@ Eric Jahr:
Na, so wie ich das gesagt habe, ist das wohl halbwegs richtig. Eventuell sogar ziemlich richtig. Letztlich habe ich diesbezüglich ja gar keine Einzelmeinung, sondern habe mich im wesentlichen an Kasparov gehalten, der dies so ähnlich in einem Chessbase-Interview ausgeführt und belegt hat.
Man vergleiche auch Timmans Einschätzungen in seinem wunderbaren Turnierbuch "Fischer World Champion!", das beste verfügbare über ´72. Oder Kramniks Statements über Spasski in SCHACH 10/04, Seite 22:" Ich habe mich ausgiebig mit Spasskis Match gegen Fischer beschäftigt und glaube sagen zu können, daß er im Spiel selbst nicht nachstand. Er leistete sich in buchstäblich der Hälfte der von ihm verlorenen Partien schier unglaubliche einzügige Einsteller. Ich kann nicht begreifen, was mit ihm dabei vor sich ging. Wahrscheinlich hat die Energie Fischers, dieser ungezügelte Siegesdrang, jeden hinweggefegt, selbst jemanden wie Spasski. Wenn man von diesen groben Fehlern absieht, verlief das Match ausgeglichen. Es war einer jener Zweikämpfe um die Weltmeisterschaft, in dem das Ergebnis nicht das reale Kräfteverhältnis widerspiegelt. In der zweiten Hälfte war Spasski am Drücker, und Fischer entwischte ihm in mancher Partie nur mit Mühe und Not".
Sowohl zu Spasski-Fischer ´72. Fischer war 72 bestimmt der beste Spieler und verdient Weltmeister, aber er war der erweiterten Weltspitze bestimmt nicht so haushoch überlegen, wie es gerne behauptet wird oder wie es bei einer oberflächlichen Analyse von Fischers Matchsiegen gegen Taimanov, Larsen, Petrosian und Spasski aussieht.
Nun zu Karpov. Seine Matchsiege gegen Spasski (Kandidatenhalbfinale Leningrad 74) und gegen Kortschnoi (Kandidatenfinale Moskau 74) gelten unter Kennern als sehr, sehr eindrucksvolle Vorstellungen; sind in der Schachgeschichte leider etwas untergegangen, da es halt keine WM-Matches waren. Wohlgemerkt: Derselbe Spasski, der 72 unter Wert und bißchen unglücklich gegen Fischer verloren hat, wurde 74 von Karpov abgeledert und überspielt! Karpov galt (und gilt) als kalter Roboter mit gnadenloser Technik; zumindest psychologisch wäre Fischer an ihm wohl abgeprallt.
Zu den Eröffnungen: Pirc, Aljechin, Modernes Benoni usw. sind natürlich keine Fehler, Fallen oder analytisch widerlegt. Aber eben doch bißchen zweischneidig und auf höchster Ebene riskant. Genau solche Eröffnungen behandelte Karpov sehr genau. Zum einen war er in der Lage, einen Bauern mitzunehmen und sich lange, geduldig und präzise zu verteidigen. Zum anderen war Karpovs Eröffnungsvorbereitung (Geller!) wohl die beste in der Welt und wurde erst durch das Team Kasparov/Chessbase gebrochen. Bezeichnernderweise hüpfte Fischer ja 72 mit seinen Eröffnungen und versuchte der sowjetischen Maschinerie kein Angriffsziel zu bieten: er vermied seine alte Liebe Königsindisch und überraschte mit Nimzoindisch. Und in Najdorf, wo Spasski vorbereitet war, machte Fischer 0,5 aus 2.
Abschließend zitiere ich wieder Kramnik:"Er [Fischer] hatte keine ernstzunehmenden Helfer und die Eröffnungen behandelte er ziemlich riskant. Die Chance Karpovs hätte darin bestanden, Fischer Eröffnungsprobleme zu bereiten. Im Spiel selbst übertraf Fischer Karpow zum damaligen Zeitpunkt. Doch wenn der Vorteil Karpows im Bereich der Eröffnung deutlich ausgefallen wäre, hätte sich ein ausgeglichener Kampf ergeben".
So falsch war mein voriger Post also gar nicht !? Es sei denn, Kasparov, Kramnik und Timman verstehen auch nichts davon ...
Im übrigen warte ich (wie viele andere auch) auf Kasparows MyGreatPredecessors-Band 5 über Karpov, der für Herbst 2005 angekündigt ist. Dort wird Kasparov zu diesem Thema gewiß ausführlich Stellung nehmen.
tracke