch ist Schwarz hier im Vorteil.

16. Ta1 Dc6 17. Lg5 Lxc4 18. Lxf6 Lxd3 19. Dxd3 Txf6 20. f4 e5?
Viel unangenehmer war hier 20. ... Dc4. Schwarz hat eine Abwicklung berechnet, die ihn von der Schwäche e6 befreit und Weiß vereinzelte Bauern am Damenflügel überlässt. Dabei wird auch noch ein Turm getauscht, so dass Schwarz wohl der Meinung war, dass er danach mit seinem Mehrbauern gute Gewinnchancen hätte. Aber nun übernimmt Tal die Initiative und er behält diese mit Hilfe einiger raffinierter Wendungen und Tricks bis zum Ende der Partie. Und ein Tal mit Initiative, das ist eine tödlich-explosive Mischung...

21. dxe5 dxe5 22. fxe5 Txf1+ 23. Txf1 Dc5+ 24. Kh1 Dxe5 25. Df3 De7
Was soll nun schon passieren? mag Schwarz gedacht haben. Aber es passiert!

26. Sg5! ...
Das droht Df3-d5+ nebst Sg5-f7+. Der Springer ist wegen Df3-f7+xe8# natürlich tabu.

26. ... c6 27. Df2! Tf8 28. Da2+ Kh8 29. Sf7+ Kg8 30. Se5+ Kh8 31. Tf7! ...
Das bereits mögliche Remis durch 31. Sf7+ usw. ist ihm zu wenig. Und nachdem er die e-Linie so elegant verplombt hat, kann er sich die Eroberung der 7. Reihe nun ja auch leisten, ohne von einem Grundreihenmatt aus allen Träumen gerissen zu werden. Nun scheitern 31. ... Txf7? an 32. Sxf7+ Kg8 33. Sh6++ nebst 34. Dg8# oder 31. ... Dxe5 an 32. Txf8#. 31. ... De8? reicht wegen 32. De6! Dd8 (32. ... Dxe6? 33. Txf8+ Dg8 34. Sf7#; 32. ... Txf7? 33. Dxe8+ Tf8 34. Dxf8#) 33. h3! nicht.

31. ... Dd8 32. h3! Dd1+ 33. Kh2 Dd6 34. De6! Dd8 35. Td7 Df6 36. Sf7+ Kg8 37. Sh6++ Kh8 38. Tf7 Dd8 39. De5! Db8 40. Tc7! Tf6 41. De7 Tg6 42. Dd7 und Schwarz gab auf (1-0), denn er wird unweigerlich mattgesetzt (42. ... gxh6 43. Dxh7#; 42. ... Dxc7 43. De8#; 42. ... Df8 43. Tc8 gxh6 44. Txf8+ Tg8 45. Dd4#; 42. ... Dg8 43. Sf7+ Dxf7 44. Tc8+ Dg8 45. Txg8+ Kxg8 46. De8#; 42. ... Tf6 43. Dxg7#).

Aber eine meiner allerliebsten Tal-Partien ist die folgende:

Polugajewski – Tal
Interzonenturnier Riga 1979
Englische Eröffnung

1. Sf3 c5 2. c4 Sf6 3. Sc3 d5 4. cxd5 Sxd5 5. e4 Sb4 6. Lc4 Le6?!!
Das ist typisch Tal. Er spielte diese gewagte Fortsetzung, weil er mit seinem damaligen Trainer Kapengut eigens für diese Partie eine Neuerung vorbereitet hatte und davon ausging, dass selbst ein so starker Großmeister wie Polugajewski die komplizierten Varianten am Brett nicht alle sorgfältig würde ausloten können. Heute weiß die Theorie, dass dieser zweischneidige Zug eher nachteilig für Schwarz ist. Die Variante geht daher heute wieder mit dem schon damals bekannten 6. ... Sd3+ 7. Ke2 Sf4+ 8. Kf1 Se6 weiter, was zweifellos gesünder ist.

7. Lxe6 Sd3+ 8. Kf1 ...
Nun hätte Schwarz nach 8. Ke2 Sf4+ 9. Kf1 Dd3+ nebst Sf4xe6 keine Schwierigkeiten in der Eröffnung zu erwarten.

8. ... fxe6 9. Sg5 Db6
Das war die vorbereitete Neuerung. Üblich war 9. ... Dd7, was wohl auch etwas besser ist. Tals Zug deckt e6, schielt aber gleichzeitig auch nach f2. Es war für Polugajewski mit Sicherheit in diesem Moment ziemlich schwer. Tal war nur zu gut bekannt für seine gefährlichen Opfer und ideenreichen Kombinationen. Wie also sollte sich Polugajewski verhalten? Tatsächlich wurde später festgestellt, dass Weiß hier gleich über zwei Wege verfügt, in Vorteil zu kommen:
1) 10. Da4+ Sd7 11. Dc4 ... Nach 11. ... S7e5 12. Dxe6 Dxe6 13. Sxe6 ... scheitert 13. ... Kd7 an 14. Sxc5 Sxc5 15. d4 und Weiß behält einen Mehrbauern.
2) 10. Df3 scheint ebenfalls gut zu sein. Nach 10. ... c4 11. b3 h6 12. bxc4 Se5 13. Dh5+ g6 14. Dh4 hxg5 15. Dxh8 Sd3 16. Sd1 entsteht allerdings eine schwer zu beurteilende Stellung.
Polugajewski hatte weder zu der einen noch zu der anderen Variante den Mut. Er versuchte statt dessen, alles in möglichst ruhigen Bahnen zu halten, aber das ist gegen einen Tal in Kampfeslaune kaum möglich...

10. De2?! c4 11. b3 h6 12. Sf3 ...
Nach diesem kraftlosen Rückzug kann Schwarz seine Streitkräfte harmonisch aufstellen. Tal und Kapengut plädierten für 12. Dh5+ Kd7 13. Sh3 und hielten die Stellung für unklar. Mit der Dame auf e2 ging übrigens 12. bxc4? ... diesmal wegen 12. ... Sxc1 nicht.

12. ... Sc6 13. bxc4 0-0-0 14. g3? ...
In dieser scharfen Stellung bleibt keine Zeit für normale Pläne. Die von Weiß hier angestrebte künstliche Rochade ist zu langsam und führt in einen vernichtenden Angriff. Dieser war freilich nicht leicht vorher zu sehen. Mit 14. Sd5! exd5 15. Dxd3 Sb4 16. Db1 konnte Weiß eher seine Chancen wahren. Tal schlug sogar das Figurenopfer 14. Sd5 exd5 15. exd5 vor. Dass er so gespielt hätte, glaube ich sofort.

14. ... g5 15. Kg2 Dc5! 16. Tb1 Lg7 17. Sb5 Dxc4 18. De3Thf8! 19. Tf1 ...
Denn Tal hatte sich genau wie nun auch Polugajewski davon überzeugt, dass statt dessen 19. Sxa7+ Sxa7 20. Dxa7 Dxe4 21. Da8+ Kc7 22. Da5+ Kd7 23. Db5+ Kc8 zu einer weißen Katastrophe auf f3 führt.

19. ... g4 20. Sh4 ...
So, verehrte Leserschaft: Ihr seid am Zug. Was würdet ihr hier spielen? – Wer die Partie kennt, ist natürlich vom Quiz ausgeschlossen...



Polugajewski - Tal
Schwarz am Zug gewinnt (spektakulär)

________________________________

20. ... Sxf2!!
Dieser Hammer wird einerseits durch die ungedeckte Stellung des Turmes auf b1 ermöglicht, wie die Variante 21. Txf2 Txf2+ 22. Dxf2 Dxe4+ zeigt. Aber auch 22. Kxf2 (anstelle von 22. Dxf2) ist nicht besser, wie aus der Folge 22. ... Tf8+ 23. Sf5 exf5 24. e5 f4! klar hervor geht.
Das wahrhaft Geniale an der Kombination ist jedoch, dass Tal hier alle nun folgenden Zwischenzüge gesehen und berechnet haben muss...

21. Sg6! Td3!!
Das ist die erste Pointe der Kombination. Alles läuft im Grunde auf eine Überlastung der weißen Dame hinaus, die sich einerseits selbst helfen muss, andererseits den Dreh- und Angelpunkt e4 im Auge zu behalten hat.

22. Sa3 ...
Wieder ein Zwischenzug. 22. De2? scheitert natürlich an 22. ... Txg3+ nebst 23. ... Dxe2. Auf 22. De1 setzt Schwarz wie in der Partie mit 22. ... Tdf3 fort.

22. ... Da4 23. De1 ...
Diesmal würde 23. De2 mit 23. ... Sd4 24. De1 Tdf3 25. Sxf8 Sd3 beantwortet werden, wonach die Tante futsch wäre.

23. ... Tdf3 24. Sxf8 Sd3!!
Und das ist die eigentliche Pointe der gesamten Kombination. Am Ende ist es doch die schwache Königsstellung, die den Ausschlag gibt. Nach 25. De2 Sd4 26. Dd1 Dxd1 27. Txd1 Tf2+ 28. Kh1 Sf3 kann Weiß das Matt auf h2 nicht mehr decken.

25. Dd1 Dxe4
Das reicht natürlich auch aus, den weißen König zu erlegen. Aber mir persönlich hätte noch besser gefallen, wenn Schwarz auch hier 25. ... Dxd1 gespielt hätte, denn selbst jetzt, ohne den Tempogewinn Sc6-d4, sehe ich nicht, wie sich Weiß nach 26. Txd1 Tf2+ 27. Kh1 Sd4 gegen Sd4-f3 und das Matt auf h2 wehren will.

26. Txf3 gxf3+ 27. Kf1 ...
Oder 27. Dxf3 Se1+.

27. ... Df5 28. Kg1 Ld4+
Weiß gab auf (0-1).

Und wie lautet eure Lieblingspartie von Michail Tal, dem Zauberer aus Riga? LG von der Waterkant.

Geändert von Dede (31.10.2010 um 05:10 Uhr)
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